Marc Cucurella und der Kartenservice am Gegner: Ein Brief von Spaniens Platzverweis-Assistent
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Marc Cucurella und der Kartenservice am Gegner: Ein Brief von Spaniens Platzverweis-Assistent
🌎 Ein Schreiben aus dem malerischen Split, wo ein Außenverteidiger inzwischen nicht nur Zweikämpfe führt, sondern bei Bedarf offenbar auch kleinere Aufgaben der Schiedsrichterverwaltung übernimmt.
Heute lag vor unserer Tür eine rote Karte. Daneben stand Marc Cucurella. Zumindest vermuten wir das. Man konnte wegen der Haare zunächst nur ungefähr erkennen, wo der Mensch aufhörte und die Frisur begann.
Er erklärte uns freundlich, die Karte gehöre ihm nicht. Er habe sie lediglich aufgehoben. Aus Hilfsbereitschaft. Ordnung müsse schließlich sein. Dann fiel irgendwo im Flur ein Kollege über einen Papierkorb.
Cucurella hob sofort beide Arme.
Wir konnten gerade noch verhindern, dass unser Hausmeister Gelb-Rot sah.
Kurz danach erreichte uns dann dieser Brief.

✉️ Der Brief
„Ich fordere keine Karten. Ich erinnere den Schiedsrichter lediglich daran, dass er welche dabeihat.“
– Aus dem Handbuch für angewandte Außenverteidigerverwaltung
An die Freunde des ehrlichen Zweikampfs.
Ich verstehe die Aufregung nicht. Wirklich nicht.
Ivan Perišić war bereits verwarnt. Ivan Perišić berührt mich. Ich falle hin. Der Schiedsrichter zeigt Gelb-Rot.
Was genau soll ich jetzt machen? Stehen bleiben? Das wäre gegen jede moderne Fußballausbildung.
Ein Kontakt ist ein Kontakt. Und ein Kontakt, den niemand bemerkt, ist im Spitzenfußball ungefähr so wertvoll wie ein VAR ohne zwölf Wiederholungen und einen Mann, der sich ans Ohr fasst.
Natürlich habe ich die Gelbe gefordert. Ganz ordnungsgemäß. Ich habe sie nicht verlangt. Das ist immer noch ein Unterschied! Ich habe lediglich mit einer sehr klaren Handbewegung darauf hingewiesen, dass der Schiedsrichter möglicherweise eine Karte besitzt und dies ein geeigneter Moment wäre, sich daran zu erinnern.
Service. Mehr ist es nicht.
Andere Spieler dirigieren ihre Mitspieler. Ich dirigiere gelegentlich das Verfahren. Ein wenig.
Und dann diese Geschichte mit der roten Karte. Dem Schiedsrichter fällt sie herunter. Ich hebe sie auf. Seit wann ist Höflichkeit unsportlich? Meine Mutter hat mir beigebracht: Wenn jemand etwas verliert, gibt man es zurück.
Portemonnaie. Schlüssel. Rote Karte.
Gut, bei der roten Karte stand Perišić zufällig noch daneben. Aber deswegen lasse ich sie doch nicht im Gras liegen.
Am Ende tritt noch jemand drauf. Dann ist sie kaputt und wir spielen doch wieder elf gegen elf. Das kann ja niemand ernsthaft wollen.
Die Kroaten sagen jetzt, ich provoziere. Luka Modrić möchte aber lieber nicht erzählen, was er mir gesagt hat. Das respektiere ich natürlich, denn Luka ist ein großer Spieler.
Er weiß, dass manche Dinge auf dem Platz bleiben müssen. Zum Beispiel Beleidigungen.
Andere Dinge müssen den Platz verlassen. Zum Beispiel Perišić.
Ich finde, wir sollten da sauber unterscheiden.
In Deutschland pfeifen sie mich übrigens auch immer noch aus. Wegen dieser angeblichen Hand bei der EM 2024.
Leute, irgendwann muss man doch auch mal loslassen können. Vor allem ihr Deutschen. Ich habe es damals schließlich auch getan.
Manchmal habe ich das Gefühl, mein linker Arm besitzt inzwischen mehr internationale Beziehungen als manche Außenminister. Dabei bin ich ein völlig normaler Verteidiger.
Ich renne. Ich grätsche. Ich diskutiere. Gelegentlich falle ich auch.
Aber ich stehe wieder auf. Und ich empfehle gelegentlich eben auch die ein oder andere disziplinarische Maßnahme.
Andere Spieler haben Spezialitäten.
Roberto Carlos hatte diesen linken Fuß.
Sergio Ramos hatte den Kopfball.
Pepe hatte… nun ja, Pepe Sachen eben.
Und ich habe auch was, nämlich dieses Auge für Verwaltungsvorgänge. Das gehört zum modernen Außenverteidiger. Früher musste man die Linie hoch und runter laufen. Heute schließt man Räume, muss Überzahl herstellen, unter Druck Lösungen finden und erkennen, wann der Gegner dringend eine zweite Gelbe benötigt.
Fußball entwickelt sich. Vielleicht bin ich auch einfach meiner Zeit voraus.
Ich will schließlich niemanden vom Platz stellen. Das macht immer noch der Schiedsrichter.
Ich helfe nur beim Workflow. Wenn ich irgendwann meine Karriere beende, kann ich mir deshalb auch eine Tätigkeit bei der UEFA vorstellen. Abteilung Kartenlogistik.
Ich bringe Erfahrung mit.
Mit sportlichen Grüßen
Marc Cucurella
Außenverteidiger
ehrenamtlicher Kartenhinweisgeber
Fundbüro für verlorene Platzverweise
und vermutlich einziger Spieler Europas, der nach einem Foul gleich noch beim Papierkram hilft
🪶 Kommentar der Redaktion:
Wir wollten Cucurellas Brief eigentlich archivieren.
Dann fiel er vom Schreibtisch.
Seitdem spielt unser Chefredakteur zu zehnt.
Der Hausmeister behauptet zwar, der Kontakt sei minimal gewesen, doch Cucurella hat bereits eine Skizze der Szene geschickt, zweimal Gelb gefordert und angeboten, die Karten persönlich vorbeizubringen.
Wir haben abgelehnt.
Man weiß schließlich nie, wie viele Mitarbeiter danach noch da sind.





