Die gleiche Beschwörung wie jedes Jahr

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🏛️ Die gleiche Beschwörung wie jedes Jahr

Lange gedeckte Tafel in einer holzvertäfelten Bibliothek mit leeren Gedecken, Porzellantellern und Weingläsern; auf den Servietten liegen kleine goldene Drachenornamente und am Rand steht eine Taschenuhr.

Man behauptet gern, Zeit sei linear. Das ist eine dieser zivilisatorischen Höflichkeiten, die wir uns erzählen, damit wir nicht morgens aufwachen und feststellen müssen, dass wir seit Jahrhunderten dieselbe Diskussion führen, nur mit besserer Kamera, kürzerer Aufmerksamkeitsspanne und einem neuen Wort für »das alte Gefühl«. In Wahrheit ist das Jahr ein Theaterstück, das zuverlässig wiederkehrt, geschniegelt, geschniegelt, geschniegelt und jedes Mal tut es so, als sei es seine Premiere.

Die passende Form, ein solches Jahr zu verabschieden, ist nicht der pathetische Rückblick (der ohnehin meistens nur das literarische Äquivalent eines Händedrucks ist), sondern ein Ritual. Ein Dinner. Ein Tisch. Ein Butler. Und eine Gastgeberin, die mit jener stoischen Grandezza lächelt, die man braucht, um ein immer gleiches Programm als gesellschaftliche Verpflichtung zu verkaufen.

Stellen wir uns also vor, das Jahr betrete den Raum wie eine Person, die man nicht eingeladen hat, die aber trotzdem den besten Stuhl nimmt. Es trägt Frack, riecht nach Pressetext und hat diese Augen, in denen man schon beim Hinsetzen den Hashtag sieht. Es nickt höflich, sagt »Was für ein intensives Jahr«, und man weiß: Jetzt kommt gleich die Nummer, bei der alle so tun, als hätten sie nicht geübt.

Der Butler heißt, sagen wir, Chronos. Er ist nicht alt; er ist nur erstaunlich erfahren im Servieren derselben Speisen unter wechselnden Überschriften. Er führt die Liste. Er weiß, welcher Gang welche Debatte auslöst. Er hat die Handgelenke eines Pianisten und die Nerven einer Stadtwache im Ausnahmezustand.

»Die Gäste sind verspätet«, sagt Chronos, ohne jede Spur von Überraschung.

Natürlich sind sie verspätet. Die Gäste heißen immer gleich: Originalität, Mut, Maß, Geduld, Stil. Sie kommen traditionell nicht, schicken aber jedes Jahr eine Karte, auf der zu lesen steht, es habe diesmal »leider nicht gepasst«.

Also sitzen wir da: Gastgeberin, Butler, das Jahr und eine ganze Reihe unsichtbarer Plätze, auf die man aus Höflichkeit auch noch Servietten legt. Das ist die wirklich große Kulturpose: Man deckt für Ideale, die zuverlässig nicht erscheinen, und fühlt sich allein dadurch schon ein bisschen besser.

Der Aperitif: Schaumwein aus Empörung

Der erste Drink ist prickelnd, leicht, sofort im Kopf und nach zehn Minuten bleibt nur ein metallischer Nachgeschmack. Er heißt nicht Champagner, er heißt Diskurs. Man trinkt ihn aus dünnwandigen Gläsern, weil man so besser hört, wie er klirrt.

Kaum hat das Jahr den ersten Schluck genommen, beginnt es, sich in Sätze zu verwandeln. Diese Sätze sind erstaunlich ähnlich zu denen vom letzten Mal, nur wurden ein paar Verben ausgetauscht und ein neues Adjektiv eingesetzt, damit alles frisch wirkt: »problematisch«, »ikonisch«, »schwierig«, »bahnbrechend«, »bedenklich«, »mutig«. Ein Vokabular wie ein Gewürzregal: Man greift blind hinein, und am Ende schmeckt jedes Gericht nach der eigenen Hand.

Die Gastgeberin lächelt. Chronos gießt nach. Und irgendwo in der Ecke räuspert sich die Vernunft, wird aber höflich ignoriert, weil sie immer so schlecht mit der Stimmung harmoniert.

Die Vorspeise: Prestige mit Trüffel und Trailer

Die Vorspeise ist eine kleine Portion, die tut, als sei sie komplex. Sie kommt auf einem Teller, der größer ist als ihr Inhalt. Das Jahr nennt sie Prestige. In der Mitte liegt ein Häppchen aus Pathos, drumherum ein Ring aus Marketing, und darüber wird eine Soße aus »Wir erzählen jetzt endlich erwachsen« gegossen.

Man nimmt einen Bissen, nickt kultiviert und merkt, dass es schon wieder dieselbe Textur ist: Eine Geschichte, die groß sein will, weil sie laut ist; eine Welt, die tief sein will, weil sie viele Namen hat; eine Tragödie, die berühren will, aber vorher noch kurz erklärt, dass sie berühren will. Der Butler stellt eine Kerze näher ans Gericht, damit es mehr glitzert. Das Jahr lächelt zufrieden. Die Gastgeberin sagt: »Oh, wie fein.« Niemand sagt: »Warum schmeckt das wie letztes Jahr?« – denn das wäre unhöflich, und Unhöflichkeit ist im Kulturbetrieb nur erlaubt, wenn sie eine eigene Kolumne bekommt.

Der Hauptgang: Die große Platte der Wiederholung

Jetzt wird aufgetragen. Und jetzt zeigt sich auch die eigentliche Kunst: Wiederholung als Festmahl zu servieren, ohne dass jemand merkt, dass er gerade zum dritten Mal denselben Braten isst.

