Preis der Leipziger Buchmesse: Goldstrand und die heimliche Fantasy Europas

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Preis der Leipziger Buchmesse: Goldstrand und die heimliche Fantasy Europas

Warum Katerina Poladjans Leipziger Preisträger-Roman Fantasy ist, die zeigt, dass das eigentliche Fantastische nicht bei Drachen beginnt, sondern bei Erinnerung, Verlust und den feinen Rissen in der Wirklichkeit.

Man kann über Literaturpreise vieles sagen, und oft kommt dabei nichts besonders Erquickliches heraus. Zu oft wird der gepflegte Ernst prämiert, das thematisch Richtige, die diskursfeste Bedeutungsware mit sauberer Gegenwartsfrisur. Umso angenehmer, wenn ein Preis einmal zu einem Buch findet, das nicht geschniegelt „wichtig“ wirkt, sondern seine Schwerkraft aus etwas viel Seltenerem bezieht: aus Ton, Schwebe, Wunde, Witz und Erinnerung.

Katerina Poladjans Goldstrand ist so ein Buch. Und es ist, was die literarische Öffentlichkeit gern übersieht, zugleich etwas, das uns im Fantasykosmos ohnehin interessiert: ein Roman, der zeigt, dass das Phantastische nicht dort beginnt, wo Elfen den Wald betreten, sondern dort, wo Wirklichkeit anfängt, sich selbst nicht mehr ganz zu gehorchen.

Melancholische Szene in einem eleganten Zimmer: Ein Mann spricht mit einer älteren Frau, während sich hinter ihnen durch ein großes Fenster eine mondbeschienene Küstenstadt wie eine traumhafte Erinnerungslandschaft ausbreitet; auf dem Tisch liegen Koffer und alte Postkarten.

Der Kontinent als Zauberrest

Was ist denn Fantasy, wenn man sie einmal aus den Merch-Regalen, Schwertsakkaden und Weltkartenhysterien befreit? Im Kern ist sie die Kunst, eine Welt so zu zeigen, dass sie mehr ist als ihre Verwaltungsform. Dass unter den Straßen noch eine andere Schicht glimmt. Dass Orte Gedächtnis haben. Dass Menschen nicht nur Biografien besitzen, sondern Legendenreste in sich tragen.

Genau das geschieht in Goldstrand. Diese Reise von Odessa über Rom bis an die bulgarische Schwarzmeerküste ist eben nicht bloß Geografie. Sie ist ein verschobener Kontinent, ein Europa der Bruchlinien, Übergänge, Tarnungen, Verluste und Wiedererfindungen. Wer so etwas nur „historisch“ nennt, macht es sich zu leicht. Denn Poladjan beschreibt kein Archiv. Sie beschreibt eine Zone, in der die Geschichte nicht vergangen ist, sondern spukt.

Eli und die Dottoressa: ein Orakelroman in Zivil

Im Zentrum steht Eli, Regisseur, Erinnerungsarbeiter, Lebensumkreiser. Er liegt nicht einfach auf einer Couch. Er tritt bei der Dottoressa an, als würde er vor einer leicht exzentrischen Seherin vorsprechen, die weniger Deutung anbietet als eine Form des kontrollierten Heraufbeschwörens. Da wird geredet, ausgewichen, fabuliert, verdreht, gerettet, verfeinert. Schmerz kommt nicht als Pathos, sondern als etwas, das man umschiffen muss, um überhaupt erzählen zu können. Genau das hat die Jury klug gesehen.

Und hier beginnt das eigentliche Wunder dieses Romans: Er versteht, dass eine Biografie nie einfach „wahr“ erzählt wird. Sie wird hergestellt, gefaltet, geschützt, ausgeschmückt, beschwiegen, umformuliert. Mit anderen Worten: Jeder Mensch ist sein eigener Magier des Überlebens.

Fantasy-Leser wissen das seit Langem. Nur nennen sie es sonst vielleicht Bann, Maskierung, Zwischenreich oder Namenkunde. Und auch bei Poladjan ist das nicht einfach nur Literatur.

Goldstrand: das verzauberte Ferienreich der Geschichte

Schon der Ort selbst ist eine literarische Bosheit von seltener Schönheit. Goldstrand klingt wie ein Ort aus einem zweitklassigen Märchenprospekt: ein Name, der Tourismus verspricht und Melancholie liefert. Früher sozialistischer Ferienort, heute verwandelte, umgebaute, weiter bröckelnde Kulisse — also genau jener Typ Schauplatz, den große Literatur liebt, weil er seine eigenen Metamorphosen nicht verbergen kann. Poladjan kehrte für die Recherche dorthin zurück und traf auf eine Architektur, die bereits wieder von der nächsten Gegenwart angefressen wurde. Auch das ist sehr phantastisch: Die Ruine der Ruine, die Verwandlung in zweiter Ordnung.

