Christopher Nolans Odyssee: Warum jedes griechische Kaff einen Zyklopen wollte

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🗺️ Christopher Nolans Odyssee: Warum jedes griechische Kaff einen Zyklopen wollte

Christopher Nolans „The Odyssey“ entfacht erwartbar Debatten über historische Genauigkeit. Dabei wusste schon die Antike, dass Homers Reise durch eine fantastische Welt führt. Das hinderte griechische Städte keineswegs daran, Sirenen, Zyklopen und Eingänge zur Unterwelt kurzerhand in ihre Nachbarschaft einzugemeinden.

Die Menschheit hat sich über Jahrtausende entwickelt, Kontinente vermessen, Atome gespalten und Geräte erfunden, mit denen man aus einem Restaurant heraus öffentlich erklären kann, weshalb Christopher Nolan die Rüstung eines Mannes falsch dargestellt habe, der auf seiner Heimreise von einer einäugigen Riesengestalt gefressen werden sollte. Fortschritt besitzt nun einmal viele Gesichter. Manche tragen allerdings einen Bronzehelm und werden in sozialen Netzwerken gerade millimetergenau überprüft.

Seit Nolans „The Odyssey“ im Kino läuft, wird erneut über historische Genauigkeit gestritten. Kostüme, Schiffe, Sprache, Besetzung und Aussehen der Figuren stehen unter Beobachtung. Offenbar genügt es heute nicht mehr, dass Odysseus zehn Jahre lang gegen Götter, Zauberinnen, Menschenfresser und sein eigenes bemerkenswertes Talent für Fehlentscheidungen kämpft. Entscheidend bleibt, ob der Lederriemen seiner Rüstung korrekt in die Bronzezeit datiert werden kann.

Man kann über jedes Kostüm sprechen. Man darf einen Helm hässlich finden, ein Schiff zu modern, eine Dialogzeile zu amerikanisch. Kunstkritik wäre ein bedauernswert einsames Gewerbe, wenn niemand mehr sagen dürfte, dass etwas aussieht, als habe eine Requisite kurz vor Drehbeginn noch schnell den Kostümfundus von „Vikings“ geplündert.

Merkwürdig wird es erst, wenn aus Geschmack ein archäologisches Tribunal entsteht und eine mythische Erzählung plötzlich behandelt wird, als habe Homer seiner Produktion ein lückenloses Ausstattungshandbuch beigelegt.

Die „Odyssee“ ist schließlich kein Reisebericht, der durch einige dramaturgisch großzügig behandelte Seemonster beschädigt wurde. Sie ist Fantasy. Sehr alte, sehr einflussreiche und literarisch gewaltige Fantasy, aber dennoch eine Geschichte, in der Wind in Säcke verpackt wird, eine Göttin Männer in Schweine verwandelt und ein sechsköpfiges Ungeheuer vorbeifahrende Seeleute portionsweise aus dem Schiff pflückt.

Historische Genauigkeit ist hier keine feste Küstenlinie. Sie ist eher ein Felsen, auf den jede Generation ihr eigenes Boot setzt.

Ein erschöpfter Buckelwal liegt zwischen dunkler Ostsee und Hamburger Theaterbühne, während Menschen filmen, diskutieren und beten. Über der Szene wächst aus ihren Schatten ein vielköpfiger Leviathan aus Händen, Gesichtern und erhobenen Smartphones.

Hinter Kap Malea endet die Straßenkarte

Homer verankert den Beginn und das Ende seiner Erzählung durchaus in einer erkennbaren Welt. Troja selbst liegt am Rand der Dardanellen. Ithaka befindet sich westlich des griechischen Festlands, auch wenn die Beschreibung im Epos nicht sauber auf die heutige Insel gleichen Namens passt. Odysseus erreicht auf seiner Heimfahrt Kap Malea im Süden Griechenlands.

Dann kommt der Sturm. Von diesem Augenblick an verlässt er die einigermaßen kartierbare Welt und gerät in einen Raum, den die Altertumsforscher Greta Hawes und R. Scott Smith als „The Beyond“, das Jenseits oder Darüberhinaus, beschreiben. Dort gehorcht die Landschaft der Erzählung statt dem Kompass. Himmelsrichtungen verlieren ihren Wert. Inseln tauchen dort auf, wo der Mythos sie benötigt, Entfernungen dehnen sich nach dramaturgischem Bedarf, und Windgötter führen offenbar ein florierendes Verpackungsgewerbe.

