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🧟 Der Volkstribun als Nekromant: Wie Rienzi ein Volk in Untote verwandelt
Bayreuth holt Wagners frühen Volkstribun erstmals ins Festspielhaus und steckt ihn mitten in die digitale Gegenwart. Dort zeigt sich: Populismus funktioniert wie politische Dark Fantasy – mit Erlöser, Feindbildern, verfluchtem Spiegel und einem Publikum, das seine eigene Verwandlung beklatscht.
Der moderne Diktator benötigt keinen Drachen. Er besitzt Kameras. Er muss auch keine uralte Krone aus einem versiegelten Grab bergen. Ein Benutzerkonto, ein gutes Licht und ein Team für digitale Reichweitenpflege leisten zuverlässigere Dienste. Dort verkündet er, das Land sei gefallen, die Eliten hätten das Volk verraten und nur ein einziger Mann könne die verlorene Größe zurückbringen.
Es folgt eine klassische Fantasyhandlung. Leider mit echten Toten. In Bayreuth heißt dieser Erlöser Cola di Rienzi. Er tritt vor die Kameras, spricht vom Volk, spürt das Volk, liebt das Volk und erklärt sich bald zu dessen einzig authentischem Sprachorgan. Das Volk darf weiterhin reden. Praktischerweise klingt seine Stimme nun wie Rienzis eigene.
Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben Wagners frühe Erfolgsoper für die Jubiläumsausgabe der Bayreuther Festspiele in eine Gegenwart aus Betonwohnungen, Großbildschirmen, Börsentickern, Kriegsbildern, Wahlkampf und permanent kreisenden Gerüchten versetzt. Menschen starren auf ihre Telefone, stimmen ab, liken, empören sich und erleben die Welt als niemals endende Alarmmeldung. Rienzi sprengt mit seiner medialen Persönlichkeit das alte politische System. Zum 150-jährigen Bestehen der Festspiele steht das Werk damit erstmals auf dem Grünen Hügel.
Richard Wagner hätte vermutlich Freude an der Größe der Geste gehabt. Wagner liebte Erlösung, Untergang und Männer, die ihre persönliche Unruhe vorsichtshalber zum Schicksal ganzer Völker erklärten. Nur hielt er Rienzi später für eine Jugendarbeit, die in seinem Bayreuther Heiligtum keinen Platz verdiente. Nun ist der ungeliebte Sohn doch eingezogen. Und der bringt sein Smartphone mit.

Der falsche König im Ringlicht
Populismus wird gern als Politik der einfachen Antworten beschrieben. Das klingt beinahe harmlos, als hätten einige Menschen lediglich keine Lust auf umfangreiche Bedienungsanleitungen. Tatsächlich baut der Populist eine Ersatzwirklichkeit.
In ihr besitzt das Volk einen reinen Kern. Seine Leiden haben erkennbare Urheber. Die Gegner kommen aus einer verdorbenen Oberschicht, aus fremden Ländern, dunklen Netzwerken oder jener geheimnisvollen Welt der Fachleute, die stets etwas erklären wollen, obwohl der Anführer die Wahrheit schon gefühlt hat.
Diese Ersatzwirklichkeit ähnelt einem düsteren Märchenreich. Es gibt ein gestohlenes Erbe, einen rechtmäßigen Retter, Verräter am Hof und eine verheißene Wiederkehr alter Größe. Selbst der Untergang wirkt dort angenehm übersichtlich. Er trägt einen Namen, ein Gesicht und meistens eine andere Parteifarbe.
Der Populist verspricht keine Regierung. Er verspricht die Rückkehr in ein verlorenes Königreich, dessen einzig legitimer Erbe zufällig er selbst ist. Rienzi beginnt als Befreier. Er erhebt sich gegen die mächtigen Adelsfamilien Roms, spricht für die Unterdrückten und bietet einer erschöpften Gesellschaft einen Weg aus Gewalt und Willkür. Diese Herkunft macht ihn gefährlich interessant. Der spätere Tyrann erscheint zu Beginn keineswegs in schwarzer Rüstung. Er kommt mit Hoffnung, Pathos und einer überzeugenden Rede.
Dämonen mit Hörnern hätten es in Demokratien schwer. Sie würden bei den ersten Fernsehbildern schlechte Werte in der politischen Mitte erzielen. Der autoritäre Verführer kleidet sich deshalb als Wiederhersteller. Er heilt die verletzte Gemeinschaft, räumt mit Korruption auf und beendet den Streit. Vor allem beendet er jene lästige Mehrdeutigkeit, in der verschiedene Menschen verschiedene Interessen besitzen und trotzdem gemeinsam einen Staat führen sollen. Komplexität ist in seinem Reich kein unvermeidlicher Zustand. Sie ist schlicht Sabotage.
Der verfluchte Spiegel in der Hosentasche
Alte Sagen kennen Spiegel, die verborgene Wünsche zeigen, Menschen in Bann schlagen oder eine Wirklichkeit erzeugen, aus der kaum jemand zurückfindet. Unsere Gegenwart hat das Konzept handlicher gemacht.
