Der Wald hat genug von uns: Scott Hawkins kehrt nach elf Jahren mit Blacktail zurück
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Der Wald hat die Kündigung vorbereitet
📰 Was ist los?
Scott Hawkins veröffentlicht heute mit Blacktail seinen erst zweiten Roman nach dem Kulttitel The Library at Mount Char. Die Dark Fantasy erzählt aus tierischer Perspektive von einem Wolf, dessen Rachefeldzug ihn zu einer uralten Katzenhexe und schließlich auf die Suche nach einem schlafenden Waldgott führt. Die US-Ausgabe erscheint heute bei Crown, die britische Ausgabe folgt am 3. September.
🐛 Was denken wir?
Das ist genau die Literaturmeldung, die zwischen all den monatlichen Neuerscheinungslisten auffällt. Ein Autor mit nur einem, dafür längst kultisch verehrten Roman kehrt nach elf Jahren zurück und schreibt ausgerechnet eine blutige Tierfabel über den Aufstand der Natur gegen den Menschen. Das klingt wesentlich interessanter als ein sicher kalkulierter Nachfolger zu Mount Char.
Elf Jahre hat Scott Hawkins seine Leser warten lassen. Sein Debüt The Library at Mount Char erschien 2015, entwickelte sich über die Jahre zum Kultroman und blieb trotzdem lange sein einziges Buch. Seit heute ist diese bemerkenswert übersichtliche Bibliografie doppelt so groß: Crown veröffentlicht Blacktail, Hawkins’ zweiten Roman – und der schlägt eine völlig andere, aber mindestens ebenso sonderbare Richtung ein.

© Crown / Penguin Random House
Diesmal stehen keine Menschen im Mittelpunkt. Hawkins erzählt seine Dark Fantasy aus der Perspektive von Tieren und beginnt mit einem Wolf, der genügend Gründe gesammelt hat, unsere Spezies für einen ausgesprochen misslungenen Versuch der Evolution zu halten. Was als persönliche Rachegeschichte beginnt, wächst laut Verlag zu einer Reise durch eine eigene Mythologie aus Tieren, Hexen, Geistern und einem schlafenden Waldgott.
🌲 Blacktails Wald verschwindet Stück für Stück
Blacktail ist ein Wolfsmischling und Anhänger des Forest God, doch sein Lebensraum schrumpft. Menschen dringen immer weiter in die Wälder vor, zerstören Reviere und lassen den Tieren zunehmend weniger Raum. Für Blacktail ist diese Entwicklung keine abstrakte ökologische Krise, sondern etwas, das er unmittelbar riecht, hört und erlebt.
Trotzdem findet er zunächst etwas, das wie ein mögliches friedliches Leben aussieht. Jenseits einer Gartenmauer begegnet er einer Haushündin und verliebt sich in sie. Als Menschen seine Gefährtin und ihre ungeborenen Jungen töten, endet diese Hoffnung abrupt. Blacktail dringt in das Haus ihrer Besitzer ein und beantwortet die Tat mit einer Rache, die selbst innerhalb der gewalttätigen Welt des Romans Aufmerksamkeit erregt. Und leider interessiert sich anschließend genau die richtige – oder falsche – Person für ihn.
🐈 Eine Katzenhexe hat eine ziemlich endgültige Lösung
Blacktails Blutbad erreicht eine uralte Katzenhexe, die der Verlag als mächtige und ausgesprochen gefährliche Figur beschreibt. Sie macht dem Wolf ein Angebot, das seine persönliche Rache erheblich vergrößert: Warum lediglich einige Menschen bestrafen, wenn die gesamte Menschheit für die Zerstörung der natürlichen Welt verantwortlich ist?
Um das zu erreichen, soll Blacktail den schlafenden Forest God finden und erwecken. Nur diese alte Macht könnte stark genug sein, das Zeitalter der Menschen zu beenden. Blacktail weiß gleichzeitig, dass seine Wälder jedes Jahr kleiner werden und Rückzug irgendwann keine Option mehr sein wird. Er macht sich deshalb auf den Weg nach Süden und immer tiefer hinein in eine Welt, die von Menschen beherrscht wird.
Damit verlässt Blacktail recht schnell die Grenzen einer gewöhnlichen Tier-Rachegeschichte. Unterwegs begegnet der Wolf anderen Tieren, Menschen und übernatürlichen Wesen, von denen einige sehr eigene Gründe besitzen, ihm bei seinem Feldzug zu helfen. Zugleich wächst der Verdacht, dass Blacktail selbst längst mehr ist als nur ein besonders wütender Wolf.
Und natürlich bleibt die Frage, die bei schlafenden uralten Göttern grundsätzlich zu spät gestellt wird: Was kostet es eigentlich, sie wieder aufzuwecken?
🩸 Keine niedliche Tierfabel
Wer bei einem Roman aus Tierperspektive an eine gemütliche Waldgeschichte denkt, sollte spätestens hier umdenken. Crown vermarktet Blacktail ausdrücklich als Dark Fantasy, während die ersten Rezensionen zusätzlich von Folk Horror und Eco-Horror sprechen. Gewalt gehört nicht nur zur Handlung, sondern zur gesamten Perspektive des Romans.
Das Interessante daran ist, dass Hawkins die Tiere offenbar nicht einfach zu Menschen mit Fell macht. Blacktail betrachtet Jagd, Besitz, Haustiere, Straßen und menschliche Gewalt aus einer Weltanschauung, in der völlig andere Regeln gelten. Auch andere Tiere bekommen eigene Vorstellungen von Religion, Tod und den Dingen, die Menschen in ihre Welt gebracht haben. Kirkus erwähnt beispielsweise eine erstaunlich schräge Eichhörnchenreligion, während die Katzen ihre eigene alte Magie besitzen.
Dadurch entsteht ein Perspektivwechsel, der unangenehm werden dürfte. In vielen Fantasyromanen wird die Natur von Menschen bedroht, und der Leser darf selbstverständlich mit denjenigen sympathisieren, die sie retten wollen. Blacktail stellt offenbar die deutlich unangenehmere Frage: Was wäre, wenn die Natur längst entschieden hätte, dass nicht sie gerettet werden muss, sondern wir entfernt werden müssen?
📚 Elf Jahre nach The Library at Mount Char
Der lange Abstand zum Debüt macht die Veröffentlichung zusätzlich bemerkenswert. The Library at Mount Char erschien 2015 und ließ sich schon damals nur schwer sauber in eine Schublade stecken. Fantasy, Horror, Mythologie und grotesker Humor liefen dort derart selbstverständlich ineinander, dass Hawkins trotz nur eines einzigen Romans eine ausgesprochen treue Leserschaft aufbauen konnte. Crown bezeichnet das Buch inzwischen selbst als Kulttitel.
Blacktail versucht offensichtlich nicht, dieses Konzept einfach noch einmal zu schreiben. Die Tierperspektive, der Waldgott und die ökologische Rachegeschichte sind eine völlig andere Ausgangslage. Geblieben scheint eher Hawkins’ Freude daran zu sein, eine zunächst verständliche Prämisse immer weiter aufzudrehen, bis plötzlich erheblich größere und merkwürdigere Kräfte beteiligt sind.
Auch die ersten Kritiken fallen auffällig positiv aus. Kirkus verlieh eine Sternebewertung und lobt gerade die Verbindung aus schwarzem Humor, brutaler Gewalt und Tiermythologie. Der Roman scheut dabei offenbar nicht davor zurück, seine menschlichen Leser konsequent auf der falschen Seite dieses Konflikts zu platzieren.
🇺🇸 Heute in den USA – Europa folgt am Donnerstag
Die US-Ausgabe von Crown erscheint heute als 288-seitiges Hardcover und E-Book. Das englische Hörbuch wird von MacLeod Andrews gelesen und läuft knapp elf Stunden. Die britische Ausgabe bei Tor Nightfire / Pan Macmillan folgt am 3. September und lässt sich auch über deutsche Händler beziehen.
Eine deutsche Übersetzung ist derzeit noch nicht angekündigt. Das ist bei Hawkins besonders schade, weil sein Debüt als Die Bibliothek am Mount Char durchaus einen deutschen Markt gefunden hat. Wer nicht warten möchte, kann die US-Ausgabe bereits ab heute bestellen; die hierzulande leichter verfügbare britische Ausgabe folgt zwei Tage später.
Nach elf Jahren hätte Scott Hawkins natürlich auch einfach einen halbwegs normalen zweiten Roman schreiben können.
Stattdessen schickt er einen Wolf los, um einen uralten Gott zu wecken und möglicherweise die Menschheit abzuschaffen.
Gut zu wissen, dass die Pause offenbar nicht dazu genutzt wurde, vernünftiger zu werden.




