RJ Barker – Mortedant’s Peril (Rezension)

🔍 Suche im Fantasykosmos

Spüre verborgene Pfade auf, entdecke neue Werke oder durchstöbere das Archiv uralter Artikel. Ein Wort genügt – und der Kosmos öffnet sich.

Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

RJ Barker – Mortedant’s Peril

📚 Kurzfazit
Mortedant’s Peril ist ein starker Fantasy-Krimi mit schwarzem Witz, eigensinniger Stadt, schräger Totenmagie und einem wunderbar ungeliebten Ermittler. RJ Barker verbindet Mordmysterium, Bürokratie, Stadtfantastik und morbiden Humor zu einem Roman, der deutlich mehr Eigenleben hat als der übliche Magier-mit-Geheimnis-Aufguss.

😒 Was kratzt
Der Roman liebt seine Stadt, seine Nebenwege und seine skurrilen Strukturen sehr. Manchmal so sehr, dass der Mordfall kurz warten muss, während Elbay noch eine weitere Eigenart aus der Manteltasche zieht. Wer schlanke Krimikonstruktion erwartet, bekommt hier eher ein verwinkeltes Haus mit sprechenden Schatten im Keller.

✨ Was funktioniert
Irody Hasp ist als Hauptfigur großartig: klug, sozial schief gelagert, beruflich verachtet und trotzdem genau der Mensch, den man braucht, wenn alle anderen zu höflich lügen. Dass er mit den Toten mehr anfangen kann als mit den Lebenden, wirkt in dieser Stadt fast schon vernünftig.

🧶 Welt und Stimmung
Elbay ist keine hübsche Kulisse. Die Stadt riecht nach Macht, Staub, altem Stolz, seltsamen Maschinen, schlafenden Göttern und sehr lebendigen Interessen. Barker macht aus dem Mordfall keinen isolierten Krimitrick, sondern einen Riss in einer Gesellschaft, die dringend behaupten muss, stabil zu sein.

🐦 Crowbah meint
Ein Mann, der letzte Gedanken aus Toten liest, ist in einer korrupten Stadt natürlich unbeliebt. Nicht wegen der Toten selbst, sondern wegen der verräterischen Gedanken.

Banner für den Newsletter im Fantasykosmos mit Gandalf, der den Leser nicht vorbeilässt,

⚰️ RJ Barker – Mortedant’s Peril: Ein Totenleser, ein Mordfall und eine Stadt voller sehr lebendiger Lügen

Der Tod ist in der Fantasy meist entweder ein Tor, ein Monster, ein Gott, ein Schicksal oder ein dramatisch wehender Mantel in Schwarz. Bei RJ Barkers Mortedant’s Peril ist er vor allem Arbeit. Unbeliebte Arbeit. Schlecht bezahlte Arbeit. Arbeit, bei der man letzte Gedanken aus Leichen liest, während alle Anwesenden so tun, als sei man selbst das eigentliche Problem. Das ist definitiv ein herrlicher Ansatz.

Irody Hasp ist ein Mortedant, ein Kleriker mit der Fähigkeit, die letzten Gedanken Verstorbener wahrzunehmen. Damit wäre er in einer vernünftigen Welt vermutlich eine hochgeschätzte Ermittlungsinstanz. In Elbay, einer Stadt voller Tradition, Hierarchie, Machtspielchen und sehr gepflegter Verlogenheit, ist er eher ein notwendiger Makel im Dienstplan. Man braucht ihn, aber man will ihn nicht mögen. Und das ist, wie jeder weiß, die ideale Ausgangslage für einen Mordfall.

Als Irodys Lehrling getötet wird, wird aus beruflicher Außenseiterstellung plötzlich akute Lebensgefahr. Denn wer die Wahrheit aus den Toten holen kann, ist für die Lebenden naturgemäß eine Zumutung. Barker baut daraus einen Fantasy-Krimi, der nicht einfach einen Täter sucht, sondern eine ganze Stadt seziert. Mit reichlich Humor, einer Portion Wut und sehr schönen Leichen.


🧭 Worum geht’s eigentlich?

