Extol – Aura of Decay (Review)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Extol – Aura of Decay

🤏 Kurzfazit: Der liebe Gott würfelt keine Takte

Dreizehn Jahre haben Extol kein Studioalbum veröffentlicht. Nun kehren die Norweger in ihrer ursprünglichen Besetzung zurück und präsentieren eine Platte, auf der selbst die Taktarten offenbar miteinander streiten. Aura of Decay verbindet technischen Death Metal, angeschwärzte Raserei, progressive Umwege und stellenweise geradezu himmlischen Gesang. Dass daraus kein hoffnungsloses Durcheinander wird, verdanken die vier Musiker einer ungewöhnlichen kompositorischen Intelligenz. Nicht jede ihrer Ideen benötigt allerdings einen eigenen Auftritt. Ein faszinierendes, mitunter anstrengendes Comeback, das seine besten Momente dort findet, wo Schönheit und Gewalt gleichzeitig stattfinden.

🧭 Für wen & vergleichbar mit
Für Freunde von Opeth, Cynic, Death in der späten Schuldiner-Ära, Between the Buried and Me und den experimentelleren Seiten von Enslaved. Wer bei Meshuggah gelegentlich die Melodien vermisst und bei Opeth gerne noch ein paar zusätzliche Schlagzeugattacken hätte, dürfte ebenfalls richtig sein.

🏆 Vier Offenbarungen aus dem musikalischen Fegefeuer
⚡ Merciless Hunger – Vom melancholischen Gitarrenmotiv zum technisch präzisen Kontrollverlust.
🕯️ Phantom Dismay – Ein Stück, das erst die Tür zum Himmel öffnet und anschließend die ganze Wand einreißt.
🧬 Beneath the Dirt – Vier Minuten musikalische Metamorphose, bei denen vor allem der Bass und die Schlagzeugarbeit glänzen.
🌑 End of Times – Ein monumentales Finale zwischen Death Doom, Progressive Metal und einer erstaunlich friedlichen Vorstellung vom Weltende.

🚫 Wer für seine Erleuchtung einen geraden Viervierteltakt benötigt
Wer Songs bevorzugt, die spätestens nach einer Minute verraten, wo sie hinwollen, könnte hier die Orientierung verlieren. Auch Freunde ausschließlich primitiver Death-Metal-Gewalt werden an den melodischen und spirituellen Passagen wenig Freude haben. Extol interessieren sich nicht für den kürzesten Weg zum Refrain. Sie nehmen gerne noch drei Abzweigungen, einen Schlagzeugexkurs und eine kleine theologische Auseinandersetzung mit.


Albumcover von Extol – Aura of Decay mit einer verhüllten Totengestalt im Mönchsgewand, einem Kreuz am Gürtel und ausgestreckter Hand. Hinter ihr schwebt eine zerfallende Steinkugel über einer kargen Landschaft.

🥀 Extol – Aura of Decay: Der liebe Gott würfelt keine Takte

Ein Skelett im Mönchsgewand streckt uns die Hand entgegen. Über seiner Schulter schwebt eine zerfallende Steinkugel. Am Gürtel hängt ein Kreuz, hinter ihm erstreckt sich eine ausgedörrte Landschaft. Wer dieses Wesen um geistlichen Beistand bittet, sollte besser vorher klären, ob die Dienstleistung auch die Rückreise beinhaltet.

Das Cover des neuen Extol-Albums ist allerdings mehr als eine hübsch makabre Spielerei. Es zeigt eine Welt, in der selbst die Symbole des Glaubens dem Verfall ausgesetzt sind. Und damit sind wir bereits mitten in der eigentümlichen Gedankenwelt dieser norwegischen Band.

Extol waren schon in den Neunzigerjahren eine ungewöhnliche Erscheinung. Während ihre Landsleute Kirchen anzündeten oder zumindest musikalisch sehr überzeugend davon träumten, bekannten sich die Musiker ausdrücklich zu ihrem christlichen Glauben. Die Pointe liegt darin, dass sie dabei keineswegs sanfter klangen.

Auf Burial von 1998 trafen Black-Metal-Einflüsse auf technische Death-Metal-Riffs und progressive Kompositionen. Was folgte, war eine bemerkenswerte Serie stilistischer Veränderungen, bis die Band 2007 zunächst verschwand. Ein selbstbetiteltes Comeback erschien 2013.

