H. G. Parry – The Witch Below the Dreaming Wood (Rezension)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

H. G. Parry – The Witch Below the Dreaming Wood

📚 Kurzfazit
The Witch Below the Dreaming Wood verbindet den Londoner Blitz mit Nimues Geschichte und macht daraus eine wunderschöne, schmerzhafte Fantasy über Schicksal, Hoffnung und die Macht alter Erzählungen. Langsam entzündet, aber mit starkem Nachhall.

😒 Was kratzt
Die doppelte Handlung braucht Zeit, bis ihre Zahnräder ineinandergreifen. Parry sammelt Mythen, Figuren und historische Spiegelungen mit großer Begeisterung; gelegentlich merkt man, dass selbst Camelot langsam einen größeren Ablagetisch benötigt.

✨ Was funktioniert
Nimue. Aus Merlins angeblicher Verführerin wird eine kluge, verletzliche Frau, die von Kindheit an für eine Rolle vorbereitet wurde, deren Grausamkeit später als Schicksal verkauft werden soll.

📚 Bücher gegen Bomben
Elaines Arbeit ist keine gemütliche Bibliotheksdekoration. Während der Krieg Menschen und Erinnerung vernichtet, wird das Bewahren von Geschichten selbst zum Widerstand.

🐦 Crowbah meint
Wenn ein ganzes Land gleichzeitig vom rettenden König träumt, sollte irgendjemand prüfen, wer die Träume verteilt. Große nationale Wunder haben erfahrungsgemäß erstaunlich oft einen Haken, einen Propheten und seltsame Nebenwirkungen.

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🌙 H. G. Parry – The Witch Below the Dreaming Wood: Großbritannien ruft nach Arthur – und weckt ausgerechnet Nimue

London brennt. In den Kellern warten Menschen zwischen Sirenen, Staub und verdunkelten Fenstern auf den nächsten Einschlag. Bibliothekare tragen Bücher aus gefährdeten Sälen, Museen verpacken ihre Geschichte in Kisten, und über allem liegt die verzweifelte Hoffnung, dass dieses Land irgendwie noch eine weitere Nacht übersteht.

Dann beginnt Großbritannien von König Arthur zu träumen. Keine vereinzelten Träumereien, die nur harmlose Folge zu vieler alter Geschichten vor dem Einschlafen sind. Die Träume breiten sich aus wie eine zweite Front. Menschen sehen Camelot, die Tafelrunde und den einstigen König, der der Überlieferung nach zurückkehren soll, wenn sein Reich ihn am dringendsten braucht. Bald tauchen Berichte über Drachen in der Londoner U-Bahn und rätselhafte Lichter über Stonehenge auf. Propheten erklären, Arthur werde England retten.

Elaine Ambrose träumt nicht von Arthur. Die Bibliothekarin des British Museum hält wenig von Wundern und noch weniger davon, ausgerechnet während des Blitzes nach Nordwales abgeschoben zu werden. Sie will Bücher vor Bomben schützen, nicht die private Sammlung eines zurückgezogen lebenden Professors katalogisieren. Doch im abgelegenen Camlan House warten keine ruhigen Arbeitstage. Elaine träumt ebenfalls.

Nur erscheint ihr nicht der ersehnte König.

Sie sieht Nimue.

Und Nimue erinnert sich daran, wie Camelot wirklich starb.

H. G. Parrys The Witch Below the Dreaming Wood ist historische Fantasy, Artusneuerzählung und eine kluge Untersuchung darüber, weshalb Menschen in dunklen Zeiten nach alten Helden rufen. Der Roman nimmt den schönsten britischen Rettungsmythos und dreht ihn langsam gegen das Licht. Dort werden Risse sichtbar: Kinder, die für ihren späteren Verrat erzogen werden; Frauen, deren Geschichten auf Verführung und Schuld verkürzt wurden; Könige, die als Hoffnungssymbole leichter zu lieben sind als als Menschen.

Parry zerstört die Artussage nicht. Sie liebt sie viel zu sehr dafür, aber sie weigert sich, vor ihr niederzuknien.


🧭 Worum geht’s eigentlich?

