Die FIFA schafft den Fußball in der Halbzeit ab

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⚽ Die FIFA schafft den Fußball in der Halbzeit ab

Beim WM-Finale soll erstmals eine große Halbzeitshow stattfinden. Elf Minuten Pop könnten die Pause auf rund eine halbe Stunde verlängern, obwohl das Regelwerk höchstens 15 Minuten vorsieht. Die FIFA verwandelt das größte Fußballspiel der Welt in ein Unterhaltungsreich, dem ausgerechnet der Fußball allmählich im Weg steht.

Der Fußball hat ein Problem, das modernen Veranstaltungsplanern seit Jahrzehnten schlaflose Nächte bereitet. Menschen sehen ihm freiwillig zu, obwohl auf dem Platz über weite Strecken weder eine Sängerin aus dem Boden fährt noch ein Hollywoodstar an einem Drahtseil über die Trainerbank schwebt. Zwei Mannschaften spielen gegeneinander. Der Ball rollt. Das Publikum verfolgt das Geschehen, ohne alle paar Minuten von einem prominenten Gast daran erinnert zu werden, dass gerade etwas Bedeutendes passiert.

Ökonomisch ist das kaum länger hinnehmbar.

Beim Finale der Weltmeisterschaft am 19. Juli im New York New Jersey Stadium will die FIFA deshalb einen historischen Missstand beheben. Zum ersten Mal soll eine große Halbzeitshow das Endspiel unterbrechen. Madonna, Shakira, Justin Bieber und BTS führen das Aufgebot an, hinzu kommen unter anderem Burna Boy, Gustavo Dudamel sowie ein Kinderchor gemeinsam mit Coldplay. Für die eigentliche Darbietung sind elf Minuten vorgesehen. Weil eine solche Armada allerdings nicht mit zwei Akustikgitarren aus dem Spielertunnel spaziert, rechnen aktuelle Berichte einschließlich Auf- und Abbau mit einer Pause von ungefähr 30 Minuten. Die FIFA hat die volle Dauer bislang nicht offiziell beziffert.

Der Fußball bekommt damit endlich, was ihm angeblich fehlte: eine Werbepause mit Weltstars, in deren Schatten eventuell noch eine zweite Halbzeit stattfindet.

Ein erschöpfter Buckelwal liegt zwischen dunkler Ostsee und Hamburger Theaterbühne, während Menschen filmen, diskutieren und beten. Über der Szene wächst aus ihren Schatten ein vielköpfiger Leviathan aus Händen, Gesichtern und erhobenen Smartphones.

Die ungenutzte Hälfte der Halbzeit

Eine gewöhnliche Halbzeitpause dauert höchstens 15 Minuten. So steht es in Regel 7 des zuständigen International Football Association Board. Die Dauer wird durch den jeweiligen Wettbewerb festgelegt und darf nur mit Zustimmung des Schiedsrichters verändert werden.

Diese Viertelstunde hatte bislang einen eher altmodischen Zweck. Die Spieler sollten trinken, behandelt werden, taktische Anweisungen erhalten und sich körperlich auf weitere 45 Minuten vorbereiten. Trainer zeichneten Pfeile auf Tafeln, Ersatzspieler liefen sich warm, erschöpfte Männer saßen schweigend auf Holzbänken und versuchten, ihre Lungen wieder in den vorgesehenen Bereich des Brustkorbs zu verschieben.

Die FIFA hat nun erkannt, dass zwischen all diesen Tätigkeiten mindestens noch elf Minuten Popmusik passen. Hinzu kommen der Aufbau der Bühne, die Positionierung der Künstler, Kamerafahrten, Lichttechnik, Choreografie und der anschließende Versuch, das gesamte Wanderzirkusinventar wieder vom Rasen zu entfernen.

Die Spieler dürfen derweil vermutlich in den Katakomben warten und darüber nachdenken, ob ihre Muskulatur noch warm oder bereits Bestandteil einer medizinischen Langzeitstudie ist.

