Tad Williams – The Splintered Sun (Rezension)
🧐 Im Fantasykosmos suchen

Tad Williams – The Splintered Sun
📚 Kurzfazit
The Splintered Sun ist ein lebendiger, stellenweise überraschend humorvoller Auftakt über Outlaws, Kinder, Thronfolge und die Entstehung einer späteren Heldensage. Tad Williams baut klassische Fantasy, die ihre Traditionen kennt und genug eigene Geschichte besitzt, um sie nicht bloß nachzuspielen.
😒 Was kratzt
Der Mittelteil verliert deutlich an Zug, einige Gespräche kreisen länger als nötig, und am Ende merkt man sehr klar, dass Williams inzwischen drei Bücher für diese Geschichte eingeplant hat. Wer einen vollständig abgeschlossenen ersten Band erwartet, wird ein paar offene Rechnungen mitnehmen.
✨ Was funktioniert
Die Figuren. Vor allem Vedra und Daley geben der großen politischen Geschichte einen Blick von unten, während Flanns Crows endlich einmal wie Menschen wirken, bevor spätere Generationen aus ihnen Denkmäler bauen.
🔮 Was hängen bleibt: Magie, Erinnerung und Wahrnehmung greifen wunderbar ineinander. Niemand sieht die ganze Wahrheit, alle besitzen Fragmente – und irgendwann entsteht daraus Geschichte.
🐦 Crowbah meint: Wer dreihundert Jahre später als Volksheld besungen werden will, sollte unbedingt dafür sorgen, dass niemand die ersten Entwürfe seiner Lebensgeschichte findet.

🏹 Tad Williams – The Splintered Sun: Bevor Helden zu Legenden werden, machen sie ziemlich viel Mist
Legenden sind schon irgendwo auch ziemlich praktisch. Sie räumen hinterher nämlich ordentlich auf.
Aus chaotischen Entscheidungen werden Heldentaten, aus politischen Interessen Schicksal, aus Menschen mit Fehlern Figuren, die schon beim Frühstück zu wissen scheinen, welche Ballade dreihundert Jahre später über sie gesungen wird. Die peinlichen Irrtümer verschwinden, moralische Zweifel werden gekürzt, und irgendwann steht da ein strahlender Held, wo ursprünglich vermutlich jemand mit nassen Stiefeln, schlechtem Plan und ausgesprochen begrenztem Überblick herumgestanden hat.
Tad Williams interessiert sich für den Zustand davor. In The Splintered Sun kehrt er nach Osten Ard zurück und springt ungefähr drei Jahrhunderte vor die Ereignisse von The Dragonbone Chair. Im Zentrum stehen die später legendären Flann’s Crows, eine Gruppe von Gesetzlosen, Vertriebenen und Außenseitern, deren Abenteuer in späteren Jahrhunderten offensichtlich zu etwas Größerem, Glatterem und Heroischerem werden.
Hier sind sie noch keine Legende. Hier streiten sie. Und sie treffen ziemlich fragwürdige Entscheidungen. Dann versuchen sie, einen drohenden Erbfolgekrieg zu verhindern. Und stolpern dabei gemeinsam mit zwei Kindern in eine Geschichte, deren Bedeutung anfangs kaum jemand vollständig begreift.
Mit 528 Seiten eröffnet Williams eine neue Trilogie innerhalb seiner großen Osten-Ard-Welt. Der Ton ist abenteuerlicher und leichter als in manchen seiner monumentalen Epen, die Welt bleibt jedoch dieselbe: alt, politisch kompliziert und voller Dinge, die schon lange existierten, bevor die handelnden Figuren überhaupt verstanden haben, dass sie wichtig sein könnten.
Das Ergebnis ist ein merkwürdig vertrautes und zugleich erstaunlich frisches Buch. Und vor allem eine Erinnerung daran, weshalb klassische Fantasy großartig sein kann, wenn jemand tatsächlich etwas mit ihr anzufangen weiß. Wir blättern da mal tiefer rein.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Hernystir steht vor einem Machtvakuum. Der alte König Tethtain ist geschwächt, und bereits zu seinen Lebzeiten beginnen verschiedene Fraktionen damit, das Reich in Stücke zu ziehen. Mehrere mögliche Erben stehen bereit, jeder mit eigenen Unterstützern, Interessen und Ansprüchen.
Der offensichtlichste Kandidat wäre Ewain, Tethtains legitimer Sohn. Seine Stellung bleibt jedoch unsicher, solange ihm die entscheidende Anerkennung seines Vaters fehlt. Gleichzeitig verfügen die beiden unehelichen Königssöhne Phelan und Scaeth über eigene Machtbasen und keineswegs über die Absicht, den Weg zum Thron kampflos freizugeben. Mitten in dieses politische Pulverfass geraten zwei Menschen, die eigentlich keine Rolle in der großen Geschichte spielen sollten.
Daley ist ein ungefähr zehnjähriger Junge aus einer fahrenden Schauspielertruppe. Nach dem Tod seiner Mutter und einer Eskalation innerhalb dieser Gemeinschaft flieht er. Daley kann hervorragend klettern, besitzt flinke Finger und hat jene gefährliche Mischung aus Neugier und schlechtem Risikogefühl, durch die Kinder in Fantasyromanen zuverlässig Dokumente finden, die besser verschlossen geblieben wären.
Bei einem Einbruch stiehlt er einen Siegelring und einen Brief. Beides ist politisch explosiv. Damit besitzt ein kleiner Dieb plötzlich Informationen, für die mächtigere Menschen ohne Zögern töten würden.
Vedra wiederum stammt aus einer Harchan-Gemeinschaft und verfügt über die Gabe des Scrying. Sie kann über Spiegelungen und andere Formen des Sehens Dinge wahrnehmen, die räumlich oder zeitlich außerhalb ihrer unmittelbaren Umgebung liegen. Diese Fähigkeit ist wertvoll, gefährlich und wesentlich komplizierter, als Vedra selbst zunächst versteht.
Als sich ihre Wege kreuzen, entsteht kein elegantes Heldenduo. Daley und Vedra müssen sich erst zusammenraufen, Vertrauen lernen und begreifen, dass der jeweils andere inzwischen ziemlich wichtig für das eigene Überleben geworden ist. Dann treffen sie auf Flann Alderwood und seine Crows.
Flann und seine Bande leben außerhalb der herrschenden Ordnung, besitzen jedoch eigene Loyalitäten, politische Überzeugungen und eine ziemlich klare Vorstellung davon, welche Entwicklung Hernystirs sie verhindern wollen. Sie unterstützen Ewains Anspruch und versuchen, ihn zu seinem Vater zu bringen, bevor dessen Gegner Tatsachen schaffen.
Aus einem Diebstahl wird damit ein Erbfolgekonflikt. Aus zwei Kindern werden Mitspieler. Und aus einer Bande von Gesetzlosen beginnt langsam etwas zu entstehen, das Jahrhunderte später offenbar eine große Heldensage geworden ist.
🖋 Tad Williams hat plötzlich einen ziemlich schnellen Schritt
Wer bei Tad Williams automatisch an lange Anläufe, ausführliche Landschaften und Figuren denkt, die mehrere hundert Seiten benötigen, bis sie endgültig begreifen, dass sie Teil eines Epos sind, wird hier eine kleine Überraschung erleben. The Splintered Sun hat deutlich mehr Abenteuerlust.
Williams schreibt weiterhin ausführlich und liebt seine Welt sichtbar. Er besitzt auch weiterhin keinerlei Angst davor, Figuren miteinander reden zu lassen, bis wirklich jeder Gesichtspunkt auf dem Tisch liegt. Der grundlegende Rhythmus ist jedoch beweglicher geworden.
Überfälle, Fluchten, Täuschungen, politische Manöver und kleinere Coups sorgen früh für Zug. Gleichzeitig funktioniert der Humor besser, als man bei einem Buch über drohenden Bürgerkrieg zunächst vermuten würde.
Das liegt vor allem an den Crows. Diese Gruppe besitzt eine wunderbare interne Dynamik. Sie beleidigen einander, diskutieren Entscheidungen, reagieren gereizt auf schlechte Ideen und haben genügend gemeinsame Vergangenheit, damit ihre Beziehungen bereits vor der ersten Seite existiert zu haben scheinen.
Gerade darin zeigt Williams seine alte Stärke. Seine Figuren wirken selten wie Menschen, die extra für eine Handlung gebaut wurden. Und man nimmt sie oft so wahr, als hätte die Handlung sie bei etwas unterbrochen. Das ist wunderbarer Weltbau auf Figurenebene.
