T. Kingfisher – Was in der Tiefe lauert (Rezension)

🧐 Im Fantasykosmos suchen

Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

T. Kingfisher – Was in der Tiefe lauert

📚 Kurzfazit
Ein verlassenes Kohlenbergwerk, ein verschwundener Mann und etwas Fremdartiges unter der Erde. T. Kingfisher schickt Alex Easton in eine ebenso beklemmende wie verblüffende Horrorgeschichte, die irgendwann beschließt, dass das Unbekannte vielleicht andere Probleme hat, als uns zu fressen.

😒 Was kratzt
Der Schrecken verliert im letzten Drittel erheblich an Biss. Sobald Kingfisher ihre Karten aufdeckt, verwandelt sich der klaustrophobische Horror zunehmend in ein fantastisches Gedankenexperiment. Manche Ideen hätten außerdem etwas mehr Platz als die vorhandenen 208 Seiten verdient.

✨ Was funktioniert
Das Bergwerk. Diese finsteren, engen Stollen, in denen ein falscher Schritt, eine schlechte Luftströmung oder ein rätselhaftes Geräusch ausreichen, um die Nerven zu ruinieren. Dazu Alex Eastons trockener Humor und Kingfishers außergewöhnliches Gespür für Kreaturen, die eigentlich in keiner vernünftigen Welt existieren sollten.

⭐ Wer hier der absolute Star ist
Alex Easton natürlich. Ein ehemaliger Soldat, der vermutlich einer ganzen feindlichen Kompanie mit größerer Gelassenheit begegnen würde als einem schlecht belüfteten Tunnel. Die konsequente Weigerung, sich von vernünftiger Angst beeindrucken zu lassen, gehört zu den schönsten Eigenschaften dieser Figur.

🐦 Crowbah meint: Wer freiwillig in ein verlassenes Bergwerk steigt, weil dort jemand verschwunden ist, sollte vorher überlegen, warum derjenige überhaupt verschwunden ist. Ich persönlich würde oben warten. Mit einer Schaufel. Zum Zuschütten.

Buchcover von T. Kingfishers ***Was in der Tiefe lauert***: Eine groteske schwarze Kreatur mit knöchernen Strukturen, roten Gewebepartien und kahlen Ästen vor weißem Hintergrund.

🦇 T. Kingfisher – Was in der Tiefe lauert: Da unten erwartet uns etwas, das wir besser nicht verstehen sollten

Man muss schon ein besonderes Verhältnis zum eigenen Leben besitzen, um freiwillig in ein verlassenes Kohlenbergwerk hinabzusteigen. Einstürzende Decken, giftige Gase, Sauerstoffmangel und kilometerlange Finsternis sind schließlich auch ohne übernatürliche Beteiligung hinreichend überzeugende Argumente für einen gemütlichen Nachmittag an der Erdoberfläche.

Alex Easton hat solche Argumente natürlich durchaus verstanden. Das Problem ist lediglich, dass Dr. Denton um Hilfe gebeten hat. Und wenn ein alter Freund, mit dem man bereits eine ausgesprochen unangenehme Begegnung mit dem Übernatürlichen überstanden hat, plötzlich dringend Unterstützung benötigt, darf man davon ausgehen, dass sich irgendwo etwas zusammenbraut, das mit herkömmlichen Naturgesetzen nur noch sehr entfernt verwandt ist.

Mit Was in der Tiefe lauert führt T. Kingfisher ihren eigensinnigen Eidsoldaten zum dritten Mal in die dunkleren Winkel ihrer fantastischen Welt. Nach einem pilzverseuchten Herrenhaus und einer Begegnung mit alptraumhaften Erscheinungen wartet diesmal ein Bergwerk in West Virginia. Dort ist ein Mann verschwunden. Unerklärliche Lichter sollen durch die Stollen wandern, und die Einheimischen haben ausgezeichnete Gründe, dem gesamten Ort fernzubleiben.

Kingfisher entfaltet daraus eine Geschichte, die lange mit den Erwartungen an klassischen Gothic Horror spielt. Je weiter die Figuren allerdings in die Tiefe vordringen, desto deutlicher wird, dass die Autorin mit dem vertrauten Schrecken etwas Eigenwilligeres vorhat.

Genau darin liegt die große Stärke dieser Erzählung. Und gleichzeitig ist es ihr größtes Problem.


