Somnia Finem – Desassossego (Review)

Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Somnia Finem – Desassossego

🧿 Kurzfazit
Desassossego ist ein starkes, eigensinniges Black-Metal-Debüt aus Portugal, das literarische Unruhe, düstere Romantik und untergründige Härte zu einem erstaunlich geschlossenen Klangzustand verbindet. Somnia Finem klingen nicht roh im üblichen Sinn, sondern verwischt, suchend, fiebrig und eigenartig entrückt. Kein Album für schnelle Wirkung, aber eines mit echtem Nachhall.

🎯 Für wen?
Für Hörer, die Black Metal nicht nur als Kälte, Raserei oder Waldbrand verstehen, sondern als inneren Ausnahmezustand. Wer mit südeuropäischer Dunkelromantik, französischer Schrägheit, griechischer Melodiefinsternis und literarischem Schattenmetall etwas anfangen kann, findet hier reichlich Stoff.

🎧 Wie klingt das?
Wie ein altes Schwarzweißfoto von Porto, das zu lange im Wasser lag und nun anfängt, zurückzudenken. Die Musik ist eindeutig Black Metal, sitzt aber nicht stramm im Genre. Sie schwankt, verwischt, zieht Schleier über klare Formen und lässt Melodien entstehen, die eher durch den Raum sickern als heroisch aus ihm herausbrechen. Die Härte ist da, doch sie wirkt selten rein körperlich. Sie ist Ausdruck innerer Spannung.

🎼 Highlights
Prisão da Razão, Desassossego, Sonhos Mortos

⛔ Nichts für dich, wenn…
du Black Metal nur als direkte Prügelstrecke, klare Wutrede oder frostige Reinform suchst. Desassossego arbeitet mit Nebel, Verschiebung, Wiederholung, literarischem Untergrund und einer Stimmung, die mehr fragt, als sie beantwortet.

🔍 Suche im Fantasykosmos

Spüre verborgene Pfade auf, entdecke neue Werke oder durchstöbere das Archiv uralter Artikel. Ein Wort genügt – und der Kosmos öffnet sich.

Banner für den Newsletter im Fantasykosmos mit Gandalf, der den Leser nicht vorbeilässt,

🌫️ Somnia FinemDesassossego: Black Metal für ein Ich, das sich selbst nicht mehr findet

Desassossego klingt, als würde ein Mensch nachts an einem Fluss stehen, in den Nebel schauen und plötzlich begreifen, dass nicht die Welt verschwimmt, sondern er selbst. Somnia Finem bauen ihr Debüt nicht als klassisches Black-Metal-Werk aus Frost, Hass und ruinöser Pose. Diese Platte ist innerlicher, fremder, schiefer. Sie kratzt nicht nur an der Oberfläche, sie bohrt in jenen Zustand, in dem Gedanken zu Räumen werden, Räume zu Spiegeln und Spiegel irgendwann aufhören, zuverlässig etwas zurückzugeben.

Der portugiesische Titel trägt bereits das ganze Gewicht: Unruhe, Rastlosigkeit, ein inneres Zittern, das sich nicht mit einem klaren Ausbruch erledigen lässt. Desassossego klingt entsprechend weniger wie ein Angriff von außen als wie ein Protokoll der langsamen Selbstauflösung. Die Gitarren flirren, schneiden, taumeln; die Strukturen wirken vertraut und doch verschoben, als hätte jemand traditionellen Black Metal durch ein altes Fenster betrachtet, dessen Glas über Jahrzehnte Feuchtigkeit gezogen hat.

Das Erstaunliche ist, wie wenig diese Musik nach bloßer Literaturvertonung klingt. Somnia Finem hängen kein Pessoa-Zitat an ein paar Riffs und hoffen auf Tiefgang. Sie übersetzen Unruhe in Klang: in verwaschene Melodien, in monastische Starre, in plötzlich aufflackernde Härte, in Stimmen, die eher wie innere Proklamationen wirken als wie gewöhnlicher Gesang.

