Scott Hawkins – Blacktail (Rezension)
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Scott Hawkins – Blacktail
📚 Kurzfazit
Blacktail ist eine blutige, bizarre und erstaunlich kluge Tierfantasy über einen Wolf, der nach dem Tod seiner Familie erst Rache will und irgendwann darüber nachdenkt, ob man das Problem Menschheit vielleicht gleich vollständig lösen sollte.
😒 Was kratzt
Die Reise entwickelt irgendwann ein erkennbares Muster: neues Gebiet, neues Tier, neue Geschichte, nächste Erkenntnis. Dazu wechselt Hawkins zwischen kosmischem Ernst und komplettem Irrsinn so abrupt, dass die Tonlage gelegentlich mit dem Kopf gegen einen Baum läuft.
✨ Was funktioniert
Die Tierperspektive. Hawkins macht aus seinen Wölfen, Katzen und Eichhörnchen keine Menschen mit Fellkostüm. Sie denken über Geruch, Territorium, Jagd und Körper – und entwickeln daraus trotzdem Religion, Mythologie und Kultur.
🐿️ Religionswissenschaft des Tages
Eichhörnchen verehren Car, das furchtbare Wesen auf dem schwarzen Weg, in einer Art Todeskult. Wer schon einmal ein Eichhörnchen fünf Zentimeter vor einem fahrenden Auto die Straßenseite wechseln sah, erkennt hier eventuell eine belastbare theologische Grundlage.
🧵 Crowbah meint
Wenn Katzen Hexen sind, Eichhörnchen Autos anbeten und ein Wolf über die Vernichtung der Menschheit nachdenkt, sollte man vielleicht wenigstens mal kurz prüfen, ob die Tiere nicht doch einen Punkt haben.

🐺 Scott Hawkins – Blacktail: Der Wolf hat genug von uns
Der Wald wird kleiner. Jedes Jahr verschwinden ein paar Bäume mehr. Neue schwarze Wege schneiden durch alte Jagdgründe. Darauf bewegen sich stinkende Maschinen mit einer Geschwindigkeit, gegen die Zähne und Pfoten wenig ausrichten. Menschen kommen mit Fallen, Waffen und jener selbstverständlichen Gewissheit, dass eine Landschaft ihnen gehört, sobald sie einen Namen darauf geschrieben haben.
Blacktail kennt diese Menschen. Er kennt auch Hunger, Jagd und Tod. Ein Wolf erwartet keine Welt ohne Gewalt. Beute stirbt. Jäger sterben. Das gehört zur Ordnung seines Forest God, zur heiligen Jagd, die Leben nimmt und dadurch anderes Leben erhält.
Menschen machen etwas anderes. Sie töten, wenn sie keinen Hunger haben. Sie zerstören Orte, in denen sie gar nicht leben. Sie sperren Tiere ein, verändern ihre Körper und nennen das Fürsorge. Dann stirbt Renren, die Haushündin, mit der Blacktail ein gemeinsames Leben beginnen wollte. Mit ihr sterben ihre ungeborenen Jungen.
Blacktail entscheidet daraufhin, dass es reicht. Scott Hawkins hat nach The Library at Mount Char elf Jahre gebraucht, um einen zweiten Roman zu veröffentlichen. Und offenbar hat ihm in dieser Zeit niemand geraten, etwas Vernünftiges zu schreiben.
Sehr gut. Denn Blacktail beginnt wie eine brutale Tier-Rachegeschichte, wächst dann zu religiöser Fantasy, Eco-Horror, Fabel, apokalyptischer Heldenreise und schließlich zu einer ziemlich unangenehmen Untersuchung der Frage, weshalb ausgerechnet der Mensch glaubt, außerhalb der Regeln zu stehen, die für jedes andere Lebewesen gelten.
Dabei erzählt Hawkins die gesamte Geschichte aus Sicht von Tieren.
Kein Mensch bekommt das Mikrofon.
Nach ungefähr fünfzig Seiten versteht man auch, warum.
Wir würden uns wahrscheinlich nur herausreden.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Blacktail ist halb Wolf, halb Hund. Schon diese Herkunft stellt ihn zwischen Welten. Er lebt in den nördlichen Wäldern, folgt den Regeln der Jagd und glaubt an den Forest God, eine uralte Gottheit jener natürlichen Ordnung, in der ein Jäger Beute nimmt und irgendwann selbst wieder Teil des Kreislaufs wird.
