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Gareth Hanrahan – The Dungeon Book
📚 Kurzfazit
The Dungeon Book ist Dungeon-Fantasy mit Herz, Witz und Zähnen. Gareth Hanrahan macht aus einer brillanten Perspektivumkehr eine Geschichte über Monsterfamilien, Heldengeschichten und das Recht auf ein Zuhause.
😒 Was kratzt
Cornelius ist ein hervorragender Erzähler, aber nicht immer ein disziplinierter. Wenn er loslegt, legt er richtig los. Das macht Spaß, kostet stellenweise aber Tempo.
✨ Was funktioniert
Die Grundidee ist ein Volltreffer. Ein Dungeon wird hier nicht als Kulisse behandelt, sondern als Lebensraum mit Eigenlogik, Geschichte und Bewohnern, die mehr sind als XP mit Schuppenhaut.
🩸 Schädelbonus
Cornelius gehört zu den Figuren, die einen Roman sofort von der Masse abheben. Wer trockenen, leicht selbstverliebten Grabschmuck als Erzähler schätzt, ist hier bestens versorgt.
🧵 Crowbah meint
Wenn die Helden mit Schwert und Beutel in fremde Wohnräume einbrechen, um dort alles zu erschlagen und mitzunehmen, klingen „Monster“ auf einmal deutlich nach einer Frage der Perspektive.
🐲 Gareth Hanrahan – The Dungeon Book: Wenn die Monster zu Hause sind und die Helden einbrechen
Wir haben es ja alle schon oft genug erlebt: Normalerweise beginnt Dungeon-Fantasy mit einer Karte, einer Fackel und dem festen Vorsatz, unten irgendetwas umzubringen, das Gold bewacht. Gareth Hanrahan dreht diesen ganzen vertrauten Krempel einmal auf links und zeigt, wie seltsam diese Heldenerzählung eigentlich wird, sobald man nicht den Plünderern folgt, sondern dem Kind, das im Dungeon aufgewachsen ist.
Und siehe da: Plötzlich wirken nicht Goblins, Schleime und Minotauren wie das Problem, sondern bewaffnete Fremde, die ungefragt in Wohnräume eindringen, Kisten aufbrechen und alles erschlagen, was nicht freundlich genug „Willkommen, tapferer Abenteurer“ ruft.
Das ist die große Stärke von The Dungeon Book. Der Roman nimmt eine herrlich pulpige Fantasy-Idee und behandelt sie weder als bloßen Gag noch als reine Parodie. Ja, das Buch ist witzig. Ja, Cornelius der Schädel erzählt mit trockenem Vergnügen, zynischer Würde und gelegentlicher Abschweifung. Aber unter der Schädelgrinser-Oberfläche steckt eine ziemlich warme, manchmal erstaunlich melancholische Geschichte über Familie, Zugehörigkeit und die Frage, wer in solchen Welten eigentlich das Recht hat, sich „zivilisiert“ zu nennen.
Nicht alles sitzt perfekt. Der Mittelteil verliert ein wenig Zug, Cornelius liebt seine Nebenausflüge mitunter fast so sehr wie sich selbst, und manche Nebenmonster bleiben einen Tick stärker als Idee im Kopf als als voll ausgeleuchtete Figur. Trotzdem ist das hier sehr klar einer der eigenständigsten Fantasy-Romane dieser Woche.
Und ganz ehrlich: Ein Buch, in dem ein im Dungeon großgezogenes Mädchen Goblins als Familie betrachtet und Abenteurer als gefährliche Eindringlinge, hat bei uns ohnehin schon einen Startvorteil. Folgt uns also in diesen ungewöhnlichen Literatur-Dungeon.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Bait wurde als Säugling von einem Drachen geraubt und im Dungeon zurückgelassen. Das wäre in den meisten Büchern der Moment, in dem etwas schrecklich schiefläuft und ein düsteres Waisendrama beginnt. In The Dungeon Book läuft es ebenfalls schief, nur auf andere Weise: Die Monster dort fressen Bait nicht. Sie ziehen sie groß.
