Night Hag – Great Dismal Darkness (Review)

🧐 Im Fantasykosmos suchen

Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Night Hag – Great Dismal Darkness

🧿 Kurzfazit
Donnerschlag! Great Dismal Darkness ist ein massives, abgründiges Death-Doom-Album, dessen größte Stärke im Wechsel zwischen höhlenmenschlicher Brutalität und zermürbender Langsamkeit liegt. Night Hag schreiben erstaunlich bewegliche Riffs, lassen ihre Songs organisch zwischen verschiedenen Geschwindigkeiten wechseln und schaffen eine Atmosphäre, die selbst im ohnehin gut gefüllten Untergrund dieses Genres hängen bleibt. Nicht jede schleppende Passage hält die Spannung gleichermaßen hoch, und die bewusst rohe Produktion setzt der Durchschlagskraft gelegentlich Grenzen. Insgesamt aber eine überzeugende zweite Platte mit reichlich Charakter und erstaunlich wenig Respekt vor menschlichen Atemwegen.

🧭 Für wen & vergleichbar mit
Für Freunde von Autopsy, Coffins, Incantation, Cianide, Disembowelment, Undergang und den besonders verkommenen Ausläufern des klassischen Death Doom. Wer seine Gitarren tief, seine Growls unmenschlich und seine Musik so schwer mag, dass selbst Grabsteine darunter einsinken, dürfte hier bestens bedient werden.

🎼 Highlights
Drowned in Death, Effluvia Tendrils, Staring into the Ancient Chasm, Strange Whispers from Beneath the Cypress

⛔ Für wen eher weniger geeignet?
Metallfreunde, die präzise ausproduzierten Death Metal, elegante Gitarrenmelodien oder abwechslungsreiche Gesangslinien erwartet, werden hier wenig Freude haben. Night Hag setzen auf physische Wucht, Reibung und eine ganz schön feindselige Klangästhetik. Außerdem verlangt das Album bei seinen längeren Doom-Passagen Geduld. Wer sich bereits bei zwei Minuten verlangsamtem Riffing nach dem nächsten Tempowechsel sehnt, könnte Probleme bekommen.

Schwarzweiß-Cover von Night Hag – Great Dismal Darkness. Eine entstellte, langhaarige Horrorgestalt mit verwestem Gesicht, geöffnetem Maul und krallenartigen Händen beugt sich hinter einer reglosen Frau hervor. Dichte schwarze Schraffuren und groteske Details prägen die Illustration. Links oben befindet sich das knochenartige Bandlogo, unten der zerklüftete Albumtitel.

🪦 Night Hag – Great Dismal Darkness: Virginia hat ein Leichenproblem. Der Sumpf bestreitet alles.

Irgendwo in Virginia muss ein Friedhofsverwalter einen folgenschweren Fehler gemacht haben. Vielleicht hat er die Drainage vernachlässigt. Vielleicht hat jemand die Toten zu flach begraben. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass vier Musiker aus Richmond beschlossen haben, das gesamte Gelände mitsamt seinen Bewohnern an eine Verstärkeranlage anzuschließen.

Das Ergebnis heißt Great Dismal Darkness. Sieben Stücke, gut 43 Minuten und eine akustische Umweltkatastrophe, deren Verursacher ausgesprochen stolz auf ihre Arbeit sein dürften.

Night Hag haben sich seit ihrer Gründung 2010 Zeit gelassen. Ihr Debüt Phantasmal Scourge erschien erst 2022, nachdem sich die Band bereits mit Demos, EPs und Split-Veröffentlichungen durch den amerikanischen Underground gefressen hatte. Vier Jahre später ist aus dem Trio ein Quartett geworden. Die Gitarren sind zahlreicher, die Riffs massiver und die Absichten offenbar noch weniger gesellschaftsfähig.

