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Genoveva Dimova – Tage einer Hexe
📚 Kurzfazit
Tage einer Hexe ist Monster-Noir mit slawischem Einschlag: temporeich, bissig und deutlich intelligenter, als das „Hexenkompendium der Monster“ im Titel vermuten lässt.
😒 Was nervt?
Manchmal prallen freche Sprüche, Liebesfunkeln und richtig schwere Themen so hart aufeinander, dass der Ton kurz stolpert. Ein, zwei Nebenfiguren bleiben eher Tropen als Menschen.
✨ Was funktioniert?
Die Welt zwischen Chernograd und Belograd ist so plastisch, dass man den Frost, die Betonplatten und die Monstergassen riechen kann. Kosaras Ich-Stimme, die Mischung aus Zynismus, Verwundbarkeit und schwarzem Humor, trägt den Roman mühelos.
🧠 Figuren und Welt
Kosara ist eine der seltenen Hexenfiguren, die nicht als Kostümträgerin, sondern als komplexe Person mit Kriegserfahrung, Schuld und Wut wirkt. Zmey als Zar der Monster ist gleichzeitig Ex-Lover, Mythengestalt und systemische Bedrohung, während Ermittler Asen und das Behördenpersonal zeigen, wie eng Magie, Polizei und Korruption verzahnt sind.
🐦 Crowbah meint
Wer nur romantische Kerzenschein-Magie will, ist hier falsch; wer eine Hexe sehen möchte, die Monster erlegt, Deals mit Schmugglern macht und nebenbei an ihrem eigenen Trauma zerrt, der bekommt eines der frischesten Debüts der letzten Jahre.
🕯️ Genoveva Dimova – Tage einer Hexe: Zwölf schmutzige Nächte und ein sehr lebendiges Monsterkompendium
Manche Urban-Fantasyromane wirken wie hübsch ausgeleuchtete Filmsets. Tage einer Hexe kommt allerdings eher wie eine Hinterhofklinik für verfluchte Werwölfe in einer osteuropäischen Betonstadt rüber. Genoveva Dimova lässt ihre Hexe Kosara durch Chernograd stolpern, eine Mauerstadt voller russalkas, upirs und Behördenformulare, und verbindet slawische Folklore mit der Bürokratie eines halbmaroden Regimes. Daraus entsteht kein kuscheliger Cozy-Hexenroman, sondern ein schmutziges, witziges und erstaunlich berührendes Debüt über Trauma, Macht und die Frage, was man für ein bisschen Sicherheit verkaufen muss.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Kosara ist Hexe in Chernograd, einer von einer Mauer umgebenen Stadt, in die der Rest der Welt seine Monster abschiebt. Zwölf Tage nach Neujahr sind die sogenannten „schmutzigen Tage“: Die Bürger verriegeln die Fenster, während Hexen und Zauberer draußen rusalkas, upirs und andere Fabelwesen in Schach halten. Kosara ist darin routiniert, bis auf ein Wesen, das sie nicht loswird: Zmey, der Zar der Monster und gleichzeitig ihr übermächtiger Ex, dem sie einmal knapp entkommen konnte.
Als sie kurz vor Mitternacht beim Kartenspiel beinahe ihren Hexenschatten, die Quelle ihrer Magie, an einen Fremden verzockt, begreift sie zu spät, dass Zmey sie wiedergefunden hat. Verraten von jemandem aus dem eigenen Umfeld, bleibt ihr nur ein verzweifelter Deal: Sie tauscht ihren Schatten gegen eine illegale Passage durch die Mauer in die Nachbarstadt Belograd, die als „sicher“ gilt, weil Monster dort nicht hingelangen können.
In Belograd merkt Kosara schnell, dass Sicherheit teuer bezahlt wird. Schattenlose Hexen erkranken an einer oft tödlichen Krankheit, und auch sie beginnt, langsam zu zerfallen. Die einzige Chance auf Heilung: ihren Schatten zurückholen. Dafür muss sie sich ausgerechnet mit einem verdächtig geradlinigen Ermittler zusammentun, der plötzlich in ihren Fällen auftaucht und eigene Gründe hat, Zmeys Spur zu verfolgen.
Gemeinsam stolpern sie in eine Verschwörung, die weit über den Privatkrieg zwischen Kosara und ihrem monströsen Ex hinausgeht. Die Spur führt zurück nach Chernograd, zu alten Ritualen und einem Plan, der die Mauerstädte und ihre Monsterordnung neu schreiben könnte. Zwischen Verhören, Monsterattacken und wachsender Nähe wird klar: Kosara muss sich nicht nur ihrem Schatten stellen, sondern auch der Frage, ob sie die Person bleiben will, die Zmey einst an sich gebunden hat.