Das IFAB lehnte schon 2021 einen Vorstoß des südamerikanischen Verbandes CONMEBOL ab, Halbzeitpausen für Unterhaltungsshows auf 25 Minuten auszuweiten. Als Grund wurden mögliche negative Folgen für Sicherheit und Wohlbefinden der Spieler durch die längere Untätigkeit genannt. Beim Finale der Copa América 2024 wurde anschließend trotzdem eine verlängerte Pause für einen Auftritt von Shakira eingerichtet.

Es handelt sich also weniger um eine revolutionäre Idee als um den alten Funktionärstraum, eine abgelehnte Regeländerung durch ausreichend große Lautsprecher praktisch doch noch einzuführen.

Willkommen im Stadion der tausend Götter

Das WM-Finale beginnt am Sonntag um 15 Uhr Ortszeit. Die Abschlusszeremonie startet bereits um 13.30 Uhr. Mitwirken sollen unter anderem Tom Cruise, Jennifer Hudson, Robbie Williams, Laura Pausini, Nicole Scherzinger und der Internetstar IShowSpeed. Die Stadiontore öffnen vier Stunden vor dem Anpfiff.

Wer rechtzeitig erscheint, kann somit eine ausgedehnte Zeremonie erleben, anschließend etwas Fußball sehen, danach Madonna, Shakira, Bieber und BTS betrachten und schließlich feststellen, dass noch immer ein Weltmeister ermittelt werden muss.

Das Stadion wird zur imperialen Arena. Auf dem Rasen treten die letzten Gladiatoren des Turniers gegeneinander an, doch über ihnen herrscht längst ein größeres Pantheon. Die FIFA-Hohepriester beschwören Popgötter, Filmhelden, Internetorakel, Kinderchöre und Markenbotschaften. Nebel steigt auf. Kamerakräne kreisen. Ein Chor verkündet die globale Einheit. Der Weltpokal wartet in seinem Schrein, während irgendwo hinter einer mobilen Bühne zwei Mannschaften ihre Stollenschuhe suchen.

Der Fußball darf innerhalb dieser Liturgie weiterhin vorkommen. Er genießt ungefähr den Status eines traditionellen Rituals, dessen Abschaffung die älteren Gläubigen verärgern könnte.

Man sollte die Show dabei nicht den auftretenden Künstlern anlasten. Madonna hat den Fußball nicht gezwungen, sich selbst zum Pausenfüller zu ernennen. Shakira kann wenig dafür, dass Verbände eine Sportveranstaltung inzwischen für unvollständig halten, solange niemand auf einer hydraulischen Plattform erscheint. Auch BTS dürften kaum persönlich darauf bestanden haben, dass ein möglicher Weltmeister seine taktische Besprechung mit dem Bühnenabbau koordiniert.

Das Problem sitzt – wie immer – in den Logen.

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Der Super Bowl ist die goldene Schablone

Gern wird die geplante Show als Amerikanisierung des Fußballs bezeichnet. Das trifft einen Teil der Wahrheit, macht es sich aber etwas zu einfach. Der Super Bowl ist seit Jahrzehnten ein amerikanisches Gesamtereignis, in dem Sport, Fernsehen, Werbung und Pop bewusst miteinander verschmelzen. Seine Halbzeitshow gehört zur eigenen Tradition des Formats. Niemand entdeckt am Finalabend überrascht, dass zwischen dem zweiten und dritten Viertel ein Bühnenbild von der Größe Liechtensteins aufgebaut wird.

Die FIFA übernimmt jedoch vor allem die Oberfläche dieser Kultur: mehr Stars, mehr Spektakel, mehr verwertbare Bilder. Dabei übersieht sie, dass der Fußball seine Wirkung aus einer anderen Dramaturgie bezieht.

Ein Spiel fließt. Es baut Spannung auf, verschiebt Kräfte, erzeugt Rhythmus und kann innerhalb weniger Sekunden kippen. Die Pause trennt zwei Hälften, ohne aus ihnen zwei verschiedene Veranstaltungen zu machen. Gerade ihre Kürze hält den Zusammenhang aufrecht. Die Mannschaften kehren mit veränderter Taktik zurück, doch die emotionale Temperatur bleibt erhalten.

