Susanna Clarke – The Bishop of Durham Attempts to Surrender the City (Rezension)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Susanna Clarke – The Bishop of Durham Attempts to Surrender the City

📚 Kurzfazit
Eine herrlich trockene mittelalterliche Fantasy-Miniatur über einen Bischof, der seine Stadt abgeben möchte und feststellen muss, dass selbst eine Kapitulation kompliziert wird, sobald Feen Politik betreiben.

😒 Was kratzt
96 Seiten bleiben 96 Seiten. Einige Figuren und politische Verwicklungen hätten problemlos einen längeren Text getragen, und wer einen vollwertigen Roman erwartet, wird ziemlich abrupt wieder vor die Tür gesetzt.

✨ Was funktioniert
Clarkes Feen. Sie sind schön, fremd, lächerlich, gefährlich und vollkommen unbeeindruckt von menschlicher Logik. Dazu kommt Ranulf, der diesem Wahnsinn mit der unerschütterlichen Haltung eines Mannes begegnet, der wahrscheinlich schon schlimmere Kirchenversammlungen überstanden hat.

👑 Wer allen die Show stiehlt
Der vierzehnjährige John Uskglass, obwohl er erstaunlich wenig tun muss. Allein die Tatsache, dass praktisch jeder Erwachsene in seiner Umgebung bereits plant, wie man seine Macht benutzen könnte, erzählt erschreckend viel über das Königtum als solches.

🐦 Crowbah meint: Wenn selbst die Bäume gegen dich Krieg führen, ist die Kapitulation möglicherweise vernünftig. Man sollte nur vorher klären, ob der gegnerische König überhaupt Termine vergibt.

Grünes Cover von Susanna Clarkes The Bishop of Durham Attempts to Surrender the City mit einem stilisierten orangefarbenen Baum voller Vögel und großer weißer Titelschrift.

🌳 Susanna Clarke – The Bishop of Durham Attempts to Surrender the City: Kapitulieren wäre so einfach, wären die Feen nur vernünftig

Eine Stadt zu erobern, ist gewöhnlich eine eher militärische Angelegenheit. Man belagert Mauern, kappt Nachschubwege, stellt Leitern auf, wirft Dinge, die beim Auftreffen unangenehme Geräusche verursachen, und wartet darauf, dass irgendwann jemand Hunger bekommt.

Die Feen halten sich an solche Konventionen erwartungsgemäß nicht.

Als ihre Streitmacht im Jahr 1110 über den Norden Englands zieht und Durham erreicht, marschiert keine Armee vor den Toren auf. Stattdessen steht plötzlich ein Wald dort, wo vorher keiner war. Bäume umschließen die Stadt, Wege verändern sich, Flüsse zeigen einen eigenen Willen, und die menschliche Vorstellung, Landschaft sei hauptsächlich dazu da, zwischen zwei Orten herumzuliegen, erweist sich einmal mehr als ziemlich provinziell.

Ranulf Flambard, Bischof von Durham, zieht daraus einen außerordentlich pragmatischen Schluss. Er will kapitulieren. Nur gibt es da ein Problem. Niemand kann ihm zuverlässig sagen, gegenüber wem.

Der neue Herr des Nordens soll ein menschlicher Junge sein, vielleicht vierzehn Jahre alt, von Feen erzogen, ohne menschliche Sprache und bereits umgeben von allerlei Gestalten, die sehr genau wissen, was der König ihrer Ansicht nach wollen sollte.

Sein Name ist John Uskglass. Jahrhunderte später wird man ihn als Raben­könig kennen.

Susanna Clarke braucht gerade einmal 96 Seiten, um aus dieser Konstellation eine kleine politische Farce, ein Feenmärchen, eine Ursprungsgeschichte und eine kluge Meditation über Macht zu bauen. The Bishop of Durham Attempts to Surrender the City wirkt winzig neben Jonathan Strange & Mr Norrell und trotzdem scheint es so, als läge hinter jedem Baum noch ein weiteres Königreich.

Das ist eine sehr spezielle Form literarischer Magie. Und Susanna Clarke beherrscht sie weiterhin wie kaum jemand sonst.


🧭 Worum geht’s eigentlich?

Der Norden Englands hat turbulente Jahrzehnte hinter sich. Normannische Herrschaft, Aufstände, neue Herren und alte Feindschaften haben eine Gegend geschaffen, in der Macht selten lange unangefochten bleibt. Dann erscheint eine Kraft, gegen die Burgen und politische Erfahrung nur bedingt helfen.