Elaine „Ellie“ Ambrose arbeitet 1941 als Bibliothekarin im British Museum. Während deutsche Bomben auf London fallen, hilft sie dabei, Bücher, Dokumente und kulturelle Schätze zu schützen. Für Ellie ist diese Arbeit kein akademischer Luxus. Wenn Gebäude, Menschen und Gewissheiten verschwinden, bewahren Archive wenigstens etwas von dem, was gewesen ist.

Umso wütender reagiert sie, als man sie nach Nordwales schickt. Im abgelegenen Camlan House soll sie die umfangreiche Privatbibliothek des rätselhaften Professor Emory erfassen. Ellie empfindet die Versetzung als Flucht, beinahe als Verrat an den Kollegen und Freunden, die in London bleiben. Die Sicherheit des walisischen Landsitzes fühlt sich nicht wie Erleichterung an, sondern wie Schuld. Camlan House ist allerdings kein gewöhnlicher Zufluchtsort. Der Professor bleibt schwer greifbar, das Haus trägt seine Geheimnisse mit beträchtlicher Sturheit, und der verwundete Gutsarbeiter Tom hat eigene Gründe, dem Krieg und seinen Folgen nicht entkommen zu können.

Währenddessen erfasst eine seltsame Traumwelle das Land. Immer mehr Menschen sehen König Arthur, Camelot und die Ritter der Tafelrunde. Die Träume werden als Zeichen gedeutet: Der einstige und künftige König kehrt zurück, um Großbritannien in seiner größten Not beizustehen. Ellie bleibt von diesen Visionen zunächst ausgeschlossen. In Camlan House beginnen jedoch andere Träume. Sie führen nicht zum siegreichen Arthur, sondern unter einen geheimnisvollen See und in die letzten Tage Camelots.

Dort wächst Nimue gemeinsam mit Mordred auf. Ihre Mutter, die Herrin des Sees, hat beiden Kindern feste Aufgaben zugedacht: Mordred soll Arthur vernichten, Nimue soll Merlin zu Fall bringen. Ihre Zukunft wird ihnen nicht prophezeit; sie wird ihnen beigebracht. Nimue tritt in Camelots Welt ein und begegnet nicht den erstarrten Figuren einer Legende, sondern Menschen: Arthur, Guinevere, Lancelot, Merlin und den anderen Bewohnern eines Hofes, der bereits die Saat seines Untergangs in sich trägt. Je näher sie ihnen kommt, desto schwieriger wird es, die Aufgabe zu erfüllen, für die sie erzogen wurde. Vor allem Merlin widersetzt sich der einfachen Rolle des mächtigen Zauberers, der von einer gefährlichen Frau überlistet werden muss.

Die beiden Zeitebenen nähern sich langsam an. Was in Camelot geschah, drängt durch Elaines Träume in das Jahr 1941. Die Grenze zwischen Sage, Erinnerung und Gegenwart wird porös. Alte Wesen kehren zurück, vertraute Orte erhalten mythische Schatten, und die Sehnsucht nach Arthur entwickelt eine Kraft, die keineswegs nur Trost verspricht.

Parry erzählt damit nicht bloß eine Geschichte über die Rückkehr der Magie. Sie erzählt von einer Gesellschaft im Krieg, die sich nach einer einfachen Rettung sehnt und von einer Frau, die in ihren Träumen erfährt, was einfache Rettungsgeschichten aus den Menschen machen, die nicht in ihre glänzende Form passen.

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🔍 Stärken & Schwächen

🖋 Stil

H. G. Parry schreibt mit jener seltenen Mischung aus Klarheit und Märchenton, die alte Geschichten groß wirken lässt, ohne sie mit künstlichem Pathos zu ersticken. Ihre Sprache besitzt Wärme, Melancholie und eine stille Bildkraft. Der See über Nimues Kindheit, das bombardierte London, die windige Küste von Wales und die verblassenden Hallen Camelots gehören verschiedenen Welten an und wirken doch, als läge zwischen ihnen nur eine dünne Schicht aus Schlaf.

Der Roman drängt nicht; er zieht vielmehr. Parry lässt Motive wiederkehren, spiegelt Situationen und vertraut darauf, dass die Verbindung der Zeitebenen nicht sofort erklärt werden muss. Das erzeugt Atmosphäre, verlangt aber Geduld. Die ersten Kapitel legen viele Fäden aus: Krieg, Bibliotheksarbeit, Traumphänomen, Camlan House, Nimues Kindheit, Mordreds Bestimmung, die Herrin des Sees und Camelots künftiger Fall. Nicht jeder Faden zieht sofort an.