Doch dieser Wald verschwindet. Menschen dringen immer weiter hinein. Straßen entstehen, Lebensräume werden zerschnitten, Jagdreviere schrumpfen. Blacktail hält trotzdem an seinem Leben fest. Dann trifft er Renren.
Sie ist eine Haushündin hinter einem Zaun, lebt im Einflussbereich der Menschen und kennt eine völlig andere Form von Existenz. Zwischen beiden entsteht Nähe. Renren wird trächtig, und Blacktail beginnt sich erstmals vorzustellen, mit ihr und den Jungen irgendwo ein eigenes Rudel aufzubauen.
Dazu kommt es nicht. Renren stirbt nach einem menschlichen Eingriff. Für Blacktail besitzt das Geschehen keine medizinische Begrifflichkeit, keine Rechtfertigung und keine institutionelle Erklärung.
Seine Gefährtin ist tot, seine Jungen ebenfalls. Menschen waren dafür verantwortlich. Also geht Blacktail zu ihnen. Was dort geschieht, ist kein symbolischer Protest. Er richtet ein Massaker an. Diese Gewalt macht eine wesentlich ältere Macht auf ihn aufmerksam: die Old Kitty Mother, eine uralte Katzenhexe, deren Einfluss weit über irgendeinen Hinterhof hinausgeht. Sie erzählt Blacktail von einer Möglichkeit, seinen Rachefeldzug gewaltig auszuweiten.
Der Forest God schläft. Wenn Blacktail ihn findet und weckt, könnte er die Herrschaft der Menschen beenden. Damit erhält der Roman seine Quest. Blacktail zieht nach Süden, immer tiefer in die Welt der Zweibeiner. Auf seinem Weg begegnet er wilden Tieren, Haustieren, ausgestoßenen Wesen und Kreaturen, deren Existenz den Roman Schritt für Schritt aus dem Bereich einer düsteren Tierfabel hinausführt. Jede Begegnung zeigt ihm eine andere Folge menschlicher Herrschaft.
Manche Tiere hassen uns. Andere lieben uns. Einige brauchen uns. Und dann gibt es die, die längst vergessen haben, dass es überhaupt eine andere Welt geben könnte. Und irgendwann reicht Blacktails ursprünglicher Zorn weit über Renren hinaus.
Er beginnt nicht mehr nur nach dem Tod seiner Familie zu fragen.
Er fragt, welche Spezies eigentlich das Recht besitzt, über alle anderen zu entscheiden.
🔍 Stärken & Schwächen
🖋 Stil
Scott Hawkins schreibt Blacktail mit einer sprachlichen Entscheidung, an der der komplette Roman hängt: Die Tiere dürfen fremd bleiben. Das klingt banal. Ist es aber keineswegs.
Anthropomorphe Tiergeschichten geraten schnell in die Falle, dass sich hinter jedem Wolf eigentlich ein moderner Mensch verbirgt, der zufällig vier Beine hat. Hawkins geht wesentlich weiter. Blacktail versteht seine Welt durch Gerüche, Wärme, Blut, Geräusche, Jagdspuren und Territorium.
Straßen sind schwarze Wege. Autos sind keine technischen Errungenschaften, sondern nahezu übernatürliche Raubtiere. Menschliche Einrichtungen werden aus einer Wahrnehmung beschrieben, die deren Zweck oft nur teilweise begreift. Besonders stark sind die Duftgedichte.
Wölfe hinterlassen über Geruchsmarkierungen Information, Erinnerung und sogar etwas, das sich als Poesie lesen lässt. Aus einem normalen tierischen Verhalten entwickelt Hawkins Kultur, ohne seine Tiere dafür komplett zu vermenschlichen. Eine StoryGraph-Rezension hebt genau diese „scent-poems“ als einen der cleversten Aspekte des Weltbaus hervor.
Hawkins verbindet damit etwas sehr Altes mit etwas sehr Eigenem. Der Roman klingt stellenweise wie eine Fabel, dann wie religiöse Überlieferung und wenige Seiten später wie eine extrem schlechte Nacht im Wald.
