Paulette Kennedy – Der Teufel und Mrs. Davenport (Rezension)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Paulette Kennedy – Der Teufel und Mrs. Davenport

📚 Kurzfazit
Der Teufel und Mrs. Davenport verbindet Geistergeschichte, historischen Thriller und Familiendrama zu einem erstaunlich unangenehmen Porträt der amerikanischen Fünfziger. Lorettas Gabe liefert Mystery und Spuk; ihre Ehe sorgt dafür, dass der Roman auch bei Tageslicht bedrohlich bleibt.

😒 Was kratzt
Das zentrale Mysterium besitzt weniger Raffinesse, als die Atmosphäre zunächst verspricht. Einige Entwicklungen lassen sich früh erahnen, und im letzten Drittel zieht Kennedy die Eskalation merklich stärker an als zuvor.

✨ Was funktioniert
Loretta. Ihre Entwicklung von der verunsicherten Ehefrau zur Frau, die der eigenen Wahrnehmung wieder traut, trägt den gesamten Roman. Gerade weil dieser Weg klein beginnt, wirkt er glaubwürdig.

🕯️ Was wirklich Angst macht: Ein Geist kann einen Raum verlassen. Ein kontrollierender Ehemann besitzt Schlüssel, Geld, gesellschaftliches Ansehen und Bibelstellen.

🧵 Crowbah meint
Wenn ein Mann bei jeder selbständigen Regung seiner Frau den Satan vermutet, sollte vielleicht jemand prüfen, weshalb die Hölle offenbar die besseren Argumente hat.

Cover von Paulette Kennedys Der Teufel und Mrs. Davenport mit einer stilisierten Frau im Look der 1950er Jahre, deren Gesicht durch einen vertikalen Riss geteilt wird; darunter ein dunkles Haus mit erleuchteten Fenstern in Schwarz, Petrol und Rot.

👻 Paulette Kennedy – Der Teufel und Mrs. Davenport: Die Toten hören ihr zu – ihr Ehemann lieber nicht

Missouri, 1955. Loretta Davenport führt das Leben, das von einer Frau ihrer Zeit erwartet wird. Sie kümmert sich um Haus und Kinder, steht ihrem Mann zur Seite, besucht die Kirche und hat gelernt, dass häuslicher Frieden häufig bedeutet, die richtigen Fragen gar nicht erst zu stellen. Pete Davenport, Assistenzprofessor für Bibelgeschichte, hält große Stücke auf Ordnung, Glauben und den Platz, den Gott jedem Menschen zugedacht hat. Besonders gut gefällt ihm dieser Platz, solange er für seine Frau innerhalb der eigenen vier Wände liegt.

Dann bekommt Loretta Fieber. Danach hört sie Stimmen.

Zunächst könnte man vieles erklären. Krankheit, Erschöpfung, Einbildung. Doch Loretta weiß Dinge über ein verschwundenes Mädchen, die sie unmöglich wissen dürfte. Ihre Visionen führen schließlich zu einer Leiche, und plötzlich bekommt die bequeme Vorstellung von weiblicher Hysterie ein Problem: Loretta hat recht.

Für Pete ist damit allerdings keineswegs bewiesen, dass seine Frau eine außergewöhnliche Fähigkeit besitzt. Für ihn ist etwas wesentlich Schlimmeres geschehen. Loretta entwickelt ein Leben außerhalb seiner Kontrolle.

Und wenn ein Mann seine Autorität für gottgegeben hält, liegt der Teufel bekanntlich schnell dort, wo eine Frau anfängt, eigene Entscheidungen zu treffen.

Paulette Kennedys Der Teufel und Mrs. Davenport ist Gothic Horror in einem amerikanischen Vorstadthaus, ein Mysteryroman über eine übersinnliche Begabung und gleichzeitig eine Geschichte über häusliche Gewalt, Religion und die Frage, wie leicht eine Gesellschaft eine Frau für krank erklärt, sobald sie aufhört, sich erwartungsgemäß zu verhalten.

Der eigentliche Schrecken wohnt dabei selten im Jenseits.


🧭 Worum geht’s eigentlich?