Goblins werden zu einer Art chaotischer Großfamilie. Ein verbitterter, gewaltiger Minotaur übernimmt Schutzfunktion. Der empfindungsfähige Schädel Cornelius bringt ihr die Welt bei, soweit ein sarkastischer Totenkopf eben Weltwissen vermittelt. Dazu kommen Schleime, seltsame Dungeonbewohner und ein Lebensraum, der von außen wie ein klassisches Monsterloch aussieht, für Bait aber schlicht Heimat ist. Das Problem beginnt, als die Außenwelt in diese Heimat hineinragt.
Abenteurer tauchen auf. Fremde dringen ein, kämpfen sich durch Gänge, töten Bewohner und beanspruchen Schätze, Räume und Geschichten für sich. Für Bait ergibt sich daraus eine schockierend einfache Erkenntnis: Die Welt da draußen nennt ihre Familie Monster, benimmt sich aber selbst wie eine Plage mit Waffen.
Gleichzeitig bleibt es nicht bei dieser Perspektivumkehr allein. Bait wird älter. Sie beginnt Fragen zu stellen. Woher kommt sie wirklich? Was ist der Dungeon jenseits der vertrauten Räume? Wie viel Schutz liegt in ihrer Monsterfamilie, und wie viel Begrenzung? Und was passiert, wenn ein Mensch zwischen zwei Ordnungen aufwächst, ohne in eine davon sauber hineinzupassen?
Hanrahan erzählt daraus keine reine Gag-Geschichte, sondern ein Abenteuer mit Märchenton, Gefühl und klassischem Fantasyflair. Der Dungeon ist voller Gefahren und Seltsamkeiten, aber auch voller Alltagslogik. Genau dadurch wird das Buch so reizvoll. Es interessiert sich nicht nur für die Abenteurer, die eintreten, sondern für die Wesen, die schon vorher dort gelebt haben.
🔍 Stärken & Schwächen
🖋 Stil
Die wichtigste stilistische Entscheidung ist zugleich die beste: Cornelius erzählt. Und Cornelius ist nicht einfach nur ein Knochenkopf mit Kommentarfunktion. Er ist eine vollwertige Erzählerstimme mit Eitelkeit, Spott, Bildung, Schrullen und jener wunderbaren Selbstverständlichkeit, mit der untote Schädel ihre eigene Perspektive für die einzig vernünftige halten. Dadurch bekommt der Roman sofort ein eigenes Klangbild.
Hanrahan schreibt locker, verspielt und sehr bildstark. Die Prosa hat etwas Märchenhaftes, ohne weichgespült zu wirken. Der Dungeon lebt durch Gänge, Kammern, Schmutz, Fallen, Ungeziefer, Monster und seltsame Gewohnheiten. Das alles wird nicht geschniegelt präsentiert, sondern mit einem Ton, der zugleich warm und leicht kratzig bleibt. Der Roman kann gemütlich wirken, kippt aber nie in pures Kuschelfantasy-Furnier. Dafür ist die Welt zu gefährlich und zu seltsam.
Besonders gut funktioniert, dass Hanrahan klassische Fantasy-Elemente nicht geschniegelt modernisiert, sondern liebevoll schief stehen lässt. Der Minotaur ist wirklich ein Minotaur. Goblins sind Goblins. Schleim ist Schleim. Doch all diese Bestandteile werden aus einer Perspektive gezeigt, die ihre vertraute Funktion zerstört. So entsteht Originalität nicht durch erzwungenen Regelbruch, sondern durch einen Perspektivwechsel mit Folgen.
Wo der Stil Reibung erzeugt, ist ebenfalls schnell benannt: Cornelius redet gern. Manchmal auch deutlich zu gern. Seine Einschübe, Nebengleise und kleinen Abschweifungen machen den Charme des Buches aus, können aber auch bremsen. Gerade im Mittelteil merkt man, dass der Erzähler nicht immer sofort zum Punkt möchte. Wer sich vollständig von seiner Stimme tragen lässt, wird daran Freude haben. Wer mehr Zug und Strenge erwartet, könnte gelegentlich ein bisschen unruhig werden.
