Heimdalls Wacht – Sphärenschänder: Echoes of an Old Belief – Part I (Review)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Heimdalls Wacht – Sphärenschänder: Echoes of an Old Belief – Part I

🤏 Kurzfazit: Ein finsterer Abgesang mit ganz schön vielen Stimmen

Heimdalls Wacht erzählen vom Erwachen eines Gottes in einer Welt, die ihn längst vergessen hat. Was zunächst nach vertrautem Pagan Black Metal klingt, entwickelt durch die Gegensätze zwischen rasendem Kreischgesang, feierlichen Klargesangspassagen und beinahe sakraler Deklamation eine eigentümliche dramatische Kraft. Nicht alles ist frei von Pathos, manche musikalische Geste könnte etwas mehr Zurückhaltung vertragen. Aber die knapp 49 Minuten besitzen einen Spannungsbogen, der bis zum stillen Nachspiel trägt. Ein eigenwilliges, durchaus gelungenes Album, das wesentlich mehr kann, als alte Götter anzurufen.

🧭 Für wen & vergleichbar mit
Für Hörer von Helrunar, Árstíðir Lífsins, Gràb, Asenheim und den atmosphärischen Seiten von Alcest. Dazu eine unerwartete Verwandtschaft mit der frühen Neuen Deutschen Todeskunst, insbesondere dort, wo der Gesang ins Theatralische und Deklamatorische übergeht. Wer sich auf große musikalische Erzählungen einlassen kann und gelegentliches Pathos nicht grundsätzlich für eine Straftat hält, dürfte hier einiges entdecken.

🏆 Grabholds vier Fundstücke aus der Asche
🜂 Flight Eternal – Der Flug über das Nirgendmeer – Feierlicher Klargesang trifft auf die rauere Grundsprache des Black Metal.
⚔️ In der Seelenmühle – Ein direkter, fast punkiger Angriff, der auf überflüssige Zeremonien verzichtet.
🕯️ Echo eines alten Glaubens – Chöre, Raserei und ein sorgfältig ausgearbeiteter Wechsel der musikalischen Gewichte.
📯 Das Horn – gebrochen – Der große dramaturgische Höhepunkt, in dem die verschiedenen Ausdrucksformen zusammenfinden.

🚫 Wem die Götter keine Audienz gewähren
Wer Black Metal ausschließlich roh, schnell und ohne theatralische Einschübe hören möchte, wird hier gelegentlich die Geduld verlieren. Auch der feierliche Gesang und die ausgeprägte Neigung zur großen Geste sind Geschmackssache. Dieses Album möchte nicht nur Musik spielen. Es möchte eine ganze Welt untergehen lassen. Dafür muss man ihm etwas Platz einräumen.


Cover des am 31. Oktober 2026 bei Fetzner Death Records erscheinenden Albums Evangelium Luciferianum des ungarischen Black-Metal-Projekts MORTGRIM. Als Bildvorlage dient das gemeinfreie Gemälde The Edge of Doom des englischen Malers Samuel Colman aus dem Jahr 1838.

🜂 Heimdalls Wacht – Sphärenschänder: Echoes of an Old Belief – Part I: Wenn aus Black Metal ein Trauerspiel wird

Was geschieht mit einem Gott, wenn die Welt, über die er einst wachte, aufgehört hat, an ihn zu glauben? Na ja, klar, er könnte sich zurückziehen. Er könnte natürlich auch zürnen, verzweifeln oder seinen eigenen Untergang besingen. Vielleicht würde er ja sogar feststellen, dass die Menschen inzwischen andere Götzen verehren und sich für seine alten Zuständigkeiten niemand mehr so recht interessieren mag.

Heimdalls Wacht entscheiden sich für die musikalisch deutlich aufwendigere Möglichkeit: Sie lassen ihn all das gleichzeitig tun.

Sphärenschänder: Echoes of an Old Belief – Part I heißt das neunte Studioalbum der westfälischen Black-Metal-Band. Der Titel allein besitzt bereits die Ausmaße einer voluminösen religionswissenschaftlichen Abschlussarbeit. Dahinter steckt der erste Teil eines zweiteiligen Konzepts, in dessen Mittelpunkt Heimdall steht, quasi der Typ an der Tür der nordischen Götterwelt.

Er erwacht aus der Dunkelheit und begegnet einer Gegenwart, die ihm fremd geworden ist. Alte Gewissheiten sind zerfallen, die Verbindung zwischen Mensch und Natur erscheint beschädigt, und aus der Erinnerung an eine verlorene Ordnung erwächst ein Gemisch aus Zorn, Melancholie und Entfremdung. So weit, so ziemlich standard-pagan. Der Black Metal hat schon ganze Wälder abgeholzt, um ähnliche Geschichten in allerlei Songs zu verewigen.

Was Sphärenschänder jedoch interessant macht, liegt deshalb weniger im mythologischen Grundgedanken als in seiner musikalischen Umsetzung. Hier treffen nämlich nicht bloß harte und melodische Passagen aufeinander. Die Stimmen selbst scheinen unterschiedliche Antworten auf denselben Verlust zu geben. Während die eine den Untergang beinahe herausschreit, begegnet ihm die andere mit feierlicher Erhabenheit, Beschwörung oder einem Tonfall, der zunehmend an sakralen Gesang erinnert.

Das ist eine ungewöhnlich reizvolle Spannung. Und sie verleiht dem Album etwas, das vielen ambitionierten Konzeptwerken fehlt: einen erkennbaren emotionalen Verlauf. Darum haben wir uns das auch gerne mal genauer angehört.

Schmaler Crowbah Banner mit Crowbah und Grabhold vor dunkler Comic Stadt.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Pagan Black Metal, Melodic Black Metal, Atmospheric Black Metal, Folk, Doom Metal

🎼 Musikalische Einordnung: Heimdalls Wacht verankern ihre Kompositionen im rauen, melodisch geprägten Black Metal, erweitern dessen Ausdrucksmöglichkeiten aber mit Folk-Anklängen, getragenen Doom-Passagen und traditionellen Metal-Elementen. Auf schnelle Gitarrenläufe und Blastbeats folgen langsamere, chorale oder erzählerische Abschnitte.

Besonders auffällig ist die Gesangsgestaltung. Das aggressive Kreischen erhält Gegenstimmen, die nicht bloß melodische Entlastung bieten, sondern eine eigenständige dramatische Funktion übernehmen. Teilweise erinnert die expressive Deklamation eher an die frühe Neue Deutsche Todeskunst als an klassische Pagan-Metal-Formeln.

🔊 Klangbild: Die Produktion wirkt bewusst rau und eigensinnig, jedoch keineswegs substanzlos. Gitarren und Schlagzeug behalten ihre Schärfe, während die Stimmen unterschiedliche Räume besetzen: von harscher Unmittelbarkeit über erhabenen Klargesang bis zu rituell wirkenden Passagen.

Die Wechsel zwischen diesen Ebenen sind wichtiger als makellose klangliche Glätte. Das Ergebnis besitzt Ecken, manchmal auch eine gewisse Sperrigkeit, bewahrt dadurch jedoch einen Charakter, der zu einer Geschichte über Verlust und Entfremdung passt.

🎬 Heimdalls Wacht – Schwarze Wacht Westfalia

Ein erster Einblick in das Konzeptalbum Sphärenschänder: Echoes of an Old Belief – Part I. Roher Black Metal trifft auf die Geschichte einer aus der Zeit gefallenen Gottheit.

😶‍🌫️ Vier Stationen einer göttlichen Niederlage

🜂 Flight Eternal – Der Flug über das Nirgendmeer: Erhabenheit über dem Abgrund

Schon der Titel verspricht keine bescheidene Veranstaltung. Ein Flug über das Nirgendmeer gehört schließlich zu jenen Unternehmungen, bei denen man besser nicht nach den Rückflugbedingungen fragt. Musikalisch besitzt Flight Eternal jedoch weit mehr als bloß ein eindrucksvolles Etikett.

Besonders die klare Stimme fällt auf. Sie wirkt feierlich, beinahe entrückt, und schafft damit einen bemerkenswerten Gegensatz zu den harschen Black-Metal-Passagen. Wo die aggressive Stimme gegen die Welt anzukämpfen scheint, betrachtet die andere ihren Zustand aus größerer Entfernung.

Das ist keine einfache Aufteilung zwischen Härte und Melodie. Die beiden Ausdrucksformen tragen unterschiedliche emotionale Haltungen. Gerade dadurch erhalten die dynamischen Wechsel einen Sinn, der über die üblichen Genregewohnheiten hinausgeht. Die Musik scheint zwischen dem unmittelbaren Schmerz des Verlusts und seiner rituellen Verarbeitung zu schwanken.

Für ein Album, das vom Erwachen eines alten Gottes in einer fremden Gegenwart erzählt, ist das schon sehr stimmig. Hier liegt dann auch eine wesentliche Stärke von Heimdalls Wacht: Sie lassen Pathos nicht nur durch Chöre und große Melodien entstehen, sondern durch den Gegensatz zwischen menschlich wirkender Verzweiflung und überhöhter, fast überirdischer Würde.

⚔️ In der Seelenmühle: Das Pathos muss draußen warten

Nach so viel metaphysischer Erschütterung darf es gelegentlich auch etwas handfester werden. In der Seelenmühle gehört zu den geradlinigsten Kompositionen des Albums. Der Song verzichtet weitgehend auf ausgedehnte zeremonielle Einschübe und setzt stärker auf unmittelbare Aggression. Die Gitarren treiben nach vorn, die Rhythmik besitzt eine fast punkige Direktheit, und der harsche Gesang muss sich nicht erst durch ein ganzes Heer mythologischer Nebenfiguren arbeiten.

Dieser Verzicht auf übermäßige Inszenierung tut dem Album gut. Denn so interessant die großen dramaturgischen Konstruktionen auch sind: Eine Platte wie Sphärenschänder benötigt Momente, in denen sie ihre Geschichte nicht ständig erläutern muss. In der Seelenmühle erfüllt genau diese Aufgabe. Das Stück erinnert daran, dass Heimdalls Wacht bei allem erzählerischen Ehrgeiz weiterhin eine Black-Metal-Band sind, die einen Song auch einfach mit Wucht und Entschlossenheit nach vorne bringen kann.

Manchmal ist ein gutes Riff überzeugender als die vierte Verkündung des Weltuntergangs.

🕯️ Echo eines alten Glaubens: Eine Messe für die Vergessenen

Bei Echo eines alten Glaubens wird die theatralische Seite der Band besonders deutlich. Ein rituell wirkender Chor eröffnet einen Raum, der zunächst eher an eine Zeremonie als an einen Black-Metal-Song erinnert. Doch diese Atmosphäre bleibt nicht ungestört. Die Musik bricht in deutlich aggressivere Passagen aus, bevor sie sich später wieder in getragenere Bewegungen zurückzieht.

Gerade die Wechsel zwischen Chor, Blastbeats und Midtempo geben dem Stück seine eigentliche Gestalt. Dabei geht es nicht einfach darum, möglichst viele Stilmittel unterzubringen. Die Komposition erzeugt einen Gegensatz zwischen Erinnerung und Aufruhr, zwischen der Vorstellung einer alten Ordnung und ihrer gewaltsamen Auflösung. Auch der Gastgesang von Córka erweitert das stimmliche Spektrum und unterstreicht den zeremoniellen Charakter. Das alles ist zweifellos pathetisch. Wer bei großflächigen Chören und mythologischen Beschwörungen grundsätzlich nervös wird, dürfte hier einige anstrengende Minuten verbringen. Aber Pathos ist nicht automatisch ein kompositorischer Fehler.

Entscheidend ist, ob es eine musikalische Funktion besitzt. In Echo eines alten Glaubens tut es das: Die feierlichen Elemente bereiten jene Einbrüche vor, durch die das Stück seine emotionale Wucht erhält. Das ist überzeugend gestaltet und gehört zu den stärksten Momenten der Platte.

📯 Das Horn – gebrochen: Die Totenmesse des Wächters

Mit beinahe acht Minuten ist Das Horn – gebrochen das längste Stück des Albums und zugleich sein eigentlicher dramaturgischer Höhepunkt. Hier laufen die zuvor entwickelten musikalischen Ausdrucksformen zusammen. Die harschen Stimmen von Sarolf und Wiborg stehen neben gesprochenen Passagen von Saruman, während chorale Elemente und ein zunehmend sakral wirkender Gesang dem Stück eine besondere Schwere verleihen.

Bemerkenswert ist dabei die Wirkung der klaren Stimme. Sie besitzt hier weniger den Charakter einer einfachen melodischen Gegenbewegung. Vielmehr klingt sie wie ein Bestandteil einer Zeremonie, die nicht mehr verhindern, sondern nur noch betrauern kann, was geschehen ist.

Die aggressive Stimme kämpft gegen den Untergang. Die andere hält bereits die Totenmesse. Das ist das vielleicht überzeugendste Bild für die musikalische Idee hinter Sphärenschänder. Denn in diesem Stück wird deutlich, dass Härte und Feierlichkeit keine Gegensätze sein müssen. Sie können unterschiedliche Formen derselben Erfahrung darstellen.

Der gebrochene Klang einer vergangenen Welt wird nicht allein durch Raserei ausgedrückt. Er erscheint auch in der Erhabenheit des Verlusts. Und plötzlich erhält selbst das umfangreiche Pathos der Band eine nachvollziehbare Bedeutung. Das Horn – gebrochen ist keine kleine Komposition. Aber es besitzt genügend musikalische Substanz, um seine Größe zu rechtfertigen.

Der Banner für das Fantasykosmos Feuilleton mit lesendem Drachen hinter Zeitung.

🖼️ Artwork: Der letzte Priester hält die Totenmesse

Manchmal erklärt ein Albumcover die Musik besser als sämtliche Genrebezeichnungen. Das Artwork von Sphärenschänder: Echoes of an Old Belief – Part I zeigt eine verlassene, winterliche Landschaft. Links verdunkelt ein dichter Nadelwald den Horizont, während sich rechts ein fahler Himmel über einer kargen Ebene öffnet. Graue, beinahe metallisch wirkende Farbtöne beherrschen das Bild. Lediglich in den Wolken glimmt noch etwas Orange, als habe die untergehende Sonne vergessen, ihre letzten Spuren zu beseitigen.

Im Vordergrund steht eine verhüllte Gestalt mit einem ausladenden Geweih. Eine Hand erhebt sie zum Himmel, in der anderen hält sie einen langen, gegabelten Stab. Vor ihr liegen zwei gespenstische, in helle Tücher gehüllte Gestalten, deren Formen beinahe mit dem steinigen Boden verschmelzen. Die Szene besitzt etwas Sakrales, ohne dass eine erkennbare Religion dargestellt würde. Sie erinnert an ein Begräbnisritual, eine Beschwörung oder den letzten Versuch, mit Mächten zu sprechen, die längst aufgehört haben zu antworten.

Gerade die Ungewissheit macht das Bild so wirkungsvoll. Ist die gehörnte Gestalt ein Priester, ein Gott oder der letzte Zeuge einer vergangenen Welt? Segnet sie die Toten? Ruft sie nach Hilfe? Oder erhebt sie bereits Anklage gegen den Himmel?

Hier wird nicht der Sieg einer alten Religion gefeiert. Stattdessen wird ihr Verlust sichtbar gemacht.

Das passt zu den ungewöhnlichen gesanglichen Gegensätzen des Albums. Die harschen Stimmen können als Aufbegehren gelesen werden, die feierlichen und sakralen Passagen als Versuch, dem Unwiederbringlichen wenigstens noch eine Form zu geben. Auch die Gestaltung des Bandlogos fügt sich ein. Seine verschlungenen Linien erinnern an Wurzeln und kahle Äste, als hätte sich der Name selbst aus einem abgestorbenen Baum herausgebildet.

Ein bemerkenswert stimmiges Cover, das nicht mit heroischen Göttergestalten prahlt, sondern das erschütternde Bild einer Welt zeigt, der ihre Götter abhandengekommen sind.

Düsterer Fantasy-Werbebanner für den fiktiven Energydrink „BLACK RUNE“. Rechts sitzt ein muskulöser Orkkrieger in abgenutzter Leder- und Metallrüstung in einem rauchigen Kriegslager, hält eine schwarze Getränkedose mit Runenzeichen und stützt sich neben einer großen Streitaxt ab. Links steht in großer schwarzer und roter Serifenschrift der Slogan: „BLACK RUNE verleiht Schädel.“

✨ Besondere Momente: Nordische Sage trifft auf deutsches Trauerspiel

🎭 Die Neue Deutsche Todeskunst steht plötzlich im Heiligtum

Der ungewöhnlichste Vergleich, den dieses Album nahelegt, führt nicht zu einer anderen Black-Metal-Band. Er führt in die frühe Neue Deutsche Todeskunst. Nicht wegen der Instrumentierung. Die musikalischen Grundlagen von Heimdalls Wacht liegen selbstverständlich im Metal. Aber die aggressive Gesangsgestaltung besitzt stellenweise etwas Deklamatorisches, expressionistisch Übersteigertes, das an frühe Goethes Erben oder Das Ich denken lässt.

Die Stimme transportiert nicht nur Zorn. Sie stellt ihn beinahe theatralisch aus. Dadurch entsteht eine Form von Dramatik, die sich von gewöhnlichem Black-Metal-Kreischen unterscheidet. Sie wirkt menschlicher und zugleich verstörender, gerade weil sie nicht vollständig im üblichen Genreklang aufgeht. Das ist ein überraschender und zugleich reizvoller Aspekt der Platte.

🪵 Widukind: Wenn Geschichte zur Projektionsfläche wird

Die westfälische Geschichte besitzt für Heimdalls Wacht eine besondere Bedeutung. Die Figur Widukind, des sächsischen Gegners Karls des Großen, gehört zu jener historischen Überlieferung, in der sich Herrschaft, Religion, Widerstand und spätere Mythenbildung überlagern. Das Instrumental Widukind-Theme greift diese Figur auf, ohne den Gesang zum Träger der Erzählung zu machen.

Gerade bei einer Band, deren Musik so stark auf unterschiedliche Stimmcharaktere setzt, ist ein solcher rein instrumentaler Abschnitt ein sinnvoller Perspektivwechsel. Allerdings verlangt das Thema eine gewisse historische Vorsicht. Widukind wurde im Lauf der Jahrhunderte für ganz unterschiedliche politische und kulturelle Vorstellungen vereinnahmt. Die historische Person ist nicht mit jeder späteren Legende gleichzusetzen. Eine musikalische Auseinandersetzung mit ihm ist deshalb interessant, solange man zwischen Geschichte und nachträglicher Verklärung unterscheidet.

🌫️ Ein Album, das seinen Schluss nicht mit Gewalt erzwingt

Bemerkenswert ist die Entscheidung, nach dem großen Höhepunkt nicht noch einmal einen aggressiven Schlusspunkt zu setzen. Stattdessen folgt Forlorn, ein kurzer, ambientisch geprägter Ausklang. Das verändert den Eindruck des gesamten Albums. Der dramatische Höhepunkt liegt bereits hinter uns. Was bleibt, ist kein neuer Kampf, sondern eine Art Nachhall. Die Musik zieht sich zurück und lässt die zuvor aufgebauten Spannungen langsam abklingen.

Diese Entscheidung wirkt innerhalb des Gesamtkonzepts ziemlich sinnvoll.

Nicht jeder Untergang braucht nämlich einen letzten Blastbeat. Manchmal ist die Stille danach das deutlich stärkere Bild.

Nichts als die Wahrheit. Schmaler Banner für den Arkanen Moosverhetzer. Ein Moosling mit Blatthelm, der wütend eine Propagangazeitung liest.

🌒 Hintergrund: Die alte Welt als Gegenwartskritik

Heimdalls Wacht beschäftigen sich seit vielen Jahren mit germanischer Mythologie, regionaler Überlieferung, Naturbildern und Vorstellungen kultureller Vergänglichkeit. Mit Sphärenschänder führen sie diese Themen in ein zweiteiliges Werk, dessen erste Hälfte einen aus der Zeit gefallenen Heimdall durch eine fremd gewordene Gegenwart begleitet.

Die Geschichte besitzt einen erkennbar neoromantischen Zug. Die moderne Welt erscheint als Ort der Entfremdung, während die Erinnerung an frühere Bindungen zu Natur und Überlieferung zum Ausgangspunkt von Sehnsucht und Verlust wird. Das ist künstlerisch ergiebig, allerdings nicht ohne Fallstricke.

Die Vorstellung einer verlorenen, ursprünglich besseren Welt kann schnell zu einer allzu bequemen Vereinfachung der Geschichte werden. Gerade bei germanisch-paganer Symbolik lohnt es sich, zwischen poetischer Sehnsucht und politischer Idealisierung aufmerksam zu unterscheiden.

Heimdalls Wacht haben diesbezüglich eine kontrovers diskutierte Vergangenheit. Die Band hat sich öffentlich von Rechtsextremismus distanziert und frühere Kontakte zu Personen aus extremistischen Zusammenhängen eingeräumt. Diese Vorgeschichte gehört zur Einordnung, ist aber kein Ersatz für die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Werk. Ebenso wenig lässt sich aus mythologischen Motiven allein eine politische Botschaft ableiten.

Musikalisch ist interessanter, dass die Band aus ihrer Vorstellung von Verlust eine vielschichtige Dramaturgie entwickelt. Dabei stammt das Albumkonzept ebenso wie Musik und Texte von Saruman. Die Produktion entstand gemeinsam mit Mario im Liquid Aether Studio.

Auf diese Weise verbindet das neunte Studioalbum die lange Geschichte der Gruppe mit einem Werk, das hörbar um eine zusammenhängende Ausdrucksform bemüht ist.

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📋 Fazit: Der Untergang hat mehr als nur eine Stimme

Sphärenschänder: Echoes of an Old Belief – Part I ist eine dieser Platten, die bei oberflächlicher Betrachtung leicht unterschätzt werden können. Man hört Pagan Black Metal, nordische Mythologie, raue Gitarren und große Chöre. Alles bekannte Zutaten eines Genres, das seine musikalischen und bildlichen Traditionen seit Jahrzehnten pflegt.

Doch Heimdalls Wacht entwickeln daraus etwas deutlich Eigenwilligeres. Die unterschiedlichen Gesangsformen bilden den emotionalen Kern des Albums. Wo die harschen Stimmen Zorn und Verzweiflung ausdrücken, erscheinen die klaren Passagen feierlich, erhaben oder beinahe sakral. Gerade ihr Gegenüber erzeugt jene Spannung, die sich bis zum ausgedehnten Das Horn – gebrochen steigert und im ambientischen Forlorn schließlich auflöst.

Das ist kein vollkommen makelloses Werk. Die ausgeprägte Theatralik wird nicht jeden überzeugen, und gelegentlich hätte etwas weniger Pathos dieselbe Wirkung entfalten können. Aber die Musik besitzt einen erkennbaren inneren Zusammenhang. Sie entwickelt unterschiedliche Stimmungen, gönnt sich instrumentale Perspektivwechsel und führt ihre zentralen Ausdrucksmittel zu einem schlüssigen Finale zusammen.

Auch die Produktion verdient eine differenzierte Betrachtung. Ihr eigenwilliger, rauer Charakter ist nicht mit fehlender Wucht gleichzusetzen. Die Platte klingt anders, als manche Hörer es erwarten mögen. Das macht sie nicht zwangsläufig schlechter.

Heimdalls Wacht gelingt hier eine bemerkenswert kurzweilige, atmosphärische und musikalisch vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Verlust einer mythischen Welt.

Man muss ihre Sehnsucht nach vergangenen Ordnungen nicht teilen, um die Trauer zu verstehen, die ihre Musik ausdrückt.

Hier wird der Untergang einer alten Welt nicht einfach besungen. Er wird angeschrien, beschworen und schließlich betrauert.

Und das ist, bei allen Vorbehalten, ein ziemlich überzeugendes musikalisches Konzept.

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📀 Die Albumakte

Heimdalls Wacht – Sphärenschänder: Verhüllte Gestalt mit Geweih und erhobenen Armen vor geisterhaften Figuren in einer düsteren Landschaft
Heimdalls Wacht
Sphärenschänder: Echoes of an Old Belief – Part I
Veröffentlichung 31. Oktober 2026
Label Talheim Records
Herkunft Westfalen, Deutschland
Genre(s) Pagan Black Metal, Melodic Black Metal, Folk, Doom
Format CD-Digipack; Vinyl angekündigt
Spielzeit 48:45 Minuten
Katalognummer TR089CD
Album 9. Studioalbum · Teil I eines zweiteiligen Werks

🎼 Besetzung und Produktion

SarolfGesang
WiborgGesang
Saruman Gesang, Bass, Gitarre, Keyboard
TejaGitarre
WinterheartSchlagzeug
CórkaGastgesang
Konzept, Musik, TexteSaruman
VorproduktionTeja, Saruman
Produktion, Mix, Mastering Mario, Saruman
StudioLiquid Aether Studio

🎵 Trackliste

Urgrund2:59
Flight Eternal – Der Flug über das Nirgendmeer 5:50
Schwarze Wacht Westfalia4:52
Flames of Awakening5:58
In der Seelenmühle3:49
Runes to Heal – Weapons to Cure 5:03
Widukind-Theme4:27
Echo eines alten Glaubens6:07
Das Horn – gebrochen7:49
Forlorn1:51
Gesamtspielzeit 48:45
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