Dabei steckt hinter diesem monumentalen Verwesungsbetrieb verblüffend viel musikalisches Bewusstsein. Night Hag beherrschen die Kunst, einen Song beinahe zum Stillstand zu bringen und ihm im nächsten Augenblick mit primitiver Death-Metal-Gewalt wieder untotes Leben einzuhämmern. Die Gitarren kriechen, das Schlagzeug wühlt, die Growls scheinen aus einer Tiefe zu kommen, für die gewöhnliche Bergbauvorschriften längst nicht mehr gelten.

Und über allem liegt eine Atmosphäre, die hervorragend zum Great Dismal Swamp passt, jenem gewaltigen Sumpfgebiet zwischen Virginia und North Carolina, auf das der Albumtitel anspielt. Die Musik besitzt etwas von diesem Ort: stehende Schwärze, verborgene Bewegung und das unangenehme Gefühl, dass unter der Oberfläche erheblich mehr lebt, als man wissen möchte.

Schmaler Crowbah Banner mit Crowbah und Grabhold vor dunkler Comic Stadt.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Death Doom Metal, Old School Death Metal, Doom Metal, Sludge

Musikalische Einordnung: Night Hag stehen mit beiden Beinen tief in der Tradition jenes Death Metals, der Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger seine musikalischen Grenzen nach unten verschob. Autopsy lieferten die morbide Grundhaltung, Incantation die finsteren Abgründe und Disembowelment zeigten, wie sich extreme Langsamkeit in etwas beinahe Übernatürliches verwandeln lässt. Auf Great Dismal Darkness treffen diese Einflüsse auf eine auffällig körperliche, gelegentlich sludgeartige Rhythmik. Die Band bewegt sich gern in einem mittleren Tempo, in dem jeder Schlag ausreichend Zeit bekommt, Schaden anzurichten. Dann versinkt die Musik plötzlich in ausgedehnten Doom-Passagen, deren Gitarrenakkorde wie tonnenschwere Betondecken übereinanderliegen.

Besonders gelungen ist die rhythmische Beweglichkeit. Selbst wenn die Stücke langsam werden, bleiben kleine Veränderungen im Schlagzeug, Verschiebungen der Gitarrenfiguren und abrupte Betonungen hörbar. Die Musik besitzt dadurch einen inneren Puls, der verhindert, dass die gewaltige Schwere vollständig in Bewegungslosigkeit umschlägt. Mit der zusätzlichen Gitarre von Casey Williams gewinnt die Band außerdem an Möglichkeiten. Die Instrumente können sich gegenseitig verstärken, kurze Gegenbewegungen aufbauen oder zwischen einem schweren rhythmischen Fundament und dissonanten, verstörenden Oberstimmen wechseln.

Das lässt die sieben Stücke abwechslungsreicher wirken, als man bei der äußerlich ähnlichen Klangästhetik zunächst erwartet. Trotzdem gibt es Grenzen: Besonders im mittleren Albumabschnitt verschwimmen einzelne Entwicklungen gelegentlich, und manche Doom-Passage hätte von einer entschlosseneren Zuspitzung profitiert.

Der entscheidende Unterschied liegt in den Riffs. Night Hag verlassen sich erfreulich selten darauf, dass Verzerrung und Langsamkeit bereits eine Komposition ergeben. Hier steckt echte Arbeit in den Gitarrenfiguren, und diese Arbeit macht den Sound erst interessant.

Klangbild: Produktionstechnisch ist Great Dismal Darkness eine bewusste Zumutung für jeden, der seinen Death Metal gern ordentlich sortiert hört. Die Aufnahmen und der Mix von Yave Rust Recording and Mixing besitzen einen tiefen, räumlichen und krass rauen Charakter. Gitarren und Bass verschmelzen zu einer gewaltigen, körnigen Masse, während das Schlagzeug trotz aller Finsternis eine bemerkenswerte körperliche Präsenz behält. Besonders die langsameren Passagen profitieren von dieser enormen Dichte.