In der schlichten Sprache der Stadtplanung heißt das Abriss, Neubau, Verfall. In besserer Sprache heißt es: Ein Ort häutet sich und bleibt doch verflucht erkennbar.

Die missverstandene Phantastik

Es gehört zu den kleineren kulturellen Tragödien des deutschsprachigen Literaturbetriebs, dass das Wort „fantastisch“ noch immer oft so behandelt wird, als meine es nur Drachenpflege mit angeklebter Romanze. Dabei war das Fantastische in seiner edleren Form immer schon dort am stärksten, wo die Realität an den Kanten durchlässig wird. Bei Kafka, bei Schulz, bei Sebald, bei Bulgakow, bei den großen Stimmen des europäischen Schwebezustands. Nicht alles davon ist Genre. Sehr vieles davon ist aber zutiefst phantastisch.

Goldstrand gehört genau in diese Tradition. Der Roman verwandelt kein realistisches Material in Eskapismus, sondern in etwas viel Besseres: in eine Erzählung, in der Vergangenheit, Erinnerung, Landschaft und Selbsterfindung so ineinandergreifen, dass man die Welt plötzlich wieder als etwas Rätselhaftes wahrnimmt. Nicht stabil. Nicht abgeschlossen. Nicht vernünftig genug, um gänzlich prosaisch zu sein.

Europa als zerbrochene Zauberkarte

Dass Poladjan dafür ausgerechnet die Bewegungen des 20. Jahrhunderts aufruft, ist kein Zufall. Dieses Europa ist kein Kontinent, sondern eine zerbrochene Zauberkarte: Grenzen wandern, Sprachen wechseln ihre Besitzer, Familien werden zerschnitten und an anderen Orten wieder notdürftig zusammengenäht. Gerade Menschen mit Exil-, Migrations- oder Bruchbiografien wissen, dass Identität etwas ist, das sich selten wie ein Pass anfühlt und oft eher wie eine Legende mit beschädigtem Einband.

Das Fantastische von Goldstrand liegt also nicht im Wunderbaren, sondern im Überlebensglanz des Unwirklichen, der sich über reale Geschichte legt. Man lebt, indem man erzählt. Man erzählt, indem man auswählt. Man wählt aus, weil die ganze Wahrheit zu schwer wäre. Das ist nicht Verstellung. Das ist Menschenkunst.

Warum dieser Preis hier ausnahmsweise gut sitzt

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum die Auszeichnung so stimmig wirkt. Der Preis der Leipziger Buchmesse hat sich in diesem Jahr nicht bloß für ein relevantes Thema oder ein ehrenwertes Material entschieden, sondern für ein Buch, das Form hat. Ton. Textur. Eine eigene Art des Schwebens. Er zeichnet einen Roman aus, der nicht mit Wichtigkeit wedelt, sondern sie aus Sprache gewinnt. Das ist, bei allem gebotenen Misstrauen gegenüber Preisritualen, fast schon eine kleine Wohltat.

Und für uns ist es ein schöner Anlass, einmal daran zu erinnern, dass ein Fantasykosmos nie nur dort beginnt, wo Schwerter blitzen. Manchmal beginnt er auf einer Couch in Rom, im Satz einer Dottoressa, in einem Ferienort am Schwarzen Meer, in einer Familiengeschichte, die zu schmerzhaft ist, um sie ganz gerade zu erzählen. Manchmal beginnt er genau dort, wo ein Roman auf wunderbare Weise beschreibt, dass Wirklichkeit allein nicht ausreicht, um ein Leben zu fassen.

Unser kleines Urteil

Nein, nein. Man möge sich beruhigen. Goldstrand ist natürlich kein Fantasyroman im marktüblichen Sinn. Aber gerade deshalb ist er ein Triumph des Fantastischen. Er zeigt, dass die eigentliche Phantastik nicht in Fluchtwelten steckt, sondern in der tiefen literarischen Erkenntnis, dass Menschen ihre Wirklichkeit immer auch erfinden müssen, um in ihr bestehen zu können.

Oder kürzer, weil selbst Lob eine Klinge führen darf:
Katerina Poladjan hat keinen Eskapismus geschrieben. Sie hat etwas viel Anspruchsvolleres getan: Sie hat Europa so erzählt, dass es endlich wieder wie ein Mysterium aussieht.

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