Jen Williams – Der neunte Regen (Rezension)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Jen Williams – Der neunte Regen

📚 Kurzfazit
Der neunte Regen ist keine leichte Kost, eher ein langes Einstiegsritual in eine kaputte Welt voller Baumgötter, Alien-Invasionen und morbider Ruinenforschung. Wer durchhält, bekommt eines der eigenständigsten High-Fantasy-Epen, die aktuell auf Deutsch zu haben sind.

😒 Was nervt?
Der Anfang wirkt wie ein überlanger Prolog mit vielen Namen und Andeutungen, bevor die Handlung wirklich greift. Manche Hintergründe bleiben auch später bewusst neblig, als würde Williams das große Erklärstück auf die Folgebände verschieben.

✨ Was funktioniert?
Die Mischung aus klassischer Fantasy und seltsam fremder Alien-Bedrohung zündet, dazu ein extrem bildstarkes Worldbuilding mit organischen Kriegsbestien, Parasitengeistern und vernarbten Landschaften. Vintage als ältere Indiana-Jones-Verwandte, Tormalin als dekadenter Ex-Unsterblicher und Noon als entflohene Hexe bringen eine glaubhafte Found-Family-Dynamik ins Chaos.

🧠 Figuren und Welt
Weniger Chosen-One-Pathos, mehr beschädigte Erwachsene, die versuchen, ihre Fehler und Schuldgefühle zu überleben. Ebora, Jure’lia und der tote Baumgott Ygseril ergeben ein Fantasy-Setting, das eher nach verrottetem Mythos und Körperhorror klingt als nach idyllischem Königreich.

🐦 Crowbah meint
So sieht es aus, wenn jemand High Fantasy schreibt, der keine Angst vor schleimenden Alien-Maden und grauen Haaren bei Hauptfiguren hat. Ein Regen, der nicht für jeden fällt, aber für viele die Wartezeit auf richtig gute Fantasy beendet.

🐉 Jen Williams – Der neunte Regen: Wenn High Fantasy Alien-Trümmer ausgräbt

Die Welt Sarn ist müde geworden von Apokalypsen. Ganze Zivilisationen liegen wie ausgeweidete Behemoths in der Landschaft, und in den Ruinen von Ebora stolpern die letzten Unsterblichen durch den eigenen Verfall. In diese sterbende Kulisse schickt Jen Williams ein sehr ungleiches Trio: eine eitle Vampir-Reliktfigur, eine besessene Forscherin mit Tagebuchzwang und eine entflohene Hexe, deren Feuer mehr frisst als nur Feinde. Der neunte Regen fällt noch nicht, doch seine Schatten reichen weit genug, um über 600 Seiten lang anständig zu schmerzen.


🧭 Worum geht’s eigentlich?

Die Welt Sarn wurde immer wieder von den Jure’lia heimgesucht, einer fremdartigen Macht, die in Wellen über den Planeten rollt und organische Kriegsmaschinen wie Behemoths hinterlässt. Jede dieser Invasionen heißt ein Regen, und nach acht dieser Angriffe ist die einst glanzvolle Stadt Ebora nur noch ein Grabmal früherer Größe.

Die Eboraner, ein langlebiges, fast vampirisches Volk, hatten ihre Macht aus dem Saft des Baumgottes Ygseril gezogen. Seit der Baum abgestorben ist, zerfallen sie buchstäblich an einer Seuche, die ihre Körper und ihre Kultur auffrisst. In diesem Scherbenhaufen lebt Tormalin der Schwurlose, ein eboranischer Adliger, der seiner untergehenden Heimat den Rücken kehrt und sich als Söldner durchschlägt.

Zur gleichen Zeit durchkämmt Lady Vincenza Vintage de Grazon als exzentrische Adelige und Forscherin die Welt auf der Suche nach Relikten vergangener Regen. Sie sammelt Behemoth-Splitter, Tagebucheinträge und Gerüchte, als würde sie für eine spätere Dissertation über kosmische Katastrophen recherchieren. Als sie Tormalin anheuert, bekommt sie nicht nur einen Bodyguard, sondern eine lebende Fußnote aus Ebora.

Dritter im Bunde ist Noon, eine sogenannte Fell-Witch, deren grüne Lebensfeuer-Magie Menschen in lebende Batterien verwandeln kann. Sie ist aus der Winnowry geflohen, einer Anstalt, in der solche Hexen ausgebeutet und weggesperrt werden. Ihre Flucht führt sie direkt in Vintages Orbit und damit mitten hinein in eine Expedition, die längst mehr ist als harmlose Ruinenarchäologie.

Gemeinsam reisen die drei durch eine vernarbte Welt, untersuchen Wracks gefallener Behemoths, stoßen auf parasitäre Geister und entdecken, dass die alte Bedrohung keineswegs Geschichte ist. Je tiefer sie in die Ruinen und Mythen eintauchen, desto klarer wird, dass der neunte Regen bereits am Horizont aufzieht und die Welt diesmal ohne göttlichen Baumschutz dasteht. Am Ende dieses Auftakts steht weniger ein Abschluss als eine klare Ansage: Die eigentliche Katastrophe hat gerade erst begonnen.

🔍 Stärken & Schwächen

🖋 Stil

Williams schreibt in einer Mischung aus zugänglicher Abenteuersprache und angenehm schräger Bildhaftigkeit. Dialoge tragen viel von der Welt, ohne zu erklären, und die Prosa gönnt sich immer wieder kleine groteske Details, wenn etwa organische Kriegsmaschinen beschrieben werden oder die Eboraner mit ihrem körperlichen Verfall umgehen. Nur selten kippt das in erklärlastige Passagen, meist bleibt der Text in Bewegung.

🧍‍♂️ Figuren

Der heimliche Star ist Vintage, eine ältere Frau, die lieber Tagebücher füllt als Intrigen spinnt und die mit Charme, Hartnäckigkeit und Neugier den Ton der Gruppe setzt. Tormalin liefert dazu den melancholisch-eitlen Gegenpart, halb abgehalfterter Aristokrat, halb desillusionierte Kriegsikone. Noon wirkt zunächst wie die klassische traumatisierte Hexe, gewinnt aber im Verlauf deutlich an Profil und moralischer Ambivalenz. Insgesamt sind die Figuren weniger Projektionsflächen, sondern klar gezeichnete Erwachsene mit Fehlern und schiefen Kanten.

🕒 Tempo und Aufbau

Die erste Hälfte liest sich bewusst langsam, fast wie eine weit ausholende Vorgeschichte, in der Perspektiven und Weltfragmente erst nach und nach zusammenrutschen. Das sorgt für Einstiegshürden, wirkt im Rückblick aber wie ein kontrollierter Aufbau, der ab der Mitte in eine deutlich dynamischere zweite Hälfte kippt. Ab dem Punkt, an dem die drei Hauptfiguren gemeinsam unterwegs sind, nimmt das Buch spürbar Fahrt auf und gönnt sich nur kurze Atempausen zwischen Expedition, Enthüllungen und eskalierender Bedrohung.

✨ Atmosphäre und Welt

Der große Gewinn dieses Romans liegt im Gefühl einer sterbenden, aber eigensinnigen Welt. Ebora verströmt den morbiden Charme eines gefallenen Unsterblichenreiches, die Behemoth-Felder erinnern an halb verweste Trophäen einer kosmischen Schlacht, und überall lauern Spuren der Jure’lia, die eher wie Körperhorror-Albträume als wie klassische Monster wirken. Gleichzeitig hält Williams eine leise, trockene Komik in den Dialogen, vor allem durch Vintage und Tormalin, die den Roman vor reiner Düsternis bewahrt. Die Mischung aus High-Fantasy-Mythos, Weird-Fantasy-Elementen und subtiler Science-Fiction schafft eine Atmosphäre, die sich deutlich von Standard-Schwert-und-Drachen-Kulissen abhebt.


📜 Fazit:

Der neunte Regen ist kein Schnelllese-Futter für zwischendurch, sondern eher ein ausgedehntes Gelage in einer Welt, die seit Jahrhunderten zu viel Krieg, zu viel Magie und zu viele falsche Entscheidungen erlebt hat. Wer einen klassischen Questroman erwartet, wird überrascht, wie sehr hier Ruinenarchäologie, Alien-Bedrohung und Dekadenz eines ehemaligen Unsterblichenreiches ineinandergreifen. Die größte Stärke liegt im Trio Vintage, Tormalin und Noon, das stellvertretend durch Schuld, Neugier und Wut navigiert und dabei immer wieder an den Rändern der eigenen Moral entlangschrammt.

Ja, der Start verlangt Geduld und eine gewisse Toleranz für Namen, Andeutungen und rätselhafte Epigraphen. Doch sobald die Puzzleteile greifen, entfaltet der Roman eine Sogwirkung, die eher an eine Endzeit-Kampagne mit kosmischem Hintergrund erinnert als an klassische Sekundärwelt-Fantasy. Im Vergleich zu vielen aktuellen Romantasy-Reihen wirkt Der neunte Regen wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Weltentwurf und Themen wichtiger waren als BookTok-Tropen.

Unterm Strich ist das ein Auftakt, der sich Zeit nimmt, seine Welt aufzubauen, dafür aber mit einer eigenständigen Mischung aus Körperhorror, Found Family und ruinösem Pathos belohnt. Wer bereit ist, den langen Weg durch Ebora und die Behemoth-Felder mitzugehen, bekommt eine der spannendsten neuen Fantasyserien der letzten Jahre.

🌟 Bewertung

Varanthis-Skala: ★★
„Ein Alien-Regen über einer sterbenden Welt, getragen von einer Forscherin mit Notizbuchfetisch und einem dekadenten Ex-Unsterblichen, der Fantasy wieder eigenständig wirken lässt.“

Buchcover von »Der neunte Regen – The Ninth Rain«: in Blautönen gezeichneter, bedrohlich blickender Adlerkopf mit ausgebreiteten Federn, darüber der Name »Jen Williams« in roter Versalschrift, darunter der Titel »Der neunte Regen – The Ninth Rain«, unten ein Guardian-Zitat und das Ronin-Verlagslogo; das Cover steht vor einem Regal mit alten Ledereinbänden.

Autorin: Jen Williams
Titel: Der neunte Regen (The Ninth Rain)
Serie: The Winnowing Flame 1
Verlag: Omondi
Übersetzung: Björn Sülter, Claudia Kern
Seitenanzahl: 638 Seiten (Taschenbuch)
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN: 978-3-98955-120-6

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