Der digitale Spiegel liegt in der Hosentasche, kennt die Ängste seines Besitzers und aktualisiert die Prophezeiungen rund um die Uhr. Er flüstert jedem Betrachter zu, dass dessen Wut berechtigt ist. Hinter der nächsten Bewegung des Daumens wartet bereits der Beleg.
Der Spiegel lügt dabei selten plump. Er wählt aus. Aus Millionen Ereignissen zeigt er jene zwanzig, die das vorhandene Weltbild bestätigen. Aus einem komplizierten Krieg wird ein kurzer Clip. Aus einer statistischen Entwicklung wird ein Einzelfall mit Musik. Aus einem Gerücht wird eine Frage, aus der Frage ein Verdacht und aus dem Verdacht am Ende etwas, das „man ja wohl noch sagen dürfen wird“.
In der Bayreuther Inszenierung leben die Menschen in übereinandergestapelten Betonkästen, während Bildschirme unablässig Wahlkampf, Krieg, Prominenz und Kurse ausspucken. Das Bühnenbild zeigt eine Gesellschaft, die dauernd informiert wird und dabei immer weniger weiß. Die Dauererregung ist kein Nebeneffekt; sie bildet tatsächlich den idealen Nährboden für den Volkstribun.
Ein ruhiger Bürger könnte prüfen, vergleichen und zweifeln. Ein alarmierter Bürger verlangt eine Handlung. Wenn jede Minute Krise herrscht, wirkt der lauteste Mann schnell wie der entschlossenste. Seine Gewissheit erscheint als Stärke, weil alle anderen noch über Fakten sprechen. Rienzi muss den Zauberspiegel kaum beherrschen. Er braucht nur hineinzusehen und laut auszusprechen, was das Publikum längst dort entdeckt hat.
Der Feed als Beschwörungskreis
Ein Beschwörungskreis besitzt eine klare Grenze. Innerhalb dieser Grenze gelten andere Regeln. Stimmen dringen durch, die draußen niemand hört. Zeichen erhalten Macht, solange alle Beteiligten an ihre Bedeutung glauben. Der digitale Feed funktioniert ähnlich, lediglich mit schlechterer Kerzenbeleuchtung. Wer sich lange genug darin bewegt, gelangt in ein geschlossenes Reich aus Beweisen, Warnungen und scheinbar unabhängigen Zeugen. Jeder Beitrag bestätigt den vorherigen. Widerspruch gilt als Zeichen dafür, dass die Verschwörung noch größer sein muss als angenommen.
Die Wahrheit wird auf diese Weise unangreifbar. Jeder Gegenbeleg verwandelt sich in einen weiteren Beleg. Populismus lebt von solchen Kreisen. Er spricht kaum zu einer Gesellschaft, die aus unterschiedlichen Gruppen besteht. Er erschafft ein wahres Volk und stellt alle übrigen Menschen unter Verdacht.
Das wahre Volk besitzt keine inneren Widersprüche. Es ist anständig, fleißig, betrogen und tief im Herzen stets derselben Meinung. Sobald reale Menschen anders abstimmen, irren sie, wurden manipuliert oder gehören offenbar gar nicht dazu. Der Volkstribun kennt den Volkswillen sogar dann, wenn das Volk ihm widerspricht. Schließlich vertritt er dessen tieferes Wesen. Wahlen liefern in diesem Reich nur dann eine Offenbarung, wenn sie das richtige Ergebnis hervorbringen.
Rienzi wird dadurch mehr als ein Politiker. Er wird zum Medium. Durch ihn spricht eine höhere Gemeinschaft, deren Existenz er gleichzeitig behauptet und verwaltet. Das ist politische Nekromantie, denn der Populist erweckt keine Toten. Er leert Lebende aus und füllt sie mit seiner Erzählung.
Das Heer der klatschenden Untoten
Eines der stärksten Bilder der Bayreuther Inszenierung zeigt Rienzis Publikum als gespenstische Masse. Die Zuschauer sitzen da und klatschen in extremer Zeitlupe. Ihre Körper reagieren noch, doch der Applaus wirkt bereits vom Leben getrennt. Der Tribun schaut auf ein Heer, das seine eigene Verwandlung feiert. Untote besitzen in der Fantasy eine praktische Eigenschaft: Sie müssen kaum überzeugt werden. Ein Wille steuert viele Körper. Aus Personen wird Masse, aus Bewegung Gehorsam.
Politische Bewegungen brauchen natürlich lebende Menschen. Gerade deshalb investieren sie so viel Arbeit darin, deren Individualität während der großen Inszenierung kurz verschwinden zu lassen. Fahnen, Musik, Sprechchöre und wiederholte Formeln erzeugen den berauschenden Eindruck, Teil eines größeren Körpers zu sein. Der Einzelne verliert dabei nichts, erzählt man ihm. Er findet erst jetzt zu seiner wahren Gestalt.