Desassossego ist damit kein Album, das eine Geschichte erzählt. Es ist ein Album, das ein Bewusstsein beim Zerfasern beobachtet.

Schmaler Crowbah Banner mit Crowbah und Grabhold vor dunkler Comic Stadt.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Black Metal, Atmospheric Black Metal, Dark Romantic Black Metal

Vergleichbar mit: einem verlorenen Tagebuch, das in einem Klosterflur gefunden wurde, während draußen französischer Black Metal den Regen zählt und ein alter griechischer Schatten am Fenster steht.

Klangfarbe: Desassossego klingt grau, neblig, ausgewaschen und fiebrig. Nicht kalt im skandinavischen Sinn, sondern feucht, urban, gedankenschwer. Der Klang hat etwas Poröses, als würden die Songs nicht aus Mauern bestehen, sondern aus Putz, der langsam von ihnen fällt. Die Gitarren schaffen keine klare Landschaft, sondern ein Innenbild. Drums und Stimme halten die Musik im Black Metal verankert, aber die eigentliche Wirkung entsteht aus den Zwischentönen: aus dem Schimmern, Schleifen, Zerren und Wegdriften.

🔥 Highlights

Prisão da Razão ist einer der stärksten Momente des Albums, weil der Titel sofort das zentrale Motiv berührt: das Gefängnis der Vernunft. Somnia Finem machen daraus keinen plakativen Ausbruch, sondern ein Stück, das den Käfig von innen beschreibt. Die Musik wirkt eng, aber nicht statisch. Sie bewegt sich, doch jeder Schritt scheint wieder an eine unsichtbare Wand zu führen. Gerade die Länge von über sieben Minuten hilft dem Song. Er darf sich ausdehnen, darf kreisen, darf eine Spannung aufbauen, die weniger auf Explosion als auf allmähliche Verdichtung setzt. Prisão da Razão ist kein Befreiungsschlag. Es ist der Moment, in dem Denken zur Zelle wird.

Desassossego trägt als Titelstück die größte Last und hält ihr stand. Hier bündelt sich die Grundidee der Platte: Unruhe nicht als Nervosität, sondern als Existenzform. Der Song klingt, als würde sich ein inneres Gespräch immer weiter verheddern, bis aus Sprache nur noch Klang, Druck und Schatten übrig bleiben. Stark ist, dass Somnia Finem hier nicht in übertriebene Theatralik kippen. Das Stück bleibt kontrolliert, aber nicht glatt. Es hat eine eigenartige Würde, eine dunkle Eleganz, die nie vollständig sauber wird. Genau darin liegt seine Kraft: Desassossego klingt nicht wie ein Titelstück, das alles erklären will. Es klingt wie der Punkt, an dem das Album endgültig seine Mitte verliert.

Sonhos Mortos schließt die Platte mit einem Titel, der kaum besser passen könnte: tote Träume. Das Stück wirkt wie ein später Gang durch Räume, in denen vorher noch Gedanken standen. Nichts ist mehr ganz präsent, aber nichts ist wirklich verschwunden. Die Musik trägt diesen Nachhall sehr überzeugend. Als Finale funktioniert Sonhos Mortos, weil der Song nicht groß erlöst. Er lässt die Unruhe nicht einfach enden, sondern verwandelt sie in Müdigkeit, Erinnerung und ein dunkles Ausklingen. Das ist kein triumphaler Schlusspunkt. Es ist eher ein Licht, das irgendwo im Nebel kleiner wird, bis man nicht mehr sicher ist, ob es überhaupt je da war.

Fantasy Events Banner: Ein dunkler Krieger erhebt seine Fahne vor einem riesigen lodernden Feuer, während Funken in den Nachthimmel steigen

🎨 Artwork

Das Cover von Desassossego ist fast schon unverschämt gut passend. Ein altes Schwarzweißbild, Porto, Nebel, Wasser, Brücke, Häuser am Hang, eine Stadt, die mehr Erinnerung als Ort zu sein scheint. Oben steht der Name Somnia Finem wie eine handschriftliche Notiz aus einem fremden Heft. Unten rechts: Desassossego, ebenfalls handschriftlich, fast beiläufig, als wäre dieser Zustand nicht groß ausgerufen, sondern nur still protokolliert worden.