Und jetzt, dreizehn Jahre später, steht plötzlich wieder die ursprüngliche Besetzung zusammen.

Peter und Christer Espevoll, Ole Børud und David Husvik haben offenbar beschlossen, dass das Universum dringend eine weitere Platte benötigt, bei der man nicht einmal sicher sein kann, ob der nächste Takt überhaupt zur selben Komposition gehört.

Sie heißt Aura of Decay. Und sie ist tatsächlich ziemlich gut.

Schmaler Crowbah Banner mit Crowbah und Grabhold vor dunkler Comic Stadt.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Progressive Death Metal, Technical Death Metal, Progressive Metal, Blackened Death Metal

🎼 Musikalische Einordnung: Extol spielen einen Extrem-Metal, dessen einzelne Bestandteile sich ausgesprochen ungern voneinander trennen lassen. Death-Metal-Riffs wechseln mit Black-Metal-Ausbrüchen, technischen Thrash-Figuren und Melodien, die bisweilen eher aus anspruchsvollem Progressive Rock stammen könnten.

Die Musik erinnert stellenweise an Opeth, besitzt aber eine größere rhythmische Unruhe. Wo Mikael Åkerfeldts Kompositionen häufig mit ausgedehnten Stimmungsbildern arbeiten, bevorzugen Extol abrupte Richtungswechsel. Die Stücke können innerhalb weniger Sekunden ihre gesamte Körpersprache verändern.

🔊 Klangbild: Die von Jens Bogren gemischte und gemasterte Produktion bewahrt trotz der komplizierten Arrangements eine erfreuliche Transparenz. Besonders David Husviks Schlagzeugspiel profitiert davon. Seine Akzente sitzen häufig dort, wo andere Musiker noch mit dem Zählen beschäftigt wären.

Ole Børuds Bass besitzt hörbare Eigenständigkeit, während die Gitarren zwischen harten, gelegentlich dissonanten Riffs und erstaunlich luftigen Melodien wechseln.

Peter Espevoll steuert aggressive Schreie, raue Death-Metal-Passagen und warmen Klargesang bei. Der entscheidende Reiz entsteht dabei nicht durch ein einfaches Abwechseln der Stile. Die Stimmen verändern häufig die Bedeutung einer Passage, ohne dass die Instrumente ihre Härte aufgeben müssen.

🎬 Offizieller Visualizer: The One and the Many

Der Opener gehört zu den Stücken, mit denen die Band ihre Rückkehr angekündigt hat. Seine rhythmischen Verschiebungen und die Gegenüberstellung von technischer Härte und melodischer Weite machen ihn zu einem guten Einstieg.

⚔️ Highlights: Viermal zwischen Erleuchtung und Kontrollverlust

⚡ Merciless Hunger: Der Hunger frisst seinen eigenen Takt

Es beginnt mit einer melancholischen Gitarrenfigur. Nichts daran deutet zunächst darauf hin, dass Extol kurz darauf sämtliche rhythmischen Sicherungen herausdrehen werden. Dann setzt die Band ein. Schnelle Thrash-Riffs, harsche Death-Metal-Passagen und die charakteristischen rhythmischen Verschiebungen von David Husvik jagen einander. Dazwischen tauchen melodische Figuren auf, die sich beinahe mühelos über das Geschehen erheben.

Das Beeindruckende ist weniger die Geschwindigkeit als die Art, wie die Musiker ihre unterschiedlichen Ideen miteinander verzahnen. Ein Riff wird nicht einfach beendet, damit das nächste beginnen kann. Seine rhythmische Gestalt verändert sich, ein Schlagzeugakzent verschiebt die Wahrnehmung, und plötzlich befindet sich die ganze Komposition in einer anderen Bewegung.

Dabei bleibt Merciless Hunger erstaunlich zugänglich. Das liegt an den melodischen Ankern, zu denen die Musik immer wieder zurückfindet. Extol verstehen offenbar, dass man einen Hörer durchaus durch ein Labyrinth schicken darf. Es ist nur höflich, ihm gelegentlich einen bekannten Stein an der Wegkreuzung zu zeigen. Hier funktioniert dieses Prinzip hervorragend.

🕯️ Phantom Dismay: Erst die Andacht, dann der Abriss

Phantom Dismay zeigt eine andere Seite derselben Band. Die ersten Passagen wirken vergleichsweise zurückgenommen. Die Gitarren schaffen Raum, die Atmosphäre ist beinahe schwebend, und man könnte kurz glauben, Extol hätten ihre aggressive Vergangenheit gegen einen ruhigen Lebensabend eingetauscht.

Ein bedauerlicher Irrtum. Mit zunehmender Spieldauer wird die Musik schwerer. Die Spannung verdichtet sich, bis harsche Gesangspassagen und gewaltige Gitarrenwände die zuvor aufgebaute Ruhe durchbrechen. Besonders gelungen ist dabei die gesangliche Gestaltung. Peter Espevoll besitzt eine klare Stimme, die nicht nach dem üblichen Metal-Klargesang klingt. Sie wirkt eher nachdenklich und getragen, ohne sich vor der musikalischen Härte in Sicherheit bringen zu müssen.

Dadurch entsteht ein Kontrast, der tatsächlich eine eigene Ausdruckskraft besitzt. Die aggressive Stimme wirkt nicht einfach böser. Die klare Stimme klingt nicht automatisch hoffnungsvoller. Vielmehr scheinen beide denselben Zustand aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Das ist die eigentliche Stärke von Phantom Dismay: Die Musik kann Hoffnung und Verzweiflung gleichzeitig ausdrücken, ohne eine der beiden Empfindungen zur bloßen Dekoration zu machen. Für eine Band, deren Texte häufig um Glauben und menschliche Widersprüche kreisen, ist das eine bemerkenswert passende musikalische Sprache.

Satirische Premiumwerbung für BLACK SUN: Eine mattschwarze Energy-Drink-Dose mit goldener Sonnenfinsternis steht auf einem Marmorsockel vor einer nächtlichen Großstadtkulisse. Am Himmel leuchtet eine gigantische Sonnenfinsternis. Slogan: „Weckt, was in dir schläft.“

🧬 Beneath the Dirt: Das Schlagzeug verweigert die Geschäftsordnung

Manche Schlagzeuger begleiten einen Song. David Husvik scheint eher daran interessiert, seine gesamte innere Architektur regelmäßig umzubauen. Beneath the Dirt ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel. Die Komposition wechselt zwischen beweglichen Gitarrenläufen, technischen Death-Metal-Riffs und Gesangspassagen, deren Charakter sich mehrfach verändert. Dabei setzt Husvik ungewöhnliche Akzente, füllt kleine rhythmische Zwischenräume und verleiht selbst schweren Gitarrenfiguren eine eigentümliche Leichtigkeit.

Mindestens ebenso wichtig ist Ole Børuds Bass. Er verschwindet nicht unter den Gitarren, sondern arbeitet mit einem eigenständigen, kräftigen Klang. Gerade in den Übergängen hilft er, die wechselnden musikalischen Ebenen zusammenzuhalten. Das macht Beneath the Dirt zu einem der interessantesten Stücke der Platte. Hier ist technische Raffinesse keine Ersatzhandlung für mangelnde Ideen. Die Komplexität erzeugt tatsächlich Bewegung.

Natürlich ließe sich einwenden, dass Extol an manchen Stellen geradezu demonstrativ zeigen, was sie alles beherrschen. Aber bei diesem Song darf man ihnen die Angeberei durchgehen. Wenn vier Musiker derart souverän um denselben musikalischen Abgrund tanzen, möchte man ihnen nur ungern vorschreiben, gefälligst geradeaus zu laufen.

🌑 End of Times: Der Weltuntergang hat erstaunlich gute Manieren

Sechs Minuten für das Ende aller Dinge. Die Terminplanung könnte schlimmer sein. End of Times beschließt Aura of Decay mit einer Mischung aus schwerem Death Doom und weit ausgreifenden Progressive-Metal-Passagen. Die Gitarren bewegen sich langsamer und gewichtiger als in den hektischeren Momenten der Platte. Dazwischen öffnen sich melodische Räume, in denen die klare Stimme eine tragende Rolle übernimmt.

Bemerkenswert ist, wie wenig sich das Stück auf den erwartbaren Weltuntergangskrawall verlässt. Stattdessen wechseln monumentale Schwere und beinahe friedliche Passagen einander ab. Die Musik baut Spannungen auf, lässt sie wieder sinken und führt ihre unterschiedlichen Elemente allmählich zu einem gemeinsamen Abschluss. Das ist nicht jederzeit zwingend. Mancher Übergang wirkt etwas ambitionierter als nötig.

Doch als Finale erfüllt die Komposition ihre Aufgabe. Sie nimmt die Gegensätze des Albums noch einmal auf: Härte und Melodie, Zerstörung und Hoffnung, Angst und eine eigentümliche Form von Gelassenheit. Und gerade hier zeigt sich, weshalb Extol mehr sind als eine technisch herausragende Death-Metal-Band. Sie besitzen die Fähigkeit, musikalische Brutalität mit etwas zu verbinden, das beinahe wie Trost klingt. Der Weltuntergang kommt trotzdem. Aber wenigstens hat jemand daran gedacht, ihm eine ordentliche Melodie mitzugeben.

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🖼️ Artwork: Der Tod hat die Messe übernommen

Auf dem Cover von Aura of Decay steht eine verhüllte Gestalt in einer ausgedörrten Landschaft. Unter der dunklen Kapuze erscheint ein Totenschädel. Das Gewand erinnert an die Kutte eines Mönchs, am Gürtel hängt ein deutlich erkennbares Kreuz. Eine Hand ist dem Betrachter entgegengestreckt, als wolle die Figur ihn zu sich rufen.

Über ihrer Schulter schwebt eine rissige Steinkugel, von der kleine Bruchstücke abplatzen. Der Hintergrund ist fast vollständig entleert. Keine Stadt, keine Kirche, keine Menschenmenge. Nur eine kahle Ebene und ferne Hügel unter einem farblosen Himmel. Hugh Syme, der unter anderem für zahlreiche berühmte Cover von Rush verantwortlich war, hat hier ein Bild geschaffen, das mit vergleichsweise wenigen Elementen auskommt und dennoch mehrere Deutungen zulässt.

Die Gestalt erinnert an den Tod. Doch sie trägt ein christliches Symbol, und ihre ausgestreckte Hand wirkt keineswegs ausschließlich bedrohlich. Ist sie eine Warnung? Eine Einladung? Ein letzter Versuch, jemanden aus einer sterbenden Welt zu retten? Auch die Steinkugel bleibt rätselhaft. Sie lässt sich als zerfallender Planet lesen, ebenso als Sinnbild einer Ordnung, die ihre scheinbare Unzerstörbarkeit verloren hat. Besonders reizvoll ist das Verhältnis zwischen der Figur und ihrer Umgebung.

Der Tod steht hier nicht triumphierend über den Überresten einer besiegten Menschheit. Er sieht selbst reichlich mitgenommen aus. Die zerfetzte Kutte, die verwitterten Knochen und die trostlose Landschaft lassen kaum erkennen, wer eigentlich noch über wen herrscht. Das passt zum Albumtitel.

Eine Aura ist gewöhnlich etwas, das einen Menschen oder Gegenstand umgibt und ihm eine besondere Ausstrahlung verleiht. Hier ist diese Ausstrahlung der Verfall. Das Cover illustriert jedoch nicht nur Zerstörung. Die ausgestreckte Hand hält auch die Möglichkeit einer Begegnung offen. Vielleicht möchte der Tod uns gar nicht holen. Vielleicht braucht er inzwischen selbst jemanden, der ihn hier herausholt.

Eine ausgezeichnete Arbeit, deren Symbolik wesentlich interessanter ist als der nächste obligatorische Totenschädel mit brennenden Augen.

Banner für den Spotify-Kanal von Fantasykosmos: Links das goldene Fantasykosmos-Logo und die große Headline „JETZT KLINGT’S EPISCH!“, darunter ein Hinweis auf Playlists, Metal, Magic und mehr auf Spotify. Rechts stehen Crowbah und Grabhold vor magischen Lautsprechern mit grün leuchtenden Klangwellen, eingebettet in eine düstere Fantasylandschaft mit Mond, Burgruinen und Fackeln.

✨ Besondere Momente: Ein Glaube, der sich selbst widerspricht

🕯️ Wenn der Tod die Erinnerung zweimal nimmt

Hinter Aura of Decay steht auch eine sehr persönliche Erfahrung. Die Mutter der Brüder Peter und Christer Espevoll starb 2026 nach einer Alzheimer-Erkrankung. Christer beschreibt in einem aktuellen Interview den schrittweisen Verlust von Sprache, Persönlichkeit und schließlich Leben als besonders schmerzhafte Erfahrung.