Der Hauptgang heißt Fortsetzung. Er ist mächtig, üppig, triefend vor Ansprüchen. Dazu gibt es eine Beilage namens Spin-off, die erstaunlich gut darin ist, die Illusion von Vielfalt zu erzeugen, während sie in Wahrheit nur die Petersilie des Bekannten ist. Und weil man nicht wie ein Barbar wirken will, sagt man Sätze wie: »Man erkennt die Handschrift.« Als wäre Handschrift ein Argument und nicht manchmal einfach nur ein Fingerabdruck am Tatort.

Das Jahr hebt das Glas. »Auf die Kultur!«, sagt es.

Und weil dies ein Dinner ist, muss man antworten. Also hebt man ebenfalls das Glas und trinkt auf die Kultur, obwohl man in Wahrheit auf die Gewohnheit trinkt. Auf die Fähigkeit, sich an große Worte zu klammern, wenn die Inhalte längst in die Küche zurückgelaufen sind.

Der Zwischengang: Der Zaubertrick namens KI

Dann kommt der Gang, der im Raum steht, bevor er serviert wird. Man spürt ihn wie ein elektrisches Summen. Der Butler trägt ihn mit äußerster Vorsicht, als sei er gleichzeitig Heilmittel und Sprengsatz. Er heißt Automatisierte Genialität. Oder, in seiner populären Form: »KI macht jetzt Kunst.«

Das Jahr legt den Kopf schief und schaut erwartungsvoll. Es will den Staunmoment. Es will, dass wir sagen: »Unglaublich!«

Und ja: Es ist beeindruckend, wie schnell man aus allem etwas machen kann, das aussieht, als hätte es jemand gefühlt. Aber genau darin liegt die neue Form des alten Problems: Wir leben in einer Epoche, in der man Gefühle in Serie drucken kann, während echte Aufmerksamkeit rarer wird als ein ehrlicher Klappentext. Der Zaubertrick ist nicht, dass die Maschine Bilder erzeugt. Der Zaubertrick ist, dass wir bereit sind, das Ergebnis zu verwechseln mit Erfahrung, weil wir so schrecklich müde sind.

Chronos räumt die Teller ab, ohne ein Gesicht zu machen. Butler lernen früh, dass man im Salon nie die Wahrheit serviert, sondern nur die Temperatur prüft.

Dessert: Listen, Preise, »Must-Reads« und die kleinen Zuckergüsse

Zum Schluss gibt es das Süße. Das Harmloseste. Das Gefährlichste. Denn Zucker macht dankbar.

Das Dessert heißt Best-of. Es kommt in Form von Listen: zehn dies, sieben das, fünf Dinge, die du gelesen haben musst, bevor du stirbst (als hätte jemand im Kulturressort Zugriff auf die Todesuhr). Die Gastgeberin nimmt eine Gabelspitze und sagt: »Ach, wie nett geordnet.« Das Jahr nickt begeistert, weil Ordnung die höflichste Art ist, Chaos zu ignorieren.

Und doch: In diesem Dessert steckt eine Wahrheit, so bitter wie dunkles Kakaopulver. Wir sehnen uns nach Kuratierung, weil wir ertrinken. Wir wollen jemandem glauben, der sagt: »Das hier lohnt sich.« Wir wollen eine Hand, die aus der Flut greift, selbst wenn diese Hand manchmal nur die eigene Marke poliert.

Der Moment, in dem man das Ritual bricht – ganz leise

Jetzt wäre der Punkt, an dem man feierlich wird. Man würde über Dankbarkeit sprechen, über Lektionen, über Neuanfänge. Man würde dem Jahr die Würde eines Abschlusses geben, obwohl es sich doch nur um eine weitere Runde handelt.

Aber wir sind nicht verpflichtet, die Zeremonie zu spielen, wie sie immer gespielt wird.

Man kann das Jahr auch verabschieden, indem man es freundlich ansieht und sagt: »Du warst nicht einzigartig. Du warst nur lauter.« Man kann sich erlauben, nicht alles für bedeutsam zu halten, nur weil es in fetten Buchstaben kam. Man kann – und das ist vielleicht die einzige echte Form von Souveränität – den Ton selbst wählen.

Die Gastgeberin steht auf. Chronos hält kurz inne. Das Jahr wartet auf die große Geste.

Und dann passiert etwas sehr Unfeuilletonistisches: Man lacht. Nicht kichernd, nicht herablassend, sondern klar. Weil man plötzlich erkennt, wie sehr dieses Ritual davon lebt, dass niemand die Kulisse benennt. Weil man versteht, dass Spott manchmal die eleganteste Art ist, sich nicht kaufen zu lassen, weder von Empörung noch von Prestige, weder von Angst noch von Hype.

»Gleiche Beschwörung wie jedes Jahr?«, fragt Chronos, und in seiner Stimme liegt ein Funken, der entweder Müdigkeit ist oder Freiheit.

Die Gastgeberin hebt das Glas. »Ja«, sagt sie. »Aber nächstes Mal mit besserem Wein. Und weniger Theaterdonner.«

Das Jahr lächelt unsicher. Es merkt, dass ihm gerade etwas entgleitet: die Deutungshoheit.

Und damit, genau damit, ist der Deckel drauf.

Nicht auf die Fantasie. Nicht auf die Kultur. Sondern auf die Illusion, man müsse alles ernst nehmen, um klug zu sein.

Wir nehmen lieber das Wichtige ernst. Und den Rest… servieren wir vorzugsweise mit eigenem Stil.

Wir wünschen allen unseren Leserinnen und Lesern ein vorzügliches 2026.

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