Irody Hasp gehört zu den Mortedants, Klerikern, die bei Todesfällen gerufen werden, um die letzten Gedanken der Verstorbenen zu lesen. Das klingt nach einer nützlichen Gabe, ist gesellschaftlich aber ungefähr so beliebt wie ein Steuerprüfer mit Grabkerze. Mortedants werden gebraucht, gefürchtet und gemieden. Irody selbst ist selbst innerhalb seiner eigenen Ordnung kein strahlender Stern, sondern eher der Mann, den man ruft, wenn alle angenehmeren Optionen gerade verhindert sind.

Dann wird sein Lehrling ermordet. Dieser Mord zieht Irody in einen Fall, der viel größer ist als ein einzelnes Verbrechen. Elbay, die Stadt, in der er lebt, ist ein Wunder und ein Sumpf zugleich: voller alter Strukturen, seltsamer Technologien, Geister, Götterreste, Machtträger und Abgründe. Je tiefer Irody gräbt, desto deutlicher wird, dass sein Talent nicht nur bei den Toten gefährlich ist. Es bedroht vor allem jene Lebenden, die sich darauf verlassen haben, dass ihre Geheimnisse ordentlich begraben bleiben.

Nachrichtenszene mit einer seriösen Moderatorin und einem Ork im Anzug mit roter Krawatte; auf seiner Schulter lodert eine kleine Flamme – satirisches Fantasy-News-Banner.

Der Roman funktioniert damit als Fantasy-Krimi, aber auch als Stadtporträt. Barker fragt nicht nur, wer getötet hat. Er fragt, welche Art Stadt Menschen hervorbringt, die töten, schweigen, verwalten, wegsehen und danach noch eine Vorschrift darüber erlassen.

🔍 Stärken & Schwächen

🖋 Stil

RJ Barker schreibt mit trockenem Witz, scharfem Timing und einer erfreulichen Abneigung gegen glatte Fantasy-Konfektionsware. Mortedant’s Peril hat diesen Ton, bei dem das Komische nicht neben der Dunkelheit steht, sondern aus ihr herauswächst. Ein schlechter Autor würde aus einem Totenleser entweder reines Gothic-Theater oder bloßen Gagbetrieb machen. Barker findet die bessere Mitte: Sein Humor ist dunkel, aber nicht kalt. Seine Welt ist absurd, aber alles andere als beliebig.

Die Prosa hat Schwung. Sie wirkt nie so, als müsse sie erst fünf Seiten lang beweisen, dass hier jetzt ein bedeutender Fantasy-Autor spricht. Barker erzählt mit Lust an Stimme, Figuren und schrägen Institutionen. Das gibt dem Roman einen eigenen Klang: halb Leichenprotokoll, halb Stadtkomödie, halb verzweifelter Wettlauf gegen eine Ordnung, die lieber den Falschen hängt, als sich selbst anzusehen. Manchmal ist dieser Stil fast zu verspielt. Elbay ist eine Stadt mit vielen Besonderheiten, und Barker zeigt sie gern. Sehr gern. Das macht Spaß, kann aber die kriminalistische Spannung kurz zerfasern. Dafür bekommt man keine sterile Rätselmaschine, sondern einen Roman, der an allen Ecken lebt, zischt, knarzt und gelegentlich mit einem sehr alten Gott im Hintergrund hustet.

🧍‍♂️ Figuren

Irody Hasp trägt den Roman. Er ist kein klassischer strahlender Ermittler, kein charismatischer Schurke und kein genialer Detektiv mit dekorativer Macke. Er ist ein Mann in einer verachteten Funktion, der besser mit Sterbenden und Toten umgehen kann als mit den meisten Lebenden. Genau daraus gewinnt er seine Würde.

Seine Gabe macht ihn nicht mächtig im üblichen Sinne. Sie macht ihn nützlich, gefährlich und einsam. Wer letzte Gedanken lesen kann, wird nicht unbedingt geliebt. Er wird gerufen, wenn alles andere zu spät ist. Barker nutzt das sehr klug: Irodys Beruf ist nicht nur Plotwerkzeug, sondern Charakterkern. Er sieht, was Menschen zuletzt denken. Dadurch kennt er die Wahrheit in ihrer hässlichsten, kleinsten, verletzlichsten Form.

Das Pantheon der Fantasy zeigt riesige steinerne Fantayfiguren wie Zauberer und Drachen. Im Pantheon stehen viel unterschiedliche Besucher, die die Figuren betrachten. Text: Meilensteine der Fantasy. Jetzt entdecken.