Das Bild verzichtet auf alles, was Black Metal gewöhnlich als sofortiges Erkennungszeichen benutzt. Keine Wälder, keine Schädel, keine Kapuzen, keine Ruinenromantik mit erhobenem Zeigefinger. Stattdessen: ein urbaner Nebelraum, eine Brücke ins Unklare, ein Fluss, der die Konturen verschluckt. Gerade deshalb wirkt das Cover so stark. Es zeigt keine Finsternis als Motiv. Es zeigt Unschärfe als Zustand. Eine Welt, die nicht zerstört ist, sondern innerlich entrückt. Man schaut darauf und hat sofort das Gefühl, dass hier nicht der Tod lauert, sondern ein Gedanke, der zu lange wach geblieben ist.

Düsterer Fantasy-Werbebanner für den fiktiven Energydrink „BLACK RUNE“. Rechts sitzt ein muskulöser Orkkrieger in abgenutzter Leder- und Metallrüstung in einem rauchigen Kriegslager, hält eine schwarze Getränkedose mit Runenzeichen und stützt sich neben einer großen Streitaxt ab. Links steht in großer schwarzer und roter Serifenschrift der Slogan: „BLACK RUNE verleiht Schädel.“

🪦 Besondere Momente

Literatur ohne Schaufenster

Der Bezug zu Fernando Pessoas Buch der Unruhe könnte leicht zur intellektuellen Dekoration werden. Passiert hier nicht. Somnia Finem nutzen den literarischen Untergrund nicht als Ausweis von Tiefe, sondern als Stimmungsmotor. Die Platte klingt wirklich nach Unruhe, nicht nach Seminarraum.

Black Metal im Halbschlaf

Die Musik besitzt eine hypnagogische Qualität: halb wach, halb traumartig, nie ganz sicher auf beiden Beinen. Genau das macht sie besonders. Sie klingt nicht entrückt, weil sie hübsch schwebt, sondern weil sie ihre eigene Form immer wieder leicht verschiebt.

Portugal als Schattenraum

Desassossego hat keine austauschbare Black-Metal-Geografie. Das Album trägt eine eigene südliche Schwermut in sich: weniger Eis, mehr Stein, Wasser, Nebel, alte Häuser, innere Hitze unter grauem Himmel. Das gibt der Platte ein klares Gesicht.

Kurze Form, tiefer Zustand

Sechs Songs und knapp 37 Minuten sind genau richtig. Somnia Finem überziehen ihr Konzept nicht. Die Platte bleibt kompakt genug, um nicht im eigenen Nebel zu verschwinden, aber lang genug, um ihre innere Logik strukturiert aufzubauen.

Banner für die Serie Schwarzes Metall über die Geschichte des Black Metals.

📜 Hintergrund

Somnia Finem sind eine neue portugiesische Black-Metal-Formation. Desassossego ist ihr Debütalbum und erscheint am 29. Mai 2026 über Signal Rex. Aufgenommen wurde das Material zwischen 2022 und 2025. Komposition, Ausführung und Produktion stammen von Sonho. Texte und Proklamationen kommen von Aetheria, Gesang und Proklamationen von Pesadelo. Als Gäste sind unter anderem Vilkacis an den Drums beteiligt; zusätzliche Stimmen erscheinen im Prolog des Titelstücks.

Inhaltlich basiert Desassossego auf Fernando Pessoas Livro do Desassossego, einem Fragmentwerk über innere Unruhe, Selbstbeobachtung, Traum, Bewusstsein und die schwer zu ertragende Nähe des eigenen Ichs. Somnia Finem machen daraus kein Hörbuch im Metal-Gewand, sondern eine musikalische Annäherung an genau diesen Zustand: unklar, suchend, romantisch, abgründig, fremd.