Der Ton kann lyrisch werden. Dann zerreißt jemand eine Kehle. Danach taucht eine Hauskatze mit einem Namen auf, der klingt, als hätte ein vierjähriges Kind die Benennung übernommen. Genau diese Mischung ist faszinierend und riskant.
Die Absurdität gehört ohnehin zu Hawkins. Ohne sie würde Blacktail irgendwann in seinem eigenen Blutgeruch ersticken. Einige Gags kommen allerdings in Momenten, in denen man emotional gern noch ein bisschen länger beim Schrecken geblieben wäre.
🧍♂️ Figuren
Blacktail
Blacktail ist kein guter Wolf. Zumindest nicht nach menschlichen Maßstäben. Und warum sollte er sich für die interessieren? Er tötet. Er jagt. Er betrachtet Schwäche nicht automatisch als moralische Kategorie. Sein Glaube an The Hunt basiert auf einer Welt, in der Leben anderes Leben frisst. Das macht ihn als Rächer erheblich interessanter.
Blacktail hasst Menschen nicht, weil sie Gewalt erfunden hätten. Er hasst sie, weil sie für ihn die Bedingungen der Gewalt gebrochen haben. Ein Wolf tötet, um zu fressen oder sein Territorium zu verteidigen.
Menschen können aus Entfernung töten. Sie können tausend Tiere beherrschen, ohne körperlich stärker als eines davon zu sein. Sie können Lebensräume zerstören, obwohl sie gar nicht dort wohnen.
Blacktail empfindet das als Gotteslästerung an der natürlichen Ordnung. Das ist ideologisch keineswegs unangreifbar. Genau deshalb funktioniert diese Figur. Er ist gleichzeitig Opfer, Fundamentalist, Liebender, Mörder und zunehmend etwas, das selbst die anderen Tiere nicht mehr vollständig verstehen.
Besonders schön sind jene kleinen Szenen, in denen Hawkins seine Härte kurz unterbricht. Ein verstoßener oder frierender Welpe reicht, und plötzlich zeigt dieser fanatische Rächer eine Form von Solidarität, die viel über ihn verrät.
Blacktail erkennt Außenseiter. Er ist schließlich selbst einer.
Renren
Renren hat vergleichsweise wenig Seiten und enorm viel Gewicht. Sie steht für eine Lebensmöglichkeit, die Blacktail beinahe gehabt hätte. Zwischen Haustierwelt und Wildnis öffnet sie kurz einen Raum, in dem beide Existenzformen zusammenkommen könnten. Ihr Tod zerstört deshalb mehr als eine Beziehung.
Er vernichtet Blacktails Zukunft. Gerade hier entsteht allerdings auch einer der kontroversesten Punkte des Buches. Renrens Tod hängt mit einem veterinärmedizinischen Eingriff zusammen, und Hawkins’ Darstellung der ungeborenen Welpen und der menschlichen Entscheidung kann man durchaus als thematisch problematisch empfinden.
Wir halten die Szene vor allem deshalb für schwierig, weil sie vollständig durch Blacktails Wahrnehmung gefiltert wird. Für ihn gibt es keinen medizinischen Diskurs. Er weiß nur: vorher Familie, danach Tod.
Der Roman zwingt uns damit in eine Perspektive, die menschliche Erklärungen bewusst verweigert. Das ist hart. Und gerade deswegen diskussionswürdig.
Old Kitty Mother
Die Old Kitty Mother ist herrlich. Uralte Hexe. Katze. Manipulativ, mächtig, rätselhaft. Und vollständig davon überzeugt, dass man die großen Probleme der Welt möglicherweise lösen könnte, indem man einem extrem wütenden Wolf den Weg zu einem schlafenden Gott erklärt.
Sie funktioniert, weil Hawkins keinerlei Scheu vor der Absurdität seiner eigenen Idee zeigt. Katzen besitzen hier alte magische Traditionen. Ihre Hexerei gehört zur Mythologie der Tierwelt, und die Old Kitty Mother steht irgendwo zwischen religiöser Autorität, Trickster und sehr gefährlicher Großmutter.
Ein Roman, der diese Figur mit absolut ernstem Gesicht tragen kann, hat bei uns ohnehin einige Meter Vorsprung.
Die Tiere unterwegs
Die Reise lebt von den Begegnungen. Ein redseliger Fuchs, domestizierte Hunde, Katzen, Luchse und zahlreiche andere Tiere zeigen jeweils andere Varianten einer Welt unter menschlichem Einfluss.
Besonders hart werden jene Abschnitte, in denen Haustiere oder ausgesetzte Tiere auftauchen. Denn Hawkins romantisiert Wildnis keineswegs vollständig. Nahrung, Kälte und Tod bleiben real. Gleichzeitig zeigt er, dass Domestikation ebenfalls Macht bedeutet.
Ein voller Napf kann Sicherheit sein. Ein voller Napf kann auch Abhängigkeit sein. Der Roman zwingt sich erfreulicherweise nicht zu einer einfachen Antwort.
🌲 Welt und Mythologie
Hier wird Blacktail richtig groß. Die Tiere besitzen eine Kosmologie. Im Zentrum stehen zwei Prinzipien: The Hunt und Reason.
Der Forest God verkörpert die Jagd – einen alten Kreislauf aus Hunger, Stärke, Tod und Nahrung. Der Gott der Menschen steht für Reason. Vernunft hat den Menschen etwas ermöglicht, das jedes Kräfteverhältnis verändert: Werkzeuge.
Ein Mensch braucht keine Krallen. Er schleift ein Messer.
Er braucht keine Geschwindigkeit. Er konstruiert ein Auto.
Er braucht keine Stärke. Er produziert ein Gewehr.
Damit verlässt die Menschheit aus Sicht der Tiere die unmittelbare Ordnung der Jagd.
Das ist eine großartige Fantasyidee. Und eine philosophisch ziemlich angreifbare. Denn was ist ein Zahn anderes als ein biologisches Werkzeug? Warum sollte die Stärke eines Wolfs „natürlicher“ legitimiert sein als menschliche Intelligenz? Allerdings gewinnt der Roman durch diesen Einwand.
Weil Blacktails Religion eben keine objektive Wahrheit sein muss. Sie ist sein Glaube. Und Glaube ist dann besonders interessant, wenn die Welt ihn nicht mehr bestätigt.
🚗 Der große Gott Car
Einer meiner Lieblingsgedanken des Romans entsteht ausgerechnet bei den Eichhörnchen. Sie erleben Autos völlig anders als Menschen und auch als andere Tiere. Ein Fahrzeug ist schnell, laut, tödlich und bewegt sich über einen schwarzen Pfad, auf dem regelmäßig Tiere sterben.
Natürlich entwickelt sich daraus Mythologie. Es ist ein regelrechter Todeskult, in dem Eichhörnchen das furchterregende Wesen Car verehren. Das ist auf den ersten Blick absurd. Auf den zweiten beinahe anthropologisch folgerichtig.
Menschen haben seit Jahrtausenden Naturphänomene vergöttlicht, die sie nicht verstanden und die über Leben und Tod entschieden. Warum sollten Eichhörnchen es anders machen? Damit gelingt Hawkins etwas Großartiges: Er macht unsere vollkommen normale Welt fremd.
Nach einer Weile betrachtet man Straße, Gartenzaun, Katzenfutter und Tierarztpraxis plötzlich wie Artefakte einer bizarren Zivilisation. Fantasy muss also gar keine neue Welt erfinden. Manchmal reicht es, unsere eigene Welt aus Augen zu betrachten, für die wir die Monster sind.
🩸 Gewalt
Hier sollte niemand mit falschen Erwartungen anfangen. Blacktail ist brutal. Wirklich sehr brutal. Menschen sterben. Tiere sterben. Tiere leiden. Menschen fügen Tieren Dinge zu, die deutlich schwerer zu lesen sein können als die eigentlichen Jagdszenen.
Leser, denen Tierleid besonders nahegeht, sollten das Buch vermutlich eher liegenlassen. Doch Hawkins benutzt diese Gewalt überwiegend nicht als bloße Dekoration. Sie ist Teil der Perspektive. Menschen besitzen sehr viele Wörter, mit denen wir Gewalt an Tieren neutralisieren können.
Bestandsregulierung. Verkehrsunfall. Nutztierhaltung. Eingriff. Schädlingsbekämpfung.
Blacktail kennt diese Wörter nicht. Er sieht Körper. Blut. Angst. Tod.
