Stephen King & Peter Straub – Andere als diese Welten (Rezension)
🧐 Im Fantasykosmos suchen

Stephen King & Peter Straub – Andere als diese Welten
📚 Kurzfazit
Mit Andere als diese Welten bekommen wir einen melancholischen, blutigen und ausgesprochen King-typischer Abschluss von Jack Sawyers Geschichte. Der Roman verbindet Serienkiller, Mittwelt, alten Horror und die Verluste eines gealterten Helden zu einer letzten großen Reise, die ihre 848 Seiten allerdings keineswegs immer vollständig rechtfertigt.
😒 Was kratzt
King wiederholt Zusammenhänge, erklärt manches mehrfach und gönnt seiner Reise streckenweise sehr viel Landschaft. Dazu werden einige spannende Figuren und Ideen weniger tief ausgearbeitet, als ihre Einführung zunächst erwarten lässt.
✨ Was funktioniert
Jack Sawyer. Aus dem Abenteuerkind ist ein müder Mann geworden, der immer noch handelt, obwohl er inzwischen sehr genau weiß, was jedes neue Abenteuer kosten kann.
🗼 Was überrascht: Die Verbindung zum Dunklen Turm ist erheblich stärker als beiläufige Fanbedienung. Mittwelt, Ka-Tet und die Mythologie des Turms gehören zum tragenden Gerüst des Romans.
🐦 Crowbah meint: Wenn du mit zwölf schon mehrere Welten retten musstest und sie dich mit siebenundfünfzig wieder anrufen, solltest du vielleicht endlich deine Telefonnummer wechseln.

🌹 Stephen King & Peter Straub – Andere als diese Welten: Der Junge ist alt geworden, die Welten sterben noch immer
Jack Sawyer ist siebenundfünfzig Jahre alt. Mehr als vier Jahrzehnte sind vergangen, seit jener zwölfjährige Junge zum ersten Mal die Grenze zwischen den Welten überschritt, um seine todkranke Mutter zu retten. Die Territorien existieren noch, aus alten Gefährten sind Erinnerungen geworden, und aus dem Abenteuer eines Kindes ist längst etwas entstanden, das andere Leute Legende nennen könnten. Jack selbst hat dafür wenig Verwendung.
Er hat Menschen verloren, eine Ehe geführt, seine Frau begraben und gelernt, dass selbst ein Mann, der durch andere Welten reisen kann, dem gewöhnlichsten aller menschlichen Gegner ausgeliefert bleibt: der Zeit. Dann beginnt auf unserer Seite eine neue Mordserie, in Mittwelt entsteht daraus etwas wesentlich Größeres, und plötzlich führt Jacks Weg erneut durch jene Wirklichkeiten, von denen Stephen King und Peter Straub erstmals 1984 in Der Talisman erzählten.
Zweiundvierzig Jahre später ist die Geschichte tatsächlich weitergegangen.
Peter Straub erlebt diesen Abschluss nicht mehr. Nach seinem Tod 2022 griff King auf ältere gemeinsame Ideen und Straubs hinterlassene Gedanken für einen dritten Band zurück und schrieb Andere als diese Welten allein zu Ende. Dadurch liegt über dem Roman von Beginn an etwas, das keine kosmische Bedrohung erzeugen könnte: das Bewusstsein, dass hier ein Autor einen gemeinsamen Weg ohne seinen alten Freund beenden muss. Das merkt man.
Und darum funktioniert dieser riesige, manchmal deutlich zu ausführliche, gelegentlich nostalgieverliebte Roman am Ende besser, als die Summe seiner Schwächen vermuten lässt.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Jack Sawyer lebt inzwischen überwiegend jenseits unserer Welt. Die Ereignisse aus Das schwarze Haus haben Spuren hinterlassen, und längere Aufenthalte auf unserer Seite sind für ihn gefährlich geworden. Die Territorien, die er einst als Junge durchquerte, haben sich zugleich immer deutlicher als Teil jener größeren Wirklichkeit erwiesen, die King-Leser als Mittwelt kennen.
Auch Jacks persönliches Leben ist weitergegangen. Seine Frau Sophie ist gestorben, und aus dem Jungen, dessen Geschichte einmal von der verzweifelten Suche nach Rettung geprägt war, ist ein Mann geworden, der längst mehr Tote als Hoffnungen mit sich trägt.
Dann tauchen Roy Kinneston und Tara Lynne Speckhoffer auf. Das junge Paar zieht mordend durch die Vereinigten Staaten und erinnert bewusst an die reale Verbrechensserie von Charles Starkweather und Caril Ann Fugate. Ihre Gewalt bleibt jedoch nicht an unsere Wirklichkeit gebunden. Sie schlägt Wellen bis nach Mittwelt, wo eine immer fanatischer werdende Bewegung entsteht und besonders junge Menschen in ihren Bann zieht.
Rote Haare werden zum Erkennungszeichen. Mord wird zum Mythos. Aus zwei Killern entwickelt sich etwas, das über deren ursprüngliche Taten weit hinauswächst. Im Hintergrund erhebt sich gleichzeitig eine ältere und gefährlichere Macht. Der geheimnisvolle Gullet bedroht zunehmend die Grenzen zwischen den Welten und zwingt Jack, erneut Menschen um sich zu sammeln.
Ein neues Ka-Tet entsteht. Damit wird aus einem Serienkillerroman allmählich eine Reisegeschichte, aus dieser wiederum Dark Fantasy und schließlich eine kosmische Auseinandersetzung, bei der es um erheblich mehr geht als einen weiteren Mordfall. King wäre schließlich nicht King, wenn das Problem am Ende dort bliebe, wo es angefangen hat.
🖋 Stil: King macht King – und diesmal trägt er einen schweren Rucksack
Stephen King schreibt hier mit jener mühelosen Erzählerstimme, die selbst dann funktioniert, wenn der Mann sich viel zu viel Zeit nimmt. Er kann einen Raum, eine Nebenfigur oder irgendeine amerikanische Kleinstadt innerhalb weniger Absätze so konkret machen, dass sie bereits länger zu existieren scheint als der Leser.
Diese Fähigkeit rettet Andere als diese Welten regelmäßig über seine Längen. Denn das Buch ist lang. 848 Seiten sind bei King zwar kein Naturereignis mehr, doch diesmal spürt man die Strecke deutlich. Wege werden ausführlich zurückgelegt, Zusammenhänge mehrfach erklärt, Erinnerungen erneut aufgerufen und Gespräche gelegentlich länger geführt, als ihre eigentliche Information benötigt.
Das ist klassische King-Komfortzone. Wer seine großen Romane liebt, wird darin oft gern wohnen. Wer erzählerische Verdichtung erwartet, entdeckt gelegentlich mehrere Zimmer, die man auch hätte abschließen können.
Besonders auffällig wird das bei der wiederholten Erklärung der Verbindung zwischen Territorien und Mittwelt. King möchte offenbar auch Leser mitnehmen, die den Dunklen Turm kaum kennen. Dadurch erläutert er Dinge, die für langjährige Leser irgendwann längst angekommen sind. Die Gegenleistung besteht aus Atmosphäre.
Wenn King durch Mittwelt zieht, alte Geschichten berührt oder Jack auf Dinge stoßen lässt, die mit seiner Vergangenheit verbunden sind, entsteht diese schwer nachzuahmende Mischung aus amerikanischer Alltagssprache und mythologischer Größe, die seine großen Welten seit Jahrzehnten zusammenhält.
👥 Figuren
Jack Sawyer
Der ältere Jack Sawyer ist der Grund, weshalb dieser Roman emotional funktioniert. Mit zwölf Jahren bestand sein Leben aus Bewegung. Er musste los, weil seine Mutter sterben würde. Die Welt war riesig, gefährlich und voller unbekannter Möglichkeiten. Selbst Angst enthielt damals noch etwas Abenteuer.
Der Jack dieses Romans kennt den Preis inzwischen. Er hat gesehen, was aus Menschen wird. Er kennt Verlust, Einsamkeit und die Tatsache, dass Siege selten alles reparieren. Gerade deshalb besitzt seine erneute Reise mehr Gewicht als ein weiteres nostalgisches Abenteuer mit derselben Figur.