Rienzi liebt das Volk, solange es ihn spiegelt. Als die Verehrung bröckelt, zeigt sich der Preis dieser Liebe. Wer die Gefolgschaft verweigert, verwandelt sich augenblicklich vom Angehörigen des heiligen Volkes zum Verräter. Die populistische Zuneigung besitzt harte Geschäftsbedingungen. Sie ist grenzenlos, solange sie erwidert wird.
Auf der Showtreppe ins Totenreich
Die Bayreuther Inszenierung zeigt Politik als Unterhaltungssystem. Rienzi steht vor Kameras, beherrscht Studios und gewinnt seine Macht durch Präsenz. In seinen Albträumen kehrt der ermordete Bruder über eine scheinbar endlose Showtreppe zurück. Glanz und Gewalt teilen dieselbe Bühnenmechanik.
Das passt erschreckend gut. Showpolitik wird oft als oberflächliche Begleiterscheinung abgetan. Einige Politiker seien eben besonders medienwirksam, heißt es dann. Sie beherrschen die Kamera, produzieren starke Bilder und verstehen die Regeln der Plattformen.
Doch die Show verändert den Inhalt. Politik, die vollständig als Inszenierung betrieben wird, braucht klare Rollen. Helden, Verräter, Opfer und Feinde lassen sich besser erzählen als Haushaltsfragen, Verfassungsrecht oder die genaue Finanzierung eines Rentensystems. Dauerhafte Aufmerksamkeit verlangt dauerhafte Dramaturgie. Jeder Tag braucht einen Konflikt, jede Woche eine neue Bedrohung und jeder Rückschlag einen Schuldigen.
Der Populist wird dadurch zum Serienhelden seiner eigenen Endlossendung. Er kann das Problem kaum lösen, von dem seine Figur lebt. Ein besiegter Feind erzeugt keine weitere Staffel. Also taucht hinter ihm der nächste auf, größer, heimlicher und gefährlicher. Die Politik wird zur Dark Fantasy ohne Finale. Der Dämon stirbt niemals endgültig. Meist hatte er nur einen Stellvertreter geschickt.
Der Dämon trägt das Gesicht des Retters
Die große Stärke von Rienzi liegt in seiner Verwandlung. Der Tribun kommt aus einer Welt realer Unterdrückung. Seine Kritik besitzt Gründe. Die alten Eliten sind korrupt, die Gewalt ist tatsächlich vorhanden, die Sehnsucht nach Veränderung berechtigt.
Das Böse erscheint hier nicht aus dem Nichts. Es wächst aus einem Versprechen, das sich selbst jede Grenze nimmt. Und genau diese Erkenntnis fehlt vielen bequemen Erzählungen über Populismus. Man stellt dessen Anhänger gern als törichte Masse dar, die von einem offensichtlichen Schurken und Scharlatan hypnotisiert wurde. Das beruhigt, weil es die Gefahr an Dummheit und fremde Milieus bindet.
Rienzi ist gefährlicher. Er bietet zunächst etwas, das Menschen wirklich brauchen: Ordnung, Würde, Teilhabe und Hoffnung. Danach erklärt er sich zur Verkörperung all dessen. Aus dem politischen Auftrag wird persönliche Sendung, aus Vertrauen Gefolgschaft und aus Kritik Hochverrat. Der Retter verwandelt sich nicht plötzlich in den Dämon. Der Dämon war im Retter bereits angelegt, sobald dieser sich für unersetzlich hielt.
Die hochkulturellen Ohren dürfen ruhig ordentlich schallern
Bayreuth zeigt mit diesem Rienzi keine besonders subtile Warnung. Überall flimmern Bildschirme, Gerüchte rasen durch Chats, die Masse klatscht wie untot und der Volkstribun beherrscht das Fernsehstudio. Gut so.
Manche Zeiten verlangen keine Regieidee, die sich erst nach drei Aufsätzen und einer Marathondiskussion mit dem Bühnenbildner erschließt. Der autoritäre Mechanismus tritt längst so offen auf, dass künstlerische Verschlüsselung fast wie Höflichkeit wirken würde.
Das Publikum kennt den verfluchten Spiegel nicht nur, es nennt selbst einen sein eigen. Es kennt die Erlöserrhetorik, die verratenen Reiche, die finsteren Eliten und das wahre Volk. Die Sätze wechseln ihre Kostüme, der Plot bleibt stabil.
In alten Sagen endet der Zauber, sobald jemand den wahren Namen des Dämons ausspricht. Unsere Gegenwart kennt diesen Namen längst. Sie nennt ihn Populismus, untersucht ihn in Studien, bespricht ihn in Talkshows und klickt anschließend auf das nächste Video, in dem wieder jemand verspricht, allein den Willen aller zu verkörpern.
Und Rienzi? Ach, der, ja! Nein, der benötigt längst keinen Zauberstab mehr. Hält ihm sein Volk doch willig den Bildschirm hin.