Die Fairy Host breitet sich aus.

Durham wird eingeschlossen, allerdings auf eine Weise, die menschliche Belagerungskunst ziemlich alt aussehen lässt. Ein unpassierbarer Wald wächst um die Stadt. Natur wird zur Streitmacht, ohne deshalb aufzuhören, Natur zu sein. Wer versucht, diesem Problem mit einer normalen Landkarte beizukommen, hat bereits verloren.

Ranulf Flambard versteht das schneller als viele andere. Er ist Kirchenmann, Verwalter und vor allem Politiker. Heldentod steht auf seiner Prioritätenliste deutlich unterhalb von Überleben, Einfluss und brauchbaren Vereinbarungen. Also beschließt er, Durham dem neuen Herrscher des Nordens zu übergeben. Dieser Herrscher ist John Uskglass.

Nur weiß zunächst kaum jemand, wo genau er sich befindet, wie man zu ihm gelangt oder wer überhaupt befugt ist, in seinem Namen zu sprechen. Ranulf macht sich deshalb auf den Weg zum New Castle am Tyne. Seine Reise führt durch eine Landschaft, in der vertraute Regeln zunehmend ihre Verbindlichkeit verlieren. Wasser, Wald und Wege besitzen ihre eigene Vorstellung davon, wie eine Reise abzulaufen hat. Am Ziel wartet kein ordentlich organisierter Königshof, sondern ein Geflecht aus Menschen und Feen, die bereits damit beschäftigt sind, den jungen König politisch einzuhegen.

Eine wunderschöne Feenfrau hätte gern die Position der Königin. Ein Mensch erklärt sich praktisch zum unverzichtbaren Mitregenten. Andere Gestalten bewachen den Zugang zum Jungen, und Ranulf merkt schnell, dass die schwierigste Aufgabe gar nicht darin besteht, John Uskglass zu finden. Er muss verhindern, dass alle anderen für ihn sprechen.

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🖋 Stil: Als hätte jemand eine mittelalterliche Chronik mit aller Höflichkeit verzaubert

Susanna Clarkes große Kunst besteht darin, das Unmögliche mit vollkommen geradem Gesicht zu erzählen. Ein Wald marschiert gegen eine Stadt. Ein Fluss verweigert Kooperation. Ein Junge aus der Menschenwelt wird von Feen erzogen und herrscht plötzlich über Nordengland.

Clarke präsentiert all das mit derselben Ruhe, mit der eine historische Chronik vielleicht eine schlechte Ernte oder einen ungewöhnlich langen Winter vermerken würde. Gerade dadurch entsteht ihr charakteristischer Humor. Die Pointe wird selten angekündigt; sie liegt bereits im Satz.

Ranulf funktioniert innerhalb dieser Sprache hervorragend. Er betrachtet selbst die absurdesten Situationen weiterhin als politisches Problem, für das irgendwo eine vernünftige Verfahrensweise existieren müsste. Wenn sich die Welt nicht daran hält, reagiert er weniger mit metaphysischem Entsetzen als mit der zunehmenden Gereiztheit eines erfahrenen Verwaltungsbeamten.

Das ist umwerfend komisch. Gleichzeitig besitzt Clarkes Prosa jene seltsame Transparenz, durch die ihre Welt immer größer wirkt als das Erzählte. Hinter einer kurzen Beschreibung steckt Geschichte. Eine Figur erscheint für wenige Seiten und vermittelt trotzdem das Gefühl, seit Jahrhunderten eigene Probleme zu besitzen.

Ihre Feenwelt wird dadurch nie vollständig erklärbar. Und genau darin liegt ihre Stärke.

👥 Figuren

Ranulf Flambard

Ranulf ist eine herrliche Hauptfigur, weil er so vollkommen ungeeignet für romantisches Heldentum wirkt. Er will keine Prophezeiung erfüllen. Er sucht kein magisches Schwert. Er möchte Durham möglichst heil aus einer Situation herausbekommen, in der seine militärischen Möglichkeiten ungefähr bei „darauf hoffen, dass der Wald irgendwann schlechte Laune bekommt und nach Hause geht“ enden.