🧭 Worum geht’s eigentlich?

Dr. James Denton hat ein – na ja – tiefgehendes Problem. Sein Cousin Oscar ist verschwunden, nachdem er sich mit einem stillgelegten Kohlenbergwerk in West Virginia beschäftigt hat. Die Mine besitzt einen schlechten Ruf, und Oscars letzte Nachrichten enthalten Beobachtungen, die alles andere als beruhigend klingen. Seltsame Geräusche, unerklärliche Lichterscheinungen und merkwürdige Vorgänge tief unter der Erde deuten darauf hin, dass hier mehr geschehen ist als ein gewöhnlicher Unfall.

Denton wendet sich an Alex Easton, mit dem ihn seit den Ereignissen von Was die Toten bewegt eine besondere Freundschaft verbindet. Easton reagiert auf die Bitte mit jener Mischung aus Loyalität und resignierter Vorahnung, die man nach wiederholten Begegnungen mit dem Übernatürlichen entwickelt. Gemeinsam mit Angus, dem langjährigen Begleiter, reist Easton nach Amerika. Dort schließt sich auch John Ingold der Suche an, ein Mann mit Kenntnissen, die angesichts der Gefahren unter Tage ausgesprochen nützlich werden.

Die Gruppe untersucht das verlassene Bergwerk. Schon bald zeigt sich, dass die Warnungen keineswegs aus der Luft gegriffen sind. Die Stollen bergen Spuren ungewöhnlicher Vorgänge, und manche Entdeckung wirft deutlich mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Dabei erhält die Suche eine zweite Ebene. Immer deutlicher drängt sich der Verdacht auf, dass sich tief unter dem Berg etwas befindet, dessen Existenz weit über das Schicksal eines verschwundenen Mannes hinausweist.

Kingfisher hält ihre Geschichte erfreulich kompakt. Statt zahlreiche Nebenhandlungen aufzubauen, konzentriert sie sich auf die Expedition, ihre Teilnehmer und das allmähliche Verständnis einer Wirklichkeit, auf die niemand vorbereitet ist.

Der Banner für das Fantasykosmos Feuilleton mit lesendem Drachen hinter Zeitung.

🖋 Stil: Schwarzer Humor in vollständiger Dunkelheit

T. Kingfisher besitzt eine besondere Begabung dafür, Menschen in vollkommen absurde Situationen zu bringen und sie anschließend erstaunlich vernünftig reagieren zu lassen. Alex Easton ist dafür die ideale Erzählerfigur. Der ehemalige Soldat begegnet ungewöhnlichen Erscheinungen mit einer Mischung aus militärischer Disziplin, Sarkasmus und gelegentlicher Verzweiflung. Übernatürliche Bedrohungen werden zunächst ebenso behandelt wie andere Unannehmlichkeiten des Lebens. Man stellt Fragen, prüft seine Möglichkeiten und hofft, dass irgendjemand in der Nähe etwas mehr Ahnung besitzt.

Besonders reizvoll wird diese Haltung, wenn Easton auf die eigenen Grenzen stößt. Ein finsterer Bergwerksstollen gehört zu jenen Herausforderungen, bei denen selbst die größte Lebenserfahrung wenig hilft. Die Erkenntnis, dass man möglicherweise doch unter Platzangst leidet, lässt sich durch Sturheit nur begrenzt bekämpfen.

Kingfishers Humor funktioniert deshalb so gut, weil er aus dem Charakter ihrer Figuren erwächst. Easton erzählt mit einer gewissen trockenen Selbstverständlichkeit, selbst wenn die Ereignisse längst jede vernünftige Erklärung überschreiten. Auch der Wechsel zwischen nüchternen Beobachtungen und unheimlichen Entdeckungen gelingt ihr ausgezeichnet. Die Gefahr steckt häufig in kleinen Einzelheiten. Ein Geräusch an der falschen Stelle. Ein Licht, das dort nicht sein dürfte. Eine Wand, die sich anders verhält, als eine Wand sich gewöhnlich verhalten sollte.

Gerade diese Zurückhaltung macht den Anfang absolut wirkungsvoll. Kingfisher weiß, dass die Fantasie der Leser oft deutlich unangenehmere Dinge hervorbringt als jede ausführliche Monsterbeschreibung.

👥 Figuren

Alex Easton

Easton gehört inzwischen zu den interessantesten wiederkehrenden Figuren der modernen Gothic Fantasy. Als ehemaliger Eidsoldat des fiktiven Gallaziens bringt Easton eine Biografie mit, die von militärischer Pflichterfüllung, körperlichen Belastungen und reichlich Erfahrung mit menschlicher Dummheit geprägt ist. Hinzu kommen inzwischen mehrere Begegnungen mit Phänomenen, die sich mit militärischer Ausbildung kaum bewältigen lassen.

Das macht Easton weder zum abgebrühten Monsterjäger noch zum allwissenden Ermittler. Gerade diese Begrenztheit ist sympathisch. Easton versteht Menschen, kennt die Bedeutung von Loyalität und besitzt einen scharfen Blick für die Absurditäten des eigenen Verhaltens. Gleichzeitig entstehen immer wieder Situationen, in denen selbst diese Erfahrung wenig hilft.

Die Episode im Bergwerk arbeitet besonders schön mit Eastons Schwierigkeiten angesichts der räumlichen Enge. Hier wird eine eigentlich tapfere Figur mit einer Angst konfrontiert, die sich durch Entschlossenheit allein kaum beherrschen lässt. Das verleiht der Erzählung jene menschliche Dimension, die weit über den eigentlichen Spuk hinausreicht.

Angus

Angus gehört zu jenen Nebenfiguren, deren Bedeutung man leicht unterschätzt, weil sie selten große Auftritte benötigen. Als langjähriger Begleiter kennt er Eastons Eigenheiten vermutlich besser als Easton selbst. Er bleibt zuverlässig, pragmatisch und auf angenehme Weise unbeeindruckt von mancher dramatischen Selbsteinschätzung seines ehemaligen Vorgesetzten.

Diese vertraute Beziehung gibt der Geschichte Stabilität. Gerade wenn die Umgebung zunehmend unberechenbar wird, vermitteln die beiden das Gefühl, dass wenigstens zwischen ihnen noch einige vernünftige Regeln gelten. Angus muss dafür keine großen Reden halten. Seine Anwesenheit genügt oft.

Dr. James Denton

Denton bringt eine andere Qualität in die Geschichte. Seit den Ereignissen des ersten Bandes weiß er, wie gefährlich das scheinbar Unmögliche werden kann. Seine Sorge um Oscar ist deshalb mit einer Erfahrung verbunden, die andere Menschen glücklicherweise nie machen mussten.

Er erfüllt in diesem Abenteuer weit mehr als die Funktion des Auftraggebers. Seine Freundschaft mit Easton trägt einen Teil des emotionalen Gewichts, und sein medizinischer Hintergrund verleiht den Beobachtungen der Gruppe zusätzliche Bedeutung. Besonders interessant ist dabei, wie unterschiedlich die Figuren mit ihren früheren Erfahrungen umgehen. Wer bereits einmal einer kaum erklärbaren Bedrohung begegnet ist, besitzt dadurch schließlich keine Garantie, beim nächsten Mal klüger zu handeln.

John Ingold

Ingold erweitert die Gruppe um eine dringend benötigte praktische Perspektive. Wo Easton vor allem auf Lebenserfahrung und Instinkt zurückgreift, kommen bei der Untersuchung des Bergwerks Kenntnisse hinzu, die für das Überleben unter Tage entscheidend sein können.

Diese Ergänzung funktioniert erzählerisch hervorragend. Die Figuren müssen sich mit realen Gefahren beschäftigen, bevor sie überhaupt Gelegenheit bekommen, sich über die übernatürlichen zu wundern. Ingold hilft damit, den fantastischen Teil der Geschichte fest in einer glaubwürdigen materiellen Umgebung zu verankern.

Boney Jones präsentiert die besten Memes der Fantasygeschichte. Boney der Skelett-Pirat.

⏳ Tempo

Typisch Kingfisher: Die Geschichte benötigt wenig Anlaufzeit. Dentons Hilferuf liefert den Anlass, Easton reist nach Amerika, und bald steht die Gruppe vor dem Bergwerk. Kingfisher verschwendet keine Energie auf umfangreiche Vorgeschichten. Die Beziehungen zwischen den wiederkehrenden Figuren sind bereits etabliert, wodurch die Handlung unmittelbar beginnen kann.

