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Jane Johnson – Das Sturmhaus
📚 Kurzfazit
Atmosphärischer Cornwall-Roman über drei Generationen, ein ruiniertes Küstenhaus und ein Tal, das sich weigert, seine Toten zu vergessen. Viel Landschaft, viel Familiengift, ein Schuss weiße-Häsin-Mythologie: eher Küsten-Gothic mit magischem Realismus als klassische Fantasy.
😒 Was nervt?
Der Text ist verliebt in seine Beschreibungen. Küche, Wetter, Tapeten, nochmal ein Weg zur Bucht: der Plot tritt zwischendurch spürbar auf der Stelle. Die Mutter-Tochter-Konflikte drehen ein paar Schleifen zu viel.
✨ Was funktioniert?
White Valley als Schauplatz trägt das ganze Buch. Nebel, Klippen, verfallenes Herrenhaus, Dorfklatsch und die Legende von der weißen Häsin ergeben eine sehr dichte Stimmung. Die Eröffnung mit einer Leiche im Meer setzt sofort einen düsteren Ton, und die schleichende Enthüllung der Talgeschichte hält ihn durch.
🧠 Figuren und Welt
Magda, Mila und Janey bilden ein schönes Dreieck aus Dominanz, Schuld und kindlicher Wahrnehmung. Dazu Jack Lord als wortkarger Handwerker mit Geheimnissen und ein Dorf, das seine Mythen besser kennt als seine eigene Verantwortung. Die Welt ist klein, aber geschlossen: Haus, Tal, Küste, mehr braucht der Roman nicht.
🐦 Crowbah meint
Wer Sturm, Klippen, Familiendrama und leise pagane Schwingungen mag, wird hier satt. Wer eher auf klar definierte Magiesysteme und Fantasy-Action hofft, sitzt schnell mit kaltem Tee im Wintergarten.
🌊 Jane Johnson – Das Sturmhaus: Cornwall-Mythen im Renovierungschaos
Manche Romane wirken wie ein Spaziergang an der Küste kurz vor dem Sturm. Das Sturmhaus von Jane Johnson ist genau so ein Buch: viel Wind, viel Salzluft, dazu ein verfallenes Haus, das mehr Erinnerung als Putz in den Wänden hat. Statt klarer Fantasy-Tropen gibt es hier Cornwall-Folk-Mystery, eine weiße Häsin aus alten Sagen und drei Frauen, die mehr Altlasten mitbringen als Gebrauchtmöbel. Kein Drachenfeuer, aber jede Menge Wetter und Schuld.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Cornwall, 1954: Nach einem Skandal in London flieht die 26-jährige Mila mit ihrer herrschsüchtigen Mutter Magda und der fünfjährigen Tochter Janey an die Küste. In der abgelegenen White-Valley-Schlucht erwerben sie günstig ein halb verfallenes Herrenhaus namens White Cove, das im Dorf als Unglücksort gilt.
Magda, einst mondänes Gesellschaftstier und stolze Emigrantin, sieht in White Cove die Chance auf ein Comeback. Sie träumt von Pensionsbetrieb, Gästen und inszenierter Exzentrik. Mila will eigentlich nur Ruhe, ein Dach über dem Kopf und möglichst wenig neue Katastrophen. Janey beobachtet still, spricht mit ihrem Stoffhasen und scheint mehr von der Umgebung wahrzunehmen, als den Erwachsenen lieb ist.
Im Tal kursieren Geschichten über eine weiße Häsin, einen alten Kult und eine Göttin, die sich nicht aus dem Land vertreiben lässt. Gleichzeitig ist die jüngere Geschichte blutig: politische Spannungen, Verrat während des Krieges, eine alte Leiche in der Bucht. Als Mila auf Jack Lord trifft, einen zurückgezogenen Handwerker, der sich im Sturmhaus eingenistet hat, verstricken sich persönliche und lokale Geheimnisse.
Zwischen Renovierungsarbeiten, Dorffesten und eskalierenden Familienkonflikten kommt nach und nach ans Licht, was White Valley im Krieg erlebt hat, wer von den Bewohnern damals Täter oder Mitläufer war und wie viel davon Magda verschweigt. Die Grenze zwischen Aberglauben und möglicher Präsenz der weißen Häsin verschwimmt: Ist das Tal verflucht oder nur ehrlich? Am Ende müssen die drei Frauen entscheiden, ob sie die alten Lügen weitertragen oder den Sturm endlich durch das Haus fegen lassen.
🔍 Stärken & Schwächen
🖋 Stil
Johnson schreibt in einem ruhigen, detailverliebten Ton. Sie hat ein gutes Gespür für Licht, Wetter und Geräusche: Brandung, Möwen, der Geruch von feuchtem Holz und altem Rauch sind an vielen Stellen fast greifbar. Dialoge zwischen Magda und Mila sind scharf und oft schmerzlich genau, mit einem Unterstrom aus unausgesprochener Kriegsvergangenheit. Die Sprache bleibt insgesamt zugänglich, aber nicht platt, mit gelegentlichen schönen Bildern, die sich einprägen.
