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Soothsayer – The Unbinding (Review)
🧿 Kurzfazit
The Unbinding ist ein mächtiges, atmosphärisches und emotional schweres Album zwischen Blackened Doom, Sludge, Ritualstimmung und irischer Erdverbundenheit. Soothsayer arbeiten mit langen Spannungsbögen, riesigen Stimmen, schweren Gitarren und Momenten von fast zerbrechlicher Melancholie. Das Album drückt, aber es erstickt nicht. Es öffnet Räume, während es Gewicht auflegt.
🎯 Für wen?
Für Hörer, die Doom nicht nur als Langsamkeit verstehen, sondern als Weg durch Schmerz, Landschaft und Erinnerung. Wer sich auf lange Stücke, wechselnde Dynamik, raue Gesänge, schwarze Ausbrüche und rituelle Atmosphäre einlassen kann, findet hier viel. Das Album verlangt Zeit, aber es zahlt diese Zeit mit Tiefe zurück.
🎧 Wie klingt das?
Nicht als Kopie, eher als Nachbarschaft im Nebel: Primordial dort, wo Herkunft und Pathos nicht nur Pose sind; My Dying Bride, wenn Trauer nicht weich, sondern schwer wird; Negură Bunget für die Idee, dass Landschaft in Musik sprechen kann; Cnoc An Tursa als ferner Schatten von Geschichte, Wind und altem Boden. Soothsayer klingen dabei weniger erzählend als Primordial, weniger romantisch als My Dying Bride und körperlicher als viele rein atmosphärische Black-Metal-Bands.
🎼 Highlights
Eroding The Sky, The Vine, A Vague Shimmer
⛔ Nichts für dich, wenn…
du schnelle Wirkung, kurze Songs oder klare Refrainlogik suchst. The Unbinding arbeitet über Aufbau, Druck, Wiederkehr, Ausbruch und Nachhall. Wer nur den ersten Einschlag will, verpasst den eigentlichen Riss im Gestein.
🌫️ Soothsayer – The Unbinding: Doom aus irischem Nebel
Es gibt Nebel, der Landschaft verdeckt.Und es gibt diese Art vonNebel, der etwas freigibt.
Auf The Unbinding klingt Soothsayer nicht wie eine Band, die Dunkelheit ausstellt. Diese Musik wirkt eher, als würde sie an alten Knoten ziehen: an Trauer, Herkunft, Wut, Erinnerung, Ritual, Körper, Boden. Nichts daran ist leicht. Aber es ist auch nicht nur schwer. Es ist in Bewegung. Langsam, drückend, manchmal wie Sturm über Wasser, manchmal wie Atem in einer verfallenen Kapelle.
Die Band aus County Cork macht Atmospheric Blackened Doom, aber das beschreibt nur die Werkzeuge. Wichtiger ist der Zustand: The Unbinding klingt gebunden und lösend zugleich. Als würde jeder Song eine Fessel zeigen, sie enger ziehen und dann mit Gewalt daran reißen. Diese Spannung trägt das Album. Nicht „Doom“ als langsame Wand. Nicht „Blackened“ als kalte Verzierung. Sondern fünf lange Stücke, die aus Erde, Stimme, Sturm und uraltem Druck gebaut sind.
Schon das Cover spricht diese Sprache. Eine verhüllte Gestalt steht im Wasser und hält eine Kerze vor sich. Der Himmel ist schwer, die Ferne glimmt, kleine Lichter treiben auf der Oberfläche. Es ist kein klassisches Metalbild. Keine Schlacht, kein Schädel, keine Hölle. Eher eine Erscheinung an einer Grenze: Ufer und Wasser, Leben und Tod, Erinnerung und Loslösung.
Soothsayer spielen hier nicht einfach Songs. Sie führen uns durch einen Übergang.
🎧 Was erwartet dich?