🪓 Fazit: Die Unruhe bekommt ein eigenes Zimmer

Desassossego ist ein Debüt, das erstaunlich genau weiß, was es alles nicht sein will. Es will kein rohes Kellerbrett sein, kein epischer Gebirgsmarsch und gewiss kein okkulter Maskenball. Auch als Black-Metal-Theater mit tausend Kerzen ist es denkbar ungeeignet. Somnia Finem wählen einen schwierigeren Weg: Sie machen aus Black Metal einen inneren Raum, in dem Unruhe, Traum, Vernunft, Erinnerung und Selbstverlust nicht sauber voneinander zu trennen sind.

Das funktioniert, weil die Band Atmosphäre nicht mit Klangtapete verwechselt. Die Songs haben Struktur, Druck und Härte, aber sie öffnen immer wieder Risse, durch die etwas Fremderes eindringt. Prisão da Razão zeigt das Gefängnis des Denkens. Desassossego lässt die zentrale Unruhe Gestalt annehmen. Sonhos Mortos beendet das Album nicht mit einem Schlag, sondern mit einem Nachbild.

Nicht alles ist sofort greifbar. Gerade die verwischte, leicht entrückte Art dieser Platte verlangt Geduld. Wer klare Kanten sucht, wird manchmal an den Nebel greifen und sich ärgern, dass er keine Wand findet. Aber genau darin liegt der Reiz. Desassossego ist kein Album, das sich vollständig festnageln lassen will. Es ist ein Zustand und ein flackerndes Selbstgespräch. Ein Blick von einer Brücke in einen Fluss, der längst mehr weiß als der Mensch, der hinunterschaut.

Für ein Debüt ist das bemerkenswert geschlossen, mutig und eigenständig. Somnia Finem liefern keinen Genre-Paukenschlag, sondern etwas Seltenes: ein Black-Metal-Album, das nicht nur dunkel klingt, sondern tatsächlich denkt. Und das Denken macht es nicht heller.

Albumcover von Somnia Finem – Desassossego: Schwarzweißes, körniges Foto einer nebligen Flusslandschaft mit Brücke und Häusern am Hang, vermutlich in Portugal. Die Szenerie wirkt verschwommen, melancholisch und entrückt. Oben steht handschriftlich der Bandname Somnia Finem, unten rechts der Albumtitel Desassossego.
Künstler:Somnia Finem
Albumtitel:Desassossego
Erscheinungsdatum:26. Juni 2026
Genre:Black Metal / Atmospheric Black Metal / Dark Romantic Black Metal
Label:Signal Rex
Spielzeit:ca. 37 Minuten

🎬 Full Stream

Der Full Stream zu Desassossego ist der beste Einstieg in das Debüt von Somnia Finem: sechs Stücke portugiesischer Black-Metal-Unruhe, neblig, literarisch, entrückt und wie ein Selbstgespräch, das zu lange in den Fluss gestarrt hat.

🎼 Trackliste:

Sinfonia de Mim – 5:42
Prisão da Razão – 7:10
Desassossego – 6:06
Sonho Lúcido – 6:46
Marioneta Partida – 4:43
Sonhos Mortos – 6:15

👥 Beteiligte

Sonho – Komposition / Ausführung / Produktion
Aetheria – Texte / Proklamationen
Pesadelo – Gesang / Proklamationen
Vilkacis – Schlagzeug
Angelo Simões – Drum-Produktion
Nidernes – kreativer Prozess der Instrumente

Mehr Album-Reviews für dich?

Banner zur Fantasykosmos Playliste SONGS OF DOOM & GLORY.
Nichts als die Wahrheit. Schmaler Banner für den Arkanen Moosverhetzer. Ein Moosling mit Blatthelm, der wütend eine Propagangazeitung liest.

Außerdem ziemlich lesenswert: