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🏛️ Der Paladin, der den Dämonenspiegel umetikettieren wollte

Es gibt in der Fantasy ein bewährtes Prinzip:
Wenn ein Artefakt ganze Generationen verdirbt, nennt man es verboten, sperrt es in einen Turm und überlässt es dann exakt denselben Magiern, die es vorher begeistert benutzt haben.
In der Realität heißt dieses Artefakt TikTok – betrieben von ByteDance – und der Turm heißt in etwa: »Europäische Hände«.
Der Zauberspiegel und die Frage, wem er gehört
Kultur- und Medienstaatsminister Wolfram Weimer möchte, grob zusammengefasst, den Dämonenspiegel nicht zerschlagen, sondern nur den Namen auf der Plakette ändern. Statt „Eigentum des fernen Kaiserreichs“ soll künftig „Eigentum eines europäischen Medienkonsortiums“ darauf stehen. Man stelle sich Saurons Ring vor, auf dem jemand mit Edding „Made in Brüssel“ draufgeschrieben hat, und alle fühlen sich spontan sicherer.
Die Idee dahinter nennt sich Datensouveränität. Ein schönes Wort, klingt nach Paladinstitel: „Hüter der Intimdaten Minderjähriger, Erster seines Namens“. Tatsächlich bedeutet es: Wir finden es unheimlich, dass ein fremdes Imperium unsere Verhaltensreste sammelt, also sollen sie bitte von hiesigen Imperien gesammelt werden.
Denn natürlich wissen wir: Wenn ein europäischer Konzern die „intimsten Daten ganzer Generationen bis ins Privateste hinein“ auswertet, dann tut er das nur, um Medienvielfalt zu schützen. So wie der Drache nur zufällig auf dem Gold liegt und eigentlich nur Traditionen pflegt.
Der Zehnt der Plattformdrachen
Damit der Turm der alten Chronisten nicht einstürzt, braucht es außerdem den Plattform-Soli. In der Fantasy würde man das „Zehnt der Drachen“ nennen: Die großen Plattformdrachen – Google, Meta & Co. – werden gezwungen, einen Teil ihres Goldbergs abzugeben, damit die Dorfchronisten weiterhin Pergament, Tinte und Kaffee kaufen können.
Österreich – in diesem Gleichnis das kleine Bergkönigreich mit erstaunlich viel Steuerfantasie – macht es schon: Fünf Prozent der Werbeeinnahmen, als Schutzgeld für die Medienvielfalt. Jetzt also zehn Prozent für Deutschland, wenn es nach Weimer geht.
Man kann das ungerecht finden, man kann es dringend finden, aber man sollte nicht so tun, als würden hier edle Elben gegen böse Orks kämpfen. Es sind eher zwei rivalisierende Drachen, die sich nicht einigen können, wer zuerst am Goldschacht sitzt.
„Europäische Hände“ – das Gütesiegel der guten Absicht
Zurück zu TikTok. Der Plan klingt so simpel, dass er nur in einem Panel auf einer Chefredaktionskonferenz geboren worden sein kann:
Wir kaufen das Ding einfach. Oder besser: Irgendein europäisches Medienkonsortium kauft es.
Frage: Ab welchem Punkt genau verwandelt sich ein Attention-Casino aus endlosem Scroll, Algorithmus-Narkose und Dopamin-Lootboxen in ein „kulturell verantwortetes Angebot“, nur weil ein europäischer Verlag im Impressum steht?
- Wenn der AGB-Text auf Deutsch ist?
- Wenn zwischendurch eine Doku über die Bedeutung der Aufklärung eingeblendet wird?
- Oder wenn man die For-You-Page in „Feuilleton-Fundgrube“ umbenennt?
Das Problem an TikTok ist nicht in erster Linie der Reisepass der Eigentümer. Das Problem ist die Mechanik: ein endloser, schwarzglänzender Seelenbrunnen, in den man zehn Minuten hineinblinzelt und drei Stunden später als anderer Mensch wieder herauskriecht – informierter, ja, aber auch verwirrter, müder und mit einem neuen Lieblings-Filterhund.