Dadurch entfernt der Roman die sprachliche Distanz, mit der unsere Gesellschaft vieles erträglich macht. Das kann unangenehm werden. Und das soll es auch.
😏 Humor
Und dann heißt irgendeine uralte Katzenbotin sinngemäß Snooky-Ookums. Willkommen bei Scott Hawkins. Die Welt kann wenige Seiten zuvor komplett auseinandergerissen worden sein, danach diskutieren Tiere über menschlichen Unsinn oder interpretieren Haushaltsgegenstände als metaphysische Phänomene.
Das erzeugt einige großartige Momente. Es erzeugt gelegentlich auch Schleudertrauma. Die stärksten Gags entstehen aus Perspektive. Ein Hund betrachtet Trockenfutter völlig anders als wir. Eine Katze besitzt eine Vorstellung ihrer eigenen Bedeutung, die vermutlich jeder Katzenhalter für erschreckend plausibel hält.
Menschen werden über Geruch, Bewegung und Verhalten beurteilt statt über Kleidung oder sozialen Status. Das ist ziemlich klug. Schwächer wird der Humor allerdings dort, wo er die emotionale Temperatur einer Szene zu schnell absenkt.
Dieser Roman will sehr dunkel und sehr komisch sein. Meistens gelingt ihm beides gleichzeitig. Ein paarmal streiten sich die beiden Tonlagen um denselben Stuhl.
⏳ Tempo
Hier sitzt der deutlichste strukturelle Schwachpunkt. Blacktail reist. Er begegnet einem Tier. Das Tier besitzt eine Geschichte, einen Glauben oder eine Erfahrung mit Menschen. Blacktail nimmt etwas daraus mit. Er reist weiter.
Dieses wiederkehrende Reisemuster ist beim Lesen irgendwann vorhersehbar. Wobei einzelne Episoden trotzdem hervorragend sind. In der Summe wird das Gerüst sichtbar.
Der Roman hat glücklicherweise nur 288 Seiten. Bei 600 hätte diese Konstruktion vermutlich ernsthafte Probleme bekommen. So bleibt immer noch genug Bewegung. Und je weiter Blacktail kommt, desto stärker verändert sich die Dimension seiner Reise.
Aus persönlicher Rache wird Religion. Aus Religion wird Krieg. Aus Krieg wird etwas Kosmisches.
Die Eskalation ist enorm. Vielleicht sogar ein bisschen zu enorm.
🔥 Wenn aus Rache plötzlich Weltuntergang wird
Hier entscheidet sich, wie sehr man Blacktail liebt. Die ersten Kapitel besitzen eine fast erschreckende emotionale Klarheit.
Blacktail liebt.
Blacktail verliert.
Blacktail tötet.
Dann wird die Geschichte größer.
Forest God.
Reason.
Tierkosmologie.
Himmel und Hölle, Engel und Apokalypse.
Oh ja, das ist spektakulär. Es birgt aber ein Problem: Renren wird irgendwann sehr klein neben dem Ende der Menschheit.
Hier verliert sich dann auch am Ende die emotionale Verbindung zum ursprünglichen Rachekern. Hawkins gewinnt mythologische Größe und bezahlt mit Intimität. Der Roman ist aber gerade dann am stärksten, wenn beides gleichzeitig vorhanden bleibt – wenn eine kosmische Idee noch immer aus dem Schmerz eines einzelnen Tieres wächst.
Wo die Mythologie Blacktail komplett überragt, wird das Buch faszinierend. Aber auch etwas ärmer.
🧠 Ist Reason wirklich das Problem?
Das ist für uns die spannendste Frage nach der Lektüre. Blacktails Weltbild sagt: The Hunt ist Ordnung. Reason hat diese Ordnung zerstört. Und es ist auch nicht so, dass der Roman verlangt, diesem Gedanken vollständig zuzustimmen.
Denn wenn Hawkins eines gut macht, dann zeigt er Blacktail als gläubige Figur, nicht als allwissenden Philosophen. Natürlich hält ein Wolf eine Welt für gerecht, in der Zähne und Jagdfähigkeit Macht verleihen. Ein Eichhörnchen könnte dazu eine andere Meinung haben.