Dabei ist Ranulf keineswegs selbstlos. Er denkt politisch. Er kennt Macht, Ämter und persönliche Vorteile. Wenn Frieden für Durham gleichzeitig seine eigene Position verbessern könnte, sieht er darin keinen moralischen Widerspruch, der ihn lange vom Schlafen abhalten würde. Gerade diese Mischung macht ihn sympathisch.

Er ist klug genug, um die Realität anzuerkennen, und eitel genug, um trotzdem nach einem guten Platz innerhalb der neuen Ordnung zu suchen. Clarke braucht keine inneren Monologe über seine Seele. Seine Entscheidungen erklären ihn vollkommen ausreichend. Ranulf ist ein Mann, der schon mehreren Königen gedient hat. Ein weiterer dürfte sich ebenfalls irgendwie organisieren lassen. Selbst wenn dieser kaum spricht und von unzuverlässigen Feen erzogen wurde.

John Uskglass

Der spätere Raben­könig ist hier noch weit entfernt von jener beinahe mythischen Gestalt, deren Schatten über Jonathan Strange & Mr Norrell liegt. Er ist ungefähr vierzehn, menschlich geboren, von Feen aufgezogen und kulturell zwischen Welten gefangen. Die Menschen betrachten ihn als König, obwohl ihre Sprache, gesellschaftlichen Regeln und politischen Rituale für ihn kaum selbstverständlich sind.

Das erzeugt eine faszinierende Situation, denn John besitzt enorme Macht. Gleichzeitig sind ständig Erwachsene um ihn herum, die überzeugt sind, diese Macht interpretieren zu dürfen. Wer ihm Zugang gewährt, kontrolliert Information. Wer behauptet, seine Absichten zu kennen, gewinnt Einfluss. Und wem es gelingt, sich in seine Nähe zu bringen, der kann versuchen, aus einem schweigenden König ein politisches Werkzeug zu machen.

Dadurch bekommt der Raben­könig bereits als Jugendlicher etwas Einsames. Seine Position ist außergewöhnlich, seine Möglichkeiten sind riesig, doch fast jede Person, die sich ihm nähert, bringt eigene Interessen mit. Clarke erklärt auf wenigen Seiten sehr überzeugend, warum aus diesem Jungen später eine Figur werden kann, die den Menschen ebenso fern bleibt wie den Feen.

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Die Möchtegern-Königin

Eine besonders schöne Rolle spielt jene Feenfigur, die gern Königin wäre. Sie verkörpert genau jene Mischung aus Schönheit und Gefahr, die Clarkes Feen so gut macht. Menschliche Kategorien helfen bei ihr nur begrenzt. Höflichkeit kann ehrlich gemeint sein und trotzdem lebensgefährlich werden.

Ihre Ambition zeigt außerdem, wie schnell sich selbst eine völlig neue Herrschaftsordnung mit sehr alten Problemen füllt. Kaum gibt es einen König, beginnt bereits das Gerangel um seinen Thron. Dafür brauchen Menschen und Feen offenbar keinerlei gemeinsame Kultur.

Die übrigen Machtmenschen

Auch die menschlichen Politiker sind nicht besser. John Uskglass ist jung, fremd und schwer erreichbar. Für ehrgeizige Erwachsene sieht so etwas schnell wie Gelegenheit aus. Clarke macht daraus keine große Intrigenhandlung mit zwanzig Fraktionen. Sie benötigt nur wenige Gesten, Behauptungen und Gespräche, um das Muster sichtbar zu machen.

Wer einen Herrscher kontrollieren möchte, muss nicht zwingend seine Krone besitzen. Manchmal reicht es, als Einziger behaupten zu können, er wisse, was er gerade meint.

⏳ Tempo

Nein, natürlich kann ein Buch dieser Kürze kaum ernsthaft trödeln. Trotzdem nimmt Clarke sich überraschend viel Zeit für Atmosphäre. Ranulfs Reise, Wetter, Landschaft und die absurden Hindernisse seiner Mission bekommen Raum, ohne dass die Geschichte aufgebläht wirkt.

Gerade das ist bemerkenswert. 96 Seiten können gehetzt wirken. Diese hier tun es nicht. Clarke erzählt klein, aber mit Ruhe. Die Geschichte endet allerdings genau dann, wenn man gerade vollkommen wieder in dieser Welt angekommen ist.

Das ist charmant. Und es ist auch ein kleines bisschen gemein.

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👑 Ein König, der kaum spricht – und alle wollen für ihn sprechen

Hier steckt für uns der klügste Gedanke der Erzählung. Macht besteht nicht ausschließlich darin, Entscheidungen treffen zu dürfen. Macht liegt auch darin, Entscheidungen zu deuten. John Uskglass besitzt nominell ungeheure Autorität. Gleichzeitig kennt er die menschlichen politischen Codes kaum und kann seine Absichten nicht einfach in der Sprache seiner Untertanen erklären.

Damit entsteht sofort ein Markt für Vermittler. Menschen erklären, was der König möchte. Feen erklären, was der König braucht. Und viele andere erklären, wer überhaupt mit ihm sprechen darf. Jeder Vermittler gewinnt dadurch einen Teil der Macht, die angeblich vollständig beim König liegt. Ranulf erkennt dieses Spiel sehr schnell, weil er selbst Politiker ist. Seine Stärke besteht darin, dass er den Mechanismus versteht und trotzdem nach einem Weg sucht, tatsächlich zum Jungen vorzudringen.

Auf einmal erzählt dieses kleine Feenmärchen ziemlich viel über Regierungen, Höfe und Machtapparate. Das Ganze funktioniert sogar vollkommen ohne Sitzungssaal. Ein Turmzimmer reicht.

🌳 Wenn die Landschaft ihre Neutralität aufkündigt

Noch schöner ist Clarkes Umgang mit Natur. Der Wald um Durham ist keine bloße magische Barriere. Er verändert die gesamte Vorstellung davon, was in einem politischen Konflikt überhaupt Akteur sein kann.

Menschen haben Burgen.

Menschen befehligen Soldaten.

Menschen kontrollieren Straßen.

Dann kommen die Feen, und plötzlich besitzt der Wald eine Meinung. Damit verschiebt Clarke das Kräfteverhältnis fundamental. Die Menschen können ihre üblichen Machtmittel nur einsetzen, solange die Welt um sie herum dieselben Regeln akzeptiert. Tut sie das nicht mehr, wird aus einer Burg schnell ein besonders hübsches Gefängnis.

Auch auf Ranulfs Reise bleibt die Landschaft eigenwillig. Flüsse und Wege verhalten sich nicht wie passive Geografie. Sie gehören zu einer Welt, in der menschliche Erwartungen lediglich eine mögliche Ordnung unter mehreren darstellen. Das gibt der Geschichte ihr starkes Märchengefühl. Die Natur muss niemanden angreifen. Es reicht, wenn sie aufhört, hilfreich zu sein.

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🧚 Clarkes Feen sind wieder genau richtig falsch

Man kennt das ja mittlerweile: Viele moderne Fantasygeschichten haben Feen inzwischen in ein ziemlich vorhersehbares Schema gedrückt.

Schöne Menschen.
Spitze Ohren.
Ein bisschen gefährlicher Sex.
Irgendetwas mit Höfen.

Susanna Clarke spielt in einer völlig anderen Liga. Ihre Feen besitzen Logik, aber sie muss nicht unserer entsprechen. Sie können höflich, großzügig und faszinierend sein, während gleichzeitig die ganze Situation deutlich macht, dass menschliche Maßstäbe für sie nur begrenzt relevant sind. Dadurch entsteht echte Fremdheit.

Man weiß nie vollkommen, ob etwas freundlich gemeint ist, ob dieselbe Geste nach Feenmaßstäben etwas anderes bedeutet oder ob gerade ein Vertrag entsteht, dessen Bedingungen niemand laut ausgesprochen hat.

Diese Unsicherheit verleiht der Geschichte ihre Magie. Clarke erklärt das Feenreich nicht kaputt. Sie lässt genug davon im Nebel.

🏰 Geschichte wird zum Märchen – und das Märchen wirkt plötzlich historisch

Clarke baut reale mittelalterliche Geschichte in ihre fantastische Chronik ein, bis irgendwann kaum noch sichtbar ist, wo die Naht liegt.

Ranulf Flambard ist historische Figur. Durham ist real. Normannische Herrschaft und die politischen Spannungen Nordenglands sind ebemfalls real.

Dann stellt Clarke einen Feenwald vor die Stadt und tut erzählerisch so, als wäre lediglich ein weiteres Detail aus den Chroniken hinzugekommen. Das ist eine ihrer schönsten Fähigkeiten.

Fantasy liegt hier nicht wie eine zusätzliche Schicht auf Geschichte. Sie sitzt mitten darin und verändert rückwirkend, wie man die historischen Ereignisse betrachtet.

