Max Frisch: Der Maturant und die geschlechtlichen Exzess-Quests

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Max Frisch: Der Maturant und die geschlechtlichen Exzess-Quests

Historisch wirkender Klassenraum mit Holztischen und großen Fenstern. Im Vordergrund schreibt ein junger Mann konzentriert an einem Aufsatz. Im Dunst hinter ihm tauchen schemenhafte Bilder auf: Stadt-Silhouetten, Strommasten, Zahnräder, laufende Sportler und tanzende Paare. Die Szene wirkt wie eine Visualisierung seiner Gedanken über Technik, Freizeit und Exzess – Symbolbild zu Max Frischs wiederentdecktem Maturaufsatz über „Licht- und Schattenseiten der modernen Technik“.

Wir kennen sie doch mittlerweile recht gut, jene Fundstücke, bei denen die Literaturwissenschaft frohlockt, und die restliche Welt fragt: „Und dafür die ganze Aufregung?“

Der jetzt wiederaufgetauchte Matura-Aufsatz von Max Frisch gehört in beide Kategorien. Fast hundert Jahre alt, Thema: „Licht- und Schattenseiten der modernen Technik“, geschrieben 1930 von einem 19-jährigen, der später ›Homo faber‹, ›Stiller‹ und ›Biedermann und die Brandstifter‹ in die Welt schleudern wird.

Der Text war jahrzehntelang weg, weil ihn ein besonders literaturbewusster Schüler in den Fünfzigern aus dem Archivschrank des Zürcher Realgymnasiums geklaut hat, angeblich, um ihn vor dem Vergessen zu retten. Jetzt ist das Manuskript im Max-Frisch-Archiv gelandet und erscheint im Jubiläumsband „Bitte nicht ins Buch kritzeln! Von Lehrmitteln und Lernwegen“ des Lehrmittelverlags Zürich.

Die Schweiz nennt so etwas „Überlieferungsgeschichte“. Im Fantasykosmos heißt das: Sidequest mit legendärem Loot.


Technik, Dummköpfe und die gefährliche Freizeit

Frisch inszeniert in seinem Aufsatz einen Clash zwischen Urmenschen und modernen Zivilisationsbewohnern. Die einen kämpfen ums Überleben, die anderen haben Maschinen, die ihnen Arbeit abnehmen und damit plötzlich Zeit. Viel zu viel Zeit.

Die Technik sei von „Vollblutdummköpfen mit Kultur identifiziert“, heißt es in dem Text, der Literaturwissenschaftler Thomas Strässle heute als frühe, noch rohe Version von Frischs späterer Technikkritik liest.

Was machen Menschen mit der freigeräumten Lebenszeit?
Laut Maturant Frisch nicht etwa Kunst, Solidarität oder die perfekte Käseplatte, sondern:

  • übertriebenes Nachdenken,
  • Sport als „künstliche, nicht selten gesundheitsgefährliche Strapaze“,
  • und – Höhepunkt des kulturpessimistischen Skilltrees – „geschlechtliche Excessen“.

Man kann sagen: Noch bevor irgendjemand WLAN buchstabieren konnte, hat ein Schweizer Teenager bereits das Endgame der Freizeitdämonen kartiert.


Der wertkonservative Zauberlehrling

Die Kritik aus den Feuilletons der Gegenwart ist eindeutig: altklug, naiv, wertkonservativ. Man erkennt den späteren Max Frisch, aber eben noch im Modus „junger Mann, der hoch hinaus will“. Mit Formulierungen, die klingen, als hätte ein Gymnasialzauberer sein erstes großes Traktat über die „Gefahren der Runenmaschine“ verfasst.

Aus Fantasy-Sicht ist das herrlich anschaulich:
Wir sehen einen Novizen im Turm der Schriftgelehrten, der vor seinen Augen eine neue Art Magie entstehen sieht – Technik – und reflexartig beschließt, dass dieser Zauber natürlich vor allem die Moral der anderen ruiniert.

Dass ausgerechnet dieses Manuskript das älteste überlieferte Schriftstück Frischs ist, passt perfekt in die Dramaturgie: Die Heldenreise beginnt mit einem jugendlichen Monolog gegen das, was später seine besten Stoffe liefern wird. Der Mann, der später in »Homo faber« einen Ingenieur vom Glauben an die Beherrschbarkeit der Welt herunterfallen lässt, beginnt als Maturant, der Technik „vom Standpunkt des Glücks aus“ am liebsten ablehnen würde.


Vom Heidelbergmenschen zum Scrollmenschen

Man könnte nun milde lächeln: Ach, die alten Kulturpessimisten, sie hatten ja noch keine Ahnung von TikTok, Dopamin-Schleifen und doomscrollenden Schattenheeren.

Aber genau da wird es interessant:

  • Frischs Urmensch vs. Zivilisationsmensch wirkt heute wie die frühe Skizze für unsere Debatten über digitale Dauererreichbarkeit und Aufmerksamkeitsökonomie.
  • Seine Angst, dass zu viel freie Zeit in „Stumpfsinnigkeit“ kippt, liest sich wie ein Vorläufer jener Threads, in denen wir uns gegenseitig erklären, dass Social Media unsere Gehirne zu Lore-freien Loot-Kisten umprogrammiert.

Der Unterschied:
Heute inszenieren wir unsere Technikangst gern als Meme – damals war sie ein Maturaufsatz in sauberer Handschrift.


Die geschlechtlichen Excess-Quests in Varanthis

Im Fantasykosmos würden wir das so verfilmen:

Ein junger Schreiber sitzt im Prüfungsraum des Großen Realgymnasiums von Rämibühl, über ihm ein leise surrendes Getriebe aus Zahnrädern und Dampfröhren, die „moderne Technik“.

Mit jedem Satz, den er über „geschlechtliche Excessen“ schreibt, springen irgendwo im Reich kleine rote Ausrufezeichen über Tavernen, Badehäusern und mondbeschienenen Balkonen an. NPCs werden abrupt aus ihrem Tagesgeschäft gerissen, weil ein Maturant im Turm festgelegt hat, was als moralisch bedenkliche Freizeit zu gelten hat.

Später wird derselbe Schreiber Romane verfassen, in denen Technik, Zufall und Begehren in viel komplizierteren Konstellationen aufeinandertreffen. Aber die Urmagie – das Unbehagen an Apparaten und den freien Stunden danach – ist hier schon da, nur eben noch als grob behauener Kristall.


Was uns dieser Aufsatz heute wirklich sagt

Man kann sich leicht über den Ton lustig machen, und wir tun das hier wie immer gern.
Aber hinter der altklugen Schale steckt eine Frage, die uns immer noch verfolgt:

Was macht eine Gesellschaft mit der Zeit,
die ihr Maschinen, Algorithmen und Automatisierungen schenken?

Wenn die Antwort nur lautet: „noch effizienteres Arbeiten, noch mehr Sport, noch intensivere Exzesse“, dann war der 19-jährige Frisch mit seinem skeptischen Stirnrunzeln vielleicht näher an der Gegenwart, als uns lieb sein dürfte.

Aus Sicht des Fantasykosmos-Feuilletons bleibt:

  • Die Formulierungen sind überdreht,
  • die Moral stolpert,
  • aber die Grundintuition, dass Technik uns eben nicht automatisch glücklicher macht, ist erstaunlich robust.

Und dass dieser Text durch einen Schüler-Diebstahl überlebt hat, passt zu einer Welt, in der die besten Artefakte eben nicht im Tresor der Institution liegen, sondern heimlich im Rucksack eines Fans.


Fazit

Der wiederentdeckte Matura-Aufsatz ist kein verlorener Meisterroman, sondern eine Origin-Story: ein junger Mann, der die moderne Technik misstrauisch beäugt, bevor er sie Jahrzehnte später literarisch in die Luft sprengt.

Zwischen „geschlechtlichen Excessen“ und „bodensloser Stumpfsinnigkeit unseres Daseins“ blitzt in all dem Übermut die Erkenntnis auf, dass Fortschritt nicht nur Geräte und Datenströme produziert, sondern auch neue Formen von Leere.

Oder, in der Kurzfassung für unsere Chronik der Zwischenreiche:

Bevor wir unsere Seelen an Algorithmen verpfändeten,
hatten wir bereits Angst davor,
zu viel Zeit zum Nachdenken zu haben.

Max Frisch hat diese Angst mit Füller und Schönschrift ins Klassenheft gebannt.
Der Rest der Welt erledigt es heute mit einem Wisch auf dem Bildschirm.

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