Sobald die Erzählung ihren Rhythmus gefunden hat, entwickelt sie eine starke Sogwirkung. Parry schreibt nicht wie eine Autorin, die einen alten Mythos modern lackiert. Sie kennt seine Varianten, Widersprüche und wiederkehrenden Muster. Ihre Arthuriana wirkt deshalb nicht aus einigen populären Namen zusammengesetzt, sondern tief gelesen.

Besonders gut gelingt der Wechsel zwischen historischer Konkretheit und märchenhafter Unruhe. Der Blitz bleibt real. Bomben, Angst und Verlust werden nicht zur hübschen Kulisse für Magie. Gerade diese materielle Härte gibt den Träumen ihre Bedeutung. Menschen rufen nach Arthur, weil die Gegenwart keinen sicheren Ausgang mehr verspricht.

Gelegentlich wird Parrys Freude am Mythos zur Last. Der Roman öffnet weitere Türen der britischen Sagenwelt und lädt mehr Motive ein, als der zentrale Konflikt zwingend benötigt. Die meisten bereichern das Panorama; einige nehmen dem Fokus für kurze Zeit die Schärfe. Auch das Finale zieht manche lange vorbereitete Entwicklung etwas rascher zusammen, als es der bedächtige Aufbau erwarten lässt.

Trotzdem bleibt die Prosa eine der großen Stärken. Sie ist poetisch, ohne in Duftkerzensprache zu zerfließen, und emotional, ohne jede Regung mit drei Absätzen zu beschriften.

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🧍‍♂️ Figuren

Nimue ist das Herz des Romans. Die traditionelle Erzählung kennt sie häufig als Frau, die Merlin verführt, betrügt und einsperrt. Ihr Platz in der Legende wird über das definiert, was sie einem großen Mann antut. Parry beginnt früher. Sie zeigt das Kind, dem Erwachsene erklären, dass sein Wert in einem späteren Verrat liegt.

Nimue wird nicht von einem unausweichlichen Schicksal überrascht. Sie wächst in dessen Gefängnis auf. Ihre Mutter formt sie zur Waffe gegen Merlin und Camelot. Dadurch erhält jede spätere Entscheidung ein anderes Gewicht. Verführung, Bindung, Liebe und Verrat sind keine einfachen Stationen einer bekannten Sage mehr, sondern Teile eines Kampfes um das Recht, überhaupt ein eigenes Leben zu führen.

Ihre Beziehung zu Merlin trägt den stärksten emotionalen Bogen. Parry macht daraus keine bloße Romanze zwischen Zauberer und Schülerin. Beide leben unter den Erwartungen anderer, beide kennen die Macht von Geschichten und beide wissen, dass das Wissen um ein Ende nicht automatisch die Kraft verleiht, es zu verhindern. Ihre Annäherung ist zärtlich, intelligent und von Anfang an mit Verlust durchzogen.

Auch Mordred profitiert von dieser Perspektive. Er erscheint nicht als geborener Verräter, sondern als Junge, dem man schon im Bett sagt, dass er Arthur vernichten wird. Damit stellt der Roman eine seiner wichtigsten Fragen: Wie frei ist eine Entscheidung, wenn die ganze Welt einen Menschen seit seiner Kindheit auf genau diese Entscheidung reduziert?

Ellie Ambrose wirkt zunächst unscheinbarer als Nimue, ist aber keineswegs nur das Gefäß für die Camelot-Handlung. Sie ist praktisch, skeptisch und von ihrem Beruf geprägt. Während andere in den Arthur-Träumen ein Wunder sehen, fragt Ellie nach Ursprung, Zusammenhang und Beweis. Ihr Glaube gilt zunächst nicht Königen, sondern Büchern – nicht weil Bücher unfehlbar wären, sondern weil sie Stimmen bewahren, die Macht und Krieg gern auslöschen würden.

Ihre Wut über die Versetzung nach Wales verhindert, dass Camlan House zum gemütlichen Rückzugsort wird. Ellie empfindet ihre Sicherheit als moralische Belastung. Sie will nützlich sein, nicht beschützt. Diese Haltung verbindet sie mit Nimue: Beide wehren sich gegen Rollen, die andere zu ihrem vermeintlichen Besten festgelegt haben.