Vielleicht verlief Geschichte eben so. Vielleicht haben spätere Chronisten den Wald ja einfach nur vergessen. Bereits nach einigen Seiten klingt diese Möglichkeit erstaunlich vernünftig.

🐦 Vögel, Bäume und Victoria Sawdons Bilder

Die Gestaltung gehört unbedingt zur Wirkung dieses Bandes. Victoria Sawdons Illustrationen orientieren sich an mittelalterlichen Bildwelten und geben dem Buch etwas von einer kleinen illuminierten Handschrift. Vögel, Bäume, Ornamente und Figuren wirken, als könnten sie aus einer Chronik stammen, deren Schreiber irgendwann beschlossen hat, beim historischen Teil ein wenig großzügiger mit der Wahrheit umzugehen.

Das passt perfekt zu Clarke. Bild und Text erzählen dasselbe Spiel: historische Form trifft fantastische Möglichkeit. Gerade bei einem so kurzen Buch ist das wichtig. Die Illustrationen schaffen zusätzlichen Raum und machen aus der Erzählung stärker ein Objekt, das man betrachtet, blättert und wieder hervorholt.

Damit rechtfertigt sich auch eher, weshalb Bloomsbury aus einer kurzen Geschichte einen eigenen Hardcoverband macht. Man kauft hier tatsächlich nicht nur Wörter, sondern ein kleines Buchkunstwerk.

📜 Childish Things: Warum Fantasy ihr Geheimnis behalten muss

Das Nachwort „Childish Things“ gehört für uns wesentlich stärker zum Buch, als das Wort „Nachwort“ vermuten lässt. Clarke beschäftigt sich darin mit Fantasy, Kindheitslektüre, Landschaft und jener schwer erklärbaren Wirkung, die fantastische Geschichten entfalten können, wenn sie nicht jedes Geheimnis ausleuchten.

Das passt hervorragend zur eigentlichen Erzählung. John Uskglass funktioniert gerade deshalb, weil wir ihn nicht vollständig besitzen. Die Feen funktionieren, weil ihre Welt größer bleibt als unsere Erklärungen. Der Wald bleibt plausibel, weil niemand einen praktischen Magieplan präsentiert, der exakt erläutert, welcher Zauber jeden Baum bewegt.

Fantasy verliert etwas, sobald alles berechenbar wird. Clarke erinnert daran, dass eine gute fantastische Welt am Horizont noch weitergehen sollte, auch wenn das Buch dort endet. Dieses kleine Werk demonstriert genau das.

Nach 96 Seiten hat man keineswegs das Gefühl, eine kleine Welt erlebt zu haben. Man hat nur einen kleinen Ausschnitt gesehen.

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📏 96 Seiten: Kleinod oder sehr teure Fußnote?

Hier müssen wir trotzdem kritisch bleiben.

Die Geschichte ist kurz. Sie ist wirklich sehr kurz.

Ein großer Teil der 96 Seiten besteht zudem aus Illustrationen und dem Nachwort. Wer nach Piranesi oder Jonathan Strange & Mr Norrell einen neuen vollwertigen Clarke-Roman erwartet, wird ziemlich schnell wieder auf der letzten Seite stehen.

Die Frage lautet deshalb, ob die Geschichte genug eigenes Gewicht besitzt.

Für uns: ja. Mhm, aber eben nur knapp.

Ranulf trägt die Handlung. John Uskglass besitzt enorme Präsenz. Die politischen Ideen funktionieren, und Clarkes Sprache macht selbst kleine Szenen reizvoll. Trotzdem gibt es Figuren und Konflikte, aus denen problemlos deutlich mehr hätte entstehen können.

Gerade die Hofintrige um den jungen König hätte ich gern länger verfolgt. Seine schwierige Position zwischen menschlicher und feenhafter Welt besitzt genug Stoff für ein ganzes Buch.

Clarke entscheidet sich bewusst für die Miniatur. Das muss man akzeptieren.

Es verhindert allerdings dann auch die Höchstwertung.

🚪 Funktioniert das Ganze ohne Jonathan Strange & Mr Norrell?

Ja, das tut es fraglos.

Die unmittelbare Geschichte ist vollkommen verständlich. Ein Bischof will seine Stadt übergeben, sucht einen jungen König und muss sich durch eine politisch und magisch bizarre Umgebung bewegen. Dafür braucht niemand Vorwissen aus einem tausendseitigen Roman.

