Unmother – State Dependent Memory (Review)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Unmother – State Dependent Memory

🧿 Kurzfazit
Sechs Songs, ein Nervensystem: State Dependent Memory klingt, als würde jemand Post-Black Metal, Industrialruinen und Großstadtangst in einen Betonmischer werfen und dann schauen, was noch zuckt.

🎯 Für wen?
Für Leute, denen klassischer Atmospheric Black Metal zu waldromantisch ist und die stattdessen den Blick aus dem vierten Stock auf Schnellstraße, Neon und Burnout brauchen.

🎧 Wie klingt das?
Rau, urban, experimentell: Black Metal mit dicken Basslinien, manischen Gitarren, viel Hall, noisigen Ambientflächen und elektronischen Pulsadern, Deutlich mehr grauer Beton als schwarze Romantik.

💿 Highlights
My Armor, Modern Dystopia, State Dependent Memory

⚠️ Nichts für dich, wenn…
du Black Metal nur akzeptierst, wenn er nach Wald, Burgruine und dem Zweitaufguss von Transilvanian Hunger riecht.


‪‪🏭 Unmother – State Dependent Memory: Beton, Black Metal und bröckelnde Wirklichkeit

Unmother stammen aus London, existieren seit 2019 und haben mit Lay Down The Sun bereits ein erstes Album zwischen klassischem Black Metal und experimenteller Geräuschkulisse vorgelegt. State Dependent Memory ist nun der bewusst schmutzigere, urbanere Nachfolger, veröffentlicht über Fiadh Productions und deutlich stärker auf elektronische Texturen und Sounddesign fokussiert.

Der Titel spielt auf das psychologische Konzept der „State-dependent memory“ an: Erinnerungen lassen sich besser abrufen, wenn der innere Zustand derselbe ist wie beim Entstehen, also im gleichen Rausch, der gleichen Angst, der gleichen Stimmung.
Das Album klingt genau danach, wie ein Versuch, diese Zustände akustisch zu konservieren.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Black Metal / Post-Black Metal mit experimentellen und elektronischen Einschüben
Vergleichbar mit: Oranssi Pazuzu, Dødheimsgard, ein bisschen Aluk Todolo, aber alles durch den Filter von Londoner Betonklötzen und Neonröhren gezogen.
Klangfarbe: Körnig, leicht unterkühlt, viel Raum für Hall, Synth und Störgeräusche, eher U-Bahn-Schacht als Proberaum im Keller.

Highlights

My Armor
Der Opener beginnt mit flackernden Synthflächen und geflüsterter Spoken-Word-Reflexion, bevor das Ganze in einen kalten, aber erstaunlich groovenden Black-Metal-Sog kippt. Die Drums wüten, der Bass wummert auffallend präsent, und über allem bricht V ihre Stimme zwischen heiserem Schrei, verzerrter Sprache und fast ritualhaftem Sprechen. Ein Einstieg, der eher an ein Installations-Performance-Stück erinnert als an klassisches Riffgewitter und trotzdem gnadenlos packt.

Modern Dystopia
Hier ziehen Unmother das Tempo zurück und drehen die Schrauben an der Atmosphäre. Die Gitarren schichten sich in dissonante Schleifen, der Bass pendelt beharrlich, darüber legt sich eine Stimme, die mehr an entmenschlichte Durchsagen erinnert als an Gesang. Der Song wirkt wie ein langer Tunnel, man weiß nicht, ob am Ende Tageslicht wartet oder nur der nächste LED-Bildschirm.

State Dependent Memory
Das fast neunminütige Zentrum des Albums nutzt den Titel als Programm: Phasen aus nervösem Blast, trippelnden Drumfiguren und elektronischem Flimmern werden von Passagen aus fast völliger Leere abgelöst, in denen nur Bass, vereinzelte Piano- oder Gitarrenakzente und geflüsterte Fragmente übrig bleiben. Das wirkt wie Erinnerungslücken, in denen nur bestimmte Momente greifbar sind, der Rest aber im Rauschen versinkt.

🎨 Artwork

Wenn das Wort für Albtraum Stadt ist: Auf dem Cover von State Dependent Memory türmt sich eine anonyme Stadt wie ein Architektur-Albtraum aus Excel-Spalten: rechteckige Häuser, gestapelte Fenster, kaum ein Dach, das nicht wie ein weiterer Block im Beton-Jenga wirkt. Kein Himmel, keine Bäume, nur Fassaden, als hätte jemand die Skyline einer Großstadt aus alten Faxdiagrammen gebaut und dann vergessen, die Menschen einzuzeichnen.

