Pablo Valcárcel Castro – Dream of the Jet-Black City (Rezension)
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Pablo Valcárcel Castro – Dream of the Jet-Black City
📚 Kurzfazit
Dream of the Jet-Black City ist ein wilder, dunkler Fantasyroman voller Sturmenergie, Traumkreaturen, Religion, sozialer Spannungen und einer Stadt, die sofort nach mehr aussieht als bloßer Hintergrund. Nicht jede Idee bekommt genug Luft, aber verdammt viele davon sind gut.
😒 Was kratzt
Castro wirft gerne mal eben drei neue Begriffe, zwei Organisationsnamen und ein historisches Geheimnis in denselben Raum und hofft, dass niemand stolpert. Gerade zu Beginn muss man wach bleiben.
✨ Was funktioniert
Onyxia. Diese Stadt ist dreckig, wunderschön, gefährlich und politisch. Man möchte sie sehen. Man möchte wissen, wie sie funktioniert. Man möchte dort trotzdem keinesfalls eine Wohnung mieten.
🌩️ Das Magieproblem
Träume können Wirklichkeit werden. Keine neue Idee, die der Roman teilweise aber auch eher als fantastische Vorstellungskraft denn als wirklich wilde Traumlogik nutzt. Da wäre noch mehr Verrücktheit möglich gewesen.
🧵 Crowbah meint
Wenn der örtliche Stromanbieter Menschen in Gewitter schickt und der Staat Träumer einsammelt, ist ein Anbieterwechsel vermutlich schwierig.

⚡ Pablo Valcárcel Castro – Dream of the Jet-Black City: Eine Stadt lebt von Blitzen und macht aus Träumern Waffen
Onyxia hat ein Energieproblem. Zum Glück hängt über der Stadt seit Ewigkeiten ein gigantischer Sturm. Klar, man könnte nun versuchen, vernünftig damit umzugehen. In Pablo Valcárcel Castros Debüt bedeutet „vernünftig“ allerdings, Menschen in Gewitter zu schicken, Blitze einzufangen, Träumer zu institutionalisieren, Albträume zu Waffen zu machen und anschließend so zu tun, als sei die gesellschaftliche Lage vollkommen unter Kontrolle.
Willkommen in Onyxia. Die schwarze Stadt liegt unter dem unaufhörlichen Motherstorm, lebt von seiner Energie und ist zugleich bis in ihre untersten Gassen von den Machtstrukturen abhängig, die sich rund um Magie, Religion und Reichtum gebildet haben. In ihren Straßen treffen Blitzjäger auf Traumwesen, Glaubensgemeinschaften auf politische Interessen, Armut auf monumentale Paläste und Menschen auf Kreaturen, die eigentlich nur in ihrem Kopf existieren sollten.
Dream of the Jet-Black City ist ein Roman, der bereits auf den ersten hundert Seiten Ideen ausgibt, mit denen andere Autoren problemlos eine Trilogie bestücken würden. Manchmal ist das großartig und machmal möchte man dem Buch kurz die Hände auf die Schultern legen und sagen: Eine nach der anderen. Wir haben doch Zeit, verdammt.
Gerade deshalb ist dieses Debüt so interessant. Es fehlt ihm nicht an Fantasie. Es hat fast zu viel davon. Und lieber diskutieren wir am Ende über einen Roman, dessen Einfälle sich gegenseitig auf die Füße treten, als über den nächsten Fantasyband, bei dem nach 500 Seiten lediglich feststeht, dass Drachen groß und Prinzen mal so richtig schnuckelig sein können.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Dream of the Jet-Black City erzählt seine Geschichte aus drei Perspektiven. Und alle drei zeigen eine andere Schicht derselben Stadt.
Ash
Ash lebt dort, wo Onyxias großer Glanz hauptsächlich als Regenwasser von oben herunterkommt. Er arbeitet als Blitzjäger und gehört damit zu den Menschen, die den permanent über der Stadt tobenden Motherstorm wirtschaftlich nutzbar machen. Energie bedeutet in Onyxia Macht, und Macht bedeutet wie üblich vor allem, dass diejenigen ganz unten sie unter besonders unangenehmen Bedingungen produzieren.
Dann geschieht etwas, das Ashs Leben vollständig verändert. Während eines Angriffs erschafft er durch reinen Traum beziehungsweise Vorstellungskraft einen Schattenpanther. Omen wird real. Damit ist Ash ein Dreamer. Und Dreamer sind in Onyxia keine frei herumlaufenden Wunderkinder. Ihre Fähigkeit ist viel zu wertvoll. Wer sie besitzt, gerät ins System.
Die eine Möglichkeit führt zur berüchtigten Ausbildung der Akademie. Die andere bedeutet Abhängigkeit von jenen mächtigen Archdreamern, die genug Einfluss besitzen, andere Menschen und deren Talente praktisch zu vereinnahmen. Ash bekommt also Magie. Was er gleichzeitig verliert, ist die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was sie für ihn bedeuten soll.
Geyl
Geyl kennt diese Welt bereits. Leider viel zu gut. Sie jagt Albträume und trägt selbst die Folgen dessen in sich, was Onyxias Umgang mit Dreamern anrichten kann. Ihre Ausbildung hat sie nicht nur psychisch geprägt. Sie ist dauerhaft mit einer Drachengestalt verbunden – eine Veränderung, die Macht verliehen hat und gleichzeitig daran erinnert, wie wenig freiwillig solche „Geschenke“ in dieser Gesellschaft häufig sind.
Als Geyl einem jungen Mädchen begegnet, das dieselbe Begabung besitzt, steht sie vor einer Entscheidung. Sie kann wegsehen, oder sie kann verhindern, dass ein weiteres Kind durch dieselbe Maschine gedreht wird. Damit muss sie ausgerechnet dorthin zurück, wo ihre eigenen Wunden entstanden sind. Nach Onyxia. Von den drei Figuren besitzt Geyl den stärksten persönlichen Konflikt. Sie kennt das System nicht nur theoretisch. Es lebt in ihrem Körper.
Daerna
Die dritte Perspektive gehört Daerna, einer Schwester des Kummers. Ihre Gemeinschaft besitzt eine ausgesprochen bizarre und zugleich wunderschöne Funktion: Durch rituelle Klagegesänge helfen die Schwestern dabei, den Motherstorm zu besänftigen. Religion ist in Onyxia also nicht nur Glaube. Sie ist Infrastruktur.
Als in den ärmeren Teilen der Stadt eine rätselhafte Krankheit um sich greift, stößt Daerna jedoch auf eine Grenze ihres Ordens. Die Menschen dort sterben, während diejenigen mit genügend Einfluss erstaunlich leicht Gründe finden, weshalb man zunächst andere Probleme lösen sollte. Daerna findet das nicht überzeugend, und sie beginnt selbst nachzuforschen. Damit laufen drei Geschichten aufeinander zu:
Ein Junge entdeckt, dass seine Träume Waffen werden können.
Eine Frau kehrt in das System zurück, das sie beschädigt hat.
Eine Gläubige stellt fest, dass eine Institution ihre eigenen Werte deutlich flexibler auslegt, sobald arme Menschen betroffen sind.
Und irgendwo zwischen Seuche, Traumwesen, Politik und Motherstorm beginnt sich abzuzeichnen, dass Onyxias Probleme wesentlich älter und tiefer liegen, als seine Bewohner glauben.
🔍 Stärken & Schwächen
🖋 Stil
Pablo Valcárcel Castro schreibt wie jemand, der diese Welt bereits lange kannte, bevor der Leser sie betreten durfte. Das ist gleichzeitig Stärke und Gefahr. Onyxia besitzt sofort Tiefe. Begriffe, Religionen, politische Gruppen und historische Ereignisse wirken selten eigens für die aktuelle Szene erfunden. Man bekommt vielmehr das Gefühl, in eine Stadt einzutreten, deren Bewohner schon seit Jahrhunderten Dinge tun, von denen uns niemand vorher erzählt hat.
Das ist hervorragender Fantasyweltbau. Es bedeutet allerdings auch, dass Castro dem Leser zu Beginn einiges zumutet. Der Roman wirft Namen und Konzepte relativ schnell in den Raum. Nicht alles wird sofort ausgeleuchtet. Manche Zusammenhänge versteht man erst später. Wer beim Lesen gern jede Regel unmittelbar sauber abgeheftet bekommt, könnte in den ersten Kapiteln nervös werden.
Uns hat das eigentlich weniger gestört, denn eine fremde Welt darf zunächst einfach mal fremd sein. Problematischer wird es dort, wo die Erzählung ihre eigenen guten Einfälle kaum ausspielen kann, bevor bereits der nächste wartet. Castro schreibt selten langweilig. Gelegentlich schreibt er jedoch zu ungeduldig.
Gerade Onyxia hätte Momente verdient, in denen einfach einmal nichts explodiert, niemand verfolgt wird und keine neue Geheimorganisation aus einem Seitengang tritt. Denn die ruhigeren Szenen zeigen, wie stark der Autor Atmosphäre erzeugen kann.
Dunkles Wasser. Brücken. Schwarze Architektur. Sturmlicht. Gebäude, die Geschichte tragen. Versunkene Bibliotheken. Schmale Viertel, in denen die Menschen direkt unter dem glänzenden Machtzentrum ums Überleben kämpfen. Wenn Castro seiner Stadt Raum gibt, wird sie tatsächlich gewaltig. Sobald er sie jedoch mit Plot bombardiert, verliert sie gelegentlich etwas von ihrer Magie.
🧍♂️ Figuren
Geyl
Geyl ist für uns die stärkste Figur des Romans. Ihre Geschichte besitzt den Vorteil, dass sie gleichzeitig Vergangenheit und Gegenwart verbindet. Während Ash erst entdeckt, was das Dreamer-System bedeutet, hat Geyl bereits erlebt, was daraus werden kann. Sie ist mächtig, ja. Doch sie trägt den Preis dieser Macht sichtbar mit sich.
Besonders gut funktioniert ihr Verhältnis zur eigenen Drachengestalt. Das Fantastische ist hier nicht einfach ein cooler Kampfmodus. Es steht für eine Veränderung, die nicht rückgängig gemacht werden kann. Geyls Wunsch, ein anderes Kind vor demselben Schicksal zu schützen, könnte leicht zur üblichen „harte Kriegerin entdeckt Mutterinstinkt“-Schablone werden. Tut es aber nicht.
Ihr Handeln entsteht aus Zorn, Schuld und der Einsicht, dass Überleben allein keine Wiedergutmachung ist. Sie kann ihre Vergangenheit nicht ändern. Vielleicht kann sie verhindern, dass jemand anders dieselbe bekommt.
Ash
Ash ist der klassische Einstieg in die fantastische Dimension. Mit ihm entdecken wir Onyxias Traumkräfte, soziale Ordnung und die harte Frage, was passiert, wenn ein armer Mensch plötzlich etwas besitzt, das die Mächtigen unbedingt haben wollen. Omen hilft enorm. Der Schattenpanther ist einer dieser Einfälle, die bereits als Bild funktionieren. Gleichzeitig verkörpert er, was Ashs Begabung so gefährlich macht: Gedanken bleiben bei einem Dreamer nicht unbedingt privat.
Ash bleibt neben Geyl gelegentlich etwas weniger komplex. Das liegt nicht daran, dass seine Geschichte schwach wäre. Seine Funktion ist stärker die des Entdeckers. Er blickt hinein. Geyl blickt zurück. Dadurch gewinnt sie automatisch mehr Schichten.
Daerna
Daerna wächst im Verlauf des Romans. Zu Beginn ist ihre Perspektive möglicherweise die ruhigste der drei. Gerade daraus entwickelt sie Stärke. Ihre Geschichte verbindet Religion mit sozialer Verantwortung. Sie muss sich fragen, was Glaube eigentlich wert ist, wenn seine Institutionen ausgerechnet dort wegsehen, wo Hilfe unbequem wird. Das macht sie wesentlich interessanter als eine weitere rebellische Priesterfigur.
Daerna beginnt nicht als Gegnerin ihres Glaubens. Sie nimmt ihn ernst. Und gerade deshalb kann sie nicht akzeptieren, dass andere ihn nur dann ernst nehmen, wenn es keine Kosten verursacht. Diese Form von Konflikt ist besonders spannend.
Omen
Ein Schattenpanther, aus einem Traum. Oh ja, natürlich funktioniert der. Nächste Frage.
🕒 Tempo und Aufbau
Langsam ist dieser Roman wirklich nicht. Das Problem liegt eher auf der anderen Seite. Dream of the Jet-Black City rennt manchmal, obwohl man gern noch fünf Minuten geblieben wäre. Drei Perspektiven wollen bedient werden. Jede besitzt eigenen Plot, eigene Nebenfiguren und eigene Weltbereiche.
Dazu kommen Vergangenheit, politische Entwicklungen, Seuche, Magie, Religion und größere Geheimnisse. Das erzeugt permanent Bewegung. Es sorgt aber nicht automatisch für Tiefe.
Gerade einige emotionale Übergänge hätten mehr Raum vertragen. Manche Beziehung entwickelt sich schneller, als ihre Bedeutung vermuten lässt. Manche Erkenntnis wird verarbeitet, während bereits das nächste Problem durch die Tür kommt.
Der Roman hat also kein klassisches Pacingproblem. Er besitzt eine Art von Gedrängeproblem. Zu viel Gutes möchte gleichzeitig auf die Seite. Das mag ein sympathischer Fehler sein. Ein Fehler bleibt es trotzdem.
🌩️ Über Onyxia
Man könnte Dream of the Jet-Black City auch allein wegen seiner Stadt lesen. Onyxia besitzt etwas von Venedig nach einem sehr langen Albtraum. Wasser, Brücken und große Gebäude treffen auf schwarze Architektur, soziale Enge und den permanenten Himmel des Motherstorms. Gleichzeitig ist die Stadt kein bloßer Gothic-Hintergrund, sondern ein wirtschaftliches System.
Der Sturm liefert Energie. Die Schwestern beeinflussen den Sturm. Blitzjäger riskieren für diese Energie ihr Leben. Dreamer erschaffen Dinge, die wiederum gesellschaftliche Macht erzeugen. Alles hängt zusammen und das ist hier wichtig. In vielen Fantasywelten existieren Magie und Wirtschaft irgendwie nebeneinander. Onyxia versucht, Magie als Wirtschaft zu denken. Und sobald eine übernatürliche Fähigkeit einen messbaren Nutzen besitzt, passiert natürlich exakt das, was Menschen immer tun: Sie bauen Institutionen darum. Dann Hierarchien. Danach Regeln. Und schließlich finden sie Gründe, weshalb diejenigen an der Spitze ganz zufällig den größten Anteil davon verdienen.
Onyxia funktioniert deshalb gerade dort besonders gut, wo das Fantastische politisch wird.
🌙 Wenn Träume plötzlich Eigentum werden
Das Magiekonzept ist brillant. Menschen können Dinge aus ihrer Vorstellung in die Realität ziehen, doch die Konsequenzen sind gewaltig. Ein Traum ist normalerweise einer der letzten wirklich privaten Räume eines Menschen. In Onyxia kann daraus ein Rohstoff werden. Genau das hätte der Roman unserer Ansicht nach sogar noch stärker ausreizen können.
Denn das sogenannte Dreamchanting wirkt häufig eher wie extrem mächtige Imagination als wie tatsächliches Träumen. Träume sind normalerweise inkonsistent. Unlogisch, peinlich, vielleicht sogar grausam. Manchmal gleichzeitig völlig banal und erschreckend.
Genau diese Irrationalität hätte Onyxias Magie noch fremdartiger machen können. Castro entscheidet sich häufiger für kontrollierbare Manifestationen: Kreaturen, Fähigkeiten, Dinge. Das funktioniert ausgezeichnet für die Handlung, doch könnte die Idee könnte noch gefährlicher sein. Vielleicht erleben wir das im zweiten Band. Denn wenn Menschen tatsächlich Albträume materialisieren können, sollte diese Welt irgendwann etwas hervorbringen, das sich keiner Akademieordnung mehr fügt.
🏛️ Wer Macht kontrolliert, kontrolliert Magie
Die gesellschaftliche Seite ist mindestens so spannend wie der Motherstorm. Ash entdeckt sehr schnell, dass außergewöhnliche Fähigkeiten keine Freiheit garantieren. Eher im Gegenteil. Sobald die Gesellschaft erkennt, dass jemand wertvoll ist, beginnt sie zu diskutieren, wem dieser Mensch gehören sollte.
Die Akademie nennt es Ausbildung. Mächtige Dreamer nennen es Förderung. Menschen wie Geyl kennen allerdings die finstere Seite dieser Begriffe. Genau dort wird Dream of the Jet-Black City deutlich besser als viele Fantasyromane mit ähnlichem Magieschul-Unterbau. Die Akademie ist kein Ort, an dem Jugendliche spannende Zauber lernen und am Wochenende Probleme mit dem Ballteam bekommen. Sie ist Teil eines Systems, das Talent verwaltet.
Wer außergewöhnlich ist, wird nicht automatisch privilegiert. Er wird zuerst brauchbar gemacht. Das ist ei feiner, aber durchaus entscheidender Unterschied.
🦠 Eine Seuche interessiert sich nicht für Stadtviertel – Menschen schon
Daernas Handlungsstrang gibt dem Roman seine soziale Schärfe. Eine Krankheit breitet sich aus und sie trifft besonders die unteren Viertel. Plötzlich wird sichtbar, wie unterschiedlich dringend Tod wirken kann, abhängig davon, wen er erwischt. Das ist keine besonders komplexe politische Erkenntnis. Aber Castro bindet sie elegant in seine Welt ein.
Onyxia hängt von zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen ab, die in den großen Geschichten der Stadt kaum auftauchen. Blitzjäger halten Energie verfügbar. Arme Viertel stellen Arbeitskraft. Religiöse Gemeinschaften erfüllen Funktionen, die direkte Auswirkungen auf den Motherstorm haben.
Trotzdem bleibt Macht oben konzentriert. Daernas Empörung wirkt deshalb glaubwürdig. Sie entdeckt keinen abstrakten moralischen Fehler, doch sie sieht Menschen sterben. Und hört anschließend Institutionen erklären, weshalb gerade jetzt leider nicht der passende Zeitpunkt ist. Fantasy kann erstaunlich gegenwärtig wirken, ohne einen einzigen Politiker beim Namen zu nennen.
🧩 Drei Geschichten, eine Stadt
Die Mehrfachperspektive funktioniert deshalb, weil keine der drei Figuren dasselbe Onyxia erlebt. Ash sieht die Stadt von unten. Geyl erlebt ihre Gewaltmaschine. Daerna erkennt ihre moralischen Institutionen.
Addiert entsteht ein vollständigeres Bild, als eine einzelne Perspektive liefern könnte. Der Preis dafür ist jedoch Figurenzeit. Wir hätten gern mehr Geyl, mehr Daerna und auch mehr Ash. Zumindest in jenen Momenten, in denen er nicht gerade auf das nächste Problem reagiert.
Das klingt paradox bei 576 Seiten. Aber genau das zeigt, wie viel Stoff Castro hineingepackt hat.
Das Buch ist lang, doch die Welt ist viel größer.
📜 Fazit: Eine fantastische Stadt, die noch lernen muss, langsamer zu träumen
Dream of the Jet-Black City ist ein beeindruckendes Debüt. Nicht weil Pablo Valcárcel Castro bereits jede seiner Ideen perfekt beherrscht, sondern weil hier so viele gute Ideen vorhanden sind, dass die Schwächen beinahe aus Überfluss entstehen.
Onyxia ist hervorragend. Der Motherstorm ist mehr als Wetter. Das Dreamchanting besitzt enormes Potenzial. Die sozialen Mechanismen hinter der Magie geben dem Roman politischen Unterbau.
Mit Geyl besitzt er eine wirklich starke Figur, während Daerna mit zunehmender Dauer immer interessanter wird. Ash und Omen liefern einen sehr zugänglichen Einstieg in die übernatürliche Seite der Stadt.
Was fehlt? Mhm, in erster Linie ist es die Ruhe. Castro vertraut seiner eigenen Welt noch nicht immer genug. Er möchte uns alles zeigen, möglichst schnell, möglichst spektakulär, bevor vielleicht jemand das Interesse verliert. Dabei müsste er das gar nicht. Onyxia hält unseren Blick auch ohne Explosion gefesselt.
Ein paar der besten Momente entstehen genau dann, wenn der Roman nicht rennt. Dann, wenn man die Stadt sieht. Wenn jemand über seine Vergangenheit spricht. Und an den Stellen, an denen Religion, Armut und Magie plötzlich nicht mehr Hintergrund stehen, sondern zur Lebensrealität werden.
Das macht Hoffnung auf Band zwei, denn das größte Problem dieses Romans ist nicht Ideenmangel. Es ist ganz eindeutig Disziplin. Und Disziplin lässt sich lernen. Fantasie zu haben, lässt sich wesentlich schwerer lernen.
Dream of the Jet-Black City ist deshalb für uns eine klare Vier: eigenständig, atmosphärisch, mutig und voller Bilder, die hängen bleiben. Nicht jede Figur erhält denselben Raum, manche Informationen drängen sich, und die Traum-Magie könnte noch viel wilder werden. Aber wir wollen ganz unbedingt so schnell wie möglich wieder nach Onyxia.
Das ist bei einem ersten Band wohl eines der besten Urteile, die man fällen kann. Sterne sind nun mal nicht alles.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★★☆
„Eine gewaltige schwarze Stadt, ein permanenter Sturm und Träume, die zur Ware werden. Ein fantasievolles, atmosphärisch starkes Debüt, das manchmal mehr Ideen besitzt, als seine 576 Seiten gleichzeitig tragen können.“
Autor: Pablo Valcárcel Castro
Titel: Dream of the Jet-Black City
Reihe: Nightmares of Onyxia, Band 1 (Diologie)
Verlag: Knaur
Übersetzung: Kerstin Fricke
Seitenanzahl: 576 Seiten, Paperback
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN: 978-3-426-57309-9
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