Trotzdem bleibt der Stil eine klare Stärke. The Dungeon Book klingt nicht wie das fünfzehnte glattformatierte Fantasyprodukt mit ironischem Einschlag. Es klingt wie ein Buch, das sehr genau weiß, wovon es erzählen will und in welcher Stimme es das am besten tut.
🧍♂️ Figuren
Bait ist natürlich das emotionale Zentrum des Romans. Das funktioniert deshalb gut, weil Hanrahan aus ihr keine niedliche Symbolfigur macht. Sie ist kein bloßes „Menschenkind unter Monstern“, das nur dazu dient, alles rührend zu machen. Bait wächst mit echter Prägung in diesem Dungeon auf. Ihre Wahrnehmung von Familie, Sicherheit und Bedrohung unterscheidet sich deshalb fundamental von der üblichen Fantasylogik. Das macht sie interessant. Sie ist nicht einfach menschlich in unmenschlicher Umgebung, sondern wirklich ein Produkt dieser Umgebung.
Cornelius stiehlt trotzdem fast jede Szene, in der er vorkommt. Als Schädel mit Erzählerfunktion bringt er Humor, Biss und Persönlichkeit mit. Das Schöne ist, dass er nicht bloß ein One-Liner-Apparat bleibt. Hinter all der Trockenheit steckt echte Bindung zu Bait und ein klarer eigener Blick auf das, was der Dungeon ist und was er verlieren könnte.
Der Minotaur gehört zu jenen Figuren, die in schwächeren Händen reiner Fantasykult geblieben wären. Hier bekommt er Präsenz, Würde und einen rauen Schutzinstinkt, der genau die Art von Herz erzeugt, die ein Buch wie dieses braucht, ohne in sentimentalen Brei zu kippen.
Die Goblins funktionieren als chaotische, manchmal alberne, aber eben doch familiäre Gemeinschaft sehr gut. Nicht jede Monsterfigur erreicht die gleiche Tiefe, und hier liegt ein kleiner Schwachpunkt des Romans: Manche Bewohner bleiben stärker als liebevoller Einfall in Erinnerung denn als wirklich ausgeleuchteter Charakter. Das schadet dem Buch nicht gravierend, verhindert aber, dass die gesamte Besetzung gleich stark wirkt.
🕒 Tempo und Aufbau
Der Einstieg ist stark. Die Grundidee zieht sofort, und Hanrahan weiß, dass er mit diesem Setting von Anfang an Interesse besitzt. Der Roman braucht also nicht ewig, um seine Karten aufzubauen. Im weiteren Verlauf wird er allerdings ungleichmäßiger. Das liegt nicht daran, dass nichts passiert, sondern daran, dass Cornelius’ Erzählweise und der Reiz der Welt den Plot zeitweise ein wenig mäandern lassen. Es gibt Passagen, die eher vom Vergnügen am Dungeon und seinen Bewohnern getragen werden als von straffer Bewegung nach vorn.
Das kann man mögen. Wir mochten es überwiegend. Aber man merkt auch, dass der Mittelteil nicht immer dieselbe Präzision besitzt wie Anfang und Schluss. Gerade dort hätte ein Tick mehr Härte im Schnitt dem Buch gutgetan.
Das Finale zieht wieder an und liefert die emotionale Auszahlung, die man sich von so einem Stoff erhofft. Hanrahan weiß, worauf seine Geschichte hinauswill, und bringt Bait an einen Punkt, an dem die großen Fragen von Heimat, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung auch wirklich tragen.
✨ Atmosphäre und Welt
Der Dungeon ist die eigentliche Sensation dieses Romans. Gar nicht einmal, weil er besonders gigantisch oder spektakulär im epischen Sinne wäre, sondern weil er als gelebter Ort funktioniert. Er besitzt Regeln, Routinen, soziale Strukturen und diese herrlich schräge Selbstverständlichkeit, mit der die Monsterwelt einfach da ist, ohne sich vor einer menschlichen Norm rechtfertigen zu müssen.
Genau deshalb wirkt die klassische Fantasywelt außerhalb des Dungeons plötzlich seltsam. Die Helden, Abenteurer und zivilisierten Außenstehenden tragen ihre moralische Überlegenheit wie ein Schild vor sich her, aber das Buch kratzt sehr effektiv daran. Wer bestimmt, welche Wesen als vernünftig gelten? Wer erzählt die Geschichten? Und wer landet automatisch auf der falschen Seite, nur weil seine Zähne größer oder seine Haut grüner sind?
Hanrahan macht daraus keine platte Umkehrung nach dem Motto „Monster gut, Menschen böse“. Dafür ist das Buch klüger. Es geht ihm eher darum, wie sehr Perspektive unsere Moral einfärbt. Für Bait ist der Dungeon Heimat. Für Eindringlinge ist er Beutegebiet. Zwischen diesen beiden Sichtweisen entsteht der eigentliche Zauber des Romans.
Atmosphärisch ist das eine schöne Mischung aus Abenteuer, schiefem Humor, D&D-Nostalgie und echtem Gefühl. Der Roman versteht, warum Menschen Dungeonfantasy lieben, und benutzt genau dieses Wissen, um etwas Eigenes daraus zu machen.
⚔️ Die große Stärke: Fantasy über die falschen Helden
Was The Dungeon Book über viele ähnliche Stoffe hebt, ist nicht nur die coole Idee, sondern was Hanrahan daraus macht.
Er begnügt sich nicht damit, die Perspektive kurz umzudrehen und dann wieder in bekannte Bahnen zurückzukehren. Das Buch fragt tatsächlich, was diese Art von Welten über ihre Bewohner aussagt. Wenn Monster nur deshalb Monster sind, weil andere ihre Höhlen mit Schwert und Fackel betreten, um sie zu töten und auszurauben, dann sieht das vertraute Heldenmodell plötzlich ziemlich räuberisch aus.
Gleichzeitig bleibt das Buch zugänglich. Es ist nicht theoretisch, nicht selbstverliebt clever und nicht in erster Linie Dekonstruktion. Es bleibt eine Abenteuerfantasy. Genau das macht den Stoff so angenehm. Hanrahan denkt nach, ohne das Erzählen zu vergessen.
📜 Fazit: Ein Dungeon mit mehr Herz als die meisten Königshöfe
The Dungeon Book ist eine herrlich eigensinnige Fantasy über Monsterfamilien, falsch etikettierte Helden und ein Mädchen, das in der seltsamsten aller Umgebungen ein Zuhause findet. Gareth Hanrahan nimmt eine brillante Prämisse und macht mehr daraus als einen netten Scherz. Bait ist eine starke Hauptfigur, Cornelius ein Erzähler mit echtem Wiedererkennungswert, und der Dungeon lebt auf eine Weise, die viele große Fantasyreiche alt aussehen lässt.
Nicht alles ist makellos. Der Mittelteil verliert etwas Straffheit, Cornelius’ Abschweifungen bremsen gelegentlich, und nicht jede Nebenfigur erreicht dieselbe Stärke wie die besten Einfälle des Buches. Aber das sind Reibungen eines Romans, der lieber ein bisschen zu viel Eigenart mitbringt als geschniegelt auf Nummer sicher zu gehen.
Und genau deshalb funktioniert er wirklich perfekt. Das hier ist keine Dungeonfantasy von der Stange. Es ist eine Geschichte, die sich fragt, wie die Welt aussieht, wenn nicht die Plünderer das letzte Wort haben, sondern diejenigen, deren Zuhause geplündert wird.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★★☆
„Eine originelle, warme und wunderbar schiefe Dungeon-Fantasy mit starkem Erzähler, viel Herz und einer glänzenden Perspektivumkehr; nur der etwas mäandernde Mittelteil kostet den fünften Stern.“

Autor: Gareth Hanrahan
Titel: The Dungeon Book
Reihe: Einzelroman
Verlag: Orbit
Übersetzung: Englische Originalausgabe
Seitenanzahl: 352 Seiten, Hardcover
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN: 978-0356531205
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