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🏛️ Efringen-Kirchen und das Verschwinden der kleinen Archive

Es beginnt – wie so vieles in deutschen Sagen – nicht in der Hauptstadt, sondern in einem Ort, dessen Namen man in Talkshows höchstens als Stichwort für „ländlichen Raum“ verwendet: Efringen-Kirchen. Dort steht – stand – ein Museum in einer Alten Schule. Dreißig Jahre Ehrenamt, tausende Stunden, Ausstellungen, Aufsichtsdienste, ein paar unermüdliche Gestalterinnen und Gestalter, die aus Vitrinen und Fundstücken so etwas wie ein lokales Gedächtnis gebaut haben.
Und dann kommt der moderne Drache: die Verwaltungsvorlage.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Brandschutzmängel, vorübergehende Schließung, Gemeindeentwicklungskonzept, in dem vom „ehemaligen Museum“ die Rede ist, lange bevor irgendjemand offiziell etwas beschließt. In der Januarsitzung des Gemeinderats wird die Schließung dann routiniert abgestimmt, die Variante „Betrieb unverändert fortführen“ geht im Getöse um eine befristete Archivarstelle unter. Man hat Wichtigeres zu tun: Gewerbesteuer A, Regionalplan, die übliche Liturgie des Kommunalalltags.
Für den Gemeinderat ist das Thema damit erledigt, für die Bürger fängt es da erst an. Leserbriefe sprechen von einem „schwarzen Tag“, von fehlender Lobby, von einem sinnvolleren Umgang mit einem „sinnstiftenden Ort“. Andere erinnern daran, dass hier Kinder und Enkel ihre Herkunft sehen konnten, nicht als PowerPoint Präsentation, sondern als rostigen Pflug oder altes Klassenzimmer. Das Museum, schreiben sie, sei nicht nur ein Gebäude gewesen, sondern „ein Ort des Dialogs zwischen Vergangenheit und Gegenwart“.
Das ist der Moment, in dem die Fantasy normalerweise einsetzt.
In jedem Epos gibt es eine Alte Schule
In klassischen Fantasy-Erzählungen ist das Setting bekannt: Irgendwo am Rand der Karte gibt es ein Haus, das älter ist als die aktuelle Verwaltungsgeneration. Eine Alte Schule, ein Kloster, ein Archiv, eine Hütte eines exzentrischen Gelehrten. Dort lagern die Dinge, die im großen Welttheater keine Bühne bekommen: Stammbäume, alte Werkzeuge, lokale Mythen, die keiner mehr zitiert, seit das Imperium seine eigene Geschichtsschreibung eingeführt hat.
In diesen Geschichten weiß der Rat: Solche Orte sind gefährlich. Nicht, weil sie Geld kosten, sondern weil sie Erinnerung produzieren. Und Erinnerung ist die einzige Magie, die Machtstrukturen wirklich stören kann.
In Efringen-Kirchen löst man dieses Problem eleganter: Man macht das Licht aus und nennt es „zunehmend geringe Besucherzahlen“ und „kostet nur Geld“. Dass ehrenamtliche Arbeit über Jahrzehnte überhaupt erst ermöglicht hat, dass hier etwas existiert, wird in die Vergangenheit ausgelagert, wie man in der Fantasy einen alten Orden auflöst: mit Bedauern, Dankesurkunden und einem strukturierten Auflösungsprozess namens „Entsammlung“.
Es ist erzählerisch fast perfekt: Die ehrenamtliche Vorsitzende spricht von einem „Trauerspiel“ und davon, dass alles „von langer Hand vorbereitet“ gewesen sei – der Plotpunkt, an dem die Leserin im Roman ahnt, dass jene Brandschutzschließung vor zwei Jahren in Wahrheit der erste Akt der Abwicklung war. Im Bericht des Gemeindeentwicklungskonzepts steht bereits „ehemaliges Museum“, bevor der Rat überhaupt offiziell beschließt. In einer Fantasy-Story würde man das Prophezeiung nennen. Im Verwaltungssprech heißt es einfach „Planungsstand“.
Entsammlung – das neue Wort für Verlust
Das vielleicht brutalste Detail dieser ganzen Farce steckt in einem Fachbegriff: Entsammlung. Das klingt neutral, ordentlich, fast hygienisch. Man sieht spontan Menschen mit Handschuhen vor sich, die Dinge sorgsam verpacken. In Wahrheit bezeichnet es den Moment, in dem man entscheidet, dass Objekte ihre Geschichte verlieren dürfen, weil sie mitsamt ihrer Bedeutung aus dem Zusammenhang gerissen werden.
In einer Welt von Elfen und Drachen wäre das ein Hochverrat: Die Abschaffung eines Archivs ohne Ritual, ohne Debatte, einfach per Mehrheitsbeschluss in einer Sitzung, in der es auch noch um Gewerbesteuer geht. In Efringen-Kirchen wird es ein Randpunkt, kommentiert mit Phrasen wie „kein Geld“, „keine Besucher“, als wären Museen kleine Freizeitparks, die sich bitteschön an der Menge der produzierten Kassenbons messen lassen sollen.
„Welche kulturelle Einrichtung schreibt schwarze Zahlen?“ fragt ein Leserbriefschreiber. Es ist eine dieser einfachen Fragen, die in ihrer Schlichtheit unanständig wirken, weil sie den Kern trifft: Kultur ist kein Geschäftszweig, der sich amortisieren muss wie ein Parkhaus. Sie ist die Infrastruktur, die dafür sorgt, dass jemand weiß, wofür dieses Parkhaus überhaupt steht.
Der große Bogen: Vom kleinen Dorf zum großen Reich
Warum lohnt es sich, so viel Tinte auf eine lokale Museumsschließung zu verschwenden? Weil hier im Kleinen sichtbar wird, was im Großen bereits Standard ist: Die systematische Reduzierung von Kultur auf das, was sich unmittelbar rechtfertigen lässt. Alles, was nicht Markt, Event oder Leuchtturm ist, gilt als entbehrlich.
Die Alte Schule von Efringen-Kirchen ist kein exotischer Sonderfall. Sie ist ein exemplarischer Schauplatz: Hier sieht man, was passiert, wenn Gemeinderäte – und ihre großen Geschwister in Landtagen und Konzernzentralen – ihren eigenen Orten nicht mehr zutrauen, Bedeutung zu haben, die sich nicht in Besucherzahlen und Haushaltszahlen ausdrückt. Man könnte für dieses Vorgehen einen Begriff prägen: Efringisierung – das stille, verwaltungskorrekte Abschalten kleiner Gedächtnisorte, bis nur noch die Marketingbroschüre übrig ist.
In Fantasy ist das die Vorgeschichte. Das Kapitel, das im Prolog kurz erwähnt wird, bevor der Held aufbricht und feststellt, dass die Welt kälter ist, seit die Archive schweigen. Auf der Karte ist die Alte Schule dann nur noch eine Ruine mit der Aufschrift „ehemaliges Museum“, über der in kursiver Schrift steht: Hier verschwand ein Teil des Gedächtnisses, ohne dass jemand die Glocken läutete.
Und was bleibt?
Am Ende dieses Dramas stehen ein paar Sätze, die man fast überlesen könnte: „Ich glaube nicht, dass sich da noch mal etwas tut“, sagt die frühere Fördervereinsvorsitzende. „Da steckt so viel Herzblut drin.“ Das ist kein großes Pathos, das ist resignierter Realismus. Genau der, den man angeblich in Kulturdebatten so dringend braucht.
Vielleicht ist das der eigentliche Fantasy-Moment: Dass die Figuren, die jahrzehntelang Magie in Form von ehrenamtlicher Arbeit erzeugt haben, am Ende erkennen müssen, dass der Rat ihre Leistung als nettes Vorspiel betrachtet hat. Nicht als Grund, das Stück weiterzuspielen.
Wenn solche Orte verschwinden, verlieren wir mehr als Ausstellungsräume, schreibt ein anderer Leserbriefschreiber. „Wir verlieren ein Stück von uns selbst.“ Man könnte hinzufügen: Und wir gewinnen eine freie Fläche im Gemeindeentwicklungskonzept.
Für die Fantasykosmos-Chronik halten wir fest:
In Efringen-Kirchen fiel an einem unspektakulären Montag ein kleines Museum. Es war kein Weltereignis, keine Live-Übertragung, kein Hashtag. Aber es war ein weiterer Stein im großen Turm der Vergessenheit, den unsere Gegenwart so gern baut.
Und irgendwann, wenn die nächste Generation sich fragt, warum sich die eigene Herkunft nur noch an Infotafeln auf Spielplätzen ablesen lässt, wird jemand sagen: „Damals gab es ein Haus, das alles wusste. Wir haben es geschlossen. Wegen Brandschutz. Und Geld.“
Was in einer guten Fantasy-Erzählung der Moment wäre, in dem man endlich beschließt, gegen den Rat aufzubegehren.
In der Realität ist es vorerst nur eine Lokalnachricht.
Und vielleicht wird man in ein paar Jahren in Kulturdebatten ganz selbstverständlich von Efringisierung sprechen, wenn irgendwo wieder ein Museum, ein Archiv oder eine kleine Bühne „aus Brandschutzgründen“ verschwindet und im Gemeindeentwicklungskonzept schon zwei Kapitel lang als „ehemalig“ geführt wurde.