Homer schickt seinen Helden aus der Geografie hinaus und in die Wunderwelt hinein. Das Publikum sollte fühlen, dass Odysseus nicht bloß weit gereist war. Er hatte die Grenzen des menschlich Vertrauten überschritten.

Das ist ein klassisches Mittel der Fantasy. Hinter dem bekannten Gebirge beginnt das Reich der Toten. Jenseits des Waldes liegt das Land, aus dem niemand zurückkehrt. Am Rand der Karte malt der Kartograf ein Ungeheuer, weil „Hier fehlen uns belastbare Vermessungsdaten“ als Inschrift weniger erhaben klingt.

Die späteren Griechen sahen diese erzählerische Nebelwand und beschlossen, sie ordentlich zu erschließen. Wo Homer keine Himmelsrichtung mehr anbot, fanden sie eine Küstenstraße. Wo ein Monster hauste, entdeckten sie einen geeigneten Felsen. Wo Odysseus die Unterwelt betreten hatte, lag zufällig eine vulkanisch aktive Gegend, die ohnehin verdächtig dampfte. Die Fantasywelt wurde nicht entzaubert. Sie bekam Anschriften.

Das große Rennen um den ältesten Zyklopen

Für die griechischen Städte war Mythologie kein staubiges Regal mit endgültig festgelegtem Kanon. Geschichten wurden erzählt, verändert, bestritten und mit lokalen Traditionen verbunden. Dichter traten gegeneinander an und präsentierten neue Fassungen bekannter Stoffe. Helden konnten an mehreren Orten Spuren hinterlassen haben, sofern genügend Überzeugungskraft, politisches Interesse oder landschaftlich brauchbares Geröll vorhanden war.

Um 800 vor unserer Zeitrechnung konkurrierten zahlreiche griechische Stadtstaaten um Ansehen. Später entstanden griechische Siedlungen in Süditalien und auf Sizilien. Eine neue Stadt gewann erheblich an Würde, wenn sie ihre Gründungsgeschichte nicht mit einigen angekommenen Familien und einem halbwegs funktionierenden Hafen beginnen lassen musste, sondern mit Odysseus, Herakles oder wenigstens einer anständig begrabenen Sirene.

Mythos wurde zum kulturellen Adelstitel. Eine Landschaft war nicht einfach schön, gefährlich oder wirtschaftlich günstig gelegen. Hier hatte einst ein Held gerastet. Dort war ein Gott aus dem Wasser gestiegen. Der ungewöhnliche Felsen am Ufer war selbstverständlich von einem Zyklopen geworfen worden und keineswegs das Ergebnis langweiliger geologischer Prozesse, die sich verständlicherweise auf Stadtwappen nur mäßig machen.

Die Griechen betrieben damit eine frühe Form des Standortmarketings, allerdings mit deutlich besserem Personal. Heutige Städte werben mit Einkaufszentren, Kreativquartieren und einem vom Gemeinderat genehmigten Claim. Eine antike Stadt konnte erklären, vor ihrer Küste liege das Wurfgeschoss eines Menschenfressers, den Odysseus geblendet hatte. Dagegen wirkt „Tradition trifft Zukunft“ wie eine schiere Kapitulation in Kleinlichkeit.

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Nordafrika bekommt die Lotophagen

Schon bei den Lotophagen begann der geografische Wettbewerb. Homer erzählt von einem Volk, das süße Lotusfrüchte isst. Wer davon kostet, verliert den Wunsch nach Heimkehr und möchte lieber an Ort und Stelle bleiben. Es handelt sich gewissermaßen um die früheste bekannte All-inclusive-Anlage mit pharmakologisch verstärkter Kundenbindung.

Antike Geografen suchten die Heimat der Lotophagen in verschiedenen Regionen Nordafrikas. Ein beliebter Kandidat war Meninx, die heutige tunesische Insel Djerba. Als Indizien dienten unter anderem ein Odysseus-Altar und Pflanzen mit süßen Früchten, die dort Lotus genannt wurden. Andere Gelehrte verlegten das Volk weiter nach Westen, bis in das heutige Marokko, wo Nomaden angeblich in trockenen Gebieten von einer saftigen Wurzel lebten.

Das Verfahren war elegant. Man suchte eine auffällige Pflanze, fügte einen Altar hinzu und erklärte den Fall für weitgehend abgeschlossen. Archäologisch war das ungefähr so belastbar wie die Behauptung, Rotkäppchen müsse aus Duisburg stammen, weil dort sowohl Großmütter als auch frühere Waldgebiete nachgewiesen werden können. Für kulturelle Erinnerung genügte es jedoch. Die Landschaft lieferte Ähnlichkeiten, der Mythos lieferte Prestige, und zwischen beidem entstand eine Wahrheit, die kaum jemand durch übertriebene Nüchternheit beschädigen wollte.

Neapel erbt eine Sirene

Besonders gründlich ging man in der Gegend des heutigen Neapel vor. Die griechische Siedlung trug zunächst den Namen Parthenope, benannt nach einer Sirene, deren Leichnam der Überlieferung zufolge an der Küste angeschwemmt und dort bestattet worden war. Neapel begann seine große Geschichte also mit einem toten Fabelwesen. Andere Städte mussten sich ihre kulturelle Bedeutung über Jahrhunderte mühsam erarbeiten.

Die antiken Sirenen hatten dabei mit der modernen Vorstellung langhaariger Meerjungfrauen nur begrenzt zu tun. In der griechischen Kunst erschienen sie häufig als Mischwesen aus Frau und Vogel. Ihre Schönheit lag vor allem in der Stimme; der restliche Körper hätte bei einer heutigen Castingbesprechung vermutlich zu langen, sehr vorsichtigen Pausen geführt. Inseln vor der Küste tragen bis heute den Namen Li Galli, die Hühner.

Das nimmt dem Mythos wenig von seiner Macht, beschädigt aber zuverlässig jedes romantische Bild von Odysseus, der sich am Mast festbinden lässt, um einigen singenden Damen mit Fischschwänzen zu lauschen. Tatsächlich steuerte er in der antiken Vorstellung auf eine Gruppe mörderischer Vogelwesen zu. Historische Genauigkeit kann grausam sein, besonders für Kalenderillustrationen.

Kirke erhält eine Immobilie südlich von Rom

Auch die Zauberin Kirke wurde erfolgreich angesiedelt. Ihr Wohnort sollte am heutigen Monte Circeo südlich von Rom gelegen haben. Der Name des Vorgebirges half der Sache, und die Landschaft tat offenbar genügend Geheimnisvolles, um als ehemaliger Sitz einer Göttin durchzugehen.

Damit nicht genug: Die Griechen identifizierten dort sogar das Grab eines Gefährten von Odysseus, der auf Kirkes Insel vom Dach gestürzt war. Außerdem sollte in der Umgebung weiterhin jene geheimnisvolle Pflanze wachsen, mit deren Hilfe Odysseus sich gegen Kirkes Zauber schützte.

So funktioniert eine gründliche mythische Erschließung. Eine Zauberin allein ist ein Anfang. Für eine überzeugende lokale Tradition braucht man zusätzlich ein Grab, eine Pflanze und möglichst einen tragischen Unfall.

Der vom Dach gestürzte Elpenor gehört ohnehin zu den erstaunlich modernen Figuren des Epos. Während andere Männer von Monstern zerrissen, durch göttliche Flüche vernichtet oder in Schweine verwandelt werden, verschläft er berauscht seine Lage und fällt beim Aufstehen herunter. Selbst in einem der größten Heldengedichte der Menschheit bleibt Platz für jemanden, dessen Ende nach einer gründlich misslungenen Betriebsfeier klingt.

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Der Eingang zur Unterwelt liegt verkehrsgünstig bei Cumae

Für die Unterwelt fand sich ebenfalls eine geeignete Adresse. Einige antike Traditionen verlegten den Eingang in die Gegend von Cumae westlich von Neapel. Die vulkanische Landschaft, dampfende Böden und unheimlich wirkende Gewässer lieferten eine überzeugende Kulisse. Wer ohnehin Schwefeldämpfe aus dem Boden steigen sieht, braucht nur wenig poetische Unterstützung, um dahinter das Totenreich zu vermuten.

Die Entscheidung besitzt praktische Vorzüge. Ein Jenseits, das irgendwo außerhalb der bekannten Welt liegt, hat kaum politischen oder touristischen Nutzen. Ein Eingang in der Nachbarschaft wertet dagegen die gesamte Region auf. Andere Städte hatten Tempel, Häfen und fruchtbares Land. Cumae bot direkten Zugang zu den Verstorbenen.

Man sollte allerdings rechtzeitig prüfen, ob die Rückfahrt im Preis enthalten ist.

Sizilien übernimmt die Monsterabteilung

Sizilien und Süditalien erwiesen sich als besonders aufnahmefähig für Homers Wunderwelt. Skylla und Charybdis wurden in der Straße von Messina angesiedelt, deren gefährliche Strömungen die Geschichte glaubwürdig genug erscheinen ließen.

Auf der einen Seite lauerte dem Mythos zufolge Skylla, ein vielköpfiges Ungeheuer, das Seeleute von vorbeifahrenden Schiffen riss. Auf der anderen verschlang der gewaltige Strudel Charybdis das Meer und spuckte es später wieder aus. Odysseus musste zwischen beiden hindurch.

Wer die Meerenge kannte, konnte verstehen, weshalb eine solche Geschichte dort Wurzeln schlug. Die wirkliche Landschaft wirkte bereits bedrohlich; der Mythos ergänzte lediglich Zähne und einen etwas entschlosseneren Appetit. Antike Gelehrte diskutierten sogar, ob bestimmte Fischereipraktiken in der Region Homers Beschreibung stützten.

Auch der Zyklop Polyphem erhielt seinen Platz auf Sizilien. Große Felsen vor der Küste wurden als jene Steine vorgezeigt, die der geblendete Riese dem fliehenden Schiff des Odysseus hinterhergeschleudert haben sollte. Der Beweis war sichtbar. Dort lag ein großer Stein. Im Epos war ein großer Stein geworfen worden. Wer an diesem Punkt noch Einwände erhob, hatte offensichtlich Schwierigkeiten, sich von der Kraft antiker Indizienketten mitreißen zu lassen.

Die Logik ist bis heute vertraut. Eine ungewöhnliche Felsformation kann kaum einfach eine ungewöhnliche Felsformation bleiben. Sie braucht eine Geschichte, einen Helden und einen möglichst gewalttätigen Entstehungsgrund. Der Mensch sieht Landschaft und hält ihre natürliche Existenz für erzählerisch komplett unterentwickelt.

Eratosthenes verweigert die Reiseplanung

Natürlich glaubten auch in der Antike nicht alle Gelehrten, man könne Odysseus’ Irrfahrt wie eine frühe Kreuzfahrt rekonstruieren. Eratosthenes, der den Erdumfang mit erstaunlicher Genauigkeit berechnete, reagierte auf die Suche nach der Route mit bemerkenswertem Spott. Man werde den Ort von Odysseus’ Wanderungen finden, sobald man den Schuster gefunden habe, der Aiolos’ Windsack zusammengenäht habe.

Mit anderen Worten: Viel Erfolg bei der weiteren Recherche. Eratosthenes war damit jener Mann, der auf der antiken Redaktionskonferenz darauf hinwies, dass ein Sack voller Wind möglicherweise kein geeignetes Fundament für exakte Kartografie bilde. Vermutlich wurde er anschließend von mehreren lokalen Fremdenverkehrsvereinen aus dem Pergament-Verteiler genommen.

Seine Skepsis beendete die Suche nicht. Dafür war die Verlockung dann doch zu groß. Menschen wollten die Reise sehen, betreten und ihrer eigenen Heimat einverleiben. Die Vorstellung, dass Homers Wunderwelt bewusst keine feste Geografie besaß, war intellektuell überzeugend und emotional völlig unbrauchbar. Denn: Eine Geschichte ohne Ort kann überall geschehen. Eine Geschichte mit Ort gehört jemandem.

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Der Mythos als kulturelle Gebietsreform

Die Lokalisierung von Homers Schauplätzen war weit mehr als naive Leichtgläubigkeit. Sie schuf kulturelle Zusammenhänge. Eine Stadt, die ihre Küste mit Odysseus verband, schrieb sich in die große gemeinsame Vergangenheit der Griechen ein. Neue Siedlungen erhielten uralte Wurzeln, Landschaften bekamen Bedeutung, und politische Gemeinschaften konnten sich als Erben heroischer Geschichte präsentieren.

Die Geografie wurde zum Speicher der Erinnerung. Scholien, also antike Randkommentare zu literarischen Texten, hielten Namen, Flüsse, Berge und die dazugehörigen Mythen fest. Gelehrte notierten, wo ein Ort lag, weshalb er so hieß und welcher Held dort angeblich vorbeigekommen war. Durch das fortgesetzte Abschreiben wurden diese Verbindungen Teil griechischer Identität.

Das war keine moderne Faktenprüfung. Es war kulturelle Besitznahme. Die Griechen wollten weniger beweisen, dass Homers Welt im heutigen Sinn historisch wahr gewesen sei. Sie machten ihre eigene Welt homerisch. Berge, Küsten, Höhlen und Inseln wurden durch Geschichten tiefer, älter und bedeutsamer.

Wo wir heute fragen, ob die Fantasy der Realität entspricht, passten sie die Realität an die Fantasy an und das ist womöglich die klügere Reihenfolge.

Der antike Kanon hatte bewegliche Wände

Unsere Gegenwart behandelt alte Stoffe gern, als seien sie in einer endgültigen Fassung vom Himmel gefallen. Jede Abweichung wird zum Verrat, jede neue Deutung zur Beschädigung eines vermeintlich geschlossenen Originals.

Die Griechen selbst waren erheblich entspannter – und zugleich streitlustiger. Sie widersprachen Homer, ergänzten ihn, verschoben Schauplätze und erzählten bekannte Figuren neu. Verschiedene Städte beanspruchten dieselben Helden. Dichter ließen alte Geschichten anders enden oder beleuchteten Figuren, die zuvor am Rand gestanden hatten. Der Mythos blieb lebendig, weil er keinen Wachschutz vor dem Eingang beschäftigte.

Die Vorstellung einer einzigen verbindlichen Version hätte in dieser Welt kaum funktioniert. Schon die mündliche Überlieferung brachte Varianten hervor. Aufführungen veränderten Akzente, Regionen pflegten eigene Fassungen, und spätere Autoren schrieben mit großer Selbstverständlichkeit weiter.

Heute würde man vermutlich mehrere Stunden darüber diskutieren, ob ein solcher Umgang „kanonisch“ sei. Danach erschiene ein Video mit rotem Vorschaubild, in dem jemand die kulturelle Zerstörung des Abendlands verkündet, weil eine Sirene in der falschen Vogelart dargestellt wurde.

Die Antike hätte das Problem durch einen Dichterwettbewerb gelöst. Wer die überzeugendere Fassung lieferte, erhielt Applaus. Wer verlor, konnte seine Version weiterhin in einer anderen Stadt erzählen. Ja, das klingt jetzt tatsächlich barbarisch effizient.

Christopher Nolan und das Verbrechen am Windsack

Damit sind wir wieder bei Christopher Nolan und der historischen Genauigkeit seiner „Odyssey“.

Der Film darf kritisiert werden. Eine mythische Vorlage befreit keinen Regisseur von ästhetischen Entscheidungen, und ein Werk wird nicht automatisch gut, weil jemand erklären kann, dass Homer ebenfalls Varianten kannte. Auch Fantasy besitzt innere Plausibilität. Ein Kostüm kann unpassend wirken, eine Besetzung kann schwach sein, eine Inszenierung kann den Geist ihrer Vorlage verfehlen. Jedoch, zwischen Kritik und Geschichtspolizei liegt ein gewaltiges Meer.

Wer Nolans Film vor allem danach beurteilt, ob jedes Rüstungsteil einer bestimmten archäologischen Epoche entspricht, muss zunächst klären, in welchem Grabungsfund der singende Vogelmensch, der sechs Köpfe besaß, dokumentiert wurde. Auch die sachgerechte Konstruktion von Aiolos’ Windsack wäre noch zu prüfen. Material, Nahtführung und maximales meteorologisches Fassungsvermögen dürften für eine abschließende Bewertung unerlässlich sein.

Die „Odyssee“ verbindet Erinnerungen an vergangene Kulturen mit Homers eigener Zeit und einer frei erschaffenen Wunderwelt. Sie ist kein sauber konserviertes Fenster in ein bestimmtes historisches Jahr. Das Epos blickt zurück, erfindet, überformt und erzählt. Selbst die Forschung behandelt Homers Geografie längst nicht mehr als einfache Suche nach realen Koordinaten, sondern auch als konzeptionellen und erzählerischen Raum.

Ein historisch korrektes Monster bleibt am Ende eben trotzdem nur ein erfundenes Fantasy-Monster.

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Wir wollen Mittelerde, aber bitte mit ausreichend Parkplatz

Dass Menschen fantastische Orte auf reale Landkarten setzen, ist kein antiker Sonderfall. Wir tun es weiterhin, nur mit besseren Navigationsgeräten. Leser wollen wissen, welche Landschaft Tolkien inspirierte. Zuschauer reisen an Drehorte, als habe dort nicht ein Filmteam gearbeitet, sondern die Handlung selbst stattgefunden. Burgen werden mit Drachen verbunden, Höhlen mit Königen und dunkle Seen zuverlässig mit Wesen, deren Existenz fotografisch bislang vor allem durch große Entfernung gestützt wird.

Fantasy erzeugt den Wunsch nach Nähe. Was uns so tief berührt, soll… ja, muss doch irgendwo sein.

Darum besitzen viele Fantasyromane Karten. Sie beweisen keine historische Wahrheit, sondern verleihen dem Erfundenen räumliches Gewicht. Ein Gebirge, das auf einer Doppelseite eingezeichnet ist, wirkt bereits ein wenig realer. Der Leser kann Entfernungen abschätzen, Wege verfolgen und sich darüber ärgern, dass eine Reise im dritten Kapitel deutlich schneller verlief, als der Maßstab eigentlich erlaubt hätte.

Die Griechen gingen einen Schritt weiter. Sie druckten die Karte nicht vor die Geschichte. Sie legten die Geschichte über die vorhandene Welt. Sizilien wurde dadurch nicht zum wirklichen Wohnort eines Zyklopen. Doch der Felsen vor der Küste war fortan mehr als Stein. Er gehörte zu einer Erzählung, die Menschen über Jahrhunderte miteinander verband.

Der Mythos war damit kein Gegenstück zur Wirklichkeit. Er war eine Methode, Wirklichkeit lesbar zu machen.

Jedes Monster braucht eine Heimatadresse

Vielleicht liegt darin die schönste Ironie der ganzen Debatte. Die alten Griechen wussten sehr wohl, dass Homers Reise in fantastische Bereiche führte. Sie kannten die Widersprüche, stritten über die Plausibilität und besaßen mit Eratosthenes sogar einen Mann, der den gesamten kartografischen Betrieb mit einem einzigen Schusterwitz erledigen konnte.

Trotzdem setzten sie die Monster auf die Karte. Sie taten es, weil ein Mythos nicht dadurch mächtig wird, dass alle ihn für einen Tatsachenbericht halten. Er wird mächtig, weil Landschaften, Städte und Menschen sich in ihm wiederfinden wollen. Neapel bekam eine Sirene, Cumae einen Eingang zur Unterwelt, Monte Circeo eine Zauberin und Sizilien einen bemerkenswert großen Anteil am Ungeheuerbestand des Mittelmeers.

Christopher Nolan muss nun mit derselben alten Unruhe leben. Jeder möchte Homers Welt erkennen, doch jeder trägt eine andere Karte im Kopf. Für den einen besteht Wahrheit aus Bronzehelmen. Für den anderen aus einer bestimmten Übersetzung, einer Kindheitserinnerung oder der festen Überzeugung, dass Odysseus seit dreitausend Jahren exakt so auszusehen habe, wie er selbst ihn sich mit sechzehn vorgestellt hat.

Die Griechen fragten nicht lange, ob Odysseus’ Abenteuer wirklich passiert waren. Sie stritten lieber darüber, vor welcher ihrer Küsten das Ungeheuer gewohnt haben musste.

Es war die angenehmere Form des Kulturkampfs.

Und immerhin, am Ende bekam wenigstens jemand einen Zyklopen.

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