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Ildikó von Kürthys Kitsch, Denis Schecks Ton und das alte Problem von Druckfrisch
Warum der Streit um Denis Scheck größer ist als zwei Verrisse — und was er über die Herrschaftsrituale des deutschen Literaturbetriebs verrät.
In den alten Burgen des Kanons wird nicht nur gelesen. Dort wird sortiert, geadelt, verlacht und verbannt. Denis Schecks jüngste Verrisse in „Druckfrisch“ wären bloß die gewohnte Grobheit eines Betriebs, der seine Scharfzüngigkeit gern mit Urteilskraft verwechselt, hätte die ARD daraus nicht versehentlich etwas viel Größeres gemacht. Denn in dem Moment, in dem der Sender erklärte, in der Sendung gebe es „keinen Raum für Frauenfeindlichkeit“, stand plötzlich nicht mehr nur ein Kritiker im Licht, sondern eine ganze Literaturordnung. Auslöser waren Schecks Besprechungen in der „Druckfrisch“-Folge vom 29. März 2026, in der er Bücher von Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy abkanzelte; danach reagierten die beiden Autorinnen, Elke Heidenreich mischte sich ein, und am 10. April formulierte die ARD ihre Verteidigung.

Der Anlass ist nicht klein, aber er ist eben nur der Funke
Die konkreten Formulierungen waren der Zündsatz. Passmanns Buch beschrieb Scheck als Bewegung durch trübe Seichtgebiete des Bewusstseins, von Kürthys Werk als Geräuschkulisse aus einer festlich überhitzten Damentoilettenwelt. Passmann warf ihm daraufhin Arroganz gegenüber weiblich codierten Themen vor, von Kürthy sprach von Verachtung gegenüber lesenden und schreibenden Frauen, und Heidenreich fragte öffentlich, warum Gebührengeld solch einen Ton finanzieren solle. Die ARD hielt dagegen, das Geschlecht spiele in der Bewertung keine Rolle, und verwies darauf, dass Scheck in derselben Ausgabe mehr Autorinnen gelobt als kritisiert habe.
Nur: Genau an dieser Stelle beginnt das eigentliche Thema erst. Denn natürlich darf ein Kritiker verreißen. Er soll es sogar, wenn es etwas zu verreißen gibt. Und nein, man muss aus falsch verstandener Solidarität auch nicht so tun, als wäre jedes vielverkaufte Buch automatisch ein Ereignis der Sprache. Dass von Kürthys jüngster Text eher nach geschäftiger Befindlichkeitsware als nach literarischem Risiko riecht, darf jeder ohne Schuldgefühl feststellen, da reicht ein kurzer Blick ins Exponat. Schlechte Bücher haben keinen Anspruch auf Schonung. Aber die Frage ist eben nicht nur, ob verrissen wird. Die Frage ist, wie verrissen wird — und welche Stoffe in diesem Gestus fast automatisch in den Vorraum des Lächerlichen abgeschoben werden.
Das Urteil ist nie nur Urteil, sondern Hofzeremoniell
Der deutsche Literaturbetrieb liebt die Pose des freien, souveränen Geschmacks. In Wahrheit arbeitet er oft wie ein alter Hofstaat. Da gibt es die großen Hallen der Hochliteratur, die ehrwürdigen Namen, die mit Bedeutung gepanzerten Formen des Auftretens — und an den Toren stehen jene Wächter, die mit Blick, Ton und Geste darüber entscheiden, was als würdig durchgeht und was als Leichtware im Burggraben landen darf. Genau deshalb ist die Debatte um „Druckfrisch“ interessant: Sie zeigt nicht nur einen Mann mit scharfem Mundwerk, sondern eine sehr alte Hierarchie der Wertung.
Denn was in solchen Momenten auffällt, ist weniger die Bosheit als ihre Richtung. Nicht jedes Buch wird in denselben sprachlichen Kerker geworfen. Manche Werke werden hart angefasst, aber als ernsthafte Gegner behandelt. Andere werden schon im Ton ihrer Abfertigung zu etwas Kleinerem erklärt: zu Geschnatter, Nebensache, Milieugeplapper, dekorativem Ich-Geräusch. Und genau dort liegt der Verdacht, den Passmann und von Kürthy formulieren: nicht, dass Frauen niemals gelobt würden, sondern dass weiblich codierte Erfahrungsräume im alten Kritikritual schneller als mindere Zonen markiert werden. Das ist ein feinerer, aber sehr viel unangenehmerer Vorwurf.
Die Burg behauptet immer, sie sei neutral
Die Verteidigung der ARD ist darum fast lehrreicher als der eigentliche Ausfall. Denn Institutionen dieser Art sagen in solchen Fällen nie: Ja, hier ist ein Tonproblem sichtbar geworden, das wir uns ansehen. Sie sagen: Bei uns gibt es dafür keinen Raum. Gerade in dieser Formel steckt der ganze Selbstschutz einer Burg, die sich für ihre eigenen Mauern hält. Die Literaturordnung immunisiert sich gegen den Vorwurf, indem sie auf ihre abstrakten Prinzipien verweist — Vielfalt, Gleichbehandlung, Werk statt Person. Alles ehrenwerte Begriffe. Aber sie beantworten nicht die Frage, die im Raum steht: Nach welchen unsichtbaren Regeln wird hier eigentlich Ernst verteilt?
Scheck selbst argumentiert, er bewerte Texte, keine Geschlechter. Auch das kann man ihm als Absicht durchaus glauben. Nur ist das Feuilleton nicht die Polizei der inneren Motive, sondern der Ort, an dem Formen der Macht lesbar werden. Und Macht tarnt sich selten so gern wie als Neutralität. Die Burg sagt nicht: Wir bevorzugen bestimmte Arten von Literatur und bestimmte Arten, über Literatur zu sprechen. Die Burg sagt: Wir sprechen nur Klartext. Dass gerade dieser Klartext im Betrieb seit Jahrzehnten als männlich codierte Souveränität gilt, während andere Tonlagen viel schneller als Empfindlichkeit oder Beleidigtsein abgelegt werden, gehört zum eigentlichen Problem.
Frauenliteratur ist kein Randreich, aber sie wird oft so behandelt
Das Entscheidende an der Affäre ist deshalb nicht, dass hier zwei Autorinnen beleidigt worden seien. Das wäre zu klein und auch zu gemütlich. Entscheidender ist, dass sich ein uraltes Schema zeigt: Literatur über Beziehungen, Körper, Alltag, Altern, peinliche Selbstbefragung oder soziale Nahzonen wird im deutschen Betrieb noch immer auffällig oft anders gerahmt als Bücher, die sich in den Farben des Großen, Düsteren, Historischen oder Weltdeutenden ankündigen. Das muss nicht heißen, dass jene Bücher automatisch besser behandelt werden. Aber ihnen wird häufiger die Würde des ernsthaften Gegenstands zugestanden. Bei den anderen sitzt die Ironie oft schon mit am Tisch, bevor überhaupt ein Satz geprüft wurde.
Das Ärgerliche daran ist nicht nur seine Geringschätzung, sondern seine Faulheit. Denn gerade die schlechte oder mittelmäßige Gegenwartsliteratur über intime Nahwelten müsste mit Präzision kritisiert werden: Wo wird bloß protokolliert statt gestaltet? Wo wird Gefühl behauptet statt gebaut? Wo verwechselt ein Text Mitteilungsdrang mit Form? Da gäbe es viel zu tun. Aber der schnelle Spott spart Arbeit. Er ersetzt Analyse durch sozialen Reflex. Aus Kritik wird dann kein aufschlussreicher Abriss, sondern ein Hoheitszeichen: Der Torwächter zeigt, dass er die Provinz erkennt, noch bevor er sie betreten hat.
Das eigentliche Drama spielt nicht im Studio, sondern im Betrieb
Darum ist der Streit um „Druckfrisch“ auch kein Nebengeräusch aus dem Medienbetrieb, sondern ein ziemlich guter Schlüsseltext für den Zustand deutscher Literaturkritik. Er zeigt, wie gern sich der Betrieb seine Grausamkeit als Wahrhaftigkeit verkauft. Und er zeigt, wie schnell Institutionen diese Form des Auftretens decken, solange sie noch als kulturelle Autorität durchgeht. Die alte Burg des Kanons liebt ihre Torhüter. Nicht obwohl sie verletzen, sondern gerade weil Verletzung in solchen Systemen immer noch als Ausweis von Rang gilt.
Man kann das altmodisch nennen. Man kann es auch einfach erschöpft nennen. Denn der Betrieb wiederholt hier eine Rolle, die längst nicht mehr groß wirkt, sondern nur noch routiniert. Der öffentlich finanzierte Großkritiker als letzter Scharfrichter im Büchergraben — das ist keine lebendige Literaturkultur mehr, sondern ein Ritual, das sich für seine eigene Härte applaudiert.
Und vielleicht liegt genau darin die Pointe. Das Problem an Schecks Ton ist nicht, dass er böse wäre. Böse Kritik kann wunderbar sein. Das Problem ist, dass hinter dieser Art von Verachtung oft eine ganze alte Weltordnung sichtbar wird: eine Burg, die noch immer glaubt, sie müsse manche Bücher gar nicht mehr lesen, um sie schon von oben herab einsortieren zu können.
Nicht die Bosheit ist also der Kern des Problems.
Der Kern ist die Hierarchie, aus der sie kommt.



