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🏛️ Hochkultur, Drachen und der gepflegte Dünkel des Jahres

Es ist eine hübsche, immer wiederkehrende Szene im Kulturbetrieb: Sobald irgendwo ein Drache auftaucht, rückt die Hochkultur ihre Brille zurecht, als habe man ihr im Opernfoyer eine Bratwurst angeboten. Man lächelt dünn, man sagt „interessantes Phänomen“, und innerlich zählt man die Sekunden, bis endlich wieder jemand „Ambivalenz“ murmelt und damit die Sache rettet. Fantasy, so heißt es dann, sei Eskapismus. Und Eskapismus, so weiß man seit spätestens Adorno, ist immer verdächtig, weil er die Welt nicht verbessert, sondern sich einen bequemeren Sessel sucht.
Nun gut. Wir leben im Jahr, in dem Streamingdienste mit der Ernsthaftigkeit von Gymnasiallehrern darüber diskutieren, welche Magie „erwachsen“ genug ist, um als Prestige durchzugehen, während sich parallel die Bestsellerlisten benehmen wie ein Marktplatz, auf dem jeder dem anderen die gleiche Zauberbohne in anderem Glanzpapier verkauft. Und in diesem Jahr haben wir uns erlaubt, das Offensichtliche auszusprechen, mit der Frechheit einer Fußnote, die plötzlich Haupttext sein will: Fantasy ist längst Hochkultur. Nicht, weil sie sich geschniegelt und gebügelt an die Literaturpreise heranschmeißt, sondern weil sie die uralten Fragen trägt, ohne so zu tun, als seien sie neu erfunden worden.
Was ist Erinnerung, wenn sie zur Ware wird? Was ist Mut, wenn Angst nicht verschwindet, sondern nur die Sprache wechselt? Was bleibt von einem Menschen, der in eine Rolle gezwungen wird, die er nicht gewählt hat? Das sind keine Kinderfragen. Das sind die Fragen, die die Hochkultur seit Jahrhunderten geschniegelt formuliert, um sie sich danach wieder vom Leib zu halten. Fantasy dagegen macht etwas Unverschämtes: Sie lässt diese Fragen in Schneestürmen sprechen, in Tavernen flüstern, in Ritualen glühen, auf Schlachtfeldern ängstlich stottern und in stillen Zimmern wispern, wo eine Stimme im Kopf nicht nur Stilmittel ist, sondern Urteil.
Natürlich kann man darüber spotten. Und wir tun das auch, denn wer nicht spottet, glaubt zu schnell, er sei wichtig. Dieses Jahr war reich an den üblichen kulturellen Ritualen: Empörungswellen, die schneller abebben als ein schlecht beschworener Zauber, Debatten über KI, die wahlweise als Untergang oder als Erlösung verkauft wird, und Rezensionen, die sich anfühlen wie Gebrauchsanweisungen für Gefühle. Dazu die alljährliche Pflichtübung, in der man uns erklärt, dass man „jetzt aber wirklich“ Fantasy ernst nehmen müsse, als hätte man sie zuvor mit einem milden Händedruck ins Kinderzimmer geschickt.
Wir haben diesen Handschlag höflich erwidert und dann die Tür von innen verriegelt.
Denn ja, wir haben gearbeitet. Und zwar nicht im Sinne des literarischen Fitnessstudios, in dem man sich vor allem mit Begriffen aufpumpt. Wir haben den Prozess beschrieben, nicht als romantische Nebelkerze, sondern als Handwerk, als Mechanik, als wiederholbare Kunst. Wir haben gezeigt, dass Weltenbau keine Tapete ist, sondern Statik. Dass Magie Regeln braucht, nicht um die Fantasie zu fesseln, sondern um ihr Gewicht zu geben. Dass Stil nicht nur Schmuck ist, sondern Moral. Und wir haben uns dabei den Luxus erlaubt, nicht zu klingen wie eine pädagogische PowerPoint Präsentation. Wer die Fantastik liebt, darf sie auch begehren, und wer sie begehren kann, darf dabei lachen.
Vor allem aber haben wir die Meilensteine der Fantasy nicht behandelt wie Museumsstücke mit Staubschutzhaube, sondern wie das, was sie sind: lebendige, streitbare Texte, die einem widersprechen dürfen. Ein Meilenstein ist keine Heiligenfigur. Ein Meilenstein ist ein Stein, über den man stolpern kann, und genau deshalb merkt man sich ihn. Wir haben poliert, ja. Nicht, um zu blenden, sondern um die Kratzer sichtbar zu machen, die erzählen, woher das Genre kommt und warum es weitergeht. Wer heute noch so tut, als sei Fantasy ein Nebenraum der Literatur, liest entweder schlecht oder sehr selektiv.
Und dann wäre da noch unsere eigene Arbeit, die man, um es im Ton der großen Häuser zu sagen, „mit Interesse zur Kenntnis nimmt“, während man heimlich die Wertung schon ins Notizbuch kritzelt. Die Wahrheit ist: Wir haben unser eigenes Material nicht unter den Scheffel gestellt, weil Scheffel eine demütige Maßeinheit ist und wir dieses Jahr wenig Demut verspürten. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Notwendigkeit. Wenn du dir eine Welt baust, musst du irgendwann den Mut haben, darin laut zu sprechen. Und ja, wir haben mit Serathis, mit seinen Stimmen, seinen Verboten, seinen leisen Katastrophen, etwas getan, das man in diesen Zeiten fast für anstößig halten könnte: Wir haben Ernsthaftigkeit nicht mit Humor verwechselt und Humor nicht mit Oberflächlichkeit.
Vielleicht ist das der eigentliche kulturelle Gewinn dieses Jahres: die Rückkehr der Mehrstimmigkeit. Die Erkenntnis, dass ein Text gleichzeitig schön und bissig sein darf, pathetisch und präzise, hoch und niedrig, Mythos und Meme. Dass man über Drachen lachen kann, ohne sie zu verraten. Dass man eine Welt erfinden kann, um die echte besser zu sehen. Und dass man im selben Atemzug das Genre retten und es liebevoll auslachen darf, so wie man Freunde auslacht, die sich zu wichtig nehmen, obwohl man sie genau deshalb gern hat.
Also ja, liebe Leser. Das ist etwas. Das ist sogar ziemlich viel.
Und wenn irgendwo wieder jemand die Brille zurechtrückt, weil Fantasy angeblich nicht ins Feuilleton passe, dann lächelt ruhig und sagt: Doch. Sie passt. Sie sitzt da längst. Sie trinkt ihren Kaffee, korrigiert die Fußnoten, und sie hat bereits angefangen, das Gespräch zu führen.