Besonders gelungen ist das erste Vordringen in die Stollen. Hier entwickelt die Erzählung eine Spannung, die beinahe vollständig aus der Umgebung entsteht. Jeder Schritt bringt die Gruppe weiter von der sicheren Oberfläche weg. Gleichzeitig wächst das Gefühl, dass man über den Ort immer weniger weiß, je gründlicher man ihn untersucht.

Diese Umkehrung ist wirkungsvoll. Eigentlich sollte eine Erkundung Klarheit schaffen. Bei Kingfisher sorgt sie zunächst dafür, dass die Welt immer rätselhafter wird. Im weiteren Verlauf verändert sich allerdings das erzählerische Gewicht. Die Entdeckungen werden konkreter, das Geheimnis gewinnt erkennbare Konturen, und die Geschichte richtet ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf die Konsequenzen des Gefundenen.

Dadurch verliert das letzte Drittel einen Teil jener beklemmenden Ungewissheit, die den Anfang so stark macht. Ja, das Tempo bleibt hoch. Die Art der Spannung verändert sich jedoch erheblich.

Schmaler Crowbah Banner mit Crowbah und Grabhold vor dunkler Comic Stadt.

⛏️ Ein Bergwerk braucht eigentlich keine Monster

Der Schauplatz ist vielleicht die beste Entscheidung der gesamten Erzählung. Unterirdische Räume besitzen eine besondere Qualität des Schreckens. Man verliert die Orientierung, kann Entfernungen schlecht einschätzen und weiß oft nicht einmal, ob die eigene Wahrnehmung zuverlässig funktioniert.

Dazu kommen die tatsächlichen Gefahren des Bergbaus. Eine unbedachte Flamme kann gefährliche Gase entzünden. Alte Schächte können einstürzen. Schlechte Luft wird zur tödlichen Bedrohung, und wer den Rückweg verliert, steht vor einem Problem, das sich durch Mut oder Entschlossenheit kaum lösen lässt.

Kingfisher nutzt solche Umstände, um dem Übernatürlichen einen ausgesprochen glaubwürdigen Rahmen zu geben. Interessant ist dabei das Verhältnis zwischen technischer Kenntnis und menschlicher Hilflosigkeit. Die Figuren können Risiken erkennen und geeignete Vorsichtsmaßnahmen treffen. Trotzdem geraten sie in Situationen, für die ihr Wissen keine ausreichende Erklärung bietet.

Das ist eine der klassischen Voraussetzungen guten Horrors: Menschen betreten einen Ort, dessen Regeln sie zu kennen glauben, und entdecken, dass ihr Verständnis der Wirklichkeit unvollständig ist.

Kingfisher beherrscht diese Konstellation hervorragend. Der Berg wird dabei zu einer Art geschlossenem Universum. Je tiefer die Gruppe eindringt, desto ferner erscheint die vertraute Welt. Man könnte sich kaum eine passendere Bühne für eine Begegnung mit etwas grundsätzlich Fremdem vorstellen.

👁️ Lovecraft hätte vermutlich erhebliche Einwände geltend gemacht

Aber klar, die Verbindung zu H. P. Lovecraft liegt nahe. Eine abgeschiedene Region, rätselhafte Erscheinungen und die Ahnung einer Existenz, die jenseits menschlicher Vorstellungen liegt: Das alles gehört zum klassischen Repertoire kosmischen Horrors.

Kingfisher interessiert sich allerdings für eine Frage, die Lovecrafts Geschichten häufig in eine vollkommen andere Richtung geführt hätten. Was geschieht, wenn das Fremde tatsächlich fremd ist, ohne deshalb zwangsläufig unsere Vernichtung anzustreben? Dieser Gedanke verändert die gesamte Erzählung.

Bei Lovecraft bedeutet die Begegnung mit dem Unbegreiflichen häufig den Zusammenbruch menschlicher Gewissheiten. Die Erkenntnis, dass der Mensch im Universum eine bedeutungslose Randerscheinung sein könnte, wird selbst zum Schrecken. Kingfisher übernimmt die Fremdheit, interessiert sich aber zusätzlich für ihre mögliche Verständlichkeit.

Das Unbekannte bleibt rätselhaft. Seine Existenz fordert die Vorstellungen der Figuren heraus. Doch daraus erwächst eine weitere Frage: Welche Eigenschaften schreiben Menschen einer fremden Erscheinung allein deshalb zu, weil sie diese nicht verstehen?