Die Verzerrung wirkt stellenweise beinahe übersteuert. Man hört Saitengeräusche, Schmutz und eine bedrohlich wuchernde Klangmasse, die eher an einen alten Proberaum unter einer stillgelegten Schlachterei erinnert als an ein modernes Tonstudio. Das ist durchaus reizvoll. Allerdings fordert diese Ästhetik auch ihren Preis.

Bei höherem Tempo wird die Trennung zwischen den Instrumenten weniger überzeugend. Einige schnelle Passagen verlieren dadurch an Schärfe, während die schleppenden Abschnitte nahezu ideal zur Geltung kommen. Die Produktion begünstigt eindeutig den Doom-Anteil des Albums. Die Growls fügen sich hervorragend in diese Umgebung ein. Sie reichen von tiefem, kehligem Grollen bis zu aggressiveren Ausbrüchen und wirken wie ein weiteres Instrument innerhalb der allgemeinen Verwüstung.

Das Mastering von Bob Greenough bewahrt den groben Charakter der Aufnahmen. Great Dismal Darkness besitzt keine hochglanzpolierte Oberfläche. Wer die sucht, sollte ohnehin dringend seine Genrevorlieben überprüfen.

🎬 Full Album Stream: 43 Minuten tief im Sumpf

Mit Great Dismal Darkness öffnen Night Hag die Schleusen zu einem musikalischen Albtraum aus Death Doom, fauligen Riffs und grabtiefen Growls. Sieben Stücke, ein Sumpf und kein trockener Fluchtweg. Grabhold empfiehlt, vor dem Abspielen sämtliche Fenster zu verriegeln.

🪦 Vier Stellen, an denen der Sumpf besonders hungrig wird

Drowned in Death

Der erste Song gönnt seinem Publikum kaum Gelegenheit, die Orientierung zu verlieren. Dafür sorgt er selbst. Nach einem verstörenden Auftakt entfesseln Night Hag ein chaotisches Gemisch aus aggressiver Rhythmik, tiefen Growls und Gitarren, deren Riffs eher nach Einsturz als nach klassischer Melodieführung klingen. Seine eigentliche Qualität zeigt Drowned in Death allerdings beim Übergang von rasender Aggression zu bedrückendem Doom. Nach gut drei Minuten übernimmt die Schwere endgültig das Kommando. Die Gitarren dehnen ihre Bewegungen, das Schlagzeug setzt immer gewichtigere Akzente, und der Bass pulsiert wie ein Kreislauf, der sich beharrlich weigert, seinen Dienst einzustellen. Das funktioniert großartig, weil der Song seine längste und langsamste Phase konsequent vorbereitet. Die einleitende Gewalt verleiht dem folgenden Zusammenbruch erst sein volles Gewicht. Ein ausgezeichneter Opener und einer der überzeugendsten Belege für das kompositorische Können der Band.

Effluvia Tendrils

Bei Effluvia Tendrils demonstrieren Night Hag ihre vielleicht größte musikalische Stärke: ein ausgesprochen gutes Gespür für widerwärtig effektive Gitarrenfiguren. Der Song entwickelt eine bemerkenswerte Dichte an Riffideen. Gitarrenläufe krümmen sich ineinander, aggressive Passagen gehen in schwerfällige Bewegungen über, und zwischendurch schleichen sich Harmonien ein, die durchaus an die verwesenden Frühwerke von Autopsy erinnern. Die Gesangsausbrüche steigern den Eindruck einer zunehmend außer Kontrolle geratenen Situation. Gleichzeitig besitzt das Stück genügend rhythmische Disziplin, um seine wechselnden Einfälle zusammenzuhalten. Gerade diese Balance macht es stark. Wo manche Death-Doom-Bands ihre Riffs so lange bearbeiten, bis selbst ihre Erfinder eingeschlafen sind, treiben Night Hag ihre Ideen beständig weiter. In diesem Song zahlt sich das besonders aus.

Staring into the Ancient Chasm

Hier erreicht Great Dismal Darkness eine seiner atmosphärisch eindrucksvollsten Stellen. Schon die zurückhaltenderen Gitarrenschichten des Einstiegs zeigen, dass Night Hag über musikalische Mittel verfügen, die weit über rohe Gewalt hinausgehen. Kleine melodische Bewegungen und unheilvolle harmonische Spannungen bauen eine Atmosphäre auf, die sich anschließend unter der gewaltigen Last der Rhythmusgitarren beinahe aufzulösen scheint. Der Song profitiert davon, dass die Band Stimmung und kompositorischen Aufbau gleichermaßen ernst nimmt. Seine langsamen Passagen besitzen eine eigene Dramaturgie, während die härteren Abschnitte wie gewaltsame Störungen einer bereits äußerst unfreundlichen Ruhe wirken. Gerade im Vergleich zu den direkteren Nummern ist Staring into the Ancient Chasm eine wichtige Bereicherung. Hier wird deutlich, dass die wahre Bedrohung manchmal aus wenigen geschickt platzierten Tönen entsteht.

Strange Whispers from Beneath the Cypress

Dieser Song könnte als heimliche Visitenkarte der gesamten Platte durchgehen. Strange Whispers from Beneath the Cypress entwickelt eine besonders gelungene Verbindung aus schleppender Bedrohung und lebhafterem Riffing. Die Musik bleibt schwer, gewinnt durch ihre wechselnden Akzente allerdings immer wieder neue Energie. Gerade die Übergänge machen Freude: Kaum hat man sich in einer zähen Passage eingerichtet, verändert sich die rhythmische Bewegung und ein neues Gitarrenmotiv übernimmt das Kommando. Die Atmosphäre besitzt dabei etwas nahezu Landschaftliches. Man kann sich die schwarzen Wasserflächen, knorrigen Zypressen und endlosen feuchten Böden beinahe vorstellen. Das funktioniert auch ohne großes Konzeptalbum und ohne erzählerische Überfrachtung. Zusammen mit Staring into the Ancient Chasm bildet der Song den überzeugendsten atmosphärischen Abschnitt des Albums. Hier stimmen die Gewichtung der einzelnen Elemente und die musikalische Entwicklung besonders gut.

Der Banner für das Fantasykosmos Feuilleton mit lesendem Drachen hinter Zeitung.

🖼️ Artwork

Das Cover von Form Terror Growth, hinter dem der Künstler Fred Grabosky steht, gehört zu den eindrucksvollsten visuellen Bestandteilen dieser Veröffentlichung. Eine deformierte, langhaarige Kreatur mit halb verwestem Gesicht und krallenartigen Händen erhebt sich hinter einer reglos wirkenden Frau. Ihre Gesichtszüge lassen zwischen Mensch, Leiche und dämonischer Erscheinung kaum noch klare Grenzen erkennen. Die Augen sind besonders verstörend: wach, absichtsvoll und von jener Art Aufmerksamkeit, die man nachts um drei lieber nicht auf sich gerichtet sieht.

Die ausschließlich schwarzweiße, bis ins Kleinste schraffierte Zeichnung erinnert an klassische Underground-Horrorillustrationen und alte Death-Metal-Artworks. Gleichzeitig greift sie die Folklore der Night Hag auf: jene nächtliche Erscheinung, die mit Albträumen und Schlafparalyse verbunden wird. Das Artwork macht die Atmosphäre der Platte sichtbar. Selbst die großartigen, grotesk ausgearbeiteten Buchstaben des Bandlogos wirken wie ein Teil dieser anatomischen Katastrophe. Wer nach diesem Cover friedlich einschläft, besitzt entweder echt gute Nerven oder hat das Flutlicht angelassen.

Düsterer Fantasy-Werbebanner für den fiktiven Energydrink „BLACK RUNE“. Rechts sitzt ein muskulöser Orkkrieger in abgenutzter Leder- und Metallrüstung in einem rauchigen Kriegslager, hält eine schwarze Getränkedose mit Runenzeichen und stützt sich neben einer großen Streitaxt ab. Links steht in großer schwarzer und roter Serifenschrift der Slogan: „BLACK RUNE verleiht Schädel.“

✨ Besondere Momente

🐌 Wenn die Zeit selbst im Schlamm stecken bleibt

Die vielleicht beeindruckendste Fähigkeit von Night Hag besteht darin, Geschwindigkeit als dramaturgisches Werkzeug einzusetzen. Ein gerade noch aggressiv vorwärtsstürmender Rhythmus kann innerhalb weniger Takte in eine geradezu lähmende Langsamkeit kippen. Die Gitarren scheinen dabei immer schwerer zu werden, während zwischen den einzelnen Schlägen plötzlich riesige Abstände entstehen. Diese Tempowechsel besitzen eine beinahe körperliche Wirkung. Nach einer schnellen Passage fühlt sich das anschließende Doom-Riff tatsächlich massiver an, als es isoliert betrachtet wäre. Night Hag verstehen ausgezeichnet, wie man Gewicht durch Kontraste erzeugt.

🥁 Der Schlagzeuger hat die Schwerkraft manipuliert

Jon Ransom spielt eine bemerkenswert wichtige Rolle innerhalb dieser Klangarchitektur. Seine Doublebass-Figuren können wie schweres Maschinengewehrfeuer wirken, im nächsten Augenblick setzt er weit auseinanderliegende Schläge, die den Songs eine völlig andere Bewegung verleihen. Besonders reizvoll ist sein Umgang mit den schleppenden Rhythmen. Kleine Veränderungen bei Becken, Akzenten und Schlagfolgen verhindern, dass die Musik ihre innere Spannung verliert. Das Schlagzeug hält den Sumpf in Bewegung, selbst wenn die Gitarren bereits beschlossen haben, sich dort dauerhaft niederzulassen.

🎸 Zwei Gitarren, eine Beerdigung und erstaunlich viel Platz

Mit Casey Williams als zweitem Gitarristen haben Night Hag ihre musikalischen Möglichkeiten erweitert. Die zusätzliche Gitarre ermöglicht es, massive rhythmische Fundamente mit dissonanten Oberstimmen und eigenständigen Riffbewegungen zu kombinieren. Gerade bei dieser Art von Death Doom ist das wichtiger, als man zunächst vermuten würde. Die Musik lebt stark von sich wiederholenden Figuren. Werden diese durch kleine Gegenmelodien, harmonische Reibungen oder zusätzliche Akzente verändert, entsteht erheblich mehr Spannung. Der bemerkenswerte Punkt: Die Arrangements bleiben trotz ihrer gewaltigen Klangmasse vergleichsweise übersichtlich. Hier steht weiterhin das Riff im Mittelpunkt, auch wenn inzwischen zwei Gitarristen daran arbeiten, es möglichst tief zu begraben.

🗣️ Zwei Stimmen aus demselben Massengrab

Neben Sam Fox beteiligt sich auch Schlagzeuger Jon Ransom am Gesang. Diese zusätzliche vokale Komponente erweitert die ohnehin brutale Ausdruckspalette der Band. Statt melodischer Abwechslung gibt es unterschiedliche Abstufungen gutturaler Aggression. Besonders die Wechsel zwischen tiefem Grollen und heftigeren Ausbrüchen verstärken die bedrohliche Grundstimmung. Die Stimmen stehen dabei vollständig im Dienst der Musik. Sie werden Teil der gewaltigen Klangmasse und tragen zur beklemmenden Atmosphäre bei, ohne die instrumentalen Entwicklungen zu überlagern.

⚰️ Die alte Schule darf endlich wieder richtig stinken

Bei aller Schwere fällt auf, wie konsequent Night Hag an der ursprünglichen Ästhetik des Death Doom festhalten. Die Riffs sind primitiv, die Klangfarben rau und die Arrangements gelegentlich geradezu bösartig simpel. Trotzdem wirkt das Ergebnis keineswegs gedankenlos. Gerade die Verbindung aus primitiver Direktheit und sorgfältig konstruierten Tempowechseln gibt Great Dismal Darkness seine Identität. Hinter dem scheinbaren Chaos steckt musikalische Disziplin, hinter der absichtlichen Hässlichkeit ein ziemlich genaues Verständnis davon, welche Wirkung diese Musik entfalten soll. Man könnte es auch so formulieren: Night Hag wissen sehr genau, was sie tun. Sie haben lediglich beschlossen, dass das Ergebnis aussehen und klingen soll wie ein schwerer Verstoß gegen die Friedhofsordnung. Und dagegen ist ausnahmsweise mal gar nichts einzuwenden.

Nichts als die Wahrheit. Schmaler Banner für den Arkanen Moosverhetzer. Ein Moosling mit Blatthelm, der wütend eine Propagangazeitung liest.

📜 Hintergrund: Sechzehn Jahre zwischen Grabkammer und Sumpf

Die Geschichte von Night Hag beginnt 2010 in Virginia. Statt möglichst schnell eine Reihe vollständiger Alben zu veröffentlichen, arbeitete sich die Band über verschiedene Demos und kleinere Veröffentlichungen langsam durch den amerikanischen Death-Metal-Untergrund. Die EP Insemination Rites of the Succubus sowie Split-Veröffentlichungen mit Cryptic Brood und Burial dokumentieren diese Entwicklung. Erst 2022 folgte mit Phantasmal Scourge das vollständige Debütalbum.

Schon damals waren die musikalischen Vorlieben deutlich erkennbar: primitive Death-Metal-Riffs, tiefe Growls, erschlagende Doom-Passagen und eine konsequente Vorliebe für morbide Horrorbilder. Auf Great Dismal Darkness treiben die Musiker diese Eigenschaften weiter. Das Album wirkt schwerer und langsamer, bietet zugleich aber auffällig viele rhythmische Kontraste und ausgearbeitete Gitarrenfiguren.

Die Verbindung zum Great Dismal Swamp liefert dabei einen reizvollen geografischen Bezug. Das riesige Sumpfgebiet erstreckt sich über Teile von Virginia und North Carolina. Seine dunklen Gewässer, dichten Wälder und die besondere Landschaft bieten genau jene unheimliche Bildwelt, die sich musikalisch in Great Dismal Darkness wiederfindet.

Veröffentlicht wird das Album am 16. Oktober 2026 über Rotted Life Records. Neben digitalen Formaten erscheinen CD, Vinyl und Kassette. Die Gestaltung des Covers übernahm Form Terror Growth, während David Mikkelsen von Undergang für das Bandlogo verantwortlich zeichnet. Gerade diese grafische Gestaltung macht die Veröffentlichung auch als physisches Objekt interessant. Die aufwendig ausgearbeitete Schwarzweißillustration hat auf einem großformatigen Vinylcover schließlich erheblich mehr Gelegenheit, ihre anatomischen Grausamkeiten auszubreiten. Für wahre Fans also quasi unverzichtbar.

Fantasy Events Banner: Ein dunkler Krieger erhebt seine Fahne vor einem riesigen lodernden Feuer, während Funken in den Nachthimmel steigen

🪦 Fazit: Der Friedhof bleibt geschlossen. Aus gutem Grund.

Hui, was ein Trip war das denn? Night Hag haben mit Great Dismal Darkness ein Album geschaffen, das seine hässlichen Eigenschaften mit bemerkenswerter Überzeugung zur Schau stellt. Diese Musik besitzt ein gewaltiges Gewicht, eine ausgesprochen unfreundliche Atmosphäre und genügend eigenständige Riffideen, um ihre mehr als 43 Minuten überzeugend auszufüllen.

Besonders gefällt uns, dass die Band den extrem langsamen Doom-Passagen eine bewegliche, aggressive Death-Metal-Seite gegenüberstellt. Dadurch entstehen Spannungsbögen, die weit über das bloße Aneinanderreihen möglichst schwerer Gitarrenakkorde hinausgehen. Drowned in Death und Effluvia Tendrils demonstrieren diese Stärke mit beeindruckender Konsequenz. Staring into the Ancient Chasm und Strange Whispers from Beneath the Cypress zeigen anschließend, wie viel Atmosphäre sich aus denselben stilistischen Mitteln entwickeln lässt.

Nee, natürlich ist auch hier nicht alles eitel Finsterschein. Einige der langsameren Passagen verlieren über ihre ausgedehnte Spielzeit ein wenig an Profil. Auch die bewusst extrem rohe Produktion wirkt bei schnellen Ausbrüchen gelegentlich weniger überzeugend als in den tiefen, schleppenden Abschnitten. Der Gesamtklang besitzt Charakter, aber seine gewaltige Dichte verschluckt hin und wieder Details.

Und muss auch das klar benennen: Diese Schwächen verhindern, dass Great Dismal Darkness uneingeschränkt zu den ganz großen Veröffentlichungen des Genres aufschließt. Die Qualität der Riffs, die Atmosphäre und die gelungene Dramaturgie vieler Einzelstücke machen das Album dennoch zu einer starken Empfehlung für Death-Doom-Liebhaber.

Vor allem zeigt sich hier eine Band, die nach sechzehn Jahren ihre eigene musikalische Sprache immer sicherer beherrscht. Night Hag haben ihren Platz zwischen Death Metal, Doom und fauliger Untergrundästhetik gefunden. Mit der neuen Besetzung gewinnen sie zusätzliche Möglichkeiten, diese Klangwelt weiterzuentwickeln.

Und YES: Great Dismal Darkness hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Einen feuchten, kalten und höchstwahrscheinlich ziemlich gesundheitsschädlichen.

Grabhold hat inzwischen übrigens den Friedhofsverwalter ausfindig gemacht. Der Mann bestreitet jede Verantwortung und zeigt auf ein Schild am Eingang:

Betreten auf eigene Gefahr. Die Bewohner dürfen bleiben.

Schwarzweiß-Cover von Night Hag – Great Dismal Darkness. Eine entstellte, langhaarige Horrorgestalt mit verwestem Gesicht, geöffnetem Maul und krallenartigen Händen beugt sich hinter einer reglosen Frau hervor. Dichte schwarze Schraffuren und groteske Details prägen die Illustration. Links oben befindet sich das knochenartige Bandlogo, unten der zerklüftete Albumtitel.

Künstler:

Night Hag

Albumtitel:

Great Dismal Darkness

Erscheinungsdatum:

16. Oktober 2026

Genre:

Death Doom Metal / Old School Death Metal

Label:

Rotted Life Records

Spielzeit:

ca. 43 Minuten

👥 Besetzung:

Sam Fox – Gesang, Bass
Jon Ransom – Schlagzeug, Gesang
Casey Williams – Gitarre
Joe Arida – Gitarre

Aufnahme und Mix: Yave Rust Recording and Mixing
Mastering: Bob Greenough, Not for the Weak Records
Coverartwork: Form Terror Growth (Fred Grabosky)
Bandlogo: David Mikkelsen (Undergang)

🎼 Trackliste:

Drowned in Death – 7:59
Effluvia Tendrils – 6:00
It Came Back the Next Night – 6:42
Staring into the Ancient Chasm – 6:09
Strange Whispers from Beneath the Cypress – 6:06
The Terrible Old Woman – 5:08
Excoriate – 5:06 (Disembowelment-Cover)

Banner für den Newsletter im Fantasykosmos mit Gandalf, der den Leser nicht vorbeilässt,

Mehr Album-Reviews für dich?

Banner zur Fantasykosmos Playliste SONGS OF DOOM & GLORY.