Ob dieser Brunnen nun einem chinesischen Konzern gehört oder einem europäischen Medienhaus, das gerade seine dritte „strategische Transformation“ hinter sich hat, ändert an der Mechanik exakt: nichts.
Wenn die Zauberer ihr eigenes Ritual retten wollen
Natürlich stimmt es: Die Plattform-Ökonomie hat zu einer ziemlich absurden Machtballung geführt. Ein paar Konzerne entscheiden, welche Inhalte gesehen werden, welche verschwinden und welche nur noch als Screenshot in nostalgischen Blogartikeln auftauchen.
Die Verlegerseite hat aber ebenfalls einen eigenen Dämon im Keller: Jahrzehntelang hat man das Publikum als wohlmeinende Statisterie der eigenen Deutungshoheit behandelt. Jetzt, wo die Leute lieber Tanzvideos, Mini-Dokus und weirde Memes gucken, ruft man nach „ordnungspolitischem Ausgleich“.
Man kann es drehen, wie man will:
- Die Plattformdrachen wollen weiter ungestört Gold schürfen.
- Die Zeitungsfürsten wollen einen Anteil am Gold, weil die Gänge des Bergwerks ursprünglich mal ihnen gehört haben sollen.
- Die Politik möchte zwischen beiden stehen, als weiser Magier und endet regelmäßig als schlecht vorbereiteter Lehrling, der den Besen beschwört und dann eilig einen Runden Tisch einberuft.
Was fehlt? Ein Blick in den Spiegel – nicht auf die Gesellschafterliste
Wenn man wirklich mutig wäre, würde man fragen:
- Wie viel algorithmisches Dauerfeuer verträgt eine Gesellschaft, bevor die Aufmerksamkeitsspanne endgültig zu Feenstaub zerbröselt?
- Wie bringt man Medienkompetenz bei, ohne dass es nach Pflichtfach „Digitale Moral“ klingt, unterrichtet vom langweiligsten Zauberer des Jahrgangs?
- Und wie sähe eine Plattform aus, die nicht nur Aufmerksamkeit frisst, sondern Aufmerksamkeit veredelt – wie eine Alchemistenwerkstatt statt eines Glücksspielkellers?
Stattdessen diskutieren wir über Eigentumsfragen, als wären wir im Immobilienregister von Minas Tirith: „Wem gehört dieser Turm voller verzauberter Spiegel?“
Antwort: „Uns allen, zumindest solange die Spiegelfläche auf uns zurückstrahlt.“
Fazit aus dem Fantasykosmos
Ja, geneigte Leser, wir verstehen die Reflexe:
Europa möchte nicht, dass die intimsten Daten ganzer Generationen in einem fernen Reich lagern, das einen etwas eigenen Begriff von Rechtsstaatlichkeit pflegt. Vollkommen legitim.
Aber so, wie es gerade klingt, will man den Dämonenspiegel nicht neu verzaubern, sondern nur die Eigentumsurkunde neu stempeln. Das ist ungefähr so wirksam, wie einen Nekromanten zum Wellness-Coach umzuschulen und zu hoffen, dass er die Skelette künftig nur noch „achtsam weckt“.
Die Wirklichkeit zeigt uns aber eben genau dieses Bild:
Alte Medienadelige und neue Plattformbarone streiten um die Hoheit über denselben Datenstrom, während unten auf dem Marktplatz eine ganze Generation längst gelernt hat, wie man den Algorithmus bespielt… oder von ihm bespielt wird.
Und wir?
Wir sitzen im roten Sessel des Fantasykosmos-Feuilletons, nippen an unserem metaphorischen Wein und notieren in den Rand:
Eigentum ist wichtig.
Aber beim Dämonenspiegel wäre es schön,
jemand würde sich auch mal
ernsthaft für den Zauber an sich interessieren.



