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Die Tote übernimmt die Ermittlungen selbst
📰 Was ist los?
Remaining Grace ist das erste Spiel von ambedo studios. Grace Tao springt als Geist durch Berührungen zwischen sieben Menschen und rekonstruiert ihren eigenen Tod über drei Zeitebenen. Das nichtlineare Mystery-Adventure erscheint für PC und Mac; einen Termin gibt es noch nicht.
🐛 Was denken wir?
Geistergeschichten gibt es reichlich. Die Perspektivwechsel durch körperliche Berührung und die alternative, nie kolonialisierte Version Nordamerikas geben diesem Projekt aber schon jetzt eine erstaunlich eigene Handschrift. Und ein verdächtiges Actionfigürchen schadet grundsätzlich keinem Kriminalfall.
🫳 Berührung genügt: Remaining Grace lässt einen Geist durch sieben Leben wandern
Grace Tao ist seit drei Jahren tot. Für eine Hauptfigur ist das normalerweise ein eher ungünstiger Ausgangspunkt. In Remaining Grace beginnt die Geschichte allerdings genau dort.

Das neu gegründete ambedo studios hat heute sein erstes Spiel vorgestellt. Hinter dem Projekt steht unter anderem Quintin Pan, der zuvor als Lead Designer an Dreamfall Chapters gearbeitet hat. Sein neues Adventure erzählt eine nichtlineare Geistergeschichte, in der Grace ihre eigenen letzten Jahre ausgerechnet durch die Menschen rekonstruieren muss, die sie zurückgelassen hat.
Und dazu braucht sie keinen Detektiv. Nur gelegentlichen Körperkontakt.
👻 Grace kann die Lebenden wechseln
Die zentrale Idee ist angenehm seltsam: Graces Geist wandert durch Berührungen von Mensch zu Mensch. So gelangt sie in die Perspektiven ihrer chinesischen Einwanderereltern, ihrer Adoptivschwester, des Vaters ihres Kindes, der neuen Frau ihres Vaters und einer Jugendfreundin, die offenbar nie wirklich über Grace hinweggekommen ist. Insgesamt spricht die Steam-Seite von sieben Perspektiven.
Diese Menschen dienen dabei nicht bloß als Figuren, denen man Informationen entlockt. Der Spieler erlebt ihre privaten Räume, Erinnerungen und Beziehungen aus ihrem jeweiligen Blickwinkel. Parks, Teehäuser, das Elternhaus und scheinbar beiläufige Alltagssituationen werden zu Teilen eines größeren Bildes.
Die zentrale Frage lautet natürlich, was tatsächlich mit Grace passiert ist. Ihr Tod wurde als unspektakulär eingestuft. Das Spiel hält davon offenbar wenig.
🎬 Sieben Leben für die Wahrheit über einen Tod
Der erste Trailer zu Remaining Grace zeigt die ungewöhnliche Bleistiftwelt und Graces Reise durch Erinnerungen, Beziehungen und fremde Perspektiven.
🧩 Drei Zeitebenen und ein Kriminalfall ohne klassische Spurensuche
Remaining Grace verteilt seine Handlung über drei verschiedene Zeiträume und verabschiedet sich bewusst von einer linearen Ermittlungsstruktur. Das Interessante daran ist, wie das Studio den Mystery-Aspekt beschreibt: Der Fall soll weniger durch klassische Hinweise gelöst werden als durch das Verstehen der Menschen.
Das klingt zunächst erstaunlich friedlich für eine Geschichte über einen ungeklärten Todesfall. Gleichzeitig steckt darin einiges an Potenzial. Beziehungen verändern sich schließlich je nachdem, aus welcher Perspektive man sie betrachtet. Was eine Figur für Fürsorge hält, kann sich für eine andere wie Kontrolle anfühlen. Ein beiläufiger Satz bekommt Jahre später möglicherweise eine andere Bedeutung.
Und Grace besitzt ausgerechnet den denkbar besten Zugang zu solchen Widersprüchen. Die Tote darf praktisch jeden Standpunkt persönlich ausprobieren.
✏️ Eine Geistergeschichte sieht selten so wenig nach Horror aus
Auch visuell fällt Remaining Grace sofort auf. Die Spielwelt wirkt wie eine bewegte Buntstift- und Bleistiftzeichnung. Häuser, Menschen, Wälder und ganze Stadtlandschaften tragen absichtlich sichtbare Linien und Schraffuren. Das Ergebnis erinnert eher an ein illustriertes Erinnerungsbuch als an den üblichen dunklen Geisterhorror.
Das passt ziemlich gut zur Geschichte. Hier soll offenbar niemand mit Taschenlampe durch ein verlassenes Krankenhaus laufen, während hinter jeder dritten Tür ein Geist schreit. Die übernatürliche Ebene dient stattdessen dazu, Beziehungen aufzubrechen und unterschiedliche Erinnerungen gegeneinanderzustellen.
Der Horror liegt damit weniger darin, dass Grace tot ist. Problematischer könnte werden, was die Lebenden über sie wissen.
🌎 Dieses Nordamerika hatte nie eine europäische Kolonisierung
Noch ungewöhnlicher wird das Projekt durch seine Welt. Remaining Grace spielt auf Turtle Island, einer alternativen Version Nordamerikas. In dieser Zeitlinie scheiterte Christoph Kolumbus mit seiner Reise nach Westen, und der Kontinent wurde anschließend nicht von Europa kolonisiert. Das Studio beschreibt eine multikulturelle Gesellschaft, in der indigene Kulturen und verschiedene Diasporagemeinschaften unter völlig anderen historischen Bedingungen zusammenleben.
Damit bekommt die persönliche Geistergeschichte einen erheblich größeren Hintergrund. Quintin Pan spricht ausdrücklich davon, eigene Erfahrungen mit Einwanderung, indigene Geschichten sowie Fragen zu Glauben, Herkunft und Kultur in diese alternative Welt einfließen zu lassen. Das Studio möchte also kein Geschichtsexperiment als bloße Kulisse verwenden. Die veränderte Vergangenheit soll mitbestimmen, wie diese Menschen leben, denken und miteinander umgehen.
Das ist ambitioniert. Eine Familiengeschichte über Verlust wäre bereits genug Stoff. Remaining Grace legt zusätzlich noch eine alternative Weltgeschichte darunter.
🫖 Ein Actionfigürchen weiß offenbar ebenfalls zu viel
Dass sich das Spiel bei all diesen Themen nicht völlig in bedeutungsschwerem Nebel verlieren will, deutet schon die offizielle Steam-Beschreibung an.
Dort werden unter den Dingen, die Grace hinterlassen hat, etwa ein dreijähriger Sohn genannt, der aufgehört hat zu sprechen, ein Rollstuhl, an den sie sich noch gewöhnte – und eine Actionfigur, die mehr weiß, als sie eigentlich wissen dürfte.
Das ist ein bemerkenswert guter Satz für eine Mystery-Ankündigung. Denn plötzlich möchte man nicht nur wissen, warum Grace gestorben ist. Man möchte vor allem ein ernstes Gespräch mit diesem Spielzeug führen.
💻 Einen Termin gibt es noch nicht
Remaining Grace ist für PC und Mac angekündigt und kann bereits bei Steam vorgemerkt werden. Einen Veröffentlichungstermin nennt ambedo studios bislang nicht. Entwicklung und Publishing übernimmt das Studio selbst.
Nach der ersten Vorstellung bleiben außerdem einige größere Fragen offen: Wie frei lassen sich die drei Zeiträume erkunden? Wie stark verändern Entscheidungen die Reihenfolge der Erzählung? Und wie viel tatsächliches Rätseldesign steckt hinter dem Versprechen, einen Todesfall durch Beziehungen statt durch Beweismittel zu verstehen?
Der Ansatz besitzt jedenfalls eine ziemlich eigene Identität. Viele Geistergeschichten fragen, was die Toten noch wollen.
Remaining Grace interessiert sich offenbar stärker dafür, was die Lebenden von ihnen übrig lassen.
Und Grace hat einen unfairen Vorteil bei der Recherche: Sie kann ihre Familie buchstäblich von innen kennenlernen.






