Im Ammoniten liegt eine frische Leiche: Gemma Amor schickt den Horror an die Jurassic Coast

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Fossil geöffnet, Naturgesetze reklamiert

📰 Was ist los?
Gemma Amor hat mit Ammonite einen neuen Weird-Horror-Roman angekündigt. An der englischen Jurassic Coast entdeckt ein Fossiliensammler im Inneren eines 200 Millionen Jahre alten Ammoniten den frischen Leichnam einer modernen Frau. Der Roman wird der erste Titel des neuen Imprints Rapture Trade; ein konkreter Erscheinungstermin steht noch aus.

🐛 Was denken wir?
Das ist genau die Sorte Horrorprämisse, bei der ein einziger Satz genügt. Fossilien, Zeitverschiebung, ein unzuverlässiger Ich-Erzähler und eine Leiche, die geologisch mehrere hundert Millionen Jahre zu spät dran ist – Ammonite hat das Zeug zu einem sehr eigenständigen Weird-Horror-Roman. Den behalten wir definitiv im Blick.

Fossiliensammeln gehört gewöhnlich zu den Hobbys, bei denen das Überraschungspotenzial überschaubar bleibt. Man findet einen Stein, entdeckt darin etwas sehr Altes und freut sich darüber, dass dieses Etwas seit ungefähr 200 Millionen Jahren zuverlässig tot ist. In Gemma Amors neuem Roman Ammonite funktioniert ausgerechnet dieser letzte Teil nicht.

Ein großer versteinerter Ammonit liegt an einer düsteren Küste; in seinem aufgebrochenen Inneren zeichnet sich die Gestalt einer modernen Frau ab.
200 Millionen Jahre Stein und darin eine Tote aus der Gegenwart: Gemma Amor beginnt Ammonite mit einem Fund, der sämtliche geologischen Regeln entsorgt.
© Fantasykosmos / Eigene KI-Illustration / manuell nachbearbeitet

Der frisch angekündigte Weird-Horror-Roman führt an die englische Jurassic Coast, wo ein einsamer Fossiliensammler einen außergewöhnlichen Ammoniten entdeckt. Tief im Inneren des rund 200 Millionen Jahre alten Fossils liegt der frisch verstorbene Körper einer modernen Frau. Danach beginnen Realität und Vergangenheit auseinanderzugleiten, und aus einer ohnehin unmöglichen Entdeckung entwickelt sich eine Geschichte über Wahrnehmung, Wahrheit und die Frage, wie weit man graben sollte, wenn die Fundschicht irgendwann sämtliche Naturgesetze ignoriert.

🪨 Ein Fossil mit einem anatomisch ziemlich falschen Inhalt

Schon die Ausgangsidee wäre als Kurzgeschichte stark genug. Ein Mann sucht an einer abgelegenen Küste nach dem perfekten Fossil und findet tatsächlich etwas, das unmöglich dort sein kann: eine Frau aus der Gegenwart, frisch verstorben und vollständig eingeschlossen in einem uralten Ammoniten.

Damit verschiebt Gemma Amor den Horror sofort weg von der klassischen Frage nach einem Täter. Zunächst muss überhaupt geklärt werden, wie ein moderner Mensch in ein Fossil geraten kann, das lange vor der Existenz unserer Spezies entstanden ist. Genau diese Unvereinbarkeit trägt offenbar den Roman. Nach der Entdeckung folgen immer seltsamere Ereignisse, während die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Gegenwart und Vergangenheit sowie Möglichkeit und Unmöglichkeit zunehmend unscharf wird.

Das ist eine erstaunlich effiziente Horrorkonstruktion. Man braucht kein verlassenes Sanatorium, kein dämonisches Buch und keine Kellerluke, die seit 1893 niemand öffnen durfte. Ein Stein reicht vollkommen. Wenn darin eine frische Leiche steckt.

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🌊 Die Jurassic Coast ist dafür fast schon unverschämt passend

Der Schauplatz macht die Idee noch besser. Die Jurassic Coast an der englischen Südküste ist weltweit für ihre Fossilien und offenliegenden Erdschichten bekannt. In Ammonite wird genau diese Landschaft zum Ort einer Geschichte, in der Vergangenheit buchstäblich nicht mehr dort bleibt, wo sie geologisch hingehört.

Amors namenloser beziehungsweise bislang nicht näher vorgestellter Fossiliensammler sucht dort nach einem besonders perfekten Ammoniten. Seine Entdeckung verwandelt diesen beinahe meditativen Vorgang allerdings in etwas zutiefst Verstörendes. Fossilien sind normalerweise Zeugnisse einer Vergangenheit, die abgeschlossen ist. Hier scheint diese Vergangenheit plötzlich einen Gegenstand aus der Gegenwart verschluckt zu haben.

Damit bekommt der Titel Ammonite eine ziemlich schöne Doppelwirkung. Der Ammonit ist Fundstück, Rätsel und möglicherweise eine Art Behälter für etwas, das zwischen verschiedenen Zeiten überhaupt nicht existieren dürfte.

📖 Erzählt wird alles als zunehmend instabiler Bericht

Besonders interessant ist die Erzählform. Laut der veröffentlichten Inhaltsbeschreibung wird die Geschichte als spiralförmiger Ich-Bericht erzählt, den der Fossiliensammler einem geheimnisvollen unbekannten Fremden schildert, der ebenfalls den Weg an diesen Strand gefunden hat.

Damit steckt die Unsicherheit bereits im Aufbau des Romans. Wir bekommen keine neutrale Rekonstruktion dessen, was an der Küste passiert ist, sondern die Wahrnehmung eines Mannes, dessen Realität zunehmend aus den Fugen gerät. Der unbekannte Zuhörer fügt eine weitere Ebene hinzu: Warum ist er dort? Weshalb bekommt ausgerechnet er diese Geschichte erzählt? Und wie viel von dem Bericht ist überhaupt noch verlässlich?

FANGORIA fasst den Kern passend als Verwischung der Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart sowie Möglichem und Unmöglichem zusammen. Die entscheidende Frage des Romans soll schließlich darauf hinauslaufen, ob die Wahrheit überhaupt so beharrlich gesucht werden sollte wie jenes perfekte Fossil, nach dem der Erzähler ursprünglich Ausschau hielt.

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🌀 Gemma Amor scheint genau den richtigen Stoff dafür gefunden zu haben

Gemma Amor bewegt sich seit Jahren zwischen Horror und spekulativer Literatur. Shortwave beschreibt ihre Arbeit als genreübergreifend, emotional und stark auf Figuren ausgerichtet; sie war sowohl für den Bram Stoker Award als auch für den British Fantasy Award nominiert. Zu ihren bisherigen Arbeiten gehören neben Itch! und The Folly auch Happy Hour, das im Oktober 2026 innerhalb der Killer-VHS-Reihe von Shortwave erscheint.

Zu Ammonite selbst sagt Amor, dass unabhängige Verlage ihrer Ansicht nach derzeit besonders stark für grenzüberschreitende und ungewöhnliche Horrorliteratur stehen. Genau danach klingt dieses Projekt auch. Schon die Grundidee verweigert sich einer einfachen Schublade: Body Horror wäre denkbar, übernatürlicher Horror ebenso, dazu kommen Mystery, möglicherweise kosmische Elemente und eine Erzählstruktur, die offenbar bewusst an der Zuverlässigkeit ihrer eigenen Wirklichkeit sägt.

Das ist erheblich interessanter als ein weiterer Roman, in dem irgendwo im Wald eine Familie ein Haus erbt und nach dreißig Seiten feststellt, dass mit dem Dachboden etwas nicht stimmt. Hier liegt wenigstens gleich eine frische Frau im Erdmittelalter.

📚 Ammonite eröffnet ein komplett neues Imprint

Auch verlegerisch steckt hinter der Ankündigung mehr als nur ein einzelner Roman. Rapture Trade ist ein neues gemeinsames Imprint von Shortwave Publishing und Rapture Publishing, geleitet von Editor Mitch Hull. Geplant sind jährlich ungefähr ein halbes Dutzend gezielt ausgewählte Horror-, Science-Fiction- und Fantasy-Bücher für den regulären Buchhandel.

Das Programm soll im Sommer 2027 beginnen. Neben Gemma Amor gehören auch Kealan Patrick Burke und Tyler Jones zu den ersten angekündigten Autoren. Weltweit vertrieben werden die Bücher über Simon & Schuster, was dem neuen Imprint von Beginn an deutlich mehr Reichweite verschafft, als man bei einem kleinen Genreprojekt erwarten würde.

Shortwave spricht ausdrücklich davon, die Stärken zweier unabhängiger Genreverlage zu bündeln und neue dunkle Literatur stärker sichtbar zu machen. Ammonite ist dafür als erster großer Titel erstaunlich gut gewählt: Die Prämisse lässt sich in einem Satz erzählen und klingt danach trotzdem nicht so, als hätte man sie bereits zwanzigmal gelesen.

🕰️ Ein genauer Erscheinungstermin fehlt noch

Wann Ammonite tatsächlich erscheint, wurde bislang nicht konkret angekündigt. FANGORIA bestätigt ausdrücklich, dass es derzeit noch keinen Veröffentlichungstermin gibt. Da Rapture Trade sein Programm im Sommer 2027 starten soll, liegt zumindest ein Veröffentlichungsfenster ab diesem Zeitraum nahe; mehr lässt sich derzeit seriös nicht festlegen.

Auch ein Cover, eine Leseprobe oder weitere Details zur Handlung dürften erst später folgen. Für unseren Radar reicht die jetzige Ankündigung trotzdem locker aus. Die Geschichte besitzt schon mit ihrer ersten Inhaltsbeschreibung mehr Eigenständigkeit als viele komplette Pressepakete.

Und es gibt selten einen besseren Grund, ein Buch vorzumerken, als die Frage: Wie kommt eine gerade gestorbene Frau in einen Stein, der seit 200 Millionen Jahren existiert?

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