Ganz ohne typische Williams-Längen geht es allerdings nicht. Im Mittelteil verbringt der Roman viel Zeit mit Planung, Diskussion und magischer Vorbereitung. Das hat Atmosphäre und vertieft einige Beziehungen, doch der vorher aufgebaute Schwung nimmt spürbar ab. Dort hätte ein strengerer Schnitt dem Roman gutgetan.
Immerhin bleibt die Sprache selbst souverän. Williams schreibt große Fantasy ohne künstliche Gravitas. Er braucht keine permanent bedeutungsschweren Sätze, um seine Welt alt wirken zu lassen.
Natürlich, Osten Ard besitzt Geschichte. Man spürt sie doch ohnehin fast auf jeder Seite.
🧍♂️ Figuren
Vedra
Vedra gehört für gewiss zu den interessantesten Figuren des Romans. Sie trägt eine Gabe in sich, deren Bedeutung weit über das hinausgeht, was sie zu Beginn kontrollieren kann. Das Scrying ist für sie keine bequeme Superkraft. Sehen bedeutet bei Williams keineswegs automatisch Verstehen. Das wird für ihre gesamte Entwicklung entscheidend.
Vedra kann Dinge wahrnehmen, deren Zusammenhang ihr fehlt. Bilder erscheinen ohne vollständige Erklärung. Informationen werden dadurch gleichzeitig mächtig und gefährlich. Das ist eine sehr schöne Form von Magie, weil sie Erkenntnis eben nicht kostenlos liefert.
Vedra besitzt zudem eine soziale Position, die sie permanent daran erinnert, dass Talent allein keinen Schutz bedeutet. Herkunft, Fremdheit und Macht greifen ineinander. Dadurch wird sie weder zur mystischen Seherin noch zur bloßen Außenseiterfigur.
Besonders gut funktioniert ihre Beziehung zu Daley. Die beiden wirken irgendwann beinahe wie Geschwister, ohne dass Williams diesen Zustand künstlich erzwingen muss. Vertrauen entsteht durch gemeinsame Gefahr, Streit und jene kleinen Entscheidungen, bei denen jemand bleibt, obwohl Weglaufen vernünftiger wäre.
Daley
Daley ist ein kleiner Dieb mit gefährlich großer Wirkung. Er verfügt über keine große politische Bildung und versteht viele Zusammenhänge später als die Erwachsenen um ihn herum. Genau das macht seine Perspektive wertvoll.
Für Daley beginnt vieles konkret. Ein Ring, ein Brief und ein Mann, vor dem man wegrennen sollte. Oder eine Tür, die man vielleicht öffnen kann. Die große historische Bedeutung entsteht erst nach und nach.
Williams nutzt ihn deshalb hervorragend, um die Diskrepanz zwischen Handlung und späterer Geschichtsschreibung zu zeigen. Daley tut Dinge aus persönlichen Gründen, deren Konsequenzen irgendwann politisch werden. So entsteht Geschichte sehr häufig. Eben nicht durch Menschen, die morgens beschließen, Geschichte zu schreiben, sondern durch jene, die irgendeinen Unsinn machen und plötzlich feststellen, dass ein Königreich mit dranhängt.
Daley kann dabei nerven. Er ist impulsiv, eigensinnig und besitzt jene kindliche Überzeugung, dass ein Plan schon dadurch besser wird, wenn man ihn niemandem vorher erzählt. Das gehört zu seiner Figur. Und es macht ihn deutlich wahrhaftiger als den üblichen altklugen Fantasyjungen, der mit elf Jahren bereits diplomatisch souveräner auftritt als drei Hofräte.
Flann Alderwood
Flann ist bereits eine Legende – nur weiß er es noch nicht. Genau daraus zieht die Figur ihren größten Reiz. Williams könnte ihn leicht als charismatischen Robin-Hood-Verschnitt schreiben: cleverer Gesetzloser, gutes Herz, treue Bande, ungerechte Obrigkeit. Er gibt ihm mehr Reibung.
Flann führt eine Gruppe, die ständig diskutiert. Entscheidungen besitzen moralische Folgen, und seine Gefährten sind keineswegs verpflichtet, seine Sicht automatisch für richtig zu halten. Dadurch bekommt er etwas äußerst Menschliches.