Eine halbe Stunde mit Popshow zerlegt diesen Rhythmus. Aus der Pause wird ein eigener Sendeblock. Aus dem Spiel werden zwei Episoden, zwischen denen ein globales Konzert ausgestrahlt wird. Die zweite Halbzeit beginnt anschließend wie eine Fortsetzung, deren erste Staffel man vor lauter Pyrotechnik beinahe vergessen hat.

Die FIFA importiert damit keinen amerikanischen Sport. Sie importiert die Überzeugung, jede vorhandene Aufmerksamkeit müsse durch zusätzliche Reize bewirtschaftet werden.

Fußball als bedauerliche Unterbrechung

Im modernen Eventdenken ist ein Fußballspiel voller problematischer Leerstellen. Während der 45 Minuten kann der Veranstalter kaum eingreifen. Der Ball lässt sich schlecht für einen Überraschungsauftritt stoppen. Tore fallen ohne Rücksicht auf Werbeplanung. Trainer wechseln Spieler ein, die womöglich keine ausreichende internationale Markenreichweite besitzen.

Vor allem schaut das Publikum auf den Rasen. Dort geschehen Dinge, die weder von der Kommunikationsabteilung geschrieben noch von einem künstlerischen Kurator arrangiert wurden. Zufall, Scheitern, Irrtum und sportliche Eigenwilligkeit sind schwer kontrollierbar. Für eine Organisation, die selbst den spontanen Jubel gern in ein offizielles Partnererlebnis verwandeln würde, ist das ein beunruhigender Zustand.

Die Halbzeit bietet endlich Zugriff auf diese ansonsten widerspenstige Aufmerksamkeit. Rund um den Globus sitzen Milliarden Menschen vor Bildschirmen. Niemand muss erst zu einem Konzert gelockt werden. Das Publikum ist schon da, emotional aufgeladen und weitgehend fluchtunfähig. Die FIFA muss nur den Fußball kurz aus dem Bild schieben.

Natürlich wird das Ganze mit Einheit, Bildung und globaler Wirkung begründet. Die Show unterstützt den FIFA Global Citizen Education Fund, der Geld für Bildungs- und Fußballangebote für Kinder sammeln soll. Das ist ein respektables Ziel. Es besitzt zugleich jene zeitgenössische Vollkommenheit, mit der gigantische Unterhaltungspakete ihre kommerzielle Pracht in eine moralische Geschenkverpackung legen.

Wer die Inszenierung kritisiert, wirkt damit schnell wie jemand, der Kindern Bildung, der Welt Musik und Madonna einen würdigen Bühnenauftritt missgönnt. Dabei ließe sich all das problemlos vor dem Spiel veranstalten. Die FIFA tut es sogar: Eine 90-minütige Abschlusszeremonie ist bereits eingeplant.

Offenbar reichen neunzig Minuten Vorprogramm noch nicht aus, um neunzig Minuten Fußball gesellschaftlich abzusichern.

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Die Regel gilt bis zur nächsten Nebelmaschine

Besonders hübsch ist der Umgang mit dem eigenen Regelwerk. Ein normaler Spieler, der die Wiederaufnahme des Spiels verzögert, kann verwarnt werden. Trainer geraten regelmäßig mit Offiziellen aneinander, wenn ihre Mannschaft einige Sekunden zu spät aus der Kabine kommt. Verbände verhängen Strafen, weil Zeitpläne, Abläufe und Vorschriften schließlich keine freundlichen Empfehlungen sind.

Benötigt die FIFA hingegen eine halbe Stunde für Madonna und mehrere Lastwagen Bühnentechnik, entdeckt der Weltverband die lyrische Dehnbarkeit der 15-Minuten-Grenze.

Regeln sind im modernen Fußball offenbar eine Frage der Größenordnung. Wer einige Sekunden vertrödelt, begeht Unsportlichkeit. Wer den Zeitplan mit einem internationalen Popfestival sprengt, betreibt Innovation.

Der Schiedsrichter könnte der Verlängerung formal zustimmen. Er wäre damit jener mächtige Magier, dessen Pfeife die Gesetze des Spiels für einen Abend weit genug öffnet, damit ein komplettes Showensemble hindurchpasst. Ob eine solche Zustimmung angesichts der organisatorischen Festlegung noch viel mit freier Entscheidung zu tun hat, darf jeder selbst beurteilen.

Wahrscheinlich wird kein Referee kurz vor dem größten Spiel seiner Laufbahn erklären, dass Madonna leider nach dem Abpfiff auftreten müsse, weil Regel 7 ihm Sorgen bereitet.

Die Krönung des Infantino-Zeitalters

Unter Gianni Infantino hat die FIFA den Fußball konsequent vergrößert. Mehr Mannschaften, mehr Spiele, mehr Gastgeber, mehr Zeremonien, mehr Partnerschaften, mehr Gipfeltreffen und mehr Gelegenheiten für den Präsidenten, in unmittelbarer Nähe eines Pokals fotografiert zu werden.

Expansion gilt dabei beinahe automatisch als Fortschritt. Ein Turnier ist erfolgreich, wenn es größer ist als das vorherige. Ein Finale wird bedeutender, sobald rund um das eigentliche Spiel zusätzliche Weltstars auftreten. Die Dimension ersetzt den Maßstab.

In dieser Logik ist die Halbzeitshow vollkommen folgerichtig. Sie wirkt nur deshalb grotesk, weil der Fußball noch eine Erinnerung an seine frühere Form besitzt. Fans kennen Spiele, die ohne Prominentenparade auskamen. Sie erinnern sich an Finals, deren Bedeutung aus den Mannschaften entstand. Das Drama musste nicht eingeflogen werden. Es stand bereits auf dem Platz.

Genau darin liegt die eigentliche Zumutung der FIFA-Pläne. Die Show behauptet stillschweigend, das WM-Finale brauche Aufwertung. Als seien zwei Nationalmannschaften, die nach einem mehrwöchigen Turnier um den bedeutendsten Titel ihres Sports kämpfen, ein zu schmales Angebot für die globale Gegenwart.

Der Weltverband traut seinem eigenen Produkt nicht mehr. Er hält den Fußball für eine klassische Marke mit Modernisierungsbedarf, irgendwo zwischen einer alternden Kaufhauskette und einer Fernsehshow, deren Quote durch prominente Gastauftritte gerettet werden soll.

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Nach der Show ist vor der zweiten Halbzeit

Vielleicht funktioniert alles reibungslos. Die Bühne wird in Rekordzeit aufgebaut, Madonna trifft jeden Einsatz, BTS bringen das Stadion zum Beben, Shakira liefert den Turniermoment und Justin Bieber verschwindet exakt rechtzeitig, bevor der Rasen wieder zum Spielfeld erklärt wird.

Danach kommen die Mannschaften zurück.

Die Spieler laufen erneut ein, als hätte jemand das Fußballspiel nach einer sehr langen Werbeunterbrechung wiedergefunden. Der Schiedsrichter prüft seine Uhr. Die Trainer versuchen herauszufinden, welche taktischen Impulse eine halbe Stunde Pause, ein Orchester und mehrere Explosionen aus kaltem Feuer auf ihre Mannschaften hatten. Millionen Zuschauer wechseln geistig vom globalen Popereignis zurück zur Frage, wer gerade eigentlich besser verteidigt.

Möglicherweise fällt anschließend eines der unglaublichsten Tore der Fußballgeschichte. Vielleicht entscheidet ein Fehler das Finale. Oder es folgen Verlängerung und ein dramatisches Elfmeterschießen. Der Sport besitzt genügend Kraft, selbst diese Inszenierung zu überleben.

Doch die Richtung ist klar. Die FIFA hat den Fußball nicht vollständig abgeschafft. Dafür ist er noch zu profitabel. Sie hat lediglich begonnen, ihn als Rohstoff für ein größeres Unterhaltungsprodukt zu behandeln.

Am Sonntag werden zwei Mannschaften um den Weltmeistertitel spielen. Über ihnen thront bereits der wahre Sieger: ein Ereignis, das so gewaltig aufgeblasen wurde, dass ihm selbst der Fußball für eine halbe Stunde im Weg steht.

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