Auch die Nebenfiguren wirken nicht wie bloße Stichwortgeber. Elbay ist gut bevölkert: Vorgesetzte, Auftraggeber, Gegner, Opfer, Zeugen, Opportunisten und Menschen, die wahrscheinlich selbst beim Frühstück noch politische Kalkulation betreiben. Nicht jede Figur bekommt denselben Raum, aber viele besitzen genug Kontur, um die Stadt größer wirken zu lassen als die reine Handlung. Besonders gut gefällt, dass Barker seine Figuren nicht in saubere moralische Kästchen sortiert. In dieser Stadt haben selbst hilfreiche Menschen Gründe. Und Gründe sind in Elbay fast immer verdächtig.

🕒 Tempo und Aufbau

Mortedant’s Peril hat den Motor eines Mordmysteriums, aber den Körper eines Stadtromans. Der Fall gibt Richtung und Druck, doch Barker nimmt sich Zeit, Elbay zu entfalten. Das Tempo ist dadurch nicht durchgehend gehetzt, sondern eher gespannt: Man folgt Irody durch Schichten aus Verdacht, Institutionen, Gassen, Leichen und sozialen Falltüren.

Das funktioniert, weil der Roman seine zentrale Gefahr früh genug klar macht. Irody muss nicht einfach abstrakt einen Fall lösen. Sein eigenes Leben hängt daran. Diese persönliche Dringlichkeit verhindert, dass die Weltbau-Freude den Plot verschluckt. Der Leser weiß: Diese Stadt mag faszinierend sein, aber irgendwo läuft eine Uhr.

Trotzdem bleibt der Roman kein schnurgerader Thriller. Wer jede Szene nur nach Hinweiswert abklopft, wird gelegentlich ungeduldig werden. Barker interessiert sich nicht nur für die Lösung, sondern für die Umstände, die zur Tat führen. Dadurch wirkt Mortedant’s Peril dichter und eigenwilliger, aber auch weniger stromlinienförmig. Für uns ist das klar ein Plus. Fantasy-Krimis dürfen mehr sein als ein Ermittlungsbrett mit Magiebelag. Wenn die Stadt selbst nicht lebt, kann der Mord auch gleich im Brettspiel passieren.

✨ Atmosphäre und Welt

Elbay ist der Star neben Irody. Barker entwirft eine korrupte Wunderstadt, die nicht einfach hübsch seltsam aussieht, sondern eigene Gravitation besitzt. Alte Automaten, seltsame Geister, schlafende Götter, Priesterstrukturen, soziale Ränge, Macht und Aberglaube greifen ineinander. Man hat nie das Gefühl, dass hier nur ein paar skurrile Requisiten aufgestellt wurden, damit das Cover interessanter aussieht.

Diese Stadt vermittel viel Druck. Sie wirkt alt, eitel, verletzlich und gefährlich. Barker versteht, dass gute Fantasy-Städte nicht durch Landkarten entstehen, sondern durch Gerüche, Regeln, Gerüchte, Ängste und die Frage, wer bei einem Todesfall zuerst eintrifft: ein Freund, ein Beamter oder jemand, der das Erkennen der Wahrheit verhindern möchte.

Besonders stark ist die Verbindung aus Tod und Verwaltung. Mortedant’s Peril zeigt eine Welt, in der das Übernatürliche nicht als Ausnahme herumglitzert, sondern in Institutionen eingebaut ist. Totenleser, Gilden, Vorschriften, Rangordnungen, Pflichten — Magie ist hier nicht Flucht aus der Gesellschaft, sondern Teil ihres Problems. Das gibt dem Roman eine großartige Farbe. Nicht prunkvolle Heldensaga, sondern morbide Stadtfantastik mit Aktenstaub auf dem Sargdeckel.

Nichts als die Wahrheit. Schmaler Banner für den Arkanen Moosverhetzer. Ein Moosling mit Blatthelm, der wütend eine Propagangazeitung liest.

📜 Fazit: Der Tod schweigt nicht, nur die Stadt versucht es

Mortedant’s Peril ist genau die Sorte Fantasy, die man viel zu selten bekommt: eigenwillig, witzig, düster, menschlich und in einer Welt angesiedelt, die nicht wie der Restposten bekannter Genre-Versatzstücke wirkt. RJ Barker nimmt einen starken Krimi-Haken — ein Mann liest letzte Gedanken der Toten und wird in den Mord an seinem Lehrling gezogen — und baut daraus mehr als ein Rätsel mit Zaubertrick.

