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Tolkien und die Neue Rechte: Die Herren der Marken
Warum Rechte, Rüstungsfirmen und Tech-Konzerne Tolkien nicht lieben, sondern moralisch plündern.
Es gibt Formen der Verehrung, bei denen man sich wünscht, der Gegenstand möge lieber in Ruhe gehasst werden. Die Neue Rechte, ihr befreundetes Tech-Milieu und diverse Sicherheits- und Rüstungsfirmen haben Tolkien nicht deshalb für sich entdeckt, weil sie seine Welt in ihrer Tiefe begriffen hätten. Sie haben ihn entdeckt, weil Mittelerde eine Art von moralischer Währung zu sein scheint. Wer sich mit Palantir, Anduril, Mithril oder Narya schmückt, leiht sich nicht nur Namen. Er leiht sich die Aura des Guten, die Pose des Widerstands, den Glanz der edlen Sache. Genau darin liegt die Frechheit: Ausgerechnet jene Kreise, die Überwachung, militarisierte Grenzpolitik und autoritäre Selbstinszenierung vorantreiben, hängen sich die Ikonografie einer Erzählung um, in der Machtvergiftung, Herrschaftssucht und der Missbrauch von Werkzeugen zu den zentralen Warnungen gehören.
Der jüngste Anlass dafür ist fast schon zu schön, um nicht gänzlich widerwärtig zu sein. Der BR hat in einem Artikel zusammengetragen, wie Peter Thiel, JD Vance, Giorgia Meloni, diverse Tech-Firmen und sogar deutsche Militärkommunikation sich im Tolkien-Regal bedienen. Palantir heißt wie Tolkiens sehende Steine. Anduril trägt den Namen von Aragorns Schwert. Meloni spricht gern vom Kampf gegen den „einen Ring“, JD Vance bewegt sich in einem Milieu, das mit Mithril und Narya hantiert, und die Panzerbrigade 45 ließ sich mit Nazgûl-Musik bewerben. Das ist keine zufällige Fanfolklore mehr. Das ist symbolische Raubwirtschaft.

Willkommen in Tolkinien
Darum lohnt der genaue Blick in die Gegenwelt Tolkinien. Nicht als alberner Gag, sondern als moralischer Belastungstest. In Tolkinien herrscht noch ein Rest von semantischem Anstand. Dort heißen Dinge nicht so, wie sie gern wirken möchten, sondern so, wie sie funktionieren. Eine Firma, die Massendaten auswertet, Aufenthaltsorte ermittelt und staatliche Macht in Übersicht verwandelt, dürfte dort eben nicht Palantir heißen, als sei sie ein bedauerlich missverstandenes Instrument weiser Ferngespräche. In Tolkinien hieße sie eher Auge-von-Mordor Datenverarbeitung oder Barad-Dûr Analytics. Denn genau das ist der Punkt, den Tobias M. Eckrich von der Deutschen Tolkien Gesellschaft trifft: Tolkiens Palantiri sind gerade kein Modell für moderne Massenüberwachung; er vergleicht die entsprechende Logik vielmehr mit dem Wunsch, den einen Ring als allmächtige Waffe zu vermarkten. Gegen so etwas, sagt er sinngemäß, würden bei Tolkien die Hobbits aufstehen.
Der Ring als Markenstrategie
Das ist ja die eigentliche Obszönität dieser Aneignung: Nicht die Bösewichte werden zitiert, sondern die moralischen Embleme der Gegenseite. Kein Unternehmen nennt sich freiwillig Ork Logistics, Saruman Advisory oder Morgul Compliance. Man möchte nicht aussehen wie der finstere Apparat, sondern wie der, der gegen ihn kämpft. Deshalb heißt das Militärunternehmen eben Anduril und nicht Grond. Deshalb greift Meloni lieber nach dem Bild des Rings als absolutem Übel, statt offen zu sagen, dass ihre Politik von Grenzziehung, identitärer Zuspitzung und klarem Freund-Feind-Bedarf lebt. Deshalb stehen Tech-Milliardäre ungern als Herren des allsehenden Apparats da, sondern lieber als kluge Nutzer arkaner Werkzeuge. Tolkien wird nicht gelesen, er wird geglättet und umetikettiert.
Gerade Anduril ist dafür das schönste Beispiel. Das Unternehmen liefert militärische Systeme und hat milliardenschwere Regierungsaufträge erhalten. Doch der Name stammt von Aragorns Schwert, also ausgerechnet von einer Figur, die nicht für technisierte Distanzgewalt, automatisierte Überlegenheit oder geopolitische Abkürzungen steht, sondern für die Last legitimer Herrschaft, für Maß, Pflicht und die ethische Zumutung von Macht. Wer daraus ein modernes Rüstungslabel macht, möchte sich nicht mit Tolkien schmücken. Er möchte sich hinter Tolkien verbergen. In Tolkinien würde dieselbe Firma ehrlicher Morgul Strike Systems oder Belagerungswerk Grond heißen. Das hätte Stil und Wahrhaftigkeit. Aber Wahrhaftigkeit ist bekanntlich das Einzige, woran solchen Marken selten gelegen ist.
Die Rechte und der Traum, zu den Guten zu gehören
Auch politisch ist das Muster natürlich durchsichtig. Der Reiz an Tolkien für rechte und rechtsnahe Milieus liegt nicht einfach in Schwertern, Königen und Heroik, sondern in der Möglichkeit, sich selbst als letzten Verteidiger einer bedrohten Ordnung zu erzählen. Der Freund-Feind-Glanz ist verführerisch. Meloni lässt sich vom Aragorn-Synchronsprecher flankieren, Vance und Thiel bewegen sich in einem Symbolhaushalt aus Ringen, Metallen und edlen Artefakten, und all das soll sagen: Wir stehen auf der Seite derer, die das Reich gegen Finsternis schützen. Genau an diesem Punkt wird Tolkien geplündert. Denn die Sehnsucht, „mit den Guten zu gehören“, ist hier keine Lesart, sondern ein PR-Vorgang. Tolkien liefert moralische Kulisse für Projekte, die ohne diese Kulisse sehr viel brutaler nach Kontrolle, Grenzregime und Herrschaftstechnik aussähen.
Das ist umso schäbiger, weil Tolkiens Welt gerade keine billige Schwarz-Weiß-Maschine ist. Selbst in der zugänglichsten Lesart ist Frodo nicht der makellose Held, sondern einer, der am Ende scheitert und vom Ring verführt wird. Gollum ist nicht nur Monster, sondern tragische Scharnierfigur. Werkzeuge der Macht korrumpieren, selbst wenn sie mit guten Absichten berührt werden. Genau darauf weist Eckrich im BR-Stück hin. Dass ausgerechnet politische und wirtschaftliche Akteure, die sich gern als nüchterne Realisten geben, diese Warnung in ein Branding der Anständigkeit umgießen, ist fast schon kunstvoll dreist.
Die Bundeswehr und der seltene Moment der Ehrlichkeit
Fast rührend ist in diesem Zusammenhang der deutsche Sonderfall mit den Nazgûl. Eine Bundeswehrbrigade, die sich ausgerechnet mit der Musik der Ringgeister unterlegt, zeigt unbeabsichtigt mehr Wahrhaftigkeit als die eleganteren Tolkien-Plünderer. Denn die Nazgûl sind bei Tolkien nun wirklich keine missverstandenen Kämpfer des Guten, sondern willenlose Diener dunkler Macht. Eckrich fragt im BR-Beitrag zu Recht, ob man sich als Soldat wirklich freiwillig nach Saurons Sklaven benennen lassen möchte. In Tolkinien wäre das immerhin ein seltener Augenblick begrifflicher Restwürde: Endlich einmal ein Branding, das nicht lügt.
Nicht Fanliebe, sondern moralische Lizenz
Man muss deshalb präzise bleiben. Das Problem ist nicht, dass Politiker, Investoren oder Soldaten Tolkien lesen. Das Problem ist auch nicht, dass Unternehmen mythische Namen attraktiv finden. Das Problem ist die moralische Lizenz, die mitgeliefert werden soll. Aus Palantir wird dann nicht ein hübscher Name, sondern eine ästhetische Entschärfung von Überwachungsinfrastruktur. Aus Anduril wird keine literarische Hommage, sondern eine Heldenpolitur für tumbes Kriegsgerät. Aus Tolkien wird eine Tarnkappe, unter der Macht schöner aussieht, als sie ist. Genau deshalb ist das alles nicht nerdig, sondern politisch.
Mittelerde gehört nicht euch
In einer besseren Kultur wäre die Lage einfach: Wer Herrschaftswerkzeuge baut, benennt sie nach Herrschaftswerkzeugen. Wer Grenzen befestigt, spricht von Grenzen. Wer überwacht, redet nicht von sehenden Steinen der Weisheit, sondern von Kontrolle. In Tolkinien gäbe es dafür saubere Namen, saubere Wappen und saubere Peinlichkeit. Nur in unserer Welt betreiben Konzerne, Rüstungsfirmen und rechte Selbstdarsteller diese eigentümliche Form von moralischem Wilddiebstahl, bei der sie Tolkien nicht deshalb zitieren, weil sie seine Welt lieben, sondern weil sie in ihr besser aussehen.
Oder, kürzer und mit dem gebotenen Mangel an Nachsicht:
Sie wollen nicht Mittelerde verstehen. Sie wollen Mittelerde als Reinwaschanlage benutzen.