Genre(s): Atmospheric Blackened Doom Metal, Sludge Doom, Blackened Sludge
Vergleichbar mit: Schwer zu vergleichen. Du betrittst hier keinen sauber ausgeschilderten Stilraum. Eher einen alten Weg, der am Wasser beginnt, durch Nebel zieht und irgendwann in etwas deutlich Gefährlicheres führt. Am Rand stehen Doom, Black Metal und Sludge wie verwitterte Markierungen. Soothsayer folgen ihnen nicht brav. Sie lassen sie ineinanderlaufen, bis aus Trauer plötzlich Zorn wird und aus einer ruhigen Gitarrenfigur ein schweres Gewitter.
Klangfarbe: The Unbinding klingt nach nassem Stein, dunklem Grün, Kerzenlicht und schwarzem Himmel. Die Gitarren sind breit, aber nicht stumpf. Sie tragen Melodie, Druck und manchmal fast eine klagende Linie in sich. Der Bass legt darunter keinen Teppich, sondern einen mächtigen Boden. Das Schlagzeug besitzt Wucht, ohne die Songs totzuschlagen. Es wirkt oft wie Wetter: fernes Rollen, plötzlicher Ausbruch, dann wieder schwerer Atem.
Liam Hughes ist dabei mehr als nur Sänger. Seine Stimme wechselt zwischen Erzähler, Mahner, Verwundetem und Beschwörer. Manchmal steht sie über der Musik wie eine Gestalt auf einem Hügel. Manchmal kommt sie direkt aus dem Schlamm. Gerade diese Beweglichkeit macht das Album stärker: Die Songs sind lang, aber sie bleiben bewohnt.
Die Produktion hält die Einzelheiten sichtbar. Bei dieser Art Musik ist das entscheidend. Zu viel Matsch, und alles wird bloß Wand. Zu viel Klarheit, und die Magie verschwindet. The Unbinding findet eine gute Mitte: groß, schwer, nachvollziehbar, aber immer noch dunkel genug, damit der Nebel nicht nur Dekoration bleibt.
🔥 Highlights: Drei Wege durch die Loslösung
Eroding The Sky beginnt nicht vorsichtig. Der Song reißt die Tür auf und wirft einen direkt in Bewegung. Drums, Gitarren, Stimme: alles wirkt sofort aufgeladen, als wäre die Ruhe bereits vor Beginn verbraucht. Doch Soothsayer bleiben nicht im Angriff stehen. Nach dem ersten Einschlag senkt sich eine andere Schwere über das Stück. Der Himmel erodiert nicht mit einem Knall, sondern durch dauernden Druck.
Das macht den Auftakt so stark. Eroding The Sky zeigt in knapp acht Minuten fast das ganze Vokabular des Albums: schwarze Wucht, doomige Breite, melodische Fäden im Dunst und diese Stimme, die nicht bittet, sondern trägt. Der Song ist ein Einstieg, der nicht nur aufmerksam macht. Er zieht eine Linie in den Boden.
The Vine ist vielleicht der emotional heftigste Abschnitt. Schon der Titel hat etwas Unausweichliches. Eine Ranke wächst nicht dramatisch. Sie hält sich fest. Sie zieht enger. Sie nimmt langsam Besitz. Genau so arbeitet der Song. Er drückt nicht permanent mit maximaler Gewalt, sondern wechselt zwischen Anspannung, Ausbruch und einer Trauer, die beinahe körperlich wird.
Die Stimme spielt hier eine enorme Rolle. Hughes klingt nicht nur wütend oder leidend, sondern wie jemand, der mehrere Rollen gleichzeitig tragen muss: Zeuge, Priester, Verlorener, Ankläger. Die Gitarren geben ihm keine sichere Fläche, sondern einen beweglichen Untergrund. The Vine ist kein einfacher Höhepunkt. Es ist ein Stück, das erschöpft und trotzdem weiterzieht.
A Vague Shimmer ist dann der lange Schlussstein. Fast dreizehn Minuten, aber nicht als bloße Ausdehnung. Der Song wirkt wie ein langsames Verschwinden in ein anderes Licht. Nicht hell. Nicht tröstend. Eher ein Schimmer über Wasser, den man sieht, aber nicht greifen kann. Nach der Dichte der vorherigen Stücke bekommt das Album hier etwas Zeremonielles.
Besonders stark ist die irische Färbung, die in diesem Finale deutlicher spürbar wird. Nicht als touristische Folklore. Nicht als dekoratives „Celtic“-Schild. Eher als Erinnerung im Holz der Gitarre, im Schlagzeug, in der Art, wie die Melodie sich hebt und wieder in die Tiefe fällt. A Vague Shimmer beendet The Unbinding nicht mit Erlösung. Es lässt etwas offen. Vielleicht eine Wunde. Vielleicht aber auch einen Weg.
🎨 Artwork
Das Cover von The Unbinding ist leise, aber nicht harmlos. Eine verhüllte Figur steht im Wasser und hält eine Kerze vor sich. Das Gesicht ist nicht zu erkennen, nur ein helles Leuchten unter der Kapuze. Um sie herum liegt eine überflutete oder sumpfige Landschaft, dunkel, still, von kleinen Lichtern durchzogen. Am Horizont glimmt ein letzter Rest Farbe, als wäre der Tag nicht untergegangen, sondern zurückgelassen worden.
Das Bild ist malerisch, rau und fast tastbar. Man sieht die Struktur der Oberfläche, die Körnung, das Gewebe. Dadurch wirkt es nicht wie ein glattes Fantasycover, sondern wie ein altes Bild, das Feuchtigkeit gezogen hat. Die Figur in der Mitte ist kein Monster und kein Held. Sie ist Erscheinung, Bote, Trauernde, vielleicht auch jemand, der etwas losbindet oder ins Wasser zurückgibt.
Der Titel bekommt dadurch zusätzliche Tiefe. The Unbinding kann Befreiung heißen, aber auch Verlust. Was gelöst wird, bleibt nicht zwingend heil. Man kann eine Fessel lösen und trotzdem im Wasser stehen. Man kann eine Bindung brechen und erst dann merken, wie kalt die Welt ohne sie ist.
Das Cover zeigt genau diesen Moment. Nicht den Sturm, sondern den Augenblick danach.
🪦 Besondere Momente
Irische Schwere ohne Folklore-Falle
Soothsayer schaffen es, Herkunft und Atmosphäre spürbar zu machen, ohne in Klischees zu fallen. Die irische Dimension liegt nicht als Schmuck über der Musik, sondern in ihrem Gang: Wind, Wasser, Erde, alte Bindungen, dunkle Erinnerung.
Länge als Prüfung, nicht als Prahlerei
Fünf Songs, 45 Minuten. Das kann leicht nach Selbstzweck klingen. Hier aber hat die Länge Funktion. Die Stücke brauchen Raum, weil ihre Wirkung aus Veränderung entsteht. Sie zeigen nicht eine Idee und wiederholen sie stumpf, sondern lassen sie altern, kippen, schwerer werden.
Stimme als Ritualkörper
Liam Hughes trägt diese Platte mit einer auffälligen Bandbreite. Seine Stimme ist nicht nur Ausdruck, sondern Struktur. Sie führt durch die Stücke, bricht sie auf, verdunkelt sie, macht sie menschlich und manchmal fast unheimlich nah.
📜 Hintergrund
Soothsayer stammen aus County Cork in Irland und sind seit 2013 aktiv. Ihr Weg war nie auf schnellen Output ausgelegt: EPs, Split-Veröffentlichungen, Live-Material und mit Echoes Of The Earth von 2021 bislang ein vollständiges Studioalbum. Gerade diese Zurückhaltung passt zur Musik. Bei Soothsayer wirkt nichts hastig veröffentlicht.
Mit The Unbinding erscheint nun das zweite vollständige Album der Band über Apocalyptic Witchcraft Recordings. Die Platte wurde bei Last Light Recordings in Dublin mit Sound Engineer Shaun Cadogan aufgenommen, der bereits mit schweren und extremen Klangwelten gearbeitet hat. Das hört man: Die Songs besitzen Tiefe und Wucht, ohne ihre Details zu verlieren.
Zur Besetzung gehören Liam Hughes am Gesang, Marc O’Grady und Con Doyle an den Gitarren, Pavol Rosa am Bass sowie Gerard O’Callaghan am Schlagzeug. Diese Konstellation klingt auf The Unbinding wie eine Band, die nicht nebeneinander spielt, sondern gemeinsam einen schweren Raum baut.
Inhaltlich bewegt sich das Album zwischen Loslösung, Verlust, Naturgewalt, Erinnerung, Ritual und innerer Prüfung. Die Texte und Titel wirken nicht wie einzelne düstere Bilder, sondern wie Stationen eines Weges. Von Eroding The Sky bis A Vague Shimmer geht es weniger um eine Geschichte im klassischen Sinn, sondern um eine Veränderung des Zustands.
🕯️ Fazit: Was gelöst wird, bleibt nicht leicht
The Unbinding ist kein Album, das sich auf ein einzelnes Gefühl reduzieren lässt. Es ist zu zornig für reine Trauer, zu verwundet für bloße Härte, zu erdverbunden für abstrakte Finsternis und zu beweglich für einfachen Doom. Genau daraus entsteht seine Kraft.
Soothsayer spielen lange Songs, aber sie verlieren sich nicht in dieser Länge. Sie arbeiten mit Druck, Pause, Wiederkehr, Ausbruch und Nachhall. Die Musik darf wuchtig sein, ohne dabei je plump zu werden. Sie kann atmosphärisch sein, ohne zu zerfließen. Und sie flammt schwarz auf, ohne dabei ihre doomige Tiefe zu verraten.
Am stärksten ist The Unbinding, wenn es nicht zwischen den Elementen entscheidet. Eroding The Sky hebt den Sturm. Sooner Acceptance zeigt den ersten Riss. The Vine zieht sich fest um den Körper. A Vague Shimmer bleibt als letztes Licht über dem Wasser stehen. Das Album fühlt sich dadurch nicht wie eine Sammlung einzelner Monolithen an, sondern wie ein Gang durch fünf Prüfungen.
Es ist schwer.
Aber es ist nicht starr.
Es ist dunkel.
Aber nicht leer.
Und wenn am Ende dieser vage Schimmer bleibt, dann nicht als Trostversprechen. Eher als Erinnerung daran, dass Loslösung selten hell beginnt.
Manchmal steht man am Anfang im Wasser.
Mit einer Kerze.
Und wartet, bis der Nebel antwortet.

| Künstler: | Soothsayer |
| Albumtitel: | The Unbinding |
| Erscheinungsdatum: | 3. Juli 2026 |
| Genre: | Atmospheric Blackened Doom Metal / Sludge Doom |
| Label: | Apocalyptic Witchcraft Recordings |
| Spielzeit: | ca. 45 Minuten |
🎬 Offizielles Video
Offizieller Visualiser zu „Eroding The Sky“ – der wuchtige Auftakt von Soothsayers Album The Unbinding, zwischen irischem Nebel, Blackened Doom und schwerer ritueller Spannung. Bereitgestellt auf YouTube:
🎼 Trackliste:
Eroding The Sky – 7:56
Sooner Acceptance – 7:51
Endless Shesha – 7:14
The Vine – 9:10
A Vague Shimmer – 12:54
👥 Besetzung
Liam Hughes – Gesang
Marc O’Grady – Gitarre
Con Doyle – Gitarre
Pavol Rosa – Bass
Gerard O’Callaghan – Schlagzeug
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