Der Roman lebt von Irody Hasp. Er ist eine herrliche Figur, weil er weder Heldenglanz noch finstere Coolness braucht. Seine Stärke liegt in einer unangenehmen Nähe zur Wahrheit. Er ist der Mann, den niemand sehen will, wenn alles noch gut aussieht, und den alle brauchen, wenn jemand tot auf dem Boden liegt. In einer Stadt wie Elbay ist das fast schon eine Form von Heldentum.

Barkers größte Leistung ist aber Elbay selbst. Diese Stadt hat Charakter, Kanten und einen Sinn für institutionalisierte Verlogenheit. Sie ist wundersam, aber nicht sauber. Komisch, aber nicht harmlos. Sie wirkt, als hätte jemand Prunk, Aberglaube, Götterreste, Korruption und Leichenwesen in eine alte Maschine gefüllt und dann vergessen, sie rechtzeitig abzuschalten.

Nicht alles ist perfekt gebändigt. Der Roman hat Freude an Umwegen, Nebenfiguren und Weltbesonderheiten, und manchmal merkt man, dass Barker lieber noch eine weitere Tür in Elbay öffnet, als den Fall sofort enger zu ziehen. Aber gerade diese Fülle gibt dem Buch seine Persönlichkeit. Das hier ist kein steriler Krimi mit Fantasy-Tapete. Es ist eine Stadt, in der der Mordfall wächst wie Schimmel hinter einer goldenen Wandverkleidung.

Mortedant’s Peril ein sehr starker Roman: kein deutscher Reichweiten-Hit, keine Romantasy-Welle, kein Cozy-Kissen, sondern ein echter Genre-Roman mit eigener Stimme. Dunkel, schräg, lebendig und voller Toter, die mehr Wahrheit besitzen als die Mitarbeiter sämtlicher Stadtverwaltungen.

🌟 Bewertung

Varanthis-Skala: ★★
„Ein wunderbar morbider Fantasy-Krimi mit Totenleser, Stadtintrige und schwarzem Witz. Eigenwillig, atmosphärisch stark und deutlich lebendiger als man bei all den Leichen erwarten würde.“

Dunkles Cover von Mortedant’s Peril von RJ Barker mit großer weißer Titelschrift, einer leuchtenden Flamme im Zentrum, schwarzen Vögeln, hohen symmetrischen Gebäuden und blauschwarzer Stadtatmosphäre.

Autor: RJ Barker
Titel: Mortedant’s Peril
Reihe: The Trials of Irody Hasp, Band 1
Verlag: Tor Books
Übersetzung: Englische Originalausgabe
Seitenanzahl: 416 Seiten, Hardcover
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN:  978-1250398802

Leseprobe, symbolisiert durch ein aufgeschlagenes, antikes Buch.
Leseprobe zu Mortedant’s Peril von RJ Barker bei Tor Books
Mystisches Banner mit Elyra, der Sternengöttin: Ihr leuchtendes Gesicht vor einem funkelnden Sternenhimmel, goldener Schriftzug ‚Dein Blick in die Zukunft?‘ und ein glänzender goldener Button ‚Direkt zum Sternenorakel‘.
Schwarzweiße Luxus-Werbeparodie im Stil einer edlen Uhrenkampagne: Ein ernst blickender Ork mit markanten Stoßzähnen und elegantem schwarzen Sakko sitzt in halb seitlicher Pose vor dunklem Hintergrund. Auf seinem Handgelenk trägt er eine metallische Luxus-Uhr. Über dem Bild stehen groß der Markenname „VORGHAN VULTOR“ und darunter „MIMIKRON“. Rechts unten ist die Uhr noch einmal als Produktabbildung zu sehen: ein silbernes Modell mit dunklem Zifferblatt, zahnartigen Stundenmarkierungen und einem unheimlichen Auge im unteren Bereich. Die Szene wirkt auf den ersten Blick hochwertig und seriös, entfaltet aber auf den zweiten Blick ihren absurden Fantasy-Humor.

Mehr Buchempfehlungen für dich?

Außerdem ziemlich lesenswert: