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Jedediah Berry – Kill All Wizards
📚 Kurzfazit
Kill All Wizards präsentiert sich als herrlich kompakte Fantasy-Novelle über Rache, Zauberer, Gewaltfantasien und die Zumutung gesellschaftlicher Etikette. Kurz, scharf, witzig und mit genau der richtigen Menge gepflegter Barbarenverachtung.
😒 Was kratzt
144 Seiten sind Fluch und Segen zugleich. Das Ding hat Tempo, aber man merkt auch: Diese Welt könnte locker mehr Raum vertragen. Kaum sitzt man richtig in der Theaterloge, kommt schon jemand mit dem Schlussvorhang.
✨ Was funktioniert
Der Kontrast. Barbar gegen Zauberer wäre eigentlich Standard. Barbar gegen Zauberer, aber erst nach Tee, Kleidungsvorschrift und höfischem Blendwerk? Das ist Gold.
🧶 Welt und Stimmung
Die Zauberer sind hier keine weisen Rauschebärte mit Sternenumhang, sondern Machtverwalter mit mystischem Werkzeugkasten. Genau richtig. Magie ist schließlich am gefährlichsten, wenn sie nicht nach Wunder riecht, sondern nach Institution.
🐦 Crowbah meint
Wer einem Barbaren das Schwert klaut und ihn dann zwingt, sich in feiner Gesellschaft zu benehmen, hat nicht nur den Tod verdient, sondern vorher mindestens eine sehr unangenehme Sitzordnung.
🪓 Jedediah Berry – Kill All Wizards: Wenn Conan plötzlich Tee trinken muss
Ein Barbar sitzt am Teetisch, und schon dieses Bild ist eine Kriegserklärung.
Vor ihm: Porzellan, Gebäck, höfische Etikette und vermutlich irgendeine Sorte Tee, die nach getrockneter Selbstachtung schmeckt. Neben ihm: ein Schwert, groß genug, um damit nicht nur Zauberer, sondern gleich deren komplette Personalabteilung zu zerlegen. Um ihn herum: die feine Welt seiner Feinde, diese samtbezogene Zone aus Clubs, Theaterlogen, magischer Arroganz und sehr kultivierter Niedertracht.
Kill All Wizards beginnt nicht mit der Frage, ob Gewalt eine Lösung ist. Das Buch ist da erfrischend unakademisch. Gewalt ist hier längst beschlossen. Die eigentliche Frage lautet: Wie lange kann ein Mann, der dringend Zauberer töten möchte, so tun, als interessiere ihn die gesellschaftlich korrekte Reihenfolge von Tee, Small Talk und heimlicher Mordabsicht?
Jedediah Berry wirft einen Barbaren in genau jene Welt, die ihn erst verhext, benutzt und bestohlen hat. Man nahm ihm sein Schwert. Das war vermutlich der Moment, in dem irgendwo ein sehr alter Gott aufblickte und murmelte: »Mutige Entscheidung. Schlechte, aber seeehr mutige Entscheidung.«
Von da an läuft diese Novelle wie eine Racheoper im falschen Kostüm. Der Held kann seine Feinde nicht einfach niederstrecken, weil sie sich hinter Umgangsformen, Macht, Magie und feiner Gesellschaft verschanzt haben. Also muss er sich verkleiden, anpassen, lächeln, warten. Er muss in Salons sitzen, wo jede Tasse gefährlicher wirkt als ein Streitkolben, weil sie ihn zwingt, nicht sofort den Tisch zu spalten.
Genau daraus zieht Kill All Wizards seinen herrlichen Furor: rohe Barbarenwut trifft auf eine Gesellschaft, die Grausamkeit nicht abschafft, sondern nur besser möbliert. Sword & Sorcery bekommt hier Manschettenknöpfe, und jeder einzelne davon schreit danach, mit blutigen Fingern abgerissen zu werden.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Ein Barbar sucht die Zauberer des Reiches auf. Er braucht Hilfe, bekommt aber das klassische Magier-Komplettpaket: Täuschung, Ausbeutung, Demütigung und Schwertverlust. Damit ist die diplomatische Phase beendet.
Sein neuer Plan ist deutlich schlichter: alle Zauberer töten, die ihm Unrecht getan haben.
Das Problem ist nur, dass diese Zauberer Teil einer feinen, abgeschlossenen, selbstverliebten Gesellschaft sind. Um an sie heranzukommen, muss der Barbar sich tarnen. Er muss sich verkleiden, verstellen, benehmen, Tee trinken, Theater besuchen und in einer Welt bestehen, in der Messer im Rücken vermutlich als gesellschaftlich unfein gelten, solange man nicht vorher den richtigen Löffel benutzt hat.
Dadurch wird aus der simplen Rachegeschichte etwas sehr viel Cooleres: eine Komödie der Gewaltunterdrückung. Der Barbar will zuschlagen, darf aber nicht. Er will brüllen, muss aber lächeln. Er will das alte, direkte Gesetz von Muskel, Klinge und Zorn anwenden, landet aber in einer Gesellschaft, die ihre Grausamkeit hinter Ritualen, Sprache und Machtgesten versteckt. Das ist der eigentliche Witz des Buches: Der Barbar ist hier nicht der Unzivilisierte, er ist das ehrliche Element.
Ahem, erinnert sich noch jemand an Mackie Messer?
🔍 Stärken & Schwächen
🖋 Stil
Jedediah Berry scheint genau zu wissen, dass eine gute Geschichte nicht 600 Seiten tragen muss. Kill All Wizards ist kurz, aber nicht dünn. Die Novelle setzt auf Verdichtung, Tempo und eine klare Tonidee: Sword & Sorcery mit Gesellschaftssatire, Racheplot mit Komödienzünder.
Der Stil lebt von Gegensätzen. Große Barbarenwut trifft auf feine Räume. Direkter Hass trifft auf höfische Umwege. Dunkle Magie trifft auf sozialen Firlefanz. Diese Reibung gibt dem Text seinen Rhythmus. Berry schreibt offenbar nicht einfach eine Parodie auf klassische Sword & Sorcery, sondern eine liebevolle, boshafte Veredelung davon.
Das ist wichtig. Eine reine Conan-Veralberung wäre schnell billig. Hier wirkt es eher so, als würde jemand das alte Genre ernst genug nehmen, um es ordentlich gegen die Wand laufen zu lassen. Der Barbar bleibt nicht nur Witzfigur. Sein Zorn hat Grund. Seine Gewaltfantasie ist überhöht, aber nicht grundlos. Die Zauberer haben ihn benutzt. Die feine Gesellschaft ist nicht harmlos, nur weil sie Porzellan besitzt. Genau da sitzt der Ton: witzig, aber nicht leer. Schnell, doch nie beliebig. Ironisch, dabei aber kein bisschen selbstverliebt.
🧍♂️ Figuren
Der Barbar ist natürlich der Motor. Nicht, weil er besonders stark psychologisch zerlegt werden müsste, sondern weil seine Lage sofort funktioniert. Jeder versteht diesen Mann nach drei Sätzen: Er wurde betrogen, er wurde beraubt, und jetzt muss er sich ausgerechnet so benehmen, als hätte er Interesse an der Sitzordnung im Theater.
Das ist eine großartige Figurenspannung. Der Körper will Gewalt. Die Situation verlangt Haltung. Innen brennt der Schlachtruf, außen wird vielleicht gerade Gebäck gereicht. Dieser Abstand ist komisch, aber er macht die Figur auch sympathisch. Der Barbar ist kein dummer Klotz, sondern ein Mensch mit sehr klarer Moral: Wer jemanden verzaubert, ausnutzt und bestiehlt, sollte sich nicht wundern, wenn später ein sehr großer Mann in unangemessen guter Kleidung zornbebend vor der Tür steht.
Die Zauberer funktionieren als Gegenbild. Sie sind nicht einfach finstere Turmbewohner, sondern Teil einer Ordnung. Das macht sie reizvoller. Magier als Elite, als Klasse, als Machtmilieu: Das ist viel interessanter als der übliche einsame Zauberer mit Kellerbibliothek und stark vernachlässigter Bartpflege.
Und genau deshalb trägt die Novelle: Sie macht aus der Rache keine bloße Trefferliste, sondern einen Zusammenstoß zweier Weltprinzipien. Direkte Gewalt gegen kultivierte Gewalt. Schwert gegen System. Faust gegen Form.
🕒 Tempo und Aufbau
144 Seiten sind bei diesem Stoff fast eine Kampfansage. Berry hält sich nicht mit endloser Weltkartografie, drei Prologen und einer Ahnenlinie aus zwölfhundert Silben auf. Der Text marschiert. Oder besser: Er stampft zunächst einfach wild los, lernt dann widerwillig höfisches Gehen und versteckt dabei eine Axt unter dem ausladenden Mantel.
Das Tempo ist hier einer der großen Pluspunkte. Gerade im aktuellen Fantasybetrieb, wo manche Bücher erst nach 180 Seiten herausfinden, ob sie überhaupt eine Handlung haben wollen, wirkt Kill All Wizards angenehm entschlossen. Die Novelle weiß, was sie ist. Sie will nicht das gesamte Jahrhundert erklären. Sie will einen Barbaren in die feine Zauberergesellschaft schicken und sehen, wie lange die Möbel stehen bleiben.
Der Nachteil liegt auf der Hand: Wer sich in diese Welt verliebt, wird mehr wollen. Mehr Intrigen, mehr Magier, mehr absurde Gesellschaftsregeln, mehr Gewalt unter Kronleuchtern. Aber das ist eher ein ziemlich gutes Problem. Lieber ein Buch, das zu kurz wirkt, weil es Laune macht, als eines, das nach 700 Seiten noch immer seine Nebenfiguren umständlich sammelt.
✨ Atmosphäre und Welt
Die Atmosphäre ist ein absoluter Hauptgewinn. Kill All Wizards klingt ist genau jene Welt, in der Abenteuer nicht in staubigen Ruinen beginnen müssen, sondern auch dort, wo Menschen sich korrekt vorstellen, während im Hintergrund dunkle Magie nach nassem Samt riecht.
Das Zusammenspiel aus alter Sword-&-Sorcery-Energie und Gesellschaftskomödie ist stark. Man spürt Fell, Stahl, Dreck, Zorn und alte Barbarenwucht, aber daneben eben auch Stoffe, Räume, Etikette, Theater und diese ganze lächerliche Hochkultur, die so tut, als sei sie der Gewalt überlegen, während sie sie nur besser versteckt.
Das macht den Stoff für uns beim Fantasykosmos besonders spannend. Der Roman kratzt nämlich an einer sehr schönen Frage: Was ist eigentlich barbarischer? Jemand, der seine Feinde offen erschlagen will? Oder eine magische Oberschicht, die Ausbeutung so elegant betreibt, dass sie dafür Einladungen mit Golddruck verschickt?
Die Antwort dürfte je nach Tischordnung doch stark variieren.
📜 Fazit: Zauberer töten sich leider nicht von allein
Jedediah Berrys Kill All Wizards ist genau der kleine, krachende Fantasy-Happen, den man zwischen all den aufgeblasenen Reihenstarts manchmal braucht. Kein endloser Stammbaum, kein magisches Schulsystem mit Farbschnittgefühl, kein epischer Weltenbau mit vier Anhängen und einer erfundenen Steuerordnung. Stattdessen: ein wütender Barbar, eine Bande selbstgefälliger Zauberer, eine feine Gesellschaft und die herrliche Zumutung, dass Rache manchmal Anzugpflicht hat.
Das Buch funktioniert, weil seine Prämisse sofort sitzt und nicht totgeredet wird. Der Barbar will seine Feinde töten. Die Feinde sind geschützt durch Macht, Magie und soziale Codes. Also muss er sich in eine Welt begeben, die er hasst. Daraus entsteht Komik, Spannung und eine schöne Portion Genre-Freude.
Natürlich ist Kill All Wizards kein monumentales Fantasy-Epos. Es will das auch nicht sein. Die Novelle ist eher ein scharf geschliffener Dolch als ein Breitschwert. Kurz, schnell, präzise und mit einer gewissen Freude daran, an der richtigen Stelle Blut auf den Teppich zu bringen.
Am besten ist das Buch dort, wo es seine Gegensätze auskostet: Barbarenlogik gegen Zaubererbürokratie, ehrlicher Zorn gegen höfische Fassade, Schwertwunsch gegen Teetasse. Genau das gibt der Geschichte ihren Witz und ihre Energie. Berry nimmt Sword & Sorcery ernst genug, um sie mit Stil zu zerlegen, und leicht genug, um sie nicht unter Ehrfurcht zu begraben.
Für uns ist das ein Volltreffer im kleinen Format: bissig, schräg, elegant randalierend und viel zu kurz, um langweilig zu werden. Und vermutlich ein ganz prima Fantasy-Nerd-Geschenktipp.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★★☆
„Eine herrlich bissige Sword-&-Sorcery-Novelle über einen Barbaren, der Zauberer töten will und dafür ausgerechnet feine Gesellschaft lernen muss. Kurz, clever, krachend und mit genau dem richtigen Maß an höfischer Verachtung.“

Autor: Jedediah Berry
Titel: Kill All Wizards
Reihe: The Barbaric Ledgers, Band 1
Verlag: Macmillan Publishers
Übersetzung: Englische Originalausgabe
Seitenanzahl: 133 Seiten, Hardcover
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN: 978-1250908056
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