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C. S. Lewis – Die Chroniken von Narnia
💥Der erste Schlag
Ich habe viele Kleiderschränke erlebt, aber nur einer hat eine ganze Generation aus der Nachkriegszeit raus in den Schnee geschoben. Narnia ist Zuckerwatte, Märchenwald und Missionsstunde in einem. Das ist zugleich rührend, nervig und verdammt einflussreich.
📖 Kurz zur Handlung
Vier Geschwister werden im Krieg aufs Land verfrachtet, stolpern in einem alten Haus durch einen Kleiderschrank und landen in Narnia, einem Winterreich unter der Herrschaft der Weißen Hexe. Dort treffen sie sprechende Tiere, einen beunruhigend majestätischen Löwen namens Aslan und geraten mitten in einen Befreiungskrieg. In späteren Bänden kehren sie zurück, lernen neue Verbündete kennen, segeln an den Rand der Welt, steigen unter die Erde hinab, begleiten ein Pferd auf der Flucht vor einem Wüstenreich und erleben schließlich die Schöpfung und das Ende Narnias. Am Ende steht kein offenes Türchen, sondern eine knallharte Jüngstes-Gericht-Fantasie.
🏛️ Der Ehrenplatz im Kanon
Narnia ist die Gussform der modernen Portal-Fantasy für Kinder. Kleiderschrank auf, neue Welt, Aufgabe, Rückkehr. Unzählige Reihen, Filme und Serien stehen in dieser Tradition, ob sie es mögen oder nicht. Zugleich ist die Reihe der sichtbar gewordene Wunsch, christliche Heilslehre als Abenteuer mit sprechenden Tieren zu verpacken. Genau diese Mischung macht sie zum Meilenstein und zum Streitfall.
👤 Wer ist der Schöpfer?
C. S. Lewis war Literaturprofessor in Oxford, Essayist, Apologet des Christentums und enger Freund von J. R. R. Tolkien. Tagsüber analysierte er mittelalterliche Texte, nachts schrieb er Kinderbücher, theologische Traktate und Briefromane mit Teufeln. Die Chroniken von Narnia entstanden Anfang der fünfziger Jahre und haben ihm einen Platz im Pantheon der Kinderfantasy gesichert, obwohl oder gerade weil er seine theologische Agenda deutlich eingearbeitet hat.
„Wer einmal König oder Königin von Narnia war, bleibt es für immer.“
(C. S. Lewis – Die Chroniken von Narnia)
🦁 C. S. Lewis – Die Chroniken von Narnia: Portalträume mit Heiligenschein
Die Chroniken von Narnia bestehen aus sieben Bänden, erschienen zwischen 1950 und 1956. Sie erzählen von Kindern aus unserer Welt, die durch Schränke, Bilder, Ringe und Tore in eine Parallelwelt gelangen, in der Löwen sprechen, Hexen herrschen und Könige Kronen aus Tierhaar tragen. Die Reihe wurde über hundert Millionen Mal verkauft und gehört zu den beständigsten Erfolgen der Kinder- und Jugendfantasy.
Gleichzeitig ist Narnia kein neutraler Märchenzyklus. C. S. Lewis verwebt christliche Motive so offensichtlich in seine Welt, dass kaum jemand die Reihe liest, ohne über Aslan als Christusfigur zu stolpern. Schöpfung, Kreuzigung, Auferstehung, jüngstes Gericht, das alles wandert in den Kleiderschrank mit hinüber.
Unser Artikel fragt deshalb zweierlei. Erstens: Wie funktionieren die Chroniken als formprägender Portal-Fantasy-Zyklus? Zweitens: Was bleibt von dieser Mischung aus märchenhaftem Zauber, moralischer Erzählung und religiösem Überbau, wenn man sie heute noch einmal nüchtern liest.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Den Auftakt bildet Der König von Narnia. Die Pevensie-Geschwister Peter, Susan, Edmund und Lucy werden während des Zweiten Weltkriegs aufs Land geschickt. Lucy findet im alten Haus des Professors einen Kleiderschrank, tritt hindurch und landet in einem verschneiten Wald. Narnia liegt unter der Herrschaft der Weißen Hexe, die ewigen Winter ohne Weihnachten verhängt hat. Es gibt eine alte Prophezeiung über vier Menschenkinder, die die Hexe stürzen werden. Edmund verrät seine Geschwister, wird von Aslan durch ein Opfer gerettet, am Ende besiegt man die Hexe und die Kinder herrschen als Könige und Königinnen, bevor sie wieder durch den Schrank in ihre Welt zurückfallen.
In Prinz Kaspian kehren sie zurück, finden Narnia in ferner Zukunft vor und helfen dem jungen Titelhelden, das Land von der Herrschaft der Telmarer zu befreien. Die Reise auf der Morgenröte schickt Edmund, Lucy und ihren unausstehlichen Cousin Eustace mit einem Segelschiff an den Rand der Welt. Sie treffen Drachen, Meerwesen, Inseln mit Wünschen und Albträumen. Am Ende scheint der Rand der Welt direkt in Aslans Reich zu führen.
Der silberne Sessel verlegt den Fokus nach Unterland, in dem eine Hexe einen verschollenen Prinzen gefangen hält. Der Ritt nach Narnia erzählt parallel zu Der König von Narnia die Geschichte eines Stalljungen und eines sprechenden Pferdes, die aus dem Wüstenreich Kalormen fliehen und in eine politische Intrige geraten. Das Wunder von Narnia springt in die Vergangenheit und schildert, wie Aslan durch Gesang Narnia erschafft und wie der verfluchte Laternenpfahl in den Wald kam.
Der letzte Kampf schließlich führt alles zu einem apokalyptischen Ende. Ein falscher Aslan wird von einem Affen und einem Esel inszeniert, politische und religiöse Manipulationen kulminieren in einer endgültigen Schlacht. Die alte Welt bricht zusammen, Türen schließen sich, die Treuen dürfen in eine „echte“ höhere Version Narnias einziehen. Wer nicht besteht, bleibt draußen.
Im Kern erzählen die Chroniken also mehrfