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Mervyn Peake – Die Gormenghast Trilogie
💥Der erste Schlag
Ich habe schon viele Burgen betreten, aber Gormenghast ist keine Festung, das ist eine psychische Störung in Architekturform. Hier knirscht jede Wendeltreppe, jeder Hof, jeder Turm vor Bedeutungsballast. Wer dieses Schloss betritt, liest nicht Fantasy zum Wegträumen, sondern eine Belagerung der eigenen Nerven.
📖 Kurz zur Handlung
Im gigantischen Schloss Gormenghast wird Titus Groan geboren, zukünftiger 77. Earl eines Geschlechts, das nur noch aus verstaubten Ritualen besteht. Während Titus heranwächst, schiebt sich aus der Küche ein ehrgeiziger Junge nach oben: Steerpike, der die müde Aristokratie ausmanövriert, indem er ihre Rituale gegen sie benutzt. Intrigen, Morde, Brände und ein langsamer Palastputsch fressen sich durch die Gänge des Schlosses, bis Titus erkennt, dass seine ganze Identität nur aus Rollenprosa besteht. Er schlägt den letzten Aufstand an einem Ort, an dem die Architektur wichtiger ist als der Mensch, und reißt sich von Gormenghast los, um überhaupt so etwas wie ein eigenes Leben zu suchen.
🏛️ Der Ehrenplatz im Kanon
Diese Trilogie zeigt, was passiert, wenn man Fantasy nicht als Schauplatz, sondern als Institution denkt. Gormenghast ist der Gegenpol zu Mittelerde, ein gotischer Betonklotz aus Ritual, Staub und Macht, der jeden Eskapismus im Keim erstickt. Wer verstehen will, woher New Weird, Fantasy of Manners und die Lust am grotesken Weltenbau kommen, kommt an Peakes Schloss nicht vorbei.
👤 Wer ist der Schöpfer?
Mervyn Peake, 1911 in China geboren, war Maler, Illustrator, Dichter, Kriegszeichner und Romanautor in Personalunion. Er stand mit einem Bein in der Kunstszene Londons und mit dem anderen in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, unter anderem als einer der ersten zivilen Zeugen des Lagers Belsen. Diese Mischung aus Bildkraft und Abgrunderfahrung hat er in den Gormenghast Romanen auf außergewöhnliche Weise konserviert.
„There is nowhere else… you will only tread a circle, Titus Groan.“
(Mervyn Peake – Die Gormenghast Trilogie)
🐍 Mervyn Peake – Die Gormenghast Trilogie: Rituale im Steinlabyrinth
Gormenghast ist eine Trilogie, aber vor allem ist es eine Gegend im Kopf. Zwischen 1946 und 1959 veröffentlichte Peake die Romane „Titus Groan“, „Gormenghast“ und „Titus Alone“, später ergänzt um die Novelle „Boy in Darkness“ und das aus Fragmenten rekonstruierte „Titus Awakes“. Die Handlung spielt in einem riesigen Schlosskomplex, der so sehr von Ritualen regiert wird, dass Ursache und Zweck längst vergessen sind.
Während Tolkien zur gleichen Zeit an einem mythisch durchlüfteten Epos baut, entwirft Peake eine Art Anti-Mythos. Hier gibt es keine Queste, kein klares Gut und Böse, kaum Magie. Stattdessen herrscht ein System aus Vorschriften, das von innen verfault. Steerpike, der Aufsteiger aus der Küche, ist nicht der Auserwählte, sondern der logische Endpunkt einer Gesellschaft, die nur noch Fassade ist.
Dieser Artikel klärt, warum Peakes Schloss trotz aller Sperrigkeit einen festen Platz in den Meilensteinen der Fantasy verdient, wieso Kritiker ihn gern als Anti Tolkien ins Feld führen und weshalb Gormenghast heute eher verstörend als veraltet wirkt.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
„Titus Groan“ beginnt mit drei Ereignissen: der Geburt des Erben Titus, dem langsamen geistigen Zerbröseln seines Vaters Lord Sepulchrave und der Flucht des Küchenjungen Steerpike aus der Hölle der Großküche. Schloss Gormenghast beherbergt das Geschlecht der Groan, das seit Jahrhunderten nach einer endlosen Ritualordnung lebt, die der alte Zeremonienmeister Sourdust aus dicken Folianten vorliest. Niemand weiß mehr, warum die Rituale existieren, nur dass sie unantastbar sind.
Steerpike nutzt jeden Riss im System. Er entkommt dem Koch Swelter, rettet sich in höhere Stockwerke, schmeichelt sich bei der neurotischen Fuchsia ein, manipuliert die debilen Zwillinge Cora und Clarice und bringt sie dazu, im Namen der „Reform“ eine Revolte anzuzetteln, die in einem Großbrand endet. Während Gormenghast wörtlich in Flammen steht, steigt Steerpike als Retter und Organisator auf.
In „Gormenghast“ ist Titus ein Junge, der zwischen Unterricht, Hofzeremonien und heimlichen Streifzügen durchs Gemäuer hin und her gerissen wird. Die Lehranstalt mit ihren verschrobenen Lehrern und der sadistischen Prefektin Irma Prunesquallor wirkt wie ein grotesker Vorläufer moderner Internatsfantasy. Steerpike ist inzwischen faktischer Machtfaktor, doch seine Morde und Intrigen kommen ans Licht. Es kommt zur Konfrontation auf den Dächern des Schlosses, bei der Titus Steerpike stellt und Gormenghast zwar nicht vom Ritual, aber immerhin von seinem Spinnennetz befreit.
„Titus Alone“ bricht mit dem Gewohnten. Titus verlässt Gormenghast, landet in einer fremden Stadt mit Überwachungstechnik, Glasfahrzeugen und Fabriksilos, trifft auf Außenseiter wie Muzzlehatch, Juno und die wissenschaftliche Enklave „The Under River“. Die Welt wirkt halb futuristisch, halb surreal. Titus verliert zeitweise den Bezug zu seiner Herkunft und kämpft gegen das Gefühl, sowohl ohne Schloss als auch ohne neue Rolle zu existieren. Die Fragmenthaftigkeit des Textes spiegelt Peakes nachlassende Gesundheit, gibt dem Band aber auch eine unheimliche, traumartige Qualität.
Am Ende steht kein großes Erlösungsfinale. Gormenghast ist nicht befreit, Titus ist nicht geheilt. Was bleibt, ist das Bild eines Menschen, der versucht, sich aus einer Identität zu lösen, die ihm von Stein, Blutlinie und Ritual vorgeschrieben wurde.
🏛 Kontext und Einfluss
Die Gormenghast Romane entstehen im Nachkriegseuropa, in einer Zeit, in der alte Machtstrukturen sichtbar bröckeln, aber noch nicht verschwunden sind. Peake, der als Kriegskünstler unter anderem das befreite Lager Belsen gesehen hat, bringt in seine Prosa eine Mischung aus Groteske und moralischer Erschöpfung ein. Das Schloss wirkt wie eine aristokratische Endzeitmaschine, die weiterschaltet, obwohl längst nichts Sinnvolles mehr produziert wird.
Rezeption und Einfluss sind zweigleisig. Beim breiten Publikum blieb Gormenghast immer Nischenware, im angelsächsischen Literaturbetrieb dagegen ein Kultobjekt. Kritiker feiern die Trilogie regelmäßig als eine der bedeutendsten Fantasien des 20. Jahrhunderts. Autoren wie Michael Moorcock und China Miéville stellen Peake offen als Alternative zu Tolkien ins Regal und sprechen von einem „anderen“ möglichen Hauptstrom der Fantasy, in dem Gormenghast statt des Herrn der Ringe die Blaupause gewesen wäre.
Die BBC Verfilmung von 2000 mit u. a. Jonathan Rhys Meyers, Christopher Lee und Stephen Fry brachte das Schloss kurzzeitig ins Fernsehen und bandelt optisch mit Grimdark und Theaterbühne zugleich an. Gleichzeitig beeinflusst Peake Autoren, die mit urbanen Labyrinthen, grotesken Figuren und sprachlicher Exzentrik arbeiten, von New Weird bis Fantasy of Manners.
🚩 Warum ein Meilenstein der Fantasy?
Eigenständiger Gegenpol zu Tolkien
Statt mythischer Weite: architektonische Enge. Statt Heldensaga: Institutionssatire. Aus genau diesem Gegensatz heraus ist Gormenghast zu dem Referenzpunkt geworden, wenn es um „andere Fantasy“ geht, von Kritikern gern zur „Anti-Tolkien“-Ikone stilisiert.
Verschmelzung von Hochliteratur und Genre
Peake zeigt, dass Fantasy nicht „nur“ Stoff für Abenteuer ist, sondern ein Vehikel für Sprachkunst, psychologische Feinheiten und Gesellschaftskritik, ohne die genretypische Imagination zu opfern.
Geburtshelfer der Fantasy of Manners & des Grotesken
Die Mischung aus Ritualgesellschaft, grotesken Figuren und sprachlicher Detailwut hat ganze Subgenres befeuert, von höfischen Intrigenromanen bis zu New-Weird-Stadtlabyrinthen.
Bildmacht, die hängen bleibt
Viele Lese erinnern sich nicht an konkrete Plotpunkte, aber an Szenenbilder: die Hall of the Bright Carvings, Sepulchraves Bibliothekszusammenbruch, die Schulkorridore, Steerpike auf den Schlossdächern. Gormenghast existiert im Kopf als Ort, nicht nur als Text.

🔍 Stärken und Schwächen im Detail
🖋 Stil
Peake schreibt, als würde er mit einem Ölpinsel über die Seite fahren. Sätze sind lang, verschachtelt, voller Adjektive und seltsamer Vergleiche. Die Prosa ist bewusst altmodisch, aber nicht nostalgisch, sondern wie ein Gemälde, das verdirbt, während man hinsieht. Wer sich darauf einlässt, wird mit Bildern belohnt, die so dicht sind, dass sie im Kopf stehen bleiben. Für schnelle Lektüre ist dieser Stil Gift, für alle anderen ein Ereignis.
🧍♂️ Figuren
Gormenghast ist bevölkert von überzeichneten, aber überraschend präzisen Gestalten. Der melancholische Bibliothekslord Sepulchrave, die wilde Fuchsia, die monströs lässige Gräfin Gertrude mit ihrem Tierhof, der stotternde Mr Flay, der schleimige Swelter – sie alle bewegen sich an der Grenze zwischen Karikatur und Tragödie. Steerpike sticht als eiskalter Karrierist heraus, der das System nicht sprengt, sondern extrem effizient bedient. Titus selbst ist als Figur bewusst zerrissen: kaum handlungsstark, dafür ein Brennpunkt für die Frage, wie man einem Erbe entkommt, das man nie gewählt hat.
🕒 Tempo und Aufbau
Das Tempo ist kompromisslos langsam. Peake verbringt Seiten mit Gängen, Höfen, Nebensätzen und kleinen Demütigungen im Alltag. Die Spannungsmomente, etwa der Brand, die Morde, die Dachjagd auf Steerpike, wirken dadurch umso härter, weil sie durch zähe Routine vorbereitet werden. „Titus Alone“ bricht diese Struktur, indem er episodenhaft durch eine neue Welt springt, was den Band noch sperriger macht, aber formal konsequent ist. Wer Plotbeats im Minutentakt erwartet, prallt hier ab.
✨ Atmosphäre und Welt
Gormenghast ist eine der eigenwilligsten Welten der Fantasy. Es gibt kein Magiesystem, keine Karte, keine Völkerliste. Schloss und Umgebung wirken wie ein geschlossenes Ökosystem aus Stein, Schlamm und Rauch. Die Atmosphäre schwankt zwischen schwarzer Komik, Alptraum und elegischem Verfall. Es ist kein Ort, den man besuchen möchte, sondern einer, den man nicht mehr loswird, wenn man ihn einmal betreten hat.
⚖️ Was trägt heute noch, was ist schlecht gealtert?
✨ Was gut gealtert ist
Rituale als Selbstzweck
Gormenghast wirkt heute fast noch aktueller: ein System, das nur noch funktioniert, „weil es halt so ist“, während niemand mehr weiß, wozu. Bürokratie, Traditionsfetisch, Institutionen, die sich selbst wichtiger nehmen als Menschen, das liest sich 2026 sehr vertraut.
Steerpike als Karrierist im Verfallsbau
Der Aufsteiger, der kein Ideologe ist, sondern Opportunist mit leerem Kern, passt erschreckend gut in moderne Machtapparate. Er nutzt Risse im System, verkauft sich als Problemlöser und lebt davon, dass alle anderen zu müde sind, genauer hinzusehen.
Anti-Eskapismus-Fantasy
Während viele Klassiker heute sehr nach Wohlfühl-Eskapismus riechen, bleibt Gormenghast radikal ungemütlich. Das Schloss ist kein Ort zum Träumen, sondern ein Albtraum, aus dem Titus fliehen muss, eine Perspektive, die im Meer an Comfort-Fantasy angenehm schneidet.
Groteske Bildkraft
Die Szenen – Steerpike auf den Dächern, die Hall of the Bright Carvings, Sepulchraves Zusammenbruch in der Bibliothek – haben nichts von ihrer Wucht verloren. Die Mischung aus Gothic, schwarzem Humor und Körperlichkeit fühlt sich eher „zeitlos weird“ als nostalgisch an.
Einfluss auf Weird & New Weird
Dass heute so viele Fantasyromane mit städtischen Labyrinthen, entgleisten Institutionen und groteskem Personal arbeiten, macht Peakes Schloss im Rückblick noch relevanter. Man liest Gormenghast inzwischen fast wie eine frühe Blaupause für ein ganzes Alternativ-Genre.
⚠️ Was schlecht gealtert ist
Gormenghast ist erstaunlich robust, aber nicht frei von Reibung.
Erstens spürt man klar den Zeitgeist der vierziger und fünfziger Jahre. Körperliche Abweichung wird häufig mit Lächerlichkeit oder moralischer Fragwürdigkeit verknüpft, Dienerschaft ist fast ausnahmslos grotesk überzeichnet, während adelige Figuren trotz aller Kritik das Zentrum bleiben. Klassenverhältnisse werden eher ausgestellt als hinterfragt.
Zweitens ist der dritte Band textgeschichtlich verwackelt. Eingriffe des Verlags und Peakes Krankheit haben „Titus Alone“ beschädigt, was man der Struktur anmerkt. Neuere Editionen versuchen zwar, einen „rekonstruierten“ Text zu bieten, aber perfekt wird er dadurch nicht. Leser, die eine runde Trilogie erwarten, bekommen eher zwei und einen halben Roman.
Drittens kollidiert das Lesetempo mit modernen Medienkonsum-Gewohnheiten. Das ist keine Schuld des Texts, aber ein Fakt. Ohne Bereitschaft zum langsamen Lesen funktioniert Gormenghast schlicht nicht.
📜 Fazit
Gormenghast ist kein Roman, den man „mal eben“ wegliest, sondern ein Gebäude, in das man einzieht und das einen anschließend nicht mehr ganz rauslässt. Wer nur Plot, Magiesystem und Eskapismus sucht, wird hier gnadenlos ausgebremst. Wer sich aber auf Peakes barocke Sätze, seine grotesken Figuren und dieses monströse Schloss als Hauptfigur einlässt, bekommt etwas, das es im Genre so kein zweites Mal gibt.
Als Fantasy funktioniert die Trilogie gerade deshalb, weil sie sich weigert, brav Fantasy zu sein: keine Queste, kaum Magie, dafür ein schonungsloser Blick auf Rituale, Macht und Identität. Gormenghast ist der literarische Gegenentwurf zu Tolkien, nicht, um ihn zu entthronen, sondern um zu zeigen, wie anders „große Fantasy“ aussehen kann.
Unterm Strich bleibt: anstrengend, sperrig, manchmal fehlerhaft – aber einzigartig. Wenn du wissen willst, wie weit sich das Genre vom Standard-Heldenweg entfernen kann, führt an diesem Steinlabyrinth kein Weg vorbei.
🏅 Unsere Klassiker-Ehrentafel
Status:
Kanon Pflicht für alle, die mehr von Fantasy erwarten als Questen und Karten.
Lese-Erfahrung:
Langsam, schwer, atmosphärisch intensiv. Man liest nicht nur eine Geschichte, man wohnt eine Zeitlang in einem Schloss, das jedem Satz den Putz von der Wand schabt. Die Trilogie ist eher Belagerung als Vergnügungsfahrt.
Für wen geeignet:
Für Leser mit Geduld, Liebe zu sprachlicher Exzentrik, Gothic-Stimmungen und Lust auf Fantasy, die wie ein literarischer Albtraum von Dickens und Kafka wirkt.
Für wen eher nicht:
Für alle, die klare Heldenreisen, hohes Tempo, Magiesystemtabellen oder gemütlichen Eskapismus suchen. Wer nach zwei Seiten Action verlangt, sollte Gormenghast besser im Regal lassen.

Originaltitel: Titus Groan (1946), Gormenghast (1950), Titus Alone (1959)
Deutsche Titel:
Gormenghast. Band 1: Der junge Titus
Gormenghast. Band 2: Im Schloss
Gormenghast. Band 3: Der letzte Lord Groan
Autor: Mervyn Peake (1911 bis 1968)
Erstveröffentlichung (Original): Eyre and Spottiswoode, London, 1946, 1950, 1959
Wichtige deutsche Ausgaben: Klett Cotta, Stuttgart, Neuausgaben ab 2010, Übersetzung Annette Charpentier, Gesamtausgabe „Gormenghast. Die gesamte Saga“ in der Goldedition 2017.
Umfang, Reihe: Trilogie plus Zusatztexte, je nach Ausgabe zusammen etwa 900 bis 1700 Seiten.
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