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Quentin Tarantino im West End: Kill Bill mit Kniebundhose
Warum The Popinjay Cavalier schon als Meldung klingt wie ein Kostümunfall mit limitiertem Autorenstolz.
Quentin Tarantino schreibt und inszeniert ein Theaterstück fürs Londoner West End. Es heißt The Popinjay Cavalier, spielt im Europa der 1830er Jahre, soll Anfang 2027 auf die Bühne kommen und wird als „swashbuckling comedy“ beziehungsweise als „rambunctious comedy of deception and disguise“ beschrieben. Produziert wird der Spaß von Sonia Friedman Productions und Sony Pictures Entertainment. Man könnte das nüchtern melden. Man kann aber auch anerkennen, dass hier womöglich das schönste Handlungs-Absurdistan des Jahres heranwächst.

Der Popanz-Kavalier betritt die Bühne
Es gibt kleine Meldungen, die sich aufführen wie eine Drohung in Brokat. Quentin Tarantino geht ans Theater, und schon das klingt, als habe jemand im West End beschlossen, eine gut geölte Zugbrücke für die komplette Spätphase des postmodernen Autorenwahns zu senken. Der Mann, der dem Kino jahrzehntelang beibrachte, dass man Gewalt, Popwissen, Fetisch, Coolness und Selbstzitat auch dann noch miteinander verrühren kann, wenn der Topf längst überläuft, möchte nun also die geheiligten Bretter betreten. Und zwar nicht mit irgendeinem Kammerspiel, sondern mit einem Titel, der schon klingt, als habe ein geschniegelt eitler Pfau einen Degen gefressen: The Popinjay Cavalier.
Das Stück wird als verkleidungsfreudige Abenteuerkomödie verkauft, als ausgelassene Farce im Europa der 1830er, inspiriert von den großen Mantel-und-Degen-Welten von Bühne und Leinwand. Ein Satz wie aus einem Samtkatalog für Leute, die „Theater“ sagen und dabei heimlich „Marke“ meinen. Dass Tarantino schreibt und selbst Regie führt, war zu erwarten; wer seine eigene Legende so liebevoll mit der Politurpistole behandelt hat, wird kaum an dem Punkt plötzlich Bescheidenheit entdecken, an dem man ihm statt Kamera jetzt eine Vorhangschnur reicht.
Wir kennen dieses Stück längst
Natürlich wissen wir fast nichts über den Inhalt. Und natürlich wissen wir schon alles. Irgendwo im Europa der 1830er wird ein geschniegelt größenwahnsinniger Kavalier unter falschem Namen an einem Hof auftauchen, wo bereits eine als Marquis verkleidete Rächerin, zwei plaudernde Duellanten, ein sadistischer Polizeichef, eine Wirtshausbedienung mit Vergangenheit und ein Behältnis von übertriebener symbolischer Aufladung auf ihn warten. Im zweiten Akt wird jemand zehn Minuten lang über Tabak, Theaterblut oder den Klang spanischer Stiefel parlieren, bevor er einem anderen mit triumphierender Langsamkeit eine Klinge an die Rippen setzt. Im dritten Akt stellt sich heraus, dass mindestens die Hälfte der Figuren nicht die Hälfte der Figuren ist, und irgendwann nimmt jemand mit weltgeschichtlichem Ernst eine Perücke ab, als habe er eben sämtliche Höfe Europas getäuscht.
Mit anderen Worten: Wir haben dieses Stück bereits gesehen. Mehrmals. Nur nicht mit Kniebundhose.
Der Barde der Selbstwiederholung
Tarantino ist ja längst kein Regisseur mehr im banalen Sinn. Er ist ein Barde seines eigenen Archivs. Seine Karriere besteht seit geraumer Zeit darin, Quentin Tarantino immer noch etwas quentintarantinischer zu machen. Früher plünderte er das Kino mit der Unverschämtheit eines begabten Straßenräubers. Heute wirkt er eher wie der Kurator eines Museums, in dem ausschließlich er selbst ausgestellt ist. Nun also Theater.
Das Schöne daran ist die völlige Konsequenz des Vorgangs. Wer Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Kill Bill, Inglourious Basterds, Django Unchained, The Hateful Eight und Once Upon a Time in Hollywood nicht nur inszeniert, sondern zu einer eigens bewohnbaren Stilprovinz gemacht hat, wird sich kaum damit begnügen, die Bühne schlicht zu betreten. Nein. Er wird sie wahrscheinlich behandeln wie alles andere auch: als weitere Kolonie des eigenen Tons. Der Vorhang hebt sich, und schon marschiert das gesamte Tarantino-Land hinein, geschniegelt, zitattrunken, monologfreudig und bewaffnet mit jener altbekannten Mischung aus Präzision und Selbstverliebtheit.
Pulp Fiction im Perückensaal
Das eigentlich Prachtvolle ist die historische Setzung. 1830er Europa. Nicht Gegenwart, nicht Kalifornien, nicht Grindhouse-Mief, sondern Samt, Degen, falsche Titel, hohe Stiefel und hoffentlich überhitzte Salons. Man hat fast den Eindruck, Tarantino habe irgendwann bemerkt, dass sein Werk längst selbst wie eine Kostümkammer funktioniert, und nun den letzten logischen Schritt gewagt: Wenn schon alles Pose ist, warum dann nicht gleich Pose in Brokat?
In einer halbwegs ehrlichen Fantasy-Erzählung wäre das der Moment, in dem ein übermütiger Bühnenmagier sämtliche bekannten Artefakte seines Reichs noch einmal in einen Kessel wirft: die Koffer-Geheimnisse, die Racheengel, die falschen Namen, die langen Gespräche vor der Katastrophe, das sadistische Katz-und-Maus-Spiel in geschlossenen Räumen, die plötzliche Operngewalt, das ästhetisierte Sterben mit Augenzwinkern. Dann rührt er drei Mal um und ruft: Voilà — Farce! Das West End applaudiert, der Schneider liefert Manschetten, und irgendwo fragt ein verzweifelter Dramaturg, ob es wirklich nötig ist, dass auch der dritte Akt wie eine stilisierte Hinrichtung im Fechtunterricht endet.
Die Bühne als letzte Jagdfläche
Es gibt bei solchen Meldungen immer diese fromme Hoffnung, das Theater werde einen Künstler „erden“, „reduzieren“ oder „auf neue Weise herausfordern“. Als wäre die Bühne eine Art strenger Internatsdirektor, der dem überschießenden Autor einmal ordentlich die Flausen austreibt. Bei Tarantino ist eher das Gegenteil zu erwarten. Die Bühne ist hier keine Zuchtanstalt, sondern neue Jagdfläche. Sie wird nicht den Autor disziplinieren; sie wird ihm eine weitere Oberfläche liefern, auf die er seine Manierismen mit dem Fleiß eines Goldschmieds auftragen kann.
Und man muss zugeben: Es steckt ein fast rührender Größenwahn darin. Andere altern in Interviews. Tarantino altert offenbar in Gattungswechseln. Das Kino war ihm irgendwann nicht mehr genug; nun soll das Theater auch noch erfahren, wie es sich anfühlt, wenn Quentin Tarantino einen echten Quentin Tarantino spielt.
Der pikierteste Einwand
Natürlich könnte das alles wunderbar werden. Gerade deshalb lehnen wir es vorsorglich ab. Nicht aus kulturkonservativer Angst, sondern aus gut gepflegter, fast zärtlicher Pikiertheit. Das Theater verdient schließlich mehr, als zur letzten Innenausstattung eines längst ausgebauten Autoren-Egos zu werden. Es hat genug mit Regisseuren zu tun, die glauben, ein dramatischer Raum sei nur ein Kofferraum mit besserer Akustik.
Doch zugleich wäre es verlogen, die Verführung dieser Nachricht nicht anzuerkennen. Denn was hier angekündigt wird, ist möglicherweise genau das, was das Feuilleton insgeheim liebt: ein Ereignis, das man empört ablehnen und gleichzeitig mit diebischem Vergnügen ausmalen kann.
Finale im Theater des Selbstzitats
So bleibt von der Meldung vorerst vor allem dies: The Popinjay Cavalier ist offiziell angekündigt, fürs West End 2027 vorgesehen und wird bereits jetzt als ausgelassene Verkleidungs- und Täuschungskomödie verkauft. Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen. Der Rest erledigt sich fast von allein.
Oder, um der Sache den nötigen Anstand des Vorurteils zu geben:
Das Theater mag Besseres verdienen. Aber einen schöneren Anlass, jetzt bereits zurückhaltend beleidigt zu sein, hatte das Feuilleton lange nicht.