Diese biografische Dimension verändert den Blick auf Titel wie Disintegrate. Verfall ist hier nicht nur eine religiöse Metapher und auch kein dekoratives Motiv für das Albumcover. Er besitzt eine konkrete, menschliche Bedeutung. Gerade deshalb müssen wir daraus keine große metaphysische Theorie entwickeln. Manchmal reicht die Vorstellung, dass ein vertrauter Mensch nach und nach seine Worte verliert. Der Rest ist bereits schwer genug.

✝️ Fromme Leute mit einem Problem namens Dogma

Extol haben ihren christlichen Glauben nie versteckt. Doch auf Aura of Decay beschäftigen sie sich auch mit der Frage, was geschieht, wenn Glaubensüberzeugungen zu einem System werden, das Menschen voneinander trennt. The One and the Many greift gesellschaftliche Lagerbildung und die Verhärtung politischer wie religiöser Positionen auf. Noch deutlicher wird diese Auseinandersetzung bei Shield and Alibi.

Christer Espevoll spricht offen über seine Erfahrungen in einem konservativen christlichen Umfeld und seine wachsende Ablehnung einfacher Einteilungen in Gut und Böse. Das ist ein interessanter Gegensatz zur alten Vorstellung, christlicher Metal müsse vor allem unerschütterliche Gewissheiten verbreiten. Extol scheinen mittlerweile stärker daran interessiert zu sein, Fragen zu stellen, als fertige Antworten auszuliefern. Für eine Band, die musikalisch ohnehin kaum einen geraden Weg akzeptiert, ist das erfreulich konsequent.

🥁 Vier Musiker, vier Vetorechte

Auch die Entstehungsgeschichte besitzt eine bemerkenswerte Pointe. Christer Espevoll erklärt, dass die Band ausgesprochen demokratisch arbeite. Jeder Musiker besitzt ein Vetorecht. Das mag zunächst nach vorbildlicher Zusammenarbeit klingen.

Wer allerdings die komplizierten Arrangements hört, kann sich lebhaft vorstellen, wie lange eine solche Demokratie benötigen dürfte, um sich auf einen einzigen Refrain zu einigen. Hinzu kommen Familien, Berufe und räumliche Entfernung. Lediglich Ole Børud arbeitet hauptberuflich als Musiker. Das Album entstand deshalb über einen längeren, vielfach unterbrochenen Zeitraum. Dass Aura of Decay am Ende trotzdem derart geschlossen wirkt, ist keineswegs selbstverständlich.

🌒 Hintergrund: Dreizehn Jahre sind keine kleine Pause

Extol wurden 1993 in Norwegen gegründet und entwickelten früh einen Stil, der sich den üblichen Genregrenzen entzog. Burial verband 1998 Black- und Death-Metal-Einflüsse. Undeceived verstärkte 2000 die Death-Metal-Seite, während Synergy 2003 stärker in Richtung Thrash tendierte.

The Blueprint Dives von 2005 war ein weiterer Schritt in experimentellere, stellenweise postmetallische Gefilde. Nach der ersten Auflösung erschien 2013 das selbstbetitelte fünfte Studioalbum. Nun kehrt Christer Espevoll zurück. Gemeinsam mit Peter Espevoll, Ole Børud und David Husvik bildet er wieder die ursprüngliche Besetzung.

Die Aufnahmen für Aura of Decay entstanden unter anderem in den Hawk Studios, im Little Cave Studio und bei Hrada Creative. Jens Bogren übernahm Mix und Mastering in den schwedischen Fascination Street Studios. Man hört dem Album diese lange Geschichte an.

Nicht, weil es angestaubt klänge, sondern weil die Musiker aus erstaunlich vielen früheren Stilphasen schöpfen können, ohne sich auf eine davon festlegen zu müssen. Ihre Vergangenheit ist hier kein Museum.

Eher ein ziemlich gut ausgestatteter Werkzeugkeller, in dem sich neben den gewöhnlichen Instrumenten noch einige Gegenstände befinden, deren Verwendung selbst der Besitzer nicht mehr vollständig erklären kann.

Nichts als die Wahrheit. Schmaler Banner für den Arkanen Moosverhetzer. Ein Moosling mit Blatthelm, der wütend eine Propagangazeitung liest.

