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🏛️ The Daily Meme #069: Alben, die Fantasy-Geschichte machten – Dungeon Calling


Position: Vor der Bretterbühne der Schenke „Zum kreischenden Kessel“, Unterstadt von Alt-Miefingen, zwischen verschüttetem Bier, drei abgebrochenen Stuhlbeinen und einem kulturellen Ereignis von beträchtlicher Lautstärke.
Wetter: Drinnen stickig, draußen Nieselregen. In der Luft liegen Schweiß, Lampenruß und jener ganz besondere Geruch, der entsteht, wenn ein Ork gleich eine unbezahlbare Basslaute nicht mehr als Instrument begreift, sondern als weltanschauliche Waffe.
Lagebericht: Es gibt Alben, die wollen dich verzaubern.
Und es gibt Alben, die treten die Tür ein, beißen dem Türsteher ins Knie und brüllen danach noch den Kronrat an, weil die Suppe zu dünn ist.
Dungeon Calling gehört entschieden zur zweiten Sorte.
Schon das Cover macht klar, dass hier nichts mit höfischer Lautenmusik, elfischer Nebelflöte oder diesen geleckten Bardenvereinigungen ist, in denen man nach jedem Lied erst einmal fünf Minuten lächelt, weil alle so furchtbar kunstsinnig erschöpft sind.
Nein.
Hier schmettert ein Ork seine Bass-Laute auf die Bühnenplanken, als wolle er nicht nur ein Konzert beenden, sondern gleich die gesamte Taverne niederreißen.
Und genau deshalb wurde dieses Werk zur Legende.
Denn The Slash waren nicht einfach nur eine Band.
Sie waren eine mittlere Unwetterlage mit Saiten.
Ein musikalischer Häuserkampf in Lederfetzen.
Ein vertonter Kneipenaufstand für alle, denen höfische Balladen schon immer wie gesungene Steuererklärungen vorkamen.
Heutiges Monument: Mit Dungeon Calling bewiesen The Slash, dass man im Zwischenreich nicht aus edler Blutlinie stammen muss, um Geschichte zu machen.
Es reicht manchmal völlig, schlecht gelaunt zu sein, einen verstimmten Bass zu besitzen und keinerlei Respekt vor Eigentum, Etikette oder dem Berufsstand der Lautenbauer zu empfinden.
Die Platte schlug damals ein wie ein brennender Eber ins Schwarzpulverlager.
Plötzlich wollten überall junge Goblins, Halborke, Kellerzwerge und sonstige gesellschaftliche Randgestalten keine Minnegesänge mehr lernen, sondern Krach.
Richtigen Krach.
Krach mit Haltung.
Krach, bei dem man das Gefühl hatte, die Welt sei vielleicht schlecht organisiert, aber immerhin laut genug, um sich dagegen zu wehren.
Aus den Tavernen der Unterstadt kroch eine neue Musikrichtung hervor, irgendwo zwischen Punk, Prügelei und prophetischer Magenverstimmung.
Man nannte sie zunächst Schankraum-Radau, später Dungeon Punk, und ganz am Anfang nannte man sie vor allem Dinge, die vor Gericht nicht wiederholt werden dürfen.
Das eigentliche Wunder an Dungeon Calling ist aber nicht nur der Lärm.
Sondern die Wucht des Symbols.
Da steht kein makelloser Held.
Kein glitzernder Erzmagier.
Kein schönfrisierter Schicksalsträger mit Ahnenklinge und traurigem Blick in die Ferne.
Da steht ein Ork.
Krumm, zornig, eingefroren in der Mutter aller zerstörerischen Bewegungen.
Und er macht das, wovon ein großer Teil des Zwischenreichs seit Jahrhunderten heimlich träumt:
Er zertrümmert etwas, das vorher als ordentlich, wichtig und unantastbar galt.
Diese Platte ist darum mehr als Musik.
Sie ist ein Faustschlag gegen das geschniegelt Kulturbeflissene.
Ein Hieb gegen alles, was geschniegelt klingt, geschniegelt aussieht und geschniegelt rezensiert wird.
Kurz: ein Meisterwerk.
Boneys Urteil:
Dungeon Calling ist nicht schön.
Es ist auch nicht nett.
Und schon gar nicht ausgewogen.
Es ist trotzig, schmutzig und so herrlich beleidigend gegen die gesamte Welt, dass man es fast in Flaschen abfüllen und als Arznei gegen höfische Langeweile verkaufen müsste.
The Slash haben damit nicht bloß ein Album aufgenommen.
Sie haben einer ganzen Generation von Tavernenversagern, Kellerpoeten und angefressenen Nachwuchsbarbaren beigebracht, dass Kultur nicht geschniegelt sein muss.
Manchmal reicht es völlig, wenn sie mit Anlauf auf den Boden kracht.
Und seien wir ehrlich:
Ein Cover, auf dem ein Ork seine Bass-Laute zerlegt, ist dem Kulturbetrieb ohnehin näher als neunzig Prozent dessen, was sonst unter „wichtige Kunst“ herumgereicht wird.
Abschließende Notiz an euch riffarme Flötenwichtel:
Wenn euch demnächst wieder irgendein seidenumhangtragender Hofmusikant erklärt, wahre Größe liege in Disziplin, Reinheit und technischer Eleganz, dann zeigt ihm bitte dieses Cover.
Und dann erklärt ihm ruhig, dass wahre Größe manchmal einfach so aussieht:
ein schlecht gelaunter Ork,
eine sterbende Bass-Laute
und der sehr gesunde Entschluss,
den ganzen Saal einmal gründlich mit seinem eigenen Dünkel zu vermöbeln.
Morgen wiederkommen.
Dann würdigen wir vielleicht den nächsten Meilenstein der Plattenkunde:
Bat Out of Hell –
ein Album, das klingt, als hätte ein Dämon eine Oper verschluckt und danach ein Motorrad gefressen.