Und ein Mensch erst recht. Damit bekommt der ganze Eco-Horror Tiefe. Die Menschheit hat unbestreitbar gewaltige Zerstörung verursacht. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass eine Rückkehr zu einer romantisierten Urordnung moralisch überlegen wäre.
Der Forest God könnte Erlösung sein. Er könnte auch einfach der Gott eines älteren, brutaleren Machtgefüges sein. Genau an diesem Punkt wird Blacktail mehr als eine Rachefabel. Es wird zu einer Geschichte darüber, wie jede Spezies ihre eigene Macht gern als natürliche Ordnung bezeichnet.
🌍 Der Mensch als Monster
Hawkins gönnt uns wenig Komfort. Die Menschheit sieht in diesem Buch furchtbar aus. Das liegt allerdings auch daran, dass wir uns selbst normalerweise aus unserer eigenen Perspektive erleben.
Wir kennen die Gründe. Die Kompromisse. Die Gesetze. Die medizinischen Erklärungen. Die wirtschaftlichen Zwänge. Tiere kennen die Folgen. Das ist der zentrale Perspektivtrick.
Ein Wald wird für Menschen erschlossen. für Blacktail wird er kleiner.
Eine Straße verbindet zwei Orte, für ein Tier teilt sie seine Welt in zwei tödliche Hälften.
Ein Haustier bekommt medizinische Versorgung, ein anderes Tier erlebt derweil, dass Menschen über seinen Körper verfügen.
Die Wahrheit liegt nicht automatisch vollständig auf einer Seite. Der Roman zwingt uns lediglich einmal dazu, unsere eigene wegzulassen.
Das ist unbequem. Und es ist verdammt wirkungsvoll.
📜 Fazit: Vielleicht sind wir im Märchen wirklich die Wölfe
Blacktail ist ein eigenartiges Biest. Es ist brutal, manchmal wunderschön, gelegentlich albern, religiös, wütend und völlig unbeeindruckt davon, ob der Leser seine moralische Ordnung bequem findet.
Scott Hawkins hat elf Jahre nach The Library at Mount Char keinen Versuch unternommen, denselben Roman noch einmal zu schreiben. Dafür gebührt ihm schon Respekt.
Hier gibt es keine geheime Bibliothek voller kosmischer Macht. Hier gibt es einen Wald. Einen Wolf. Eine tote Hündin. Eine uralte Katzenhexe.
Und irgendwann die ernsthafte Überlegung, ob der Planet ohne uns vielleicht besser dran wäre. Die Tierperspektive ist hervorragend. Die Duftgedichte gehören zu den schönsten Ideen des Romans. Die verschiedenen Religionen machen aus Instinkt Kultur, ohne jedes Tier einfach in einen Menschen umzubauen.
Blacktail selbst bleibt faszinierend, weil Hawkins ihm nie die moralische Reinheit eines klassischen Rächers schenkt.
Er liebt.
Er leidet.
Er tötet.
Er glaubt.
Und er kann sich irren.
Die Schwächen liegen ebenfalls offen. Die episodische Reise entwickelt ein Muster. Humor und Horror geraten ein paarmal hart aneinander. Die metaphysische Eskalation droht stellenweise, den sehr persönlichen Schmerz zu verschlucken, mit dem alles begann.
Und die Philosophie von Hunt und Reason ist absichtlich oder unabsichtlich so streitbar, dass man nach der letzten Seite noch eine ganze Weile daran herumkauen kann.
Das kostet den fünften Stern. Aber es ist eine sehr starke Vier.
Denn lieber lesen wir einen Roman, über dessen Weltbild man sich anschließend streiten möchte, als den hundertsten perfekten Fantasymechanismus, der nach dem Zuklappen sofort verschwunden ist.
Blacktail verschwindet nicht. Dafür kratzt es zu lange an der Tür von uns Lesern.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★★☆
„Eine wilde, blutige und ideenreiche Tierfantasy über Rache, Religion und menschliche Herrschaft. Formal nicht überall glatt, philosophisch streitbar und genau deshalb lange im Kopf verbleibend.“
Autor: Scott Hawkins
Titel: Blacktail
Reihe: Einzelroman
Verlag: Tor Nightfire
Übersetzung: Englische Originalausgabe
Seitenanzahl: 576 Seiten, gebundenes Buch
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN: 978-1037417153
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