Hier gewinnt die Geschichte eine reizvolle philosophische Dimension. Die Figuren müssen sich mit der Möglichkeit beschäftigen, dass ihre Erwartungen an ein Monster mehr über sie selbst aussagen als über das, was ihnen begegnet.

Das ist eine bemerkenswert eigenständige Interpretation kosmischen Horrors. Allerdings verändert sie zwangsläufig auch dessen Wirkung.

Der Banner für das Fantasykosmos Feuilleton mit lesendem Drachen hinter Zeitung.

🕯️ Wenn aus Schrecken plötzlich Neugier wird

Diese Regel ist natürlich allgmeingültig: Horror lebt wesentlich von Unsicherheit. Solange niemand weiß, was sich in den Stollen befindet, kann praktisch jede Erklärung zutreffen. Vielleicht handelt es sich um ein Tier, eine übernatürliche Erscheinung oder etwas, das sich jeder bekannten Kategorie entzieht.

Sobald eine Geschichte beginnt, ihr Geheimnis zu erklären, muss sie einen Teil dieser Möglichkeiten aufgeben. Genau an diesem Punkt trifft Kingfisher eine ziemlich mutige Entscheidung. Sie verschiebt das Interesse von der bloßen Bedrohung hin zur Frage, was die Entdeckung für die Beteiligten bedeutet.

Das kann natürlich ausgesprochen faszinierend sein. Zugleich besteht die Gefahr, dass die zuvor sorgfältig aufgebaute Atmosphäre ihren stärksten Antrieb verliert. In Was in der Tiefe lauert passiert tatsächlich beides. Die spätere Entwicklung eröffnet reizvolle fantastische Perspektiven und führt die Figuren in eine moralisch interessante Situation. Gleichzeitig büßt das Unbekannte einen Teil seiner ursprünglichen Unheimlichkeit ein.

Wer sich auf eine konsequent finstere Bergwerksgeschichte gefreut hat, könnte deshalb enttäuscht werden. Die Erzählung besitzt am Ende mehr Wärme, als ihre Ausgangssituation vermuten lässt. Darin liegt durchaus eine besondere Qualität. Nur muss man Kingfisher zugestehen, dass sie ihre Geschichte in eine Richtung führt, die klassische Horrorerwartungen bewusst unterläuft.

🧠 Das Fremde verstehen: Eine Frage der Menschlichkeit

Unter der Oberfläche der Geschichte liegt ein Thema, das weit über ihre überschaubare Handlung hinausreicht. Wie entscheidet ein Mensch, ob etwas gefährlich ist? Gewöhnlich helfen Erfahrung, Instinkt und die Fähigkeit, bekannte Muster wiederzuerkennen. Wer einem Raubtier gegenübersteht, erkennt bestimmte Merkmale. Wer eine Krankheit beobachtet, sucht nach vertrauten Symptomen.

Doch was geschieht, wenn diese Muster vollkommen versagen? Kingfishers Erzählung führt ihre Figuren in eine Situation, in der gewohnte Kategorien immer weniger zuverlässig werden. Fremdheit wird zur Herausforderung für die eigene Wahrnehmung.

Dabei geht es auch um Kommunikation. Verständigung setzt ja nun mal voraus, dass beide Seiten wenigstens teilweise gemeinsame Bezugspunkte besitzen. Fehlen diese, können selbst harmlose Handlungen bedrohlich erscheinen. Das macht die Geschichte interessanter als eine gewöhnliche Erzählung über ein Monster im Berg.

Kingfisher beschäftigt sich letztlich mit der Möglichkeit, die eigenen Vorstellungen vom Leben zu erweitern. Sie lässt Raum für die Erkenntnis, dass etwas vollkommen anders sein kann, ohne deshalb automatisch böse zu sein.

Das ist tatsächlich eine ziemlich schöne Idee. Vielleicht sogar die schönste des gesamten Buches.

⚖️ 208 Seiten: Genau richtig oder ein bisschen zu wenig?

Die Frage nach dem Umfang stellt sich bei T. Kingfishers Alex-Easton-Erzählungen natürlich regelmäßig. Auch dieser Band ist mit 208 Seiten ausgesprochen schlank. Das sorgt für einen angenehmen Lesefluss und verhindert, dass sich die Handlung in endlosen Erklärungen verliert. Gerade am Anfang ist diese Konzentration ein Vorteil.

Die Geschichte funktioniert mit wenigen Figuren und einem klar definierten Schauplatz. Die Spannung entsteht aus der Situation selbst, und jede neue Entdeckung besitzt unmittelbare Bedeutung. Problematischer wird der Umfang, sobald Kingfisher die größeren Ideen hinter ihrem Geheimnis sichtbar macht. Hier eröffnet sie Perspektiven, die weit über die Bergwerksexpedition hinausreichen. Fragen nach fremder Existenz, Verständigung und Verantwortung verlangen eigentlich nach einer ausführlicheren Auseinandersetzung.

Die Novelle streift manche dieser Konsequenzen, ohne sie vollkommen auszuschöpfen. Das ist schade, weil ihre interessantesten Gedanken gerade dort beginnen, wo der eigentliche Schrecken allmählich nachlässt. Kingfisher entscheidet sich für eine kompakte Geschichte und bewahrt damit ihr Tempo. Der Preis dafür ist eine gewisse gedankliche Verkürzung. Unsere Meinung: Eine zusätzliche erzählerische Etappe hätte dem Schluss durchaus gutgetan.

📚 Funktioniert das Abenteuer ohne die ersten beiden Bände?

Grundsätzlich tut es das tatsächlich. Also, ja! Allerdings mit einen dicken Aber. Die Suche nach einem verschwundenen Mann bildet eine eigenständige Handlung. Der Schauplatz ist neu, das zentrale Geheimnis ebenfalls, und die wichtigsten Informationen werden im Verlauf der Geschichte vermittelt. Trotzdem würden wir empfehlen, mit Was die Toten bewegt zu beginnen.

Dafür gibt es einen einfachen Grund: Die Beziehungen zwischen Easton, Angus und Denton gehören zu den größten Stärken des dritten Bandes. Ihre Vertrautheit besitzt eine Geschichte. Hinter manchen Bemerkungen liegen Erfahrungen, die für Neueinsteiger lediglich angedeutet werden. Außerdem gewinnt Eastons Entwicklung durch die vorherigen Begegnungen mit dem Unheimlichen erheblich an Gewicht.

Im ersten Band stand eine eigentümliche Neuinterpretation von Edgar Allan Poes Der Untergang des Hauses Usher im Mittelpunkt. Der zweite Teil, Was die Nacht verschweigt, beschäftigte sich mit anderen Formen übernatürlichen Schreckens und folkloristischen Motiven. Der dritte Band erweitert dieses Spektrum um eine deutlich stärker von spekulativer Fremdheit geprägte Geschichte.

Gerade dieser Wechsel macht die Reihe interessant. Kingfisher wiederholt ihre ursprüngliche Erfolgsformel nur teilweise. Sie lässt die vertrauten Figuren in wechselnden Spielarten des fantastischen Horrors auftreten. Wer die Reihe bereits mag, wird sich über das Wiedersehen freuen. Neueinsteiger finden einen verständlichen Zugang, verpassen allerdings einen wirklich wertvollen Teil ihres besonderen Charmes.

Fantasy Events Banner: Ein dunkler Krieger erhebt seine Fahne vor einem riesigen lodernden Feuer, während Funken in den Nachthimmel steigen
Banner für den Newsletter im Fantasykosmos mit Gandalf, der den Leser nicht vorbeilässt,

📜 Fazit: wenn ein Monster das Beste ist, was einem passieren kann

Was in der Tiefe lauert ist tatsächlich ein eigentümliches kleines Buch. T. Kingfisher beginnt mit einer beinahe klassischen Horrorkonstellation. Ein verschwundener Mann, ein verlassenes Bergwerk, rätselhafte Erscheinungen und eine Gruppe Menschen, die vernünftigerweise besser an der Oberfläche geblieben wäre.

Daraus entsteht zunächst eine ziemlich wirkungsvolle Geschichte über Enge, Dunkelheit und die Angst vor etwas, das sich außerhalb unserer Wahrnehmung bewegt. Besonders Alex Easton macht diese Reise zum Vergnügen. Der trockene Humor, die eigenwillige Mischung aus Tapferkeit und Selbstzweifeln sowie die vertrauten Beziehungen zu Angus und Denton verleihen der Geschichte Persönlichkeit.