🔍 Stärken & Schwächen
🖋 Stil
Dimova schreibt mit einer Stimme, die man nicht mit einem anderen Roman verwechseln möchte. Kosaras Ich-Erzählung ist sarkastisch, müde, manchmal aggressiv, aber immer präzise genug, um die Stadt und ihre Monster mit ein paar Strichen lebendig zu machen. Der Text ist reich an slawischer Folklore, ohne sich in Glossaren zu verlieren; Begriffe wie upir, kikimora oder rusalka werden über Kontext eingebettet, nicht in Fußnoten ertränkt. Actionsequenzen sind klar choreografiert, Dialoge sitzen, und die Übersetzung fängt den trockenen Witz in der deutschen Fassung weitgehend stimmig ein.
🧍♂️ Figuren
Kosara ist spürbar keine „stumme Projektionsfläche“, sondern eine Frau mit Vergangenheit, Fehlern und Grenzen. Ihre Beziehung zu Zmey ist ungesund im Lehrbuchsinn, aber genau so soll sie erzählt werden: als Mischung aus Abhängigkeit, Angst und toxischer Faszination. Ermittler Asen funktioniert als Gegenpol, der das Recht vertritt, aber selbst Kompromisse eingehen muss, während Schmuggler, Hexenkollegen und Bürokraten Chernograd mit vielen kleinen Charaktermomenten füllen. Kritik könnte hier am ehesten von der Romantasy-Front kommen: Manche Nebenfiguren bedienen erwartbar aktuelle Romanzetropen, die nicht ganz die Tiefe von Kosara erreichen.
Die romantischen Elemente sind dabei keine Fremdkörper, sondern ein Teil von Kosaras Entwicklung: Vertrauen, Konsens und die Aufarbeitung einer alten, übergriffigen Beziehung werden deutlich ernsthafter behandelt, als das Marketing es zunächst vermuten lässt.
🕒 Tempo und Aufbau
Der Roman orientiert sich an der Struktur der zwölf schmutzigen Tage und nutzt sie klug als Taktgeber. Fast jeder Tag bringt eine neue Monsterkonfrontation, einen Ermittlungsfortschritt oder einen Rückschlag. Das Ergebnis ist ein hohes Grundtempo mit kurzen Verschnaufpausen, die tiefer in Kosaras Psyche und in die politische Lage der Mauerstädte führen. Nur selten kippt die Mischung aus Action, Ermittlungsplot und Gefühlsdrama in leichte Überfrachtung; insgesamt liest sich Tage einer Hexe deutlich zügiger als viele aktuelle Fantasy-Schwarten.
✨ Atmosphäre und Welt
Chernograd und Belograd gehören zu den stärksten Elementen des Buchs. Dimova lässt spüren, dass die Welt von kommunistischer Vergangenheit, bürokratischer Gegenwart und magischer Schattenwirtschaft geprägt ist. Betonbauten, Hinterhöfe, dampfende Suppenküchen, illegale Grenzübergänge und Monster in den Gassen ergeben ein Panorama, das zugleich fremd und vertraut wirkt. Die Monsterfolklore ist nicht bloß Dekoration, sondern der Kern eines Systems, das Menschen in Klassen sortiert und Hexen zwischen Retterrolle und Ausbeutung zerrieben werden. Die Stimmung liegt irgendwo zwischen Witcher, osteuropäischem Sozialrealismus und nächtlichem Großstadtkrimi, ohne zur Kopie zu werden.
📜 Fazit:
Tage einer Hexe ist eines dieser Debüts, die daran erinnern, warum Fantasy mehr kann als nur bekannte Tropen neu arrangieren. Dimova nimmt Elemente, die man zu kennen glaubt – Hexe, Ex-Monsterlover, Ermittler, Mauerstadt – und erzählt sie mit genug lokaler Farbe, politischer Schärfe und emotionaler Ehrlichkeit, dass ein eigenständiger Kosmos daraus wird. Die romantischen Aspekte gehören dabei zum Programm: Sie sind nicht bloß Fangnetz fürs Genre, sondern Teil einer Geschichte über Machtgefälle, schlechte Entscheidungen und den Versuch, sich aus einem toxischen Geflecht zu befreien.
Ja, der Ton schwankt punktuell zwischen knochentrockenem Witz und schwerem Stoff, und nicht jede Nebenfigur verlässt das Tropenstadium. Aber in der Summe steht hier ein Roman, der seine Monster ernst nimmt, seine Heldin nicht schont und sich traut, über Migration, Klassismus und Trauma zu sprechen, ohne den Lesefluss zu opfern. Wer Slawen-Folklore, Monsterjagd und Ermittlerdynamik mag, bekommt mit Tage einer Hexe ein Werk, das den Hype verdient und das neugierig auf den zweiten Band Nächte einer Hexe macht.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★★☆
„Monster-Noir mit Herz und Brandnarben. Rau, eigen und deutlich klüger als die meisten Hexenromane im Trendregal.“

Autorin: Genoveva Dimova
Titel: Tage einer Hexe
Serie: Das Hexenkompendium der Monster, Band 1
(englisch: The Witch’s Compendium of Monsters 1 – Foul Days)
Verlag: Klett-Cotta
Übersetzung: Wieland Freund, Andrea Wandel
Seitenanzahl: 464 Seiten, gebundene Ausgabe
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN: 978-3-608-96608-4
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