Ein legendärer Banditenführer klingt im Lied später doch wohl ziemlich elegant. Im echten Leben muss er entscheiden, ob Menschen geopfert werden, welchem Adeligen man überhaupt vertrauen kann und wann ein politisch notwendiges Risiko einfach eine ziemlich beschissene Idee ist.
Gerade diese Unsicherheit macht ihn spannend. Williams interessiert sich weniger für Flanns spätere Statue als für den Menschen, bevor jemand sie aufstellt.
Lady Mearna
Lady Mearna ist für Flann enorm wichtig, weil sie seine Entscheidungen immer wieder aus einer anderen moralischen Richtung betrachtet. Als vertriebene Adelige kennt sie Macht von innen und Verlust aus eigener Erfahrung. Ihre Position innerhalb der Crows erzeugt dadurch produktive Reibung.
Besonders ihre Gespräche mit Flann über Verantwortung gehören zu den stärkeren Figurenmomenten. Denn Heldentum klingt einfach, solange niemand fragt, wer den Preis bezahlt. Mearna fragt. Das tut dem ganzen Outlaw-Pathos gut.
Long Liam
Long Liam wirkt fast schon zwangsläufig wie die obligatorische Anspielung auf Little John. Groß. Stark. Bandit.
Williams lässt ihn jedoch schnell eine eigene Figur werden. Gerade weil sein Äußeres zunächst eine bestimmte Rolle nahelegt, macht es Spaß zu sehen, wie er diese Erwartung unterläuft. Er gehört zu jenen Nebenfiguren, die man relativ schnell gern in der Gruppe behält. Und wenn es ernst wird, versteht man auch weshalb.
Xaniko
Xaniko bringt die ältere, fremdere Magie Osten Ards in die Geschichte. Der Hikeda’ya-Exilant lebt zurückgezogen in der Threadbare Hall und besitzt Wissen über Dinge, die für Vedra und Daley kaum begreifbar sind. Über ihn öffnet sich die Geschichte stärker Richtung Dream Road, alte Magie und jene langen historischen Linien, die Osten Ard immer ausgezeichnet haben.
Xaniko funktioniert dabei am besten als Figur, deren Wissen keineswegs automatisch verfügbar ist. Er beantwortet nicht jede Frage. Manchmal stellt er neue. Ja, das kann im Mittelteil frustrieren, gehört aber zu einer Welt, in der Wissen Macht besitzt und alte Wesen gute Gründe haben, es sparsam zu verteilen.
⏳ Tempo: Williams im Sprintmodus
Die ersten Kapitel gehören tatsächlich zum flottesten Tad Williams, das man seit Langem gelesen hat. Vedra und Daley bringen Bewegung, die Crows erhöhen den Spaßfaktor und der politische Konflikt sorgt dafür, dass hinter individuellen Gefahren immer größere Konsequenzen lauern.
Dann verbreitert sich der Roman. Die Mitte arbeitet stärker an Welt, Magie und Beziehungen. Hier entstehen gute Szenen, allerdings auch einige Wiederholungen und Diskussionen, die den Abenteuerfluss bremsen. Das Finale zieht wieder kräftig an.
Williams weiß sehr genau, wie man mehrere Handlungsstränge auf einen Konflikt zulaufen lässt, und sobald die Figuren wieder handeln müssen, zeigt sich seine enorme Routine.
528 Seiten fühlen sich deshalb selten überdimensioniert an. Ein gutes Stück davon hätte trotzdem etwas straffer sein können.
🔮 Scrying, Spiegel und die gefährliche Kunst des Sehens
Vedras Gabe gefällt mir ausgesprochen gut. Fantasy verwendet Visionen gern als bequeme Informationsquelle. Eine Figur schaut irgendwo hinein, sieht exakt das relevante Ereignis und kann anschließend die Handlung fortsetzen.
Williams macht es allerdings komplizierter. Wahrnehmung bleibt fragmentarisch. Ein Bild kann stimmen und trotzdem falsch verstanden werden. Eine Zukunft kann sichtbar sein, ohne ihren Weg zu erklären. Entfernung verschwindet, während der Kontext fehlt.
Dadurch wird das Scrying zu einer Magieform, die hervorragend zum großen Thema des Romans passt, denn auch Geschichte funktioniert so. Spätere Generationen besitzen Fragmente: Lieder, Erzählungen, Gegenstände, Namen.
