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Gianni Infantino und die rote Karte auf Bewährung: Der Richelieu des Profifußballs meldet sich zu Wort
🌎 Ein Schreiben aus dem Palast der FIFA, wo Regeln nicht gebrochen werden, sondern nur so lange behutsam verbogen werden, bis sie von selbst aus dem Weg gehen.
Heute Morgen lag eine rote Karte auf unserem Redaktionstisch.
Sie war aber eigentlich nicht so richtig rot.
Eher: rot mit diplomatischem Vorbehalt. Rot unter Berücksichtigung besonderer Umstände. Rot, ja, klar, aber diese Art von Rot mit offenem Ausgang und einem kleinen goldenen Sternchen in der Ecke.
Daneben stand ein winziger Pokal aus Marzipan, auf dessen Sockel jemand mit sehr feiner Feder geschrieben hatte:
DIE REGEL GILT. NUR HEUTE NICHT GANZ.
Kurz darauf klingelte unser Telefon. Es war niemand dran. Man hörte nur Stadionrauschen, das Klirren sehr teurer Gläser und aus großer Entfernung einen Funktionär flüstern, Fairness sei vor allem eine Frage der richtigen Sitzordnung.
Dann begann unser Drucker zu arbeiten.
Er spuckte erst eine Platzwahlkarte aus, dann drei Paragrafen in Seidenpapier und schließlich ein Schreiben, das nach VIP-Loge, Schweizer Teppich und jener Art von Weltgewissen roch, die immer sehr gut klimatisiert ist.
Absender: Gianni Infantino. FIFA-Präsident. Zeremonienmeister des globalen Fußballs. Hüter der Turnierordnung. Und seit dieser Woche offenbar Kardinal Richelieu der nachträglich beweglichen roten Karte.

✉️ Der Brief
„Eine Regel ist nur dann starr, wenn man sie ohne ausreichende Gastfreundschaft liest.“
– Aus dem geheimen Kommentar zu Artikel 27
An die regelgläubigen Freunde des einfachen Spiels,
ich schreibe Ihnen in großer Ruhe.
Das ist wichtig. Im Fußball schwitzen Spieler, Trainer, Fans und manchmal sogar Schiedsrichter. Irgendwo aber muss ein Mensch sitzen, der nicht schwitzt, sondern abwägt. Sehr fein. Sehr still. Sehr FIFA.
Dieser Mensch bin gelegentlich ich.
Man wirft uns vor, wir hätten eine rote Karte behandelt, als sei sie kein Platzverweis, sondern ein diplomatischer Vorschlag. Das ist natürlich grob vereinfacht. Eine rote Karte ist im Weltfußball nie nur rot. Sie ist ein Vorgang. Ein Symbol. Ein sensibles juristisches Tier mit Sponsorenumfeld.
Ja, ein Spieler sah Rot.
Ja, normalerweise folgt daraus eine Sperre.
Ja, das klingt für einfache Gemüter nach einer völlig klaren Sache.
Aber der Weltfußball ist kein Aushang im Vereinsheim. Er ist ein Palast mit vielen Türen. Hinter einer liegt ein Regelheft. Hinter einer anderen ein Empfang. Und dann gibt es da noch dieses Telefon, das man nicht ignorieren kann, denn sein Klingelton ist sehr mächtig.
Wir haben die Sperre nicht aufgehoben.
Ich bitte sie.
Wir haben sie lediglich ausgesetzt. Und das ganz ordnungsgemäß auf Bewährung.
Das ist etwas völlig anderes. Die Sperre existiert weiterhin. Sie steht nur nicht im Weg. Sie wurde nicht beerdigt, sondern zur späteren Einkehr gebeten. Man könnte sagen: Auch eine rote Karte verdient die Chance, an sich zu arbeiten.
Genau dafür gibt es Artikel 27.
Ein schöner Artikel. Schlank. Beweglich. Dezent goldgerändert. Kein Trick, sondern ein Werkzeug. Ein Schweizer Taschenmesser der Disziplin. Man klappt es auf, wenn die Wirklichkeit gerade nicht zur Sperre passt.
Natürlich spielt Politik keine Rolle.
Wie kämen sie dazu?
Der Fußball ist unabhängig. So unabhängig, dass er mit allen spricht: Regierungen, Verbänden, Sponsoren, Gastgebern, Präsidenten und Menschen, die Telefonnummern besitzen, bei denen man instinktiv aufrechter sitzt, sobald sie auf dem Display aufleuchten.
Unabhängigkeit bedeutet ja nicht, dass man nicht ans Telefon geht.
Unabhängigkeit bedeutet, dass man nach dem Telefonat selbst entscheidet, warum es keine Rolle gespielt hat.
Ich spüre Ihre Empörung.
Belgien staunt. Die UEFA schäumt. Europa entdeckt rote Linien, was hübsch ist, weil es im Fußball ohnehin so viele Linien gibt: Torlinien, Seitenlinien, Strafraumlinien und nun eben auch moralische Linien, die besonders hell leuchten, wenn jemand anders den Stift hält.
Wir nehmen das ernst. Sehr ernst.
So ernst, dass wir selbstverständlich alles prüfen, was bereits geprüft wurde. Sollte die Prüfung ergeben, dass die Entscheidung richtig war, wird das Vertrauen in die Entscheidung dadurch gestärkt, dass sie nach der Prüfung noch immer richtig ist.
Genauso muss Transparenz doch funktionieren: Man sieht nichts, das aber sehr deutlich.
Viele Menschen glauben, Fußball müsse einfach sein. Pfiff. Karte. Sperre. Fertig. Diese Menschen hängen vermutlich auch an alten Dingen wie bezahlbaren Tickets, normalen Anstoßzeiten und dem Gedanken, dass ein Turnierplan nicht wie ein Investorenprospekt aussehen sollte.
Aber wir leben im globalen Spiel, da sind wir uns doch gewiss einig. Das globale Spiel braucht Bilder. Märkte. Gastgebergefühle. VIP-Logen mit stabiler Mimik. Politische Wärme. Kommerzielle Ruhe. Und manchmal eine Entscheidung, die auf dem Papier seltsam wirkt, aber in der Gesamtarchitektur des Moments erstaunlich gut zum Teppich passt.
Das ist keine Willkür, sondern sehr moderne Führung.
Richelieu wurde auch nicht berühmt, weil er im Flur stand und sagte: Leider ist die Hausordnung eindeutig. Nein. Er verstand Macht als Raumgestaltung. Türen als Argumente. Nähe als Werkzeug. Geschichte als Protokoll, das man besser selbst schreibt.
Ich will mich nicht vergleichen. Das wäre unbescheiden.
Aber der Fußball braucht manchmal eben auch eine Art Kardinal Richelieu.
Einen Mann, der erkennt, wann eine rote Karte zu rot ist. Wann ein Automatismus zu automatisch wirkt. Wann ein Wettbewerb nicht nur korrekt, sondern erzählerisch passend weitergehen sollte.
Man nennt das Integrität. Oder eben Krise. Das hängt einfach davon ab, wer gerade profitiert.
Was den Spieler betrifft: Er darf spielen. Unter Bewährung. Das ist streng. Sollte er erneut auffallen, kann die alte Sperre zurückkehren. Vielleicht. Irgendwann. Das Aktenzeichen ist ja bei uns hinterlegt. Wir haben die rote Karte also nicht entmachtet. Wir haben ihr nur einen Termin im nächsten Jahr gegeben.
Auch das ist Disziplin, wenn auch eine mit Kalender.
Früher entschied der Schiedsrichter.
Dann kam der VAR. Und jetzt kommt eine höhere Ebene. Das ist doch durchaus ein Fortschritt.
Irgendwann wird jeder Zweikampf nicht nur nach Intensität bewertet, sondern auch nach Fernsehwert, geopolitischer Temperatur und der Frage, ob die richtige VIP-Reihe beim nächsten Spiel ausreichend lächelt.
Sie fragen: Wo endet das?
Meine Antwort lautet: im Finale.
Mit verbindlichen Grüßen
Gianni Infantino
Präsident der FIFA
Kardinal der Kugel
Hüter des Artikels 27
Erster Hofjurist der Nachspielzeit
🪶 Kommentar der Redaktion:
Der Brief klang, als habe jemand das Fußballregelwerk in Brokat eingeschlagen, durch eine Präsidentenloge getragen und anschließend behauptet, eine rote Karte sei keine Strafe, sondern eine Art Wesenheit mit Entwicklungspotenzial.
Zwischen Artikel 27, goldenen Käfigen und sehr warm klingelnden Telefonen entstand das Bild eines Weltfußballs, in dem Regeln nicht verschwinden, sondern höflich an den Rand gebeten werden, bis die VIP-Reihe wieder besser atmen kann.
Das eigentlich Absurde lag nicht in der Entscheidung allein. Es lag in dieser seidenweichen Selbstverständlichkeit, mit der aus einem Platzverweis ein diplomatischer Rohstoff wurde, aus einer Sperre ein Terminvorschlag und aus Integrität ein Möbelstück, das man je nach Anlass umstellen kann.
Seit der Lektüre wissen wir: Bei der FIFA ist selbst Rot offenbar nur eine Farbe mit fragwürdigem Verhandlungsspielraum.