Tom gibt der historischen Ebene Boden. Er trägt die Verletzungen des Krieges sichtbar mit sich, ohne auf die Funktion des schweigsamen, beschädigten Liebesinteresses reduziert zu werden. Seine Verbindung zu Ellie wächst aus Zusammenarbeit, Vertrauen und einer gemeinsamen Weigerung, das Unerklärliche einfach den lautesten Propheten zu überlassen. Die leise Nähe zwischen beiden tut dem Roman gut, weil sie die große tragische Wucht der Nimue-Merlin-Geschichte nicht nachahmt.

Arthur, Guinevere, Lancelot und die übrigen Gestalten Camelots erscheinen vertraut und zugleich menschlich genug, um ihre spätere Verwandlung in Symbole schmerzhaft wirken zu lassen. Parry interessiert sich weniger für die Frage, wer in der Überlieferung recht hat, als dafür, wie Menschen unter Geschichten leiden, die längst beschlossen haben, wer Held und wer Verräter sein soll.

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🕒 Tempo und Aufbau

The Witch Below the Dreaming Wood beginnt langsam, ohne dabei leer zu wirken. Parry baut zwei Welten auf, bevor sie ihre Verbindung vollständig zeigt. Elaines Arbeit, Camlan House, die Träume und die Lage im Krieg benötigen Raum. Nimues Kindheit, ihre Erziehung und ihr Weg nach Camelot ebenfalls. Der Roman weigert sich, eine der Zeitebenen als bloße Rahmenhandlung abzufertigen.

Das zahlt sich aus, weil beide Stränge emotional eigenständig tragen. Es führt allerdings dazu, dass der zentrale Sog erst nach und nach entsteht. Wer bereits im ersten Viertel einen Drachen durch die U-Bahn jagen oder Arthur mit flammendem Schwert aus dem Hügel steigen sehen möchte, muss seine nationale Rettungssehnsucht noch etwas zügeln.

Später greifen die Erzählungen immer enger ineinander. Hinweise aus Camelot verändern Elaines Verständnis der Gegenwart; Ereignisse von 1941 geben Nimues Entscheidungen eine neue Bedeutung. Der Roman wird dabei nicht zu einem Actionthriller. Seine Spannung entsteht aus Erkenntnis, drohender Wiederholung und dem Bewusstsein, dass Geschichten Wirklichkeit formen können, sobald genug Menschen an dieselbe Version glauben.

Das letzte Fünftel beschleunigt stark. Einige Enthüllungen und Konfrontationen erhalten weniger Raum als die sorgfältige Vorbereitung davor. Der emotionale Abschluss funktioniert, doch einzelne mythologische Elemente hätten von einigen zusätzlichen Kapiteln profitiert.

Der Weg dorthin bleibt dennoch lohnend. Parry schreibt kein Buch, das auf den Endkampf wartet. Der eigentliche Roman besteht in den Entscheidungen, die Menschen treffen, obwohl sie das angebliche Ende ihrer Geschichte längst kennen.

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✨ Atmosphäre und Welt

Hier liegt die mit Abstand größte Stärke der Erzählung. Der Kontrast zwischen Camelot und dem Zweiten Weltkrieg ist nicht bloß reizvoll, sondern thematisch präzise. Auf der einen Seite steht eine Welt, die bereits zur Legende geworden ist. Auf der anderen erleben wir eine Gesellschaft mitten in einem Krieg, die dringend eine Legende braucht.

Parry lässt das Magische zunächst an den Rändern erscheinen: in Träumen, Gerüchten, Lichtern, unmöglichen Sichtungen und den Schatten alter Namen. Dadurch wirkt die Rückkehr des Mythos nicht wie ein plötzlich eingeschaltetes Fantasyspektakel. Sie sickert in die Gegenwart ein.

Camlan House und die walisische Landschaft tragen diese Stimmung hervorragend. Wind, Küste, alte Bücher, verschlossene Räume und nächtliche Träume ergeben eine dunkle Märchenatmosphäre, ohne den historischen Schrecken zu verdrängen. London brennt weiterhin. Menschen sterben. Die Magie macht den Krieg nicht schöner; sie macht sichtbar, wie verzweifelt Menschen nach Bedeutung suchen.