Auch die Wahl des Schauplatzes ist ausgezeichnet. Kingfisher begreift, dass ein Bergwerk schon aufgrund seiner tatsächlichen Beschaffenheit erschreckend genug ist. Wenn dort zusätzlich Dinge geschehen, die jeder vernünftigen Erklärung widersprechen, entsteht eine sehr wirkungsvolle Atmosphäre. Die eigentliche Überraschung liegt jedoch in der Entwicklung des Geheimnisses.

Kingfisher beschäftigt sich mit der Vorstellung, dass fremde Existenz nicht zwangsläufig feindliche Existenz bedeuten muss. Damit öffnet sie ihre Gothic-Horror-Erzählung für Ideen, die ebenso gut in einer ungewöhnlichen Science-Fiction-Geschichte funktionieren würden.

Diese Entscheidung besitzt Mut und Originalität. Aber: Sie kostet Spannung.

Die anfängliche Beklemmung verliert nach und nach ihre beherrschende Rolle. Aus der Angst vor dem Unbekannten erwächst zunehmend das Interesse daran, es zu begreifen. Das ist gedanklich reizvoll, doch der Schrecken bleibt auf einem Teil des Weges zurück. Hinzu kommt, dass die Novelle einige ihrer interessantesten Fragen nur anschneidet. Mit etwas mehr erzählerischem Raum hätten die Konsequenzen der Entdeckung deutlich stärker wirken können.

Trotzdem überzeugt die Geschichte durch ihre ungewöhnliche Fantasie, ihre liebenswert eigensinnigen Figuren und einen ausgezeichneten Schauplatz. Vier Sterne passen deshalb hervorragend.

Nee, keine fünf, weil der atmosphärisch starke Beginn mehr Schrecken verspricht, als der weitere Verlauf tatsächlich einlöst, und weil die faszinierenden Ideen hinter dem Geheimnis mehr Raum verdient hätten. Aber eine sehr ordentliche Vier für eine Autorin, die auch im dritten Abenteuer ihrer Reihe noch Überraschungen bereithält.

Und vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Pointe dieser Reise. Manchmal steigt man in die Finsternis hinab und entdeckt dort etwas, das unsere Vorstellung vom Monströsen grundlegend verändert. Für die Bewohner des Bergwerks dürfte das vermutlich längst keine Überraschung mehr sein.


🌟 Bewertung

Varanthis-Skala: ★★★★☆
„Beklemmende Stollen, herrlich trockener Humor und eine überraschend eigenwillige Interpretation kosmischen Horrors. T. Kingfisher beweist, dass das Unbekannte weit mehr sein kann als bloß ein weiterer Grund zum Schreien..“

Buchcover von T. Kingfishers ***Was in der Tiefe lauert***: Eine groteske schwarze Kreatur mit knöchernen Strukturen, roten Gewebepartien und kahlen Ästen vor weißem Hintergrund.

Autorin:

T. Kingfisher

Titel:

Was in der Tiefe lauert

Reihe:

Alex Easton / Sworn Soldier, Band 3

Verlag:

Cross Cult

Übersetzung:

Elena Helfrecht und Aimée de Bruyn Ouboter

Seitenanzahl:

208 Seiten, Hardcover

VÖ-Jahr:

2026

ISBN:

978-3-98666-834-1
Das Symbolbild für Leseproben von aktuellen Fantasy-Romanen.
Leseprobe zu Was in der Tiefe lauert von T. Kingfisher bei Cross Cult
Das Sterneorakel von Elyra sieht in deine Zukunft. DIe Sternengöttin vor blauem Hintergrund.
Schwarzweiße Luxus-Werbeparodie im Stil einer edlen Uhrenkampagne: Ein ernst blickender Ork mit markanten Stoßzähnen und elegantem schwarzen Sakko sitzt in halb seitlicher Pose vor dunklem Hintergrund. Auf seinem Handgelenk trägt er eine metallische Luxus-Uhr. Über dem Bild stehen groß der Markenname „VORGHAN VULTOR“ und darunter „MIMIKRON“. Rechts unten ist die Uhr noch einmal als Produktabbildung zu sehen: ein silbernes Modell mit dunklem Zifferblatt, zahnartigen Stundenmarkierungen und einem unheimlichen Auge im unteren Bereich. Die Szene wirkt auf den ersten Blick hochwertig und seriös, entfaltet aber auf den zweiten Blick ihren absurden Fantasy-Humor.

Mehr Buchempfehlungen für dich?