Aus diesen Teilen bauen sie ein Bild. Ob dieses Bild mit dem tatsächlichen Geschehen viel zu tun hat, ist eine andere Frage. Das ist für einen Roman über die Entstehung einer Legende nahezu konstruiert.
🌙 Die Dream Road: Wo alte Fantasy wieder geheimnisvoll werden darf
Die Dream Road führt den Roman tiefer in jene metaphysische Seite Osten Ards, die Williams seit Jahrzehnten entwickelt. Dabei erklärt er erfreulich wenig sofort vollständig. Die Dream Road hat Regeln, Gefahren und Verbindungen, doch sie bleibt fremd genug, damit Magie tatsächlich noch magisch wirkt.
Das ist mittlerweile fast ungewöhnlich. Viele moderne Fantasyromane erklären ihre Magie wie ein technisches Handbuch. Nach fünfzig Seiten weiß man, was eine Fähigkeit kostet, welche Reichweite sie hat und welche Kombination den höchsten Schadenswert liefert.
Williams lässt Geheimnisse bestehen und dadurch entsteht Unsicherheit. Unsicherheit ist für Magie oft wesentlich wertvoller als perfekte Regelkenntnis. Vedras Verbindung zu dieser Ebene dürfte für die folgenden Bände enorm wichtig werden. Im ersten Roman bleibt vieles bewusst offen.
Das erzeugt Neugier. Gelegentlich allerdings auch das Gefühl, dass Williams bereits mit dem nächsten Buch winkt, während dieses hier noch nicht fertig erzählt ist.
👑 Drei Söhne und ein Königreich, das keine Zeit mehr hat
Auf seiner politischen Ebene hat The Splintered Sun einen angenehm klassischen Motor. Ein alter König verliert Kraft. Die Nachfolge ist ungeklärt. Mehrere Männer melden ihre Ansprüche an, während verschiedene Gruppen bereits begonnen haben, Macht neu zu verteilen.
Das haben wir in Fantasy alle natürlich schon ziemlich oft gelesen. Entscheidend ist hier jedoch die Perspektive, denn Williams verbringt eben keinen Großteil des Romans im Thronsaal. Die Auswirkungen der großen Politik erreichen Menschen, die bei der Entscheidung selbst kaum eine Stimme besitzen. Vedra, Daley und die Crows erleben Herrschaft von ihren Rändern.
Dadurch wird ein Erbfolgekrieg weniger abstrakt. Für Adelige geht es um Titel. Für andere Menschen entscheidet dieselbe Auseinandersetzung darüber, wer durchs Land marschiert, wer Häuser niederbrennt und welcher bewaffnete Mann morgen behauptet, im Namen des rechtmäßigen Herrschers zu handeln. Das verleiht der klassischen Ausgangslage genügend Schärfe.
🏹 Flann’s Crows: So sieht Heldentum aus, bevor jemand das schlechte Benehmen herausredigiert
Hier liegt das Herz des Romans. Die Crows sind bereits auf dem Weg, zum Mythos zu werden. Williams zeigt sie jedoch in jenem herrlich unordentlichen Zustand davor. Sie streiten, beleidigen einander, diskutieren über Moral und handeln aus Loyalität, Wut, persönlicher Zuneigung und politischen Überzeugungen. Doch sie sind sich keineswegs immer darüber einig, was richtig ist.
Das ist wirklich enorm stark, denn Legenden produzieren im Rückblick Eindeutigkeit. Menschen besitzen sie selten. Eine spätere Ballade erzählt vermutlich von einem mutigen Überfall, mit dem Flann einen entscheidenden Schritt zur Rettung Hernystirs machte.
Der echte Flann könnte am Abend davor mit Mearna gestritten haben, während jemand den Fluchtweg falsch eingeschätzt hat und Long Liam wissen wollte, welcher Vollidiot überhaupt auf diese Idee kam. Genau diese Lücke zwischen Ereignis und Überlieferung macht The Splintered Sun erzählerisch so besonders.
📜 Wie aus Geschichte Mythos wird
Der Roman spielt ungefähr dreihundert Jahre vor Simon Schneelocks Zeit. Das bedeutet: Wir befinden uns gleichzeitig in der Gegenwart dieser Figuren und in der Vergangenheit einer Welt, deren spätere Version viele Leser bereits kennen. Das erzeugt natürlich eine besondere Spannung.