Die Wirkung verändert sich allerdings erheblich, wenn man weiß, wer John Uskglass einmal sein wird. Dann bekommt jeder Blick auf diesen stillen Vierzehnjährigen zusätzliches Gewicht. Man sieht keinen beliebigen jungen Herrscher, sondern eine der großen mythologischen Gestalten dieser Welt, bevor die Geschichte sie vollständig verschluckt hat.

Das macht die Erzählung für Clarke-Leser reicher. Für Neueinsteiger bleibt sie ein schönes, seltsames Märchen.

Und beides funktioniert.

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📜 Fazit: Manchmal reichen 96 Seiten, wenn hinter jedem Satz noch ein Königreich liegt

The Bishop of Durham Attempts to Surrender the City ist keine monumentale Rückkehr in die Welt von Jonathan Strange & Mr Norrell. Es ist etwas Kleineres, doch gerade darin liegt sein Reiz.

Susanna Clarke nimmt einen historischen Bischof, einen störrischen Wald, einen vierzehnjährigen Raben­könig und eine Handvoll politischer Opportunisten und baut daraus eine Erzählung, die gleichzeitig mittelalterliche Chronik, Feenmärchen und politische Komödie sein kann.

Ranulf Flambard ist dafür die perfekte Figur. Er besitzt genug Pragmatismus, um die Magie nicht permanent bestaunen zu müssen, und genug Ehrgeiz, um selbst in einer aussichtslosen Kapitulation noch nach einer brauchbaren Karriereoption zu suchen.

Noch spannender ist der junge John Uskglass. Clarke zeigt ihn vor dem Mythos. Bevor Jahrhunderte aus ihm den Raben­könig machen, ist er ein menschlicher Junge mit Feenerziehung, zwischen Kulturen gefangen und bereits von Erwachsenen umgeben, die seine Macht interpretieren möchten.

Damit steckt in dieser kleinen Geschichte erstaunlich viel.

Wie entsteht Herrschaft? Wer spricht für einen Herrscher? Was passiert, wenn eine politische Ordnung auf eine Welt trifft, deren Landschaft selbst Partei ergreifen kann? Und wie viel Geheimnis braucht Fantasy, damit sie größer wirkt als ihre Seitenzahl?

Clarke findet darauf keine sauber nummerierten Antworten. Zum Glückbehält Ihre Welt den nötigen Nebel. Ihre Feen bleiben fremd. Der Raben­könig ist teilweise unerreichbar. Und Durham möchte eigentlich immer noch nur kapitulieren.

Die einzige wirkliche Schwäche liegt deshalb fast zwangsläufig in der Form: Man hätte gern mehr. Die Geschichte trägt, doch sie besitzt genug Figuren und Ideen, um problemlos größer zu werden. Als eigenständiger Band bleibt sie deshalb etwas zwischen Erzählung, Kunstobjekt und luxuriösem Stück Weltgeschichte.

Vier Sterne passen darum nach unserer Meinung hervorragend.

Keine fünf, weil das emotionale und erzählerische Gewicht dafür zu klein bleibt.

Aber eine sehr schöne Vier, die zeigt, dass große Fantasy keine 900 Seiten braucht.

Manchmal reichen 96 davon. Man braucht nur eine Autorin, die weiß, was sie zwischen den Zeilen verstecken muss.


🌟 Bewertung

Varanthis-Skala: ★★★★☆
„Eine wunderschöne, trockene und herrlich fremdartige Fantasy-Miniatur über Macht, Feen und den jungen Raben­könig. Klein im Umfang, erstaunlich groß in ihrer Welt.“

Grünes Cover von Susanna Clarkes The Bishop of Durham Attempts to Surrender the City mit einem stilisierten orangefarbenen Baum voller Vögel und großer weißer Titelschrift.

Autorin:

Susanna Clarke

Titel:

The Bishop of Durham Attempts to Surrender the City

Illustrationen:

Victoria Sawdon

Verlag:

Bloomsbury Publishing

Übersetzung:

Englische Originalausgabe

Seitenanzahl:

96 Seiten, Hardcover

VÖ-Jahr:

2026

ISBN:

978-1-0372-0390-9

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Leseprobe zu The Bishop of Durham Attempts to Surrender the City von Susanna Clarke bei Bloomsbury Publishing
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