Vom Vorstand ins Volksepos: Philipp Welte und die „postpubertären Fantasien“ der anderen

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🏛️ Vom Vorstand ins Volksepos: Philipp Welte und die „postpubertären Fantasien“ der anderen

Monumentales Gemälde einer bronzenen Verlagsmanager-Statue mit übergroßem Füllfederhalter, die auf einem Sockel aus Bücherstapeln in einer dunklen Bibliothek steht, während kleine schwarze Dämonenwesen aus Papier und Tinte an den Stufen und aufgeschlagenen Büchern herumklettern.

Es ist eine der liebenswerteren Traditionen der deutschen Medienlandschaft: Wenn ein mächtiger Mann die Vorstandsetage verlässt, entdeckt er plötzlich die Literatur. Erst kommt der Abschied in der Burda-Bar mit Tränen im Knopfloch, dann der Auftritt im RBB-Podcast, und schließlich die Ankündigung eines Romans, der „die unfassbaren Dinge“ endlich einmal realistisch schildern wird.

Im Fall von Philipp Welte klingt das so: Man habe in den 1990ern „möglicherweise unfassbar viel Geld verdient“, die Branche kämpfe heute ums Überleben, und die bisherigen Bücher über Verlage seien leider Produkte „postpubertärer Fantasien über uns“. Jetzt sei es Zeit für Realismus.

Man könnte vermuten: Der langjährige Burda-Vorstand möchte aus dem Maschinenraum der Branche nun ein Gesellschaftspanorama schreiben. Man kann aber auch sagen: Der Palastmagier, der 30 Jahre lang den Drachen gefüttert hat, kündigt ein episches Epos über die Gefährlichkeit von Drachenhaltung an – selbstverständlich aus der Perspektive des verantwortungsvollen Fütterers.

„Postpubertäre Fantasien“ – ein schönes Kompliment

Beginnen wir mit der Beleidigung, denn sie ist zu hübsch, um sie den Pressediensten zu überlassen. „Postpubertäre Fantasien über uns“, so beschreibt Welte die bisherigen literarischen Verlagsromane, die ihm untergekommen sind.

Das ist entweder ein unbeabsichtigtes Lob für die Fantasie oder ein erstaunlicher Mangel an Leselust. Denn was wäre ein Verlagsroman anderes als genau das: die Mischung aus Eitelkeit, Intrige, Geld und Sprache, die man ohne eine gewisse pubertäre Energie gar nicht aushält? Wer sich je durch einen Etatblock, einen Anzeigenpitch oder eine Redaktionskonferenz gearbeitet hat, weiß: Ohne inneres Augenrollen (Stadium: spätpubertär) wird man in dieser Branche kein ganzer Mensch.

Die Formulierung verrät allerdings etwas anderes. Sie markiert eine Grenzlinie: hier die seriösen, verantwortungsvollen Realisten, dort die Fantasten, die „über uns“ schreiben, ohne zum Zirkel zu gehören. Welte kündigt nun gewissermaßen den ersten In-House-Kanoneschen Roman an: endlich erzählt einer, der dabei war. Endlich spricht der Palast selbst.

Aus Fantasy-Perspektive ist das ein vertrautes Motiv. In jeder anständigen Saga gibt es irgendwann die Szene, in der der Hohe Rat feststellt, dass die Barden das Reich falsch darstellen. Daraufhin beschließt man, die offizielle Chronik zu verfassen. Selbstverständlich „realistisch“, selbstverständlich „im Dienst der Wahrheit“. Und selbstverständlich wird darin hauptsächlich die Sicht derer konserviert, die schon immer am Tisch saßen.

„Last line of defense“ im Reich der Anzeigen

Welte beschreibt sich gern als „Last line of defense“ für die Redaktionen, als letzte Schutzmauer der freien Presse gegen die Zumutungen der Ökonomie.

In einem Fantasyroman wäre das eine glorreiche Rolle: der Paladin, der mit letzter Kraft das Tor hält, während draußen die barbarischen Plattformheere Meta, Google und TikTok anstürmen. Tatsächlich hat er im Podcast vor dem „alarmierenden Vertrauensverlust in die Zukunft“ und der manipulativen Macht der Tech-Konzerne gewarnt – alles andere als falsch.

Nur ist die Szenerie komplexer als ein Schlachtenpanorama. Die „Last line of defense“ stand hier nicht auf einer eisigen Mauer in der Provinz, sondern im Vorstand eines Hauses, das jahrzehntelang von genau jener Anzeigen- und Reichweitenlogik profitierte, an der die Branche nun zugrunde geht. Die vierte Gewalt kämpft ums Überleben, sagt Welte, und es fehle am Geld, um den Kontrollauftrag zu erfüllen.

Das stimmt zweifelslos und gleichzeitig liest es sich wie eine Fußnote zu den eigenen Geschäftsmodellen. Das ist der Stoff, aus dem wirklich interessante Romane wären: nicht die heroische Selbstbeschreibung des edlen Managers, sondern die Ambivalenz zwischen publizistischem Anspruch und ökonomischer Realität. Zwischen Leitartikel und Lifestyle-Beilage. Zwischen Pressefreiheit und Native Ad.

Der große deutsche Verlagsroman – High Fantasy oder Bürokratie-Epos?

Was wird das also, dieser Welte-Roman? Realistische Prosa über die Prekarität des Journalismus? Oder doch eine sehr lange Ehrenrettung eines Systems, das sich selbst nie so ganz als Teil des Problems begreifen will?

Wir dürfen spekulieren – rein literarisch, selbstverständlich:

  • Variante 1: High Corporate Fantasy
    Ein auf mehrere Bände angelegtes Werk über das Königreich Burda, regiert von einem „Trailblazer der Digitalisierung“, der als Schöngeist und Visionär über den Fluss der Anzeigenströme wacht.
    An seiner Seite: der treue Ratgeber Welte, „Last line of defense“, der in schweren Zeiten erkennt, dass die wahre Bedrohung nicht aus dem Nachbarreich Bauer kommt, sondern aus den dunklen Plattformlanden jenseits der Mauer.
  • Variante 2: Bürokratie-Noir
    Düstere Flure, Konferenzräume mit recycelten Mineralwasserflaschen, Etaterörterungen im Halbdunkel. Die Figuren heißen hier nicht Aragorn und Galadriel, sondern „GJ-Leiterin, Ressortchef, Chief Revenue Officer“. Der Drache ist der Periodensaldo, die Magie heißt „Synergiepotenzial“, und die Orks sind die KPI-Dashboards.
  • Variante 3: Metageschichten-Satire
    Welte schreibt genau das Buch, über das er sich beschwert: eine postpubertär überhöhte Abrechnung, voll von Figuren, die dünn verschleiert reale Menschen sind, mit nur so viel Fiktion, dass die Rechtsabteilung ruhig schlafen kann. Dazu eine Handlung, in der der Protagonist permanent zwischen Ethos und Bonus schwankt und am Ende in den Sonnenuntergang der „Freiheit zum Schreiben“ reitet.

Die spannendste Version wäre die dritte, ehrlich erzählt und ohne Heiligenkranz. Die wahrscheinlichste ist eine Mischung aus eins und zwei, mit sorgfältig dosierter Selbstkritik und einem finalen Appell an die Verantwortung der Politik, doch bitte die vierte Gewalt zu retten.

Die eigentliche Fantasy: Realismus als Exklusivrecht

Das Interessanteste an Weltes Ankündigung ist weniger der Roman selbst, sondern der Anspruch, mit dem sie einhergeht: Hier spricht einer, der die Branche wirklich kennt. Die bisherigen Autoren seien von „postpubertären Fantasien“ getrieben gewesen, jetzt komme der Realismus.

In der Logik der Fantasy wäre das ungefähr so, als würde ein alter Erzmagier erklären: „Alle Geschichten über uns Zauberer sind völlig übertrieben. Ich schreibe euch jetzt endlich die nüchterne Wahrheit über den Turm.“ Und keiner fragt, ob der Turm vielleicht gar nicht so nüchtern ist, wie er selbst glaubt.

Dass ein Manager mit 30 Berufsjahren seine Sicht auf eine Branche literarisch festhalten will, ist legitim. Dass er sich dabei als Hüter der Erwachsenheit inszeniert, während er zugleich um einen „gesamtgesellschaftlichen Diskurs“ bittet, in dem ausgerechnet die Verlage als schützende Infrastruktur der Demokratie neu entdeckt werden sollen, ist… sagen wir: erzählerisch dankbar.

Denn wer heute von Realismus in der Verlagswelt spricht, kommt an ein paar unbequemen Motiven nicht vorbei: der Monopolisierung im Einzelhandel, der Anzeigenabhängigkeit, den konzerninternen Strukturdeals, der Auslagerung von Risiko nach unten, der systematischen Unterbezahlung derjenigen, die tatsächlich Texte produzieren. Das alles taucht in Weltes Podcast-Statements eher als Hintergrundrauschen auf – als diffuse Bedrohung, vor der „die Verlage“ heldenhaft stehen.

Der Roman, den wir gern lesen würden, hieße daher eher: „Die Chroniken der vierten Gewalt – oder wie wir lernten, das Geschäftsmodell zu lieben.“ Ein Buch, das nicht nur die Technik der Drachenjagd schildert, sondern auch die Frage stellt, wer die Drachen so lange gefüttert hat.

Fazit: Möge die Wirklichkeit phantastischer sein als die PR

Aber vielleicht überraschen uns die Dinge. Vielleicht legt Philipp Welte tatsächlich einen Text vor, der mehr ist als ein elaborierter Vorstandsnachruf in Romanform. Einen Text, der die eigenen Verstrickungen nicht elegant ausblendet, sondern zum Material macht. Der anerkennt, dass „Realismus“ kein moralischer Orden ist, sondern eine Perspektive – eine unter vielen.

Bis dahin bleibt uns die Rolle, die uns in der Fantasykosmos-Welt am besten steht: die der höflich unhöflichen Chronisten. Wir werden Weltes Branchenepos lesen wie jede ordentliche Saga: aufmerksam, misstrauisch, mit jener Mischung aus Begeisterung und Spott, die man für Systeme braucht, die sich selbst für wichtiger halten als ihre Leser.

Denn eines ist sicher: Wenn jemand „postpubertäre Fantasien“ als Problem empfindet, ist er vermutlich genau die Figur, der die Erzählung am dringendsten gut tun würde.

Episches Fantasy-Banner im Stil von Gandalf: Ein weißbärtiger Zauberer blockiert mit erhobenem Stab den Weg und ruft ‚Du kannst nicht vorbei!‘. Darunter der Zusatz: ‚Es sei denn, du abonnierst unseren Newsletter!‘. Rechts unten ein glühender, magischer Button mit der Aufschrift: ‚Lass mich rein, du Narr!
Fantasy-Satire-Banner: Ein Moosling mit glühenden Augen liest wütend in einem grünen Blattbuch. Darüber der Schriftzug ‚Nichts als die Wahrheit‘, unten der Titel ‚Der Arkane Moosverhetzer‘ und ein Button mit ‚Jetzt lesen!‘