Merciful Nuns – Finistère (Review)

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🕯️ Merciful Nuns – Finistère: Apokalyptischer Goth an der Kante zur Eldritch Karikatur

Es gibt Albumnamen, die subtil arbeiten, und es gibt Finistère. Küste in der Bretagne, lateinisches finis terrae, dazu eine Band, die seit Jahren wie der dunkle Cousin der Sisters im Sakristei-Proberaum steht. Das schreit nach Achtziger Jahren, Räucherstäbchen und dem ewigen Satz: Wir wollten schon immer ein bisschen wie Eldritch heißen. Trotzdem ist genau dieses überladene Pathos der Punkt, an dem Merciful Nuns mit ihrem je nach Zählweise dreizehnten bis sechzehnten Longplayer noch einmal alles zusammenziehen. Abschiedsgerüchte inklusive, die Band selbst sprach im Sommer schon laut über ein mögliches letztes Kapitel. Schlagen wir das eventuell letzte Hörbuch der Finsternis doch mal auf.

🎧 Was erwartet dich?

  • Genre: Apocalyptic Goth Rock, Darkwave mit Ritual-Einschlag, ein Hauch Post Goth
  • Klingt wie: Sisters Of Mercy, die nach drei Dekaden Gruftkarriere den Weltenuntergang noch einmal als Hörspiel produzieren, mit Garden of Delight DNA im Blut und einem Faible für sakrale Monologe. Dass gerade die älteren Alben der Band eine direkte Nähe zu Eldritch und Co. raushören lassen, ist dabei natürlich kein Zufall.
  • Klangfarbe: Die erste CD von Finistère ist ein dunkler Raum mit schweren Vorhängen. Gitarren wie schwarzer Nebel, Drums in gemessenen Prozessionen, darüber Artauds Stimme, halb Priester, halb Grabredner. Die Keyboards hauchen Chorflächen und Sternenstaub hinein, allerdings ohne in Zuckerwatte-Metal abzurutschen. Alles wirkt entschleunigt, rituell, auf Langzeitwirkung angelegt. Die zweite CD, Finis Terrae, enthält dann keine Song mehr, sondern ist eine vierteilige Liturgie, die sich gut eine halbe Stunde lang durch die Katakomben zieht.

Highlights

  • Occvlanth: Der Opener marschiert langsam, aber mit enormem Gewicht. Der Bass schlägt wie ein Herz unter Steinplatten, das Gitarrenmotiv wirkt zunächst schlicht und fräst sich dann in Endlosschleife ins Stammhirn. Genau so muss ein Einstieg in eine Endzeitplatte funktionieren: kein Tempo, dafür Gravitation. Der von Labelseite beschriebene Occvlanth als eiserner Kompass für das Jenseits bekommt hier eine musikalische Form, die eher nach schwarzem Magnetberg klingt.
  • The Tower: The Tower ist das klassische Hymnenmaterial. Gitarren und Synths bauen eine majestätische Silhouette, als würde man vor diesem verbannten Turm des Gottes Zal’tharr stehen, den die Texte im Begleitmythos beschwören. Der Refrain zündet ohne große Hooktricks, weil die Band die Dynamik sauber von Strophe zu Strophe hochzieht. Das ist nicht neu, aber handwerklich extrem solide.
  • Memorials Grey: Die Vorabsingle ist der emotionalste Moment der ersten CD und zugleich der zugänglichste. Melodisch bewegen sich Merciful Nuns hier näher an einem elegischen Goth Rock, der den Requiem Anspruch des Albums ernst nimmt. Textlich spielt Memorials Grey in einer Kapelle voller blutender Glasfenster, verlorener Stimmen und expliziter Todessehnsucht. Zeilen wie ein Bullet in my head will bleed, oh bury me beneath your feet. sind so überzeichnet, dass sie zwischen echter Tragik und bewusstem Goth Klischee oszillieren. Genau diese Grenzlinie macht den Song stark.

🪦 Besondere Momente

  • Namensfetisch mit Ansage: Merciful Nuns waren schon immer eine offene Verneigung vor The Sisters Of Mercy. Beim Albumtitel drehen sie den Dreh noch einmal weiter. Finistère ist gleichzeitig der altmythische Rand der Welt, das reale Département in der Bretagne und die lateinische Wendung finis terrae. Das ist enorm pathetisch, aber im Kontext dieser Band fast schon konsequent, dass man lieber drei Bedeutungen stapelt als eine sauber auszuerzählen.
  • Kvltan Lore für Fortgeschrittene: Die Presse-Infos sprechen von einer jungen Neophytin, einem Occvlanth als Kompass, einem Turm des verbannten Gottes Zal’tharr und einem Astralith, der in einem Grab auf dem Mars pulsiert. Wer die Vorgängeralben Kvltan und Oneironauts kennt, merkt schnell, dass Finistère der Endpunkt einer längeren Erzählung ist, in der Merciful Nuns ihre eigene Kosmologie entwickeln. Das wirkt einerseits nerdig, andererseits deutlich ehrlicher als die übliche Baukasten Esoterik.
  • Möglicher Schwanengesang: Tatsächlich das letzte Album? Artaud selbst formuliert seit Jahren, dass jedes Projekt auch ein Grab braucht. Finistère fühlt sich genau so an, als ob die Band ihr eigenes Mausoleum in Echtzeit vertont. Falls danach noch ein Album kommt, wird es schwer, diese Endgültigkeit zu toppen. Würden sie uns fehlen? Aber ja.

📜 Hintergrund

Merciful Nuns sind das Projekt von Artaud Seth (Andreas Franzmann), der bereits mit Garden Of Delight in den Neunzigern eine Kultposition im Gothic-Bereich innehatte. Seit 2010 haben die Nuns eine ganze Reihe von Konzeptalben veröffentlicht, die von okkulten Ritualen über Weltraummythologie bis hin zu esoterischer Archäologie reichen. Die Band bezeichnet ihr Werk selbst als eigene Spielart innerhalb des Goth Spektrums, mit moderner Produktion und einer starken visuellen Komponente.

Finistère steht in einer Linie mit Kvltan und Oneironauts, die bereits ein weit verzweigtes Universum aus Exoplaneten, Kulten und metaphysischen Fragen aufgebaut haben. Die neue Platte verdichtet diesen Ansatz auf die Themen Tod, Erinnerung und Übergang. Die langen Laufzeiten und das konsequent durchgezogene Requiem-Konzept wirken dabei wie eine Antwort auf den generischen Streaming Goth von heute: weniger Playlist, mehr Grabplatte.

🪓 Fazit

Finistère ist kein Einsteigeralbum. Wer hier nur eine gothige Hintergrundplatte für den nächsten Friedhofsspaziergang sucht, wird sich nach drei Songs fragen, warum die Uhren auf einmal in sakralem Zeitlupentempo laufen. Wer sich aber auf das Konzept einlässt, bekommt eine der geschlossensten und stimmigsten Arbeiten der Merciful Nuns Diskografie.

Die Platte ist überladen, pathetisch und lyrisch stellenweise so dramatisch, dass man an Fanfiction aus einem sehr ernsten Klosterinternat denken könnte. Gleichzeitig ist genau das ihre Stärke. Finistère scheut sich nicht vor großen Bildern, vor lateinischen Albumuntertiteln, vor grandiosen Metaphern und einem Bandnamen, der seit Jahrzehnten wie eine Notiz aus dem Eldritch Hausaufgabenheft wirkt.

Unterm Strich bleibt ein Album, das sich wie eine letzte Messe anfühlt: etwas zu lang, manchmal anstrengend, aber in den besten Momenten berührend und erstaunlich zeitlos. Wer den alten Goth-Geist liebt und Lust auf ein durchkomponiertes Endzeit Ritual hat, sollte hier sehr genau hinhören. Sehr, sehr zu empfehlen!

Merciful Nuns Finistère Albumcover mit schwarzem metallischen Relief aus Kreis Quadrat und Dreieck, leuchtende Kugel im Zentrum auf tiefschwarzem Hintergrund
Künstler:Merciful Nuns
Albumtitel:Finistère
Erscheinungsdatum:20. November 2025
Genre:Gothic Rock, Darkwave, Apocalyptic Goth
Label:Solar Lodge
Spielzeit:ca. 70 Minuten (2 CDs)(

(CD 1)

Occvlanth
Astralith
The Memorial (A Prelude)
The Tower
Black Monoliths
Starlit Gateways Of Kvltan
Finistère
Memorials Grey

(CD 2)

Finis Terrae
pt. I: Abysswalker
pt. II: The Nameless Choir
pt. III: The Memorials Last Lament

🎬 Offizielles Video

Offizielles Musikvideo zu „Occvlanth“
Ritueller Einstieg in das Merciful Nuns Album „Finistère“
Direkt vom offiziellen Solar Lodge YouTube Kanal

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