Die tauchen erst im unteren Bilddrittel auf, und zwar als deformierte, eiförmige Köpfe, die sich zu einem wogenden Schwarm zusammenballen. In ihrer Mitte steht eine nackte Figur, halb Mensch, halb Schatten, die von den Blicken der Masse genauso umzingelt wird wie von den Gebäuden darüber. Arme und Körper wirken, als wären sie zu oft übermalt worden. Ein Körper, der nicht mehr weiß, welche Form er eigentlich haben sollte.

Rahmen und Hintergrund sind bewusst nüchtern gehalten: graubeiger Karton, schwarzer Linienrahmen, oben das knallrote, nüchtern gesetzte „UNMOTHER“, unten der Albumtitel. Kein Logo, kein Schnörkel, keine Flammen. Nur Großstadt, Gesichter, Überforderung. Das Artwork wirkt wie ein psychiatrisches Röntgenbild einer Metropole: Die Stadt ist der Schädel, die Menschen darin sind die Erinnerungsfragmente, die im falschen Zustand immer wieder hochpoppen.


🪦 Besondere Momente

Elektronik als Nervenreiz: Statt Synths als Hintergrundteppich einzusetzen, sind die elektronischen Elemente hier ständige Störsignale. Fiepende Rückkopplungen, glitchige Texturen, Pulsfrequenzen. Das gibt dem an sich vertrauten Black-Metal-Gerüst einen nervösen, fast körperlich unangenehmen Zug.

Bass und Drums im Fokus: Unmother klingen nie nach reiner Gitarrenwand. Der Bass wird offensiv in den Mix geschoben, die Drums (eingespielt von Krzysztof Klingbein) arbeiten mit viel Dynamik, Breaks und plötzlichen Umbrüchen. Dadurch wirkt die Musik eher wie ein ständig schwankender Untergrund, nie wie stures Durchknüppeln.

Stimme als urbanes Orakel: V verzichtet weitgehend auf klassische Black-Metal-Screams. Stattdessen wechseln sich keifende Ausbrüche, tiefes Grollen, gesprochene Passagen und hallgetränkte Echo-Flächen ab. Das wirkt mehr wie innere Stimmen in einem psychischen Ausnahmezustand und nicht nach „Frontperson“ im traditionellen Sinne.

🪓 Fazit

Unmother verstehen Black Metal ausdrücklich als Kommentar zur Gegenwart, nicht als Reise in Wälder, Berge oder Mythologie. Texte und Konzept kreisen um urbanen Zerfall, Entfremdung, psychische Ausnahmezustände und eine Welt, in der Kapital und Beton die letzten Reste Natur unter sich begraben.

Produktionstechnisch setzt die Band auf ein bewusst raues, aber differenziertes Klangbild. Gemischt wurde das Album in London von Angeliki Mourgela, das Mastering übernahm Roland Rodas im Cavern of Echoes Studio. Beides hört man: Die Platte hat Druck, ohne den Dreck aus den oberen Mitten zu polieren, und die leiseren, elektronisch geprägten Passagen bleiben klar nachvollziehbar.

State Dependent Memory ist kein Album für den schnellen Durchlauf. Wer hier nebenher doomscrollt, wird nur „noch ein räudiges Black-Metal-Brett mit ein bisschen Elektronik“ hören. Wer sich aber auf die sechs Songs einlässt, bekommt ein erstaunlich dichtes, modernes Stück urbaner Düstermusik: misanthropisch, experimentell, trotzdem klar als Black Metal erkennbar.

Unmother schaffen es, das psychologische Konzept ihres Titels hörbar zu machen: Diese Songs wirken wie Erinnerungsfragmente an Nächte, in denen man zu lange wach war, zu viel Sirenengeheul gehört und zu viele Push-Nachrichten gelesen hat. Kein perfektes Album, aber eines, das hängen bleibt und das ist im aktuell übervollen Black-Metal-Kosmos bereits ein kleines Kunststück.

Albumcover Unmother – State Dependent Memory: stilisierte grauschwarze Stadt aus Betonblöcken über einem Meer aus verzerrten Gesichtern, im Vordergrund eine nackte, verkrampfte Gestalt, alles in einem rechteckigen Rahmen auf beigegrauem Hintergrund mit rotem „UNMOTHER“-Schriftzug.
Künstler:Unmother
Albumtitel:State Dependent Memory
Erscheinungsdatum:20. Februar 2026
Genre:Black Metal / Post-Black Metal / Experimental Black
Label:Fiadh Productions
Spielzeit:ca. 38 Minuten

My Armor
Bear Hug
Modern Dystopia
Attiki Victoria (ΟΔΟΣ 55 Cover)
State Dependent Memory
Magda

🎬 Offizielles Video

Unmother – „My Armor“ – Single-Premiere beim Antifascist Black Metal Network: flackernder Post-Black-Metal-Trip zwischen Beton, Nervenzusammenbruch und Neonlicht.

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