Auch Camelot wird nicht als makelloses goldenes Reich gezeichnet. Es besitzt Schönheit, Freundschaft und Hoffnung, aber ebenso politische Interessen, vorgeschriebene Rollen und die Gewissheit des Falls. Man versteht, warum Menschen 1941 davon träumen wollen. Man versteht aber ebenso, weshalb Nimue vor dieser idealisierten Rückkehr warnen muss.

Der Roman lebt von dieser Spannung: Arthur ist Hoffnung. Arthur ist Erinnerung. Arthur ist Propaganda. Arthur ist ein Mensch, den die Nachwelt so lange in Gold gegossen hat, bis kaum noch Platz für seine Fehler blieb.

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👑 Die gefährliche Sehnsucht nach dem rettenden König

Der klügste Gedanke des Romans betrifft nicht Merlin oder Nimue, sondern die Menschen, die 1941 nach Arthur rufen. Das Land steht unter Beschuss. Die Zukunft ist unsicher, die Gegenwart brutal. In dieser Lage erscheint die Vorstellung eines schlafenden Königs, der im richtigen Augenblick zurückkehrt und alles ordnet, fast unwiderstehlich. Die Legende verwandelt Angst in Erwartung. Man muss nur durchhalten, bis der Held erwacht.

Parry zeigt, wie tröstlich solche Geschichten sind, und wie gefährlich. Die Sehnsucht nach dem Retter entlastet. Sie verspricht, dass Größe von außen kommen wird. Dass ein außergewöhnlicher Mann die Verantwortung übernimmt. Dass Geschichte einem Plan folgt und der richtige König das Chaos wieder in Ordnung bringt.

Nimues Erzählung kennt den Preis dieser Vorstellung. Camelot war kein vollkommenes Reich, und Arthur kein fehlerloser Erlöser. Der Mythos wurde über Generationen geglättet, bis die Menschen nicht mehr nach Arthur selbst verlangen, sondern nach der Idee einer Welt, in der ein einzelner Held alle Widersprüche beendet.

The Witch Below the Dreaming Wood stellt dieser Hoffnung keinen billigen Zynismus entgegen. Der Roman sagt nicht, dass Geschichten nutzlos seien. Im Gegenteil: Geschichten geben Kraft, bewahren Erinnerung und helfen Menschen, gegen Verzweiflung zu bestehen. Nur dürfen sie nicht die eigene Entscheidung ersetzen.

Der Unterschied zwischen Hoffnung und Schicksalsglauben liegt für Parry darin, ob ein Mensch weiterhin handelt. Arthur kann inspirieren. Retten müssen sich die Lebenden trotzdem selbst.

📚 Bibliotheken gegen das Vergessen

Ellies Beruf ist eines der schönsten Motive des Romans. Sie bewahrt Bücher in einer Zeit, in der Feuer ganze Straßenzüge und Lebensgeschichten verschlingt. Bibliotheken erscheinen hier nicht als niedliche Zufluchtsorte für Menschen mit Teetasse und Wollpullover. Sie sind Speicher umkämpfter Erinnerung. Wer entscheidet, welche Texte erhalten bleiben, entscheidet mit darüber, welche Stimmen später noch gehört werden.

Das verbindet Ellie direkt mit Nimue. Nimues Geschichte wurde über Jahrhunderte erzählt, aber meist nicht von ihr. Sie blieb als Verführerin, Verräterin oder Hexe zurück, als Funktion in Merlins Biografie. Elaines Träume wirken deshalb wie eine Form der Wiederherstellung. Sie katalogisiert nicht nur Professor Emorys Bücher. Sie empfängt eine verschüttete Version der Legende.

Parry macht daraus keine plumpe Botschaft über „die wahre Geschichte“. Auch Nimues Erzählung ist Perspektive, Erinnerung und Deutung. Entscheidend ist, dass sie endlich selbst sprechen darf.

Während Bomben Archive vernichten und Propheten den Arthur-Mythos für die Gegenwart vereinnahmen, wird Zuhören zu einer moralischen Handlung. Das ist stiller als Drachenkampf. Und zweifellos sehr viel mächtiger.