Wir wissen, dass Geschichten über solche Menschen überleben, aber wir wissen nicht, wie sehr sie sich verändern werden. Ein Name wandert durch Jahrhunderte, ein Abenteuer wird weitererzählt, jemand verbessert die Pointe und ein anderer entfernt eine unangenehme moralische Entscheidung.
Dann kommt ein Sänger und braucht einen Reim. Dreihundert Jahre später bleibt ein Held. Williams macht daraus keinen trockenen Essay über Historiografie. Er erzählt einfach eine Abenteuergeschichte, deren gesamte Konstruktion diese Frage mitträgt.
Wie viel Wahrheit verträgt eine Legende? Und wie viel Legende braucht Geschichte, damit sich überhaupt jemand an sie erinnert? Das ist unser Lieblingsaspekt des Buches.
🌍 Osten Ard – muss man zehn Bücher gelesen haben?
Nein, muss man nicht. The Splintered Sun funktioniert erstaunlich gut als Einstieg. Die Geschichte liegt weit genug vor den bekannten Hauptereignissen, dass neue Figuren und politische Konflikte erklärt werden können, ohne ständig Vorwissen vorauszusetzen. Man kann Hernystir, Flann, Vedra und Daley kennenlernen, ohne zuvor jahrzehntelang Osten-Ard-Chronist gewesen zu sein.
Wer die Welt kennt, bekommt allerdings mehr. Namen klingen anders, bestimmte Orte tragen zusätzliches Gewicht und historische Entwicklungen werfen Schatten voraus. Ganz besonders die Idee der späteren Legendenbildung gewinnt natürlich, wenn man bereits weiß, wie Osten Ard Jahrhunderte später über seine Vergangenheit spricht.
Damit schafft Williams etwas Schwieriges: Der Roman ist ein Einstieg und gleichzeitig ein Bonus für alte Leser. Beides funktioniert hier richtig gut.
🐌 Der Mittelteil: Tad wäre nicht Tad, wenn niemand irgendwann länger reden würde
Der Anfang hat Zug, das letzte Drittel ebenfalls, jedoch erinnert sich Williams zur Mitte daran, dass er Tad Williams ist. In und um Xaniko, die Threadbare Hall und die magische Ausbildung wird der Roman deutlich ruhiger. Pläne werden diskutiert, Möglichkeiten durchgesprochen und Fragen aufgeworfen, deren Antworten teilweise weit entfernt liegen.
Ein Teil davon ist wichtig. Ein anderer Teil hätte kompakter sein dürfen. Besonders weil die erste Hälfte ein überraschend flottes Abenteuer verspricht, fällt diese Bremse stärker auf. Nein, ganz zum Stillstand kommt die Geschichte nie. Figurenentwicklung, Vedras Magie und Daleys Erfahrungen treiben weiterhin Dinge voran. Der Unterschied liegt im Rhythmus.
Das Swashbuckling macht Pause. Tad setzt sich hin. Tad redet. Tad denkt laut. Dann steht Tad wieder auf und lässt Menschen mit Schwertern aufeinander los. Wer seine Bücher kennt, wird vermutlich milde lächeln. Neue Leser könnten zwischendurch irritiert auf die Seitenzahl schauen.
⚔️ Wenn klassische Fantasy ihre alten Werkzeuge richtig benutzt
Schwerter. Outlaws. Ein sterbender König. Ein rechtmäßiger Erbe. Alte Magie. Verfolgungsjagden. Ein geheimnisvoller Exilant. Kinder, die in größere Ereignisse geraten.
Auf dem Papier könnte The Splintered Sun konservativer kaum wirken, aber genau deshalb ist das Buch so interessant. Williams beweist, dass klassische Fantasy kein Problem hat, weil ihre Bausteine alt sind. Das Problem entsteht erst, wenn niemand etwas Eigenes daraus baut.
Hier trägt die politische Geschichte das Thema der Erinnerung. Die Magie beschäftigt sich mit Wahrnehmung. Die Outlaw-Truppe wird gleichzeitig zum Ursprung einer späteren Legende. Zwei Kinder erleben, wie aus persönlichen Entscheidungen Geschichte entsteht. Das ist klassische Fantasy mit Gedanken dahinter. Mehr braucht das Genre eigentlich gar nicht.