⚖️ Fazit: Nicht jeder Irrweg führt in die Hölle

Aura of Decay ist ein starkes Comeback, dessen größte Tugend zugleich seine auffälligste Schwäche darstellt. Extol können unglaublich viel. Sie beherrschen technischen Death Metal, komplexe Rhythmik, schwebende Gitarrenmelodien, harschen Gesang und ausgedehnte progressive Kompositionen.

Und sie möchten möglichst wenig davon ungenutzt lassen. Das gelingt häufig hervorragend. Merciless Hunger verbindet aggressiven Vorwärtsdrang mit bemerkenswerter melodischer Klarheit. Phantom Dismay entwickelt aus vergleichsweise zurückhaltenden Passagen einen eindrucksvollen Spannungsbogen. Beneath the Dirt zeigt, wie musikalische Virtuosität einen Song bereichern kann, statt ihn lediglich zu überfrachten.

Das lange End of Times bildet einen würdigen Abschluss. Allerdings gibt es auch Momente, in denen Extol etwas zu viel auf einmal wollen. Vile Path besitzt starke Einzelpassagen, entwickelt daraus aber nicht dieselbe Geschlossenheit wie die besten Stücke. Dimness of Lingering Gloom wirkt mit seinen unterschiedlichen musikalischen Ideen stellenweise eher zusammengesetzt als zwingend entwickelt.

Die Platte verlangt Aufmerksamkeit und belohnt sie überwiegend. Aber nicht jede ihrer komplizierten Bewegungen führt tatsächlich zu einem interessanteren Ziel. Das sollte man ruhig sagen dürfen, auch wenn die Musiker beeindruckend gut spielen. Was Aura of Decay letztlich auszeichnet, ist jedoch etwas anderes.

Extol behandeln Härte und Schönheit nicht als Gegensätze, zwischen denen man sich entscheiden müsste. Sie lassen beide gleichzeitig zu. Dazu passt ein christlicher Hintergrund, der offenbar längst nicht mehr nur aus unerschütterlichen Glaubenssätzen besteht, sondern auch Zweifel, Verlust und Kritik an religiöser Bevormundung zulässt.

So entsteht eine Platte, die weder als gewöhnlicher Death Metal noch als musikalische Glaubensverkündigung angemessen beschrieben wäre. Sie ist zu widersprüchlich für das eine und zu eigenwillig für das andere.

Nach dreizehn Jahren sind Extol zurück. Nicht mit einer Offenbarung, sondern mit elf ziemlich guten Gründen, die eigenen Gewissheiten gelegentlich infrage zu stellen.

Und wer dafür den Himmel bemühen möchte, sollte vorsichtshalber vorher mit dem Schlagzeuger sprechen.

Der hat nämlich seine ganz eigene Vorstellung von göttlicher Ordnung.

FANTASYKOSMOS · ARCHIV DER DUNKLEN KLÄNGE

📀 Die Albumakte

Extol – Aura of Decay: Verhüllte Totengestalt mit Kreuz und ausgestreckter Hand vor einer kargen Landschaft, dahinter eine zerfallende Steinkugel
Extol
Aura of Decay
Veröffentlichung 6. November 2026
Label Solid State Records
Herkunft Norwegen
Genre Progressive Death Metal, Technical Death Metal
Formate CD, Vinyl, Digital
Spielzeit 44:52 Minuten
Album 6. Studioalbum
Besonderheit Erstes Studioalbum seit 2013

🎼 Besetzung und Produktion

Peter EspevollGesang
Christer EspevollGitarre
Ole Børud Gitarre, Bass, Gesang
David Husvik Schlagzeug, Gesang
ProduktionExtol
Mix und MasteringJens Bogren
Mix/Mastering-Studio Fascination Street Studios, Schweden
Aufnahmen Hawk Studios, Little Cave Studio, Hrada Creative
Cover-ArtworkHugh Syme

🎵 Trackliste

The One and the Many4:26
Disintegrate4:28
Sanctum0:58
Merciless Hunger4:23
Vile Path3:35
Phantom Dismay4:13
Shield and Alibi4:12
Wrecked Within Walls3:50
Dimness of Lingering Gloom4:44
Beneath the Dirt4:00
End of Times6:03
Gesamtspielzeit44:52
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