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📜 Fazit: Camelot kehrt zurück, aber nicht in der Geschichte, die alle hören wollten

H. G. Parrys The Witch Below the Dreaming Wood ist eine atmosphärisch dichte, emotional starke und klug gebaute historische Fantasy. Der Roman verbindet den britischen Arthur-Mythos mit dem Zweiten Weltkrieg, ohne eine der beiden Ebenen zur bloßen Dekoration der anderen zu machen. Der Londoner Blitz bleibt konkret und grausam. Camelot bleibt wundersam und tragisch. Zwischen beiden steht die menschliche Sehnsucht, aus dem Chaos eine Geschichte mit Sinn, Held und versprochener Rettung zu formen.

Nimues Neuerzählung ist dabei die große Leistung. Parry nimmt eine Figur, die über Jahrhunderte vor allem über Merlins Fall definiert wurde, und gibt ihr Kindheit, Zweifel, Zorn, Zärtlichkeit und Entscheidungskraft zurück. Ihre Beziehung zu Merlin besitzt Schönheit, weil der Roman den Ausgang nicht künstlich vergessen macht. Beide lieben unter dem Gewicht einer Geschichte, die ihr Ende bereits niedergeschrieben hat.

Ellies Handlung ist ruhiger, aber nicht schwächer. Ihre Arbeit als Bibliothekarin, ihre Schuld über die Sicherheit in Wales und ihre langsame Annäherung an Tom verankern das Buch in einer Welt, in der Mut selten aus Schwertern besteht. Manchmal bedeutet Mut, ein Buch aus einem brennenden Gebäude zu tragen. Manchmal bedeutet er, einer Geschichte nicht die bequemste Version zu glauben.

Nein, ganz makellos ist der Roman nicht. Der Beginn verlangt Geduld, die beiden Zeitebenen entwickeln zeitweise unterschiedliche Zugkraft, und das Finale bindet einige seiner vielen mythologischen Fäden etwas hastig zusammen. Parrys Begeisterung für britische Sagen öffnet außerdem ein paar Türen, die der zentrale Arthur-Konflikt nicht unbedingt gebraucht hätte.

Doch diese Schwächen verblassen neben der Atmosphäre, den Figuren und der gedanklichen Kraft. The Witch Below the Dreaming Wood versteht, warum Arthur immer wieder zurückkehrt: nicht weil die Welt einen perfekten König besitzt, sondern weil Menschen in dunklen Zeiten Geschichten brauchen, die ihnen eine bessere Zukunft versprechen.

Parry geht den entscheidenden Schritt weiter. Sie fragt, was geschieht, wenn die alte Geschichte selbst nicht besser war. Wenn die Verräter andere Namen trugen, die Helden versagten und die angebliche Hexe lediglich die Einzige war, die sich erinnerte. Das Ergebnis ist keine Zerstörung der Artussage, sondern eine bemerkenswert liebevolle Erweiterung. Lyrisch, traurig, hoffnungsvoll und fest davon überzeugt, dass vorherbestimmte Untergänge nur dann unvermeidlich werden, wenn niemand versucht, ihnen zu widersprechen.

Dafür gibt es vier starke Sterne.

Die vergeben wir nicht für einen zurückkehrenden König.

Diese Sterne gehören all jenen, die trotzdem selbst aufstehen.

🌟 Bewertung

Varanthis-Skala: ★★
„Eine wunderschöne, melancholische Verbindung aus Artusmythos und Zweitem Weltkrieg: atmosphärisch stark, emotional klug und getragen von einer Nimue, die endlich ihre eigene Geschichte erzählen darf.

Cover von H. G. Parrys The Witch Below the Dreaming Wood mit einem senkrechten silbernen Schwert, weißen Blütenzweigen, schwarzen Vögeln und ornamentalen Blättern vor einem dunkelblauen Wald- und Wassermotiv.

Autorin: H. G. Parry
Titel: The Witch Below the Dreaming Wood
Reihe: Einzelroman
Verlag: Orbit
Übersetzung: Englische Originalausgabe
Seitenanzahl: 448 Seiten, Paperback
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN: 978-0-356-52773-4

Das Symbolbild für Leseproben von aktuellen Fantasy-Romanen.
Leseprobe zu The Witch Below the Dreaming Wood von H. G. Parry bei Orbit
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