Loretta Davenport lebt mit ihrem Mann Pete und den beiden Kindern Lucas und Charlotte in Missouri. Von außen betrachtet besitzt die Familie alles, was 1955 als respektabel gilt: ein ordentliches Zuhause, eine Verbindung zum College, eine religiöse Gemeinschaft und einen Mann, der weiß, wie die Welt seiner Ansicht nach zu funktionieren hat.

Dann verschwindet die junge Darcy.

Nach einer schweren Fiebererkrankung beginnt Loretta Stimmen wahrzunehmen und Visionen zu erleben. Was zunächst wie eine Folge ihrer Krankheit erscheint, bekommt eine erschreckend konkrete Form, als Loretta Bilder von Darcy sieht und Hinweise liefern kann, die schließlich zum Fund des toten Mädchens führen.

Für Loretta bedeutet das einen Wendepunkt. Zum ersten Mal erhält sie einen Beweis dafür, dass die Dinge in ihrem Kopf eine Realität außerhalb ihrer selbst besitzen könnten. Gleichzeitig beginnt Pete, ihre Veränderung als Bedrohung zu betrachten.

Loretta sucht Hilfe bei Dr. Curtis Hansen, einem Parapsychologen, der ihre Erfahrungen ernst nimmt. Über ihn lernt sie auch Barbara, seine Schwester, kennen. Beide eröffnen ihr einen Raum, in dem sie über ihre Begabung sprechen kann, ohne sofort als krank, sündig oder gefährlich abgestempelt zu werden.

Gerade dieses Stück Freiheit verschärft den Konflikt zu Hause. Pete beobachtet Loretta zunehmend, kontrolliert ihre Wege und versucht herauszufinden, mit wem sie spricht. Seine religiösen Überzeugungen geben ihm dabei ein fertiges Vokabular: Was er nicht versteht und nicht kontrollieren kann, wird dämonisiert. Aus Lorettas übersinnlicher Gabe macht er eine spirituelle Gefahr, aus ihrer Selbständigkeit einen moralischen Verfall und aus seinem eigenen Kontrollbedürfnis eine Form religiöser Pflicht.

Während Loretta versucht, ihre Visionen zu verstehen und weitere Zusammenhänge aufzudecken, beginnt ihre Ehe endgültig zu kippen. Die Frage lautet irgendwann kaum noch, ob sie tatsächlich mit den Toten kommunizieren kann.

Viel dringender wird, ob sie es schafft, sich aus dem Zugriff eines sehr lebendigen Mannes zu befreien.

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🖋 Stil

Paulette Kennedy schreibt mit einem ausgesprochen guten Gespür für Enge. Das ist für diesen Roman entscheidender als jede Geistererscheinung. Die Küche, das Wohnzimmer, die Kirche, die Straße und die Nachbarschaft wirken zunächst vollkommen alltäglich. Mit jeder weiteren Grenzüberschreitung Petes verändern sich diese Räume jedoch. Ein Zuhause wird zum Beobachtungsposten, eine Ehe zum Kontrollsystem und ein freundliches Gespräch mit einem Nachbarn plötzlich zu etwas, das Konsequenzen haben könnte.

Kennedy braucht dafür keine große Gothic-Architektur. Kein abgelegenes Schloss, keine verfallene Abtei und keine hundert Jahre alte Familiengruft müssen hier Atmosphäre erzeugen. Das amerikanische Vorstadthaus reicht vollkommen aus. Gerade diese Normalität macht den Roman so wirkungsvoll.

Die übersinnlichen Passagen besitzen dagegen eine andere Temperatur. Lorettas Visionen sind sinnlicher, diffuser und gelegentlich beinahe traumartig. Stimmen tauchen auf, Bilder brechen in die Gegenwart ein, und die Grenze zwischen Erinnerung, Vorahnung und Kontakt zu den Toten bleibt zunächst beweglich. Dadurch entsteht ein schöner Kontrast zur strengen Ordnung ihres Alltags.

Die deutsche Übersetzung von Alexander Rösch trägt diesen Wechsel überzeugend. Die Sprache bleibt zugänglich und flüssig, ohne die historische Atmosphäre glattzubügeln. Gerade in den Dialogen funktioniert die Übersetzung gut, weil die höfliche Oberfläche der Fünfziger oft erhalten bleibt, während darunter längst etwas anderes arbeitet.

Stilistisch hat der Roman allerdings eine Grenze. Kennedy schreibt sehr klar, manchmal fast zu klar. Wo ein stärkeres psychologisches Schweben interessant gewesen wäre, benennt der Text Konflikte gelegentlich recht deutlich. Das erhöht die Lesbarkeit, nimmt einzelnen Szenen aber etwas Mehrdeutigkeit.

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🧍‍♂️ Figuren

Loretta Davenport

Loretta ist das Herz des Romans. Ihre Entwicklung funktioniert deshalb so gut, weil Kennedy keine plötzliche Heldin aus ihr macht. Loretta beginnt als Frau, die über Jahre gelernt hat, der eigenen Wahrnehmung weniger zu vertrauen als ihrem Mann, ihrer Kirche und den gesellschaftlichen Erwartungen um sie herum.

Das ist eine Form der Kontrolle, die wesentlich tiefer geht als körperliche Gewalt. Wenn jemand lange genug hört, er übertreibe, verstehe etwas falsch oder bringe Unruhe in eine eigentlich harmonische Ordnung, beginnt er irgendwann, sich selbst zu überprüfen, bevor er andere überprüft.

Lorettas übersinnliche Fähigkeit durchbricht genau dieses Muster. Ihre Visionen zwingen sie dazu, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Erst bei den Toten, später zunehmend auch bei den Lebenden.

Diese Verbindung ist hervorragend gebaut. Je sicherer Loretta darin wird, dass ihre Stimmen real sind, desto weniger akzeptiert sie auch die anderen Lügen, die ihr erzählt wurden. Ihre Gabe wird damit zu weit mehr als einem Mysteryelement. Sie wird zum Motor ihrer Selbstbehauptung.

Pete Davenport

Pete ist unangenehm glaubwürdig. Er braucht keine dämonischen Augen und keine versteckte Folterkammer. Seine Macht kommt aus etwas viel Gewöhnlicherem: Geld, Ansehen, Religion, Geschlechterrollen und einer Gesellschaft, die einem Ehemann 1955 erheblich mehr Glaubwürdigkeit zugesteht als seiner Frau.

Seine Kontrolle entwickelt sich schrittweise. Er beobachtet. Er bewertet. Er setzt Grenzen. Er erklärt Loretta ihre eigenen Gefühle und benutzt religiöse Sprache, um persönliche Machtansprüche wie moralische Wahrheiten aussehen zu lassen. Genau dadurch funktioniert er als Antagonist. Pete betrachtet sich selbst nicht als Monster. Er hält sich für den Mann, der seine Familie vor dem falschen Weg bewahrt. Diese Selbstgerechtigkeit macht ihn gefährlicher als jede eindimensionale Schreckensfigur.

Curtis Hansen

Curtis erfüllt eine wichtige Funktion, weil er Loretta zum ersten Mal ernst nimmt. Er hört zu, stellt Fragen und behandelt ihre Erfahrungen als etwas, das untersucht werden kann.

Seine Rolle birgt allerdings auch eine kleine Schwäche des Romans. Lorettas Entwicklung gewinnt an einigen Stellen stark dadurch an Fahrt, dass ein verständnisvoller Mann ihr bestätigt, was ein kontrollierender Mann ihr abspricht. Das funktioniert innerhalb der Handlung, lässt ihre Emanzipation zeitweise etwas stärker von äußerer Bestätigung abhängen, als es ideal wäre.

Zum Glück bleibt Lorettas Weg größer als diese Beziehung. Curtis öffnet eine Tür. Durchgehen muss sie selbst.

Barbara

Barbara gehört zu den Figuren, die der Geschichte zusätzliche Bodenhaftung geben. Ihre eigenen Erfahrungen mit einer missbräuchlichen Ehe schaffen eine Verbindung zu Loretta, die weniger theoretisch ist als Curtiss Interesse an paranormalen Phänomenen.

Durch sie bekommt Loretta ein Gegenüber, das versteht, wie Kontrolle funktioniert, wenn sie jahrelang als Ehe oder Fürsorge verkauft wurde. Die Freundschaft zwischen den Frauen gehört deshalb zu den emotional wertvollsten Elementen des Romans.

Lucas und Charlotte

Die Kinder verhindern, dass der Ehekonflikt wie ein abgeschlossener Zweikampf zwischen Erwachsenen wirkt. Jede Entscheidung Lorettas betrifft auch Lucas und Charlotte, und genau dadurch bekommt ihre Lage zusätzliche Härte. Einfach zu gehen ist in dieser Zeit ohnehin schwierig. Mit Kindern, finanzieller Abhängigkeit und einem angesehenen Ehemann wird aus einem scheinbar klaren Schritt ein existenzielles Risiko. Kennedy vergisst das nie.

⏳ Tempo

Der Roman beginnt kontrolliert. Kennedy lässt Lorettas Leben zunächst genügend Normalität besitzen, damit seine spätere Veränderung Gewicht bekommt. Die ersten Visionen schleichen sich in einen Alltag, der bereits kleine Risse zeigt.

Danach zieht die Geschichte stetig an. Gerade im Mittelteil funktioniert die Mischung aus paranormaler Forschung, Ehekonflikt und Lorettas zunehmender Selbstständigkeit sehr gut. Die einzelnen Stränge verstärken einander, weil jeder kleine Schritt nach außen gleichzeitig Petes Kontrollbedürfnis steigert.

Im letzten Drittel wird Kennedy deutlich dramatischer. Hier verliert der Roman ein wenig von seiner vorherigen subtilen Bedrohlichkeit. Ereignisse eskalieren schneller, Konflikte treten offener hervor und das Gothic-Flüstern wird stellenweise zum Thriller.

🏠 Gothic Horror ohne Schloss

Eine der besten Entscheidungen des Romans liegt im Schauplatz. Der Teufel und Mrs. Davenport braucht kein klassisches Spukhaus. Der Gothic Horror entsteht aus der Vorstadt der Fünfziger.

Alles sieht ordentlich aus. Die Häuser stehen sauber nebeneinander. Die Kirche sorgt für Moral. Männer arbeiten. Frauen halten den Haushalt zusammen. Kinder benehmen sich. Nachbarn wissen erstaunlich viel darüber, was nebenan passiert.

Unter dieser Oberfläche liegt ein System aus Beobachtung und sozialer Kontrolle. Das macht Lorettas Haus zu einem hervorragenden Gothic-Raum. Es besitzt dieselbe Funktion wie die alten Herrenhäuser des Genres: Es speichert Machtverhältnisse, Geheimnisse und Angst.

Der Unterschied liegt nur darin, dass hier niemand auf einen verfluchten Ahnherrn zeigen kann. Der Hausherr sitzt bereits am Tisch.

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✝️ Religion und Macht

Kennedy geht mit Religion differenzierter um, als man nach der Grundprämisse erwarten könnte. Pete benutzt seinen Glauben als Werkzeug. Bibelstellen, Vorstellungen von Ehe und männlicher Autorität geben ihm eine Sprache, mit der er Kontrolle moralisch aufladen kann. Dadurch kann er jede Abweichung Lorettas als Sünde, Krankheit oder dämonischen Einfluss deuten.

Das Perfide liegt darin, dass er damit gesellschaftlich anschlussfähig bleibt. Ein Mann, der 1955 behauptet, seine Frau befinde sich unter einem schlechten spirituellen Einfluss, klingt in seinem Umfeld wesentlich weniger absurd, als es heute zunächst erscheinen mag. Medizin, Religion und Geschlechterrollen können sich dabei gegenseitig verstärken.

Loretta kämpft deshalb gegen mehr als Pete. Sie kämpft gegen eine ganze Ordnung, in der seine Version der Wirklichkeit automatisch glaubwürdiger wirkt als ihre. Der Roman wird an dieser Stelle besonders stark, weil das Übernatürliche plötzlich fast nebensächlich erscheint.

Loretta kann Tote hören. Und trotzdem ist die Vorstellung, dass ihr Mann über ihr Leben bestimmen darf, für ihre Umwelt leichter zu akzeptieren.

👻 Die Geister sind hier fast die Harmlosen

Das ist der schöne Widerspruch des Romans. Lorettas Gabe macht Angst, doch die Toten bedrohen sie nur selten auf dieselbe Weise wie die Lebenden. Die Stimmen führen zu Wahrheiten. Sie zeigen Verbrechen, Erinnerungen und Dinge, die verborgen bleiben sollten. Dadurch besitzen sie etwas Beunruhigendes, aber auch etwas Befreiendes.

Pete arbeitet genau in die andere Richtung. Er will Dinge verdecken. Er will definieren, was real sein darf. Er will festlegen, welche Gedanken seine Frau haben darf, welche Kontakte legitim sind und welche Version ihrer Erfahrungen akzeptiert werden kann.

Dadurch verschiebt Kennedy geschickt die klassische Gothic-Frage. Das Übernatürliche ist real. Der Horror entsteht trotzdem an ganz anderer Stelle.

🧠 Wer entscheidet, wann eine Frau krank ist?

1955 ist dafür ein ideales Setting. Psychiatrische Diagnosen, gesellschaftliche Erwartungen und männliche Autorität bilden für Loretta eine gefährliche Mischung. Sobald sie Dinge sagt, die nicht in das erwartete Verhalten einer Ehefrau passen, kann ihre Glaubwürdigkeit sehr schnell in Frage gestellt werden.

Ihre paranormalen Erfahrungen verschärfen dieses Problem enorm. Stellen wir uns die Situation einmal aus Sicht ihrer Umwelt vor: Eine Frau behauptet, Stimmen von Toten zu hören und Bilder verschwundener Menschen zu sehen. Ihr angesehener, religiöser Mann äußert Sorge um ihren geistigen Zustand.

Wer wird zunächst ernst genommen? Genau deshalb ist Lorettas Gabe ein so wirkungsvolles erzählerisches Mittel. Die Leser wissen zunehmend, dass sie tatsächlich etwas wahrnimmt. Die gesellschaftlichen Mechanismen gegen sie funktionieren trotzdem weiter. Das erzeugt eine Hilflosigkeit, die wesentlich unangenehmer wirkt als jeder Jump-Scare.

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🔪 Mystery und Kriminalhandlung

Der Fall um Darcy gibt dem Roman früh einen starken Haken. Lorettas Visionen müssen praktisch werden; sie bleiben keine nebulöse Begabung, die lediglich Atmosphäre erzeugt. Das funktioniert gut.

Allerdings ist die Krimiebene zugleich der Teil des Romans, der am wenigsten überrascht. Bestimmte Zusammenhänge lassen sich relativ früh erahnen, und wer viele Gothic Thriller gelesen hat, wird bei einigen Entwicklungen kaum völlig überrascht sein. Das stört weniger, als man erwarten könnte.

Der Roman hängt emotional längst nicht mehr allein daran, wer was getan hat. Entscheidend wird, was Lorettas Fähigkeit mit ihrer Familie macht und wie Pete darauf reagiert. Der Mysteryplot öffnet die Tür. Das Ehedrama geht hindurch und übernimmt irgendwann das Haus.

Das ist unterhaltsam und emotional wirksam, aber die feineren Passagen zuvor gefallen mir besser. Auch das Ende wird nicht jeden vollständig überzeugen. Es liefert Abschluss und Konsequenzen, fühlt sich aber etwas glatter beziehungsweise komprimierter an, als die lange psychologische Vorbereitung erwarten lässt. Hier verliert der Roman den fünften Stern.

🕰️ Warum 1955 mehr als Kulisse ist

Die historische Einbettung funktioniert, weil Kennedys Geschichte ohne diese Zeit eine andere wäre. Lorettas finanzielle Abhängigkeit ist entscheidend. Ebenso die gesellschaftliche Vorstellung von Ehe, die Autorität des Mannes, die Rolle religiöser Gemeinschaften und die begrenzten Möglichkeiten einer Frau, sich gegen eine gesellschaftlich respektierte männliche Version der Wahrheit zu stellen.

Man könnte dieselbe Grundgeschichte in der Gegenwart erzählen. Sie wäre immer noch düster. 1955 bekommt sie jedoch eine besondere Klaustrophobie. Loretta lebt in einer Zeit, in der viele ihrer Fesseln gar nicht als Fesseln wahrgenommen werden. Sie gelten als Ordnung.

😈 Wer ist hier eigentlich der Teufel?

Der Titel spielt natürlich sehr bewusst mit dieser Frage. Pete glaubt, das Böse sei in Lorettas Fähigkeit eingedrungen. Der Roman stellt daneben eine andere Möglichkeit. Vielleicht sieht das Böse wesentlich gewöhnlicher aus.

Vielleicht trägt es Hemd und Krawatte. Oder hat es eine akademische Stelle? kann es sogar die Bibel lesen? Vielleicht küsst es seine Kinder zum Abschied und erklärt anschließend seiner Frau, dass alles, was es tut, nur zu ihrem Besten geschieht.

Kennedy treibt diese Pointe nie so weit, dass der Titel zum billigen Wortspiel wird. Dafür ist die Geschichte zu ernst. Aber sie sitzt.

Nichts als die Wahrheit. Schmaler Banner für den Arkanen Moosverhetzer. Ein Moosling mit Blatthelm, der wütend eine Propagangazeitung liest.

📜 Fazit: Die Toten können Loretta weniger anhaben als ihr perfektes Eheleben

Der Teufel und Mrs. Davenport ist eine sehr gute Geistergeschichte, weil Paulette Kennedy irgendwann begreift, dass sie ihre Geister gar nicht ständig in den Vordergrund stellen muss.

Loretta trägt den Roman. Ihre übersinnliche Begabung beginnt als Mysterium und entwickelt sich zu etwas viel Interessanterem: einem Anlass, der eigenen Wahrnehmung wieder zu vertrauen. Je deutlicher sie erkennt, dass ihre Visionen real sind, desto schwerer wird es für Pete, ihr auch alle anderen Teile ihrer Wirklichkeit auszureden.

Das ist der stärkste Gedanke des Buches. Dazu kommt ein historisches Setting, das weit mehr leistet als hübsche Fünfziger-Jahre-Tapete. Religion, wirtschaftliche Abhängigkeit, psychiatrische Deutungsmacht und gesellschaftliche Erwartungen greifen so eng ineinander, dass Lorettas Ehe irgendwann wie ein geschlossenes System wirkt.

Kennedy erzählt das zugänglich, atmosphärisch und mit einem guten Gespür für schleichende Bedrohung. Gerade die erste Hälfte besitzt jene stille Gothic-Spannung, bei der ein Gespräch am Esstisch unangenehmer werden kann als eine Erscheinung im dunklen Flur.

Ganz bis zur Höchstwertung reicht es trotzdem nicht. Das Mysterium besitzt einige vorhersehbare Bahnen, im letzten Drittel wird die Eskalation etwas gröber und das Ende hätte mehr Nachhall vertragen können.

Das ändert wenig daran, dass wir hier eine starke, eigenständige Vier haben. Und wenn nach der letzten Seite eine Frage bleibt, dann diese: Wenn die Toten Loretta zuhören und ihr Mann es nicht tut, wer von beiden gehört dann eigentlich auf die andere Seite?


🌟 Bewertung

Varanthis-Skala: ★★
„Ein atmosphärisch starker Gothic Thriller über Geister, häusliche Gewalt und die gefährlichste übersinnliche Fähigkeit einer Ehefrau im Jahr 1955: der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.

Cover von Clyo Mendozas Silencio auf beigefarbenem, papierartig strukturiertem Hintergrund mit einer feinen schwarzen Zeichnung einer kopfüber dargestellten Frau, deren langes Haar bis zu einer großen Schlange reicht; darunter stehen Titel, Autorinnenname und Übersetzerin in Weiß und Petrol.

Autorin:

Paulette Kennedy

Titel:

Der Teufel und Mrs. Davenport

Reihe:

Einzelroman

Verlag:

Seven Stories Press

Übersetzung:

Alexander Rösch

Seitenanzahl:

400 Seiten, Paperback

VÖ-Jahr:

2026

ISBN:

978-3-98676-291-9

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