King schreibt ihn nicht als müden alten Actionhelden, der gelegentlich über Rückenschmerzen scherzt. Jack ist siebenundfünfzig und damit immer noch handlungsfähig, doch seine Perspektive hat sich vollständig verändert.
Er fragt häufiger nach Konsequenzen. Er erinnert sich. Und er vergleicht. Hinter vielen Entscheidungen liegt das Wissen, dass manche Menschen nach diesem Abenteuer nicht mehr zurückkommen werden. Das macht ihn erheblich interessanter als eine jüngere Version desselben Helden.
Roy Kinneston und Tara Lynne Speckhoffer
Roy und Tara sind eine faszinierende Idee, deren Ausarbeitung uns allerdings etwas unbefriedigt zurücklässt. King nimmt ein reales amerikanisches Verbrechensmuster als Ausgangspunkt und überträgt dessen morbide Faszination auf mehrere Welten. Die beiden werden dadurch weniger zu gewöhnlichen Serienkillern und mehr zu Projektionsflächen, aus denen andere Menschen eine Bewegung bauen.
Genau darin steckt Potenzial. Warum folgen junge Menschen solchen Figuren? Wann wird Gewalt zur Pose? Wann verwandelt sich ein Mörder in ein Symbol, das mit dem tatsächlichen Menschen kaum noch etwas zu tun hat?
Der Roman berührt diese Fragen, könnte ihnen jedoch mehr Raum geben. Gerade weil die Bewegung später enorme Bedeutung gewinnt, hätte man gern tiefer verstanden, weshalb Roy und Tara diese Anziehungskraft entwickeln. Sie sind wirkungsvoll. Ihre Idee ist allerdings noch wirkungsvoller. Und genau deshalb hätte man mehr davon gewollt.
Das neue Ka-Tet
Jack bleibt nicht allein. Wie so oft in Kings großer Mythologie entsteht Gemeinschaft aus Menschen, die zunächst aus völlig unterschiedlichen Gründen unterwegs sind. Daraus formt sich langsam etwas, das in Mittwelt einen eigenen Namen trägt: Ka-Tet, eine durch Schicksal und gemeinsame Aufgabe verbundene Gruppe.
Das funktioniert grundsätzlich gut. King ist seit Jahrzehnten hervorragend darin, Menschen auf Reisen zusammenzuschweißen. Kleine Gespräche, geteiltes Essen, Angst und gegenseitige Hilfe erzeugen Bindung häufig überzeugender als große Freundschaftserklärungen.
Der Vergleich mit Rolands legendärem Ka-Tet steht trotzdem unausweichlich im Raum. Und da verliert die neue Gruppe. Nicht, weil ihre Figuren schlecht wären. Ihnen fehlt schlicht die enorme gemeinsame Strecke, auf der Eddie, Susannah, Jake und Oy zu etwas wurden, das weit über eine Abenteurergruppe hinausging.
King selbst ruft den Begriff auf. Dann muss er den Vergleich auch aushalten.
🗼 Die Territorien waren immer Mittwelt
Hier macht der Roman endgültig Schluss mit jeder halbherzigen Trennung. Die Territorien aus Der Talisman und die Welt des Dunklen Turms gehören zusammen. Jack bewegt sich durch Mittwelt, begegnet ihrer Geschichte und lebt in einer Zeit, in der Roland Deschain und sein Ka-Tet längst selbst Legenden geworden sind.
Das funktioniert erstaunlich gut. King hat seine großen Geschichten ohnehin seit Jahrzehnten miteinander verbunden. Hier wirkt diese Verbindung weniger wie ein Easter Egg und stärker wie die längst fällige Zusammenführung zweier Welten, die immer dieselbe mythologische DNA besaßen. Darin steckt außerdem ein schöner Spiegel.
Jack war selbst einmal ein Junge auf einer großen Reise. Nun bewegt er sich durch eine Welt, in der ein anderer großer Reisender bereits Geschichte geworden ist. Damit bekommt Andere als diese Welten etwas wunderbar Herbstliches. Überall liegen die Spuren von Menschen, die früher hier waren. Manche kennt Jack. Andere kennen wir.
🌹 Der Junge ist alt geworden
Das ist für uns das eigentliche Thema des Romans. Kings Horror beginnt diesmal nicht beim Gullet; er beginnt mit der Zeit. Jack Sawyer kann durch Welten gehen, doch er kann nicht zurück in sein zwölftes Lebensjahr. Menschen, die damals existierten, fehlen inzwischen. Beziehungen haben begonnen und geendet. Erinnerungen werden wichtiger, weil immer weniger Menschen übrig sind, die sie teilen.
Das bekommt durch die Entstehungsgeschichte zusätzliche Schwere. Peter Straub fehlt. King schreibt einen gemeinsamen Helden weiter, dessen Geschichte beide Autoren begonnen haben. So entsteht fast zwangsläufig ein Roman über das Weitergehen nach Verlust.
Man muss diese Ebene nicht kennen, um Jacks Geschichte zu verstehen. Man spürt sie trotzdem. Besonders in den ruhigeren Passagen liegt eine Melancholie, die der junge King kaum auf dieselbe Weise hätte schreiben können. Das ist ein Roman von jemandem, der inzwischen selbst weiß, wie es aussieht, wenn die eigene Generation langsam Lücken bekommt.
Und plötzlich wirken die 42 Jahre zwischen Der Talisman und diesem Abschluss nicht wie eine absurde Veröffentlichungspause. Sie werden Teil des Stoffes.
🩸 Der Horror kommt trotzdem nicht zu kurz
Wer jetzt eine rein melancholische Altersreise erwartet, unterschätzt King. Andere als diese Welten kann ausgesprochen hässlich werden. Die Mordserie um Roy und Tara liefert einen realweltlichen Gewaltkern, während die Ereignisse in Mittwelt zunehmend in religiösen Fanatismus, Körperhorror und kosmische Bedrohung kippen.
Gerade der Kontrast funktioniert: Jack ist älter geworden. Der Horror nicht. Menschen werden weiterhin grausam. Gruppen radikalisieren sich. Gewalt verwandelt sich in Mythos, und irgendwo hinter allem wartet eine Macht, die menschliche Brutalität mühelos überragt.
King verbindet dabei Kriminalroman und Fantasy-Horror wesentlich enger, als die große Reisehandlung zunächst vermuten lässt. Das Buch bleibt definitiv blutig.
Und es erinnert gelegentlich daran, dass der Mann, der Mittwelt erfunden hat, immer noch derselbe Autor ist, der sehr genau weiß, was er mit einem menschlichen Körper alles anstellen kann.
🧠 Wenn Mörder zu Ikonen werden
Die Bewegung um Roy und Tara gehört thematisch zu den spannendsten Ideen des Romans. Die beiden beginnen als Täter. Dann wird aus ihrer Gewalt ein Bild. Andere Menschen übernehmen dieses Bild, verändern ihr Äußeres und finden in Brutalität eine Form von Zugehörigkeit. Das ursprüngliche Verbrechen bekommt dadurch ein Eigenleben.
King arbeitet hier mit einem alten amerikanischen Phänomen: der morbiden Faszination für Killer und der kulturellen Verwandlung realer Täter in Figuren, die irgendwann größer werden als ihre Opfer.
In Mittwelt bekommt dieser Mechanismus zusätzlich eine fantastische Dimension.
Mord wird zur Erzählung.
Erzählung wird Identität.
Identität wird Bewegung.
Das hätte der Roman noch tiefer treiben können. Die Idee bleibt trotzdem stark genug, um weit über einen gewöhnlichen Serienkillerplot hinauszugehen.
🚪 Der Gullet und das Problem kosmischer Bedrohungen
Mit dem Gullet wächst die Geschichte irgendwann über ihre menschlichen Täter hinaus. Das gehört zu Kings großer Mythologie. Hinter persönlichem Bösen lauert häufig etwas Älteres, Größeres und wesentlich weniger an menschlicher Psychologie interessiert.
Hier funktioniert das teilweise sehr gut. Der Gullet gibt der Reise eine Dimension, die Jack wieder in jene Größenordnung zwingt, die man von Mittwelt erwartet. Gleichzeitig nimmt jede kosmische Eskalation ein wenig Aufmerksamkeit von der sehr greifbaren Bedrohung durch Roy, Tara und ihre Anhänger.
Dieses Problem kennt große Fantasy nur zu gut. Ein mordendes Paar ist konkret. Eine universale Bedrohung ist gewaltig. Größe erzeugt jedoch nicht automatisch mehr Angst. King bekommt beides meistens zusammen. Ganz auf derselben emotionalen Ebene liegen die beiden Gefahren trotzdem nicht.
🛤️ Der Weg ist lang – manchmal zu lang
Hier liegt die größte Schwäche des Romans. King liebt Reisen. Und er liebt Zwischenstationen. Er liebt zudem all die Menschen, denen seine Figuren unterwegs begegnen, und Geschichten, die eigentlich niemand dringend erzählen müsste, die aber interessant genug sind, dass er sie trotzdem erzählt.
In Andere als diese Welten bekommt dieser Instinkt sehr viel Platz. Das passt grundsätzlich zum gealterten Jack und zur melancholischen Atmosphäre. Eine letzte große Reise darf Umwege besitzen. Erinnerungen entstehen schließlich selten entlang der effizientesten Route.
Trotzdem verliert der Roman mehrfach Dringlichkeit. Eine Bedrohung kann weltumspannend sein, doch wenn Figuren lange unterwegs sind, diskutieren und Zusammenhänge erneut erklären, fühlt sich der Weltuntergang gelegentlich erstaunlich geduldig an.
Da hätte der Text Straffung gut vertragen. Ein paar Passagen weniger hätten der Melancholie nichts genommen und der Spannung einiges gegeben.
📚 848 Seiten: Epos oder King-Komfortzone?
Beides. Es gibt Material für einen großen Roman.
Jack braucht Raum.
Das neue Ka-Tet braucht Raum.
Mittwelt braucht Raum.
Und ein Abschluss, der 42 Jahre nach seinem ersten Band erscheint, darf sich Zeit für Erinnerungen nehmen, jedoch benötigt nicht jede Wiederholung denselben Raum.
King erklärt mehrfach Dinge, die längst klar sind, kehrt zu bekannten Zusammenhängen zurück und berichtet einige wichtige Entwicklungen indirekter, als deren Bedeutung erwarten lässt. Das ist besonders schade, weil andere Passagen zeigen, wie stark der Roman sein kann, sobald er seine Aufmerksamkeit bündelt.
Die 848 Seiten fühlen sich deshalb nicht wie reine Aufblähung an. Vielleicht wie 700 sehr gute Seiten, die gelegentlich von 148 Seiten begleitet werden, die King einfach auch noch erzählen wollte.
Wer ihn liebt, kennt den Vertrag ohnehin. Diesmal hätte etwas Nachverhandlung trotzdem geholfen.
🌍 Funktioniert das als Standalone?
Technisch: ja. King erklärt schließlich genug. Man kann Jack Sawyer kennenlernen, Mittwelt verstehen, dem Konflikt folgen und wissen, weshalb bestimmte Dinge wichtig sind.
Emotional sieht es anders aus. Wer Der Talisman, Das schwarze Haus und idealerweise den Dunklen Turm kennt, liest ein völlig anderes Buch.
Ein Name ist dann Erinnerung. Ein Ort trägt Geschichte. Eine Anspielung besitzt Gewicht.
Und Jack ist kein neuer siebenundfünfzigjähriger Held, dessen Vergangenheit erzählt wird. Er ist der Junge, den man schon einmal begleitet hat. Das lässt sich nicht zusammenfassen. Man muss es miterlebt haben.
Darum würden wir Andere als diese Welten keinem Neueinsteiger verbieten. Wir würden ihm nur sagen, dass er vor einem Haus steht, dessen Türen offen sind, während andere Leser bereits wissen, wer früher in den Zimmern gelebt hat.
🕯️ Peter Straub fehlt – und ist trotzdem da
Auf dem Cover stehen zwei Namen, doch der fertige Roman stammt von Stephen King. Trotzdem: Peter Straub gehört zur Entstehung dieser Geschichte. Gemeinsam hatten beide Autoren über einen dritten Jack-Sawyer-Roman nachgedacht; Straub hinterließ Ideen, auf die King später zurückgriff.
Das muss man sauber auseinanderhalten. Und gerade dadurch wird es berührend. King versucht keinen literarischen Bauchrednertrick über 848 Seiten. Er führt ein gemeinsames Projekt zu Ende. Am Anfang klingt die Erinnerung an Straub besonders deutlich mit. Später übernimmt Kings eigene Stimme zunehmend vollständig.
Das fühlt sich richtig an. Vielleicht kann ein gemeinsames Werk nach dem Tod eines Freundes gar nicht anders enden: Einer beginnt den letzten Weg zu zweit und geht ihn irgendwann allein weiter.
🔚 Ein Finale mit mehr Gefühl als Mechanik
Ohne irgendetwas vom Ende zu verraten: King interessiert sich dort stärker für Bedeutung als für mathematische Auflösung. Das wird Leser spalten. Wer jede metaphysische Regel erklärt haben möchte, wird Fragen behalten. Wer bereit ist, das Finale als Abschluss von Jacks Lebensweg zu lesen, bekommt wesentlich mehr daraus.
Wir sind hier eher in der zweiten Gruppe. Nach 42 Jahren muss dieser Roman nicht beweisen, wie clever sein kosmisches Regelwerk konstruiert wurde. Er muss Jack Sawyer irgendwohin bringen, wo seine Geschichte enden kann.
Das schafft er. Nicht vollkommen elegant, aber mit einiger Wirkung.
📜 Fazit: Zeit wurde es – und vielleicht musste genau so viel Zeit vergehen
Nein. Andere als diese Welten ist kein makelloser Abschluss, dafür erzählt Stephen King zu gern. Er wiederholt zu viel, nimmt einige Umwege, lässt starke Ideen gelegentlich weniger tief wachsen als erhofft und braucht 848 Seiten für eine Geschichte, die mit etwas mehr Disziplin spürbar kompakter hätte funktionieren können.
Trotzdem wollten wir Jack Sawyer weiter folgen. Das entscheidet am Ende viel. Der alte Jack trägt diesen Roman mit einer Mischung aus Müdigkeit, Anstand und jener Erfahrung, die man nur bekommt, wenn man seine erste Weltrettung bereits als Kind hinter sich gebracht hat. Seine Rückkehr nach Mittwelt besitzt dadurch keinen billigen Nostalgiegeschmack.
Sie fühlt sich wie Zeit an. Wie etwas, das wirklich vergangen ist. Auch die stärkere Verbindung zum Dunklen Turm funktioniert, weil King seine Welten längst nicht mehr künstlich auseinanderhalten muss. Mittwelt nimmt Jack auf, als hätte sie seit Jahrzehnten auf ihn gewartet.
Der Horror ist ebenfalls noch da. Serienmörder, Fanatismus, Blut und kosmische Finsternis verhindern, dass aus der Reise ein gemütliches Klassentreffen wird. Am stärksten bleibt jedoch etwas anderes.
Verlust.
Jack hat Menschen verloren. King hat Straub verloren. Mittwelt besteht aus Geschichten über Menschen, die längst weitergezogen sind. Und ausgerechnet daraus entsteht ein Roman, der weniger über das Ende der Welt erzählt als darüber, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn genug Zeit vergangen ist.
Vier Sterne am Ende.
Aber eine sehr gute Vier.
Der fehlende fünfte Stern steckt irgendwo zwischen den Wiederholungen, dem gelegentlich schleppenden Tempo und mehreren Figuren oder Ideen, aus denen der Roman mehr hätte machen können.
Aber nach all diesen Jahren bekommen wir tatsächlich einen dritten Jack Sawyer.
Er ist älter.
Die Welt ist dunkler.
Peter Straub fehlt.
Und trotzdem geht die Tür noch einmal auf.
Zeit wurde es.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★★