🧱 Das eigentliche Problem: Band eins weiß genau, dass noch zwei Bücher kommen
Hier verliert The Splintered Sun leider seinen fünften Stern. Der Roman eröffnet viele Türen, sehr viele. Die Erbfolgefrage, Vedras Fähigkeiten, die Dream Road, Xanikos Vergangenheit. Dazu kommt die größere Rolle der alten Mächte. Daleys Entwicklung ist ebenfalls offen, nicht anders als die Zukunft von Flanns Crows. Einige Konflikte dieses Bandes erhalten ordentliche Zwischenstationen. Der große Bogen wird nicht geschlossen.
Das wäre bei einem ersten Band grundsätzlich normal. Williams geht allerdings so weit, dass sich das Ende stellenweise mehr nach einer Unterbrechung als nach einem vollständigen Romanabschluss anfühlt. Man schließt das Buch und möchte weiterlesen.
Das ist einerseits gut. Man schließt es allerdings ebenfalls mit dem Gefühl, dass mehrere entscheidende Dinge ihre eigentliche Auszahlung erst später erhalten. Das ist dann weniger gut. Klar, eine Trilogie darf drei Teile haben. doch sollte jeder Teil trotzdem eine eigene dramatische Gestalt besitzen.
The Splintered Sun schafft das größtenteils. Ganz vollständig gelingt es ihm freilich nicht.
📜 Fazit: Legenden sind schöner – Menschen sind interessanter
The Splintered Sun erinnert daran, warum Tad Williams seit Jahrzehnten zu den wichtigen Namen der Fantasy gehört. Er muss das Genre nicht neu erfinden. Er kennt es gut genug, um mit seinen alten Formen zu spielen.
Auf der Oberfläche bekommen wir einen drohenden Erbfolgekrieg, eine Bande sympathischer Gesetzloser, einen rechtmäßigen Prinzen, alte Magie und zwei junge Außenseiter, die viel tiefer in politische Ereignisse geraten, als ihnen lieb sein kann.
Darunter erzählt Williams von Geschichte davon, wie Ereignisse später erinnert werden und wie Menschen zu Figuren werden. Und auch darüber wie Streit, Unsicherheit und moralische Kompromisse aus Heldensagen verschwinden. Schließlich geht es vor allem darum, wie aus einer Gruppe ziemlich chaotischer Menschen irgendwann eine Legende entstehen kann.
Vedra und Daley sind dafür hervorragende Augen. Beide erleben die großen Ereignisse von unten, mit begrenztem Wissen und sehr persönlichen Ängsten. Flann wiederum funktioniert gerade deshalb, weil Williams ihm noch keine bronzene Statue unter den Hintern stellt. Er darf zweifeln, diskutieren und Fehler machen.
Die Magie fügt sich hervorragend in dieses Thema. Scrying zeigt Fragmente. Die Dream Road erweitert Wahrnehmung und Unsicherheit. Wissen bleibt immer perspektivisch. Das ist überaus klug gebaut.
Weniger überzeugend ist die Mitte, in der der Roman einen Teil seines Schwungs verliert. Dazu kommt ein Ende, das sehr selbstbewusst darauf vertraut, dass wir auch The Crooked Tower und irgendwann The Holly Ring kaufen werden.
Wahrscheinlich hat Tad Williams damit recht. Denn man will wissen, wie es weitergeht. Trotzdem muss Band eins sich seine Wertung selbst verdienen.
Und dafür gibt es von uns eine sehr starke Vier. Mit deutlicher Tendenz nach oben.
Falls die kommenden Bände die hier gelegten Linien zusammenziehen und aus der Crows-Geschichte tatsächlich jene große Erzählung über Wahrheit, Erinnerung und Legendenbildung machen, die sich bereits abzeichnet, könnte diese Trilogie sehr weit kommen.
Für den Moment reicht mir aber schon etwas anderes: Nach unzähligen Fantasyromanen, die krampfhaft versuchen, neu auszusehen, kommt ein 69-jähriger Tad Williams daher, nimmt Banditen, Könige, magische Spiegel und ein paar Kinder und erinnert uns alle daran, dass Originalität manchmal einfach bedeutet, alte Dinge verdammt gut zu erzählen.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★★






