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🏛️ The Daily Meme #090 – Flora und Fauna der Zwischenreiche: Der Runenratz


Boneys Logbuch-Eintrag
Position: Lichtung zwischen Moosfurt, Haselbruch und jenem stillen Waldstück, in dem selbst die lieblichsten Osterbräuche aussehen, als habe jemand sie mit nassen Pfoten nacherzählt.
Wetter: Feucht, dunstig, weichgekocht. Also genau die Sorte Morgen, in der kleine eiderwärtige Walddiebe zu großer Form auflaufen.
Heutiges Exemplar:
Willkommen zurück zu „Flora und Fauna der Zwischenreiche“, jener Bildungsreihe, in der wir uns weiterhin mit Tieren befassen, die jedem harmlosen Frühlingsbrauch zuverlässig den Charakter eines Verhörs verleihen.
Unser heutiges Exemplar heißt Runenratz.
Die Gelehrten nennen ihn Rattus ovimorsus runicus.
Das bedeutet frei übersetzt:
„runenleckender Eierbeißer.“
Schon auf den ersten Blick erkennt man, dass dieses Tier nicht aus jener sympathischen Familie der Wiesenhüpfer stammt, mit der man Kindern den Frühling erklärt. Der Runenratz wirkt vielmehr wie eine Waldmaus, die zu lange in feuchten Kultstätten gesessen, an verbotenen Nestern geknabbert und dabei ein sehr unangenehmes Verhältnis zu Symbolen entwickelt hat.
Auffällig sind vor allem seine Ohren.
Sie stehen nicht einfach am Kopf. Sie hängen dort wie schlecht erhaltene Lederlappen eines früheren Lebens, eingerissen, angefressen und von jener stillen Widerstandskraft, die man sonst nur bei alten Satteltaschen und historischen Dorfstreitigkeiten findet.
Dazu kommt sein Blick.
Der Runenratz schaut nicht hungrig. Er schaut besitzergreifend. Als gehöre ihm das Gras, der Morgen, die Eier, der Wald und bei Gelegenheit auch noch das Knöchelbein des ersten Narren, der zu tief in seine Lichtung tritt.
Sein Lebensprinzip ist einfach:
Alles, was rund ist, wird geprüft.
Alles, was bemalt ist, wird angeknabbert.
Alles, was nach Brauchtum riecht, gehört im Zweifel ihm.
Der Runenratz sucht keine gewöhnlichen Nester. Er bevorzugt jene Eier, denen bereits irgendein Aberglaube, Fruchtbarkeitswunsch oder Dorfzauber angehängt wurde. Ob er die Runen lesen kann, ist unter Gelehrten umstritten. Dass er sie mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit zuerst anfrisst, hingegen nicht.
Sein Körperbau ist von geradezu beleidigender Zweckmäßigkeit.
Vorn schmal, hinten gedrungen, überall struppig und mit kleinen Grabpfoten ausgestattet, die aussehen, als könnten sie wahlweise Wurzeln freilegen, Eier vergraben oder einem Ork-Förster selbst die schwersten Metallstiefel durchlöchern.
Boneys Urteil
Der Runenratz ist kein Frühlingsbote.
Kein niedlicher Waldbewohner.
Und ganz sicher kein verlässlicher Partner, wenn es um aktiven Eierschutz geht.
Er ist vielmehr das, was entsteht, wenn eine Finsterratte, ein seltsamer Osterbrauch und ein kleiner Rest Düsterwaldzauber gemeinsam beschließen, eine Sache ohne Anstand zu Ende zu bringen.
Mit anderen Worten:
ein Eierraubproblem mit Schnurrhaaren.
Und natürlich gehört er damit in diese Reihe.
Denn die Zwischenreiche bestehen nicht nur aus Drachen, Orakeln und großen Untergängen. Sie bestehen auch aus diesen kleineren, zähen Spezialisten des Alltags, die keine Städte niederbrennen, aber sehr wohl in der Lage sind, einen beliebten Feiertag in feuchtes Misstrauen zu verwandeln.
Abschließende Notiz an euch Feld-Wald-und-Wiesen-Optimisten:
Wenn ihr demnächst am Ostermontag im nassen Gras ein paar seltsam verzierte Eier findet, dann denkt bitte an unsere Worte:
Nicht jedes Nest ist verlassen.
Manches wird überwacht.
Und wenn zwischen Moos, Pilzen und krakeligen Runen dann ein struppiges Gesicht mit Lederohren und dem Ausdruck eines notorischen Waldganoven auftaucht, dann verzichtet bitte auf Lockrufe, Brotkrumen und falsche Vertraulichkeiten.
Der Runenratz kennt keine Dankbarkeit.
Nur Eier, Eigentum und Gelegenheiten.
Morgen wiederkommen.
Dann widmen wir uns vielleicht ja wirklich dem Brunnenschieler, jenem glitschigen Hofwasserbewohner, der schon von unten aussieht, als sei er mit dem Tag nicht einverstanden.