Die Kehrseite: Der Roman gönnt sich lange Passagen voller Alltagsdetails und Innenräume. Wer auf straffen Plot setzt, wird mitunter das Gefühl haben, das Buch beschreibe jede Schranktür mindestens zweimal, bevor etwas Entscheidendes passiert.
🧍♂️ Figuren
Mila steht zwischen Mutterrolle, eigener Vergangenheit und der dominanten Präsenz von Magda. Sie ist keine klassische Heldin, sondern eher eine Frau, die versucht, aus einem Scherbenhaufen etwas Funktionierendes zu bauen. Das macht sie glaubwürdig, auch wenn ihr Zögern manchmal frustriert.
Magda ist das Gegenteil: laut, manipulativ, egozentrisch, aber nicht eindimensional. Ihre Biografie als polnische Emigrantin mit Kriegsflucht verleiht ihr Gewicht, und der Roman zeigt, wie aus Überlebenswille Kontrolle und Grausamkeit wird.
Janey fungiert als Sensorik des Romans. Ihre Wahrnehmung von Hase, Tal und unheimlichen Details gibt der Geschichte ihren leisen Fantasy-Ton. Jack Lord bleibt bewusst rätselhaft, aber ausreichend greifbar, um mehr zu sein als nur Love Interest mit Geheimnis. Die Dorfbewohner liefern das erwartbare Spektrum aus Heuchlern, Mitwissern und wenigen Helfern.
🕒 Tempo und Aufbau
Das Sturmhaus ist ein klassischer Slow-Burn. Die ersten Kapitel kümmern sich vor allem um Ankommen, Einrichten und das Ausloten der Dynamik zwischen den drei Frauen. Der Mystery-Anteil baut sich langsam auf, verteilt zwischen Andeutungen, Rückblenden und Dorfgerede.
Im Mittelteil zieht das Tempo leicht an, wenn Vergangenheit und Gegenwart sichtbarer kollidieren, bleibt aber weit von Thriller-Taktung entfernt. Das Finale bringt die nötigen Enthüllungen und Entscheidungen, wirkt aber eher wie ein kräftiger Windstoß und weniger wie ein Orkan. Der Roman verlässt sich darauf, dass die Leser mehr an Figuren und Ort als am Plot-Feuerwerk hängen.
✨ Atmosphäre und Welt
Hier liegt die größte Stärke. White Valley als abgeschlossene Welt mit eigener Geschichte, Symbolik und Wetterlaune funktioniert hervorragend. Das Zusammenspiel aus christlicher Oberfläche, heidnischem Untergrund und verinnerlichter Kriegsschuld erzeugt eine Stimmung, die beständig zwischen heimelig und bedrohlich schwankt.
Die weiße Häsin bleibt bewusst mehr Symbol als klar definierte magische Figur. Diese Unschärfe wird nicht jedem gefallen, gibt dem Roman aber einen reizvollen Schwebezustand zwischen magischem Realismus und rational erklärbarem Spuk. Das Sturmhaus selbst mit seinen knarrenden Dielen, verborgenen Räumen und Blicken auf die Bucht ist als Schauplatz stark genug, um den Titel zu tragen.
📜 Fazit:
Das Sturmhaus ist kein High-Fantasy-Epos, sondern ein Cornwall-Roman mit Mythenrändern, der die meiste Zeit lieber in Küchen, auf Klippen und in alten Geschichten bleibt, als in dramatische Übernatürlichkeit zu kippen. Wer damit leben kann, dass die weiße Häsin eher spürbar als sichtbar ist, bekommt eine dichte, atmosphärische Erzählung über drei Frauen, die sich an einem verfluchten Haus und einer noch verfluchteren Vergangenheit abarbeiten.
Die Schwächen sind klar: ein gemächliches Tempo, Wiederholungen in den Konflikten und gelegentlich sehr ausgedehnte Beschreibungen. Die Stärken wiegen das für viele wieder auf: starke Cornwall-Kulisse, klug gezeichnete Mutter-Tochter-Beziehungen und das Gefühl, dass hier nicht nur ein Haus, sondern ein ganzes Tal auf sein Urteil wartet.
Für den Fantasykosmos ist das Buch ein Grenzgänger. Es bietet zu wenig Fantasy, um die Magiesystem-Fraktion glücklich zu machen, aber genug Sagenstaub und Küstenspuk, um als „Mythen-Roman mit Fantasy-Aroma“ durchzugehen. Wer einmal vom Schlachtfeld in die Bucht wechseln will, kann hier guten Gewissens anlegen.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★☆☆
„Dichter Küstennebel, starke Figuren, aber der Sturm bleibt länger in der Luft als im Haus.“

Autorin: Jane Johnson
Titel: Das Sturmhaus
Verlag: Goldmann
Übersetzung: Pociao, Roberto de Hollanda
Seitenanzahl: 464 Seiten (Taschenbuch)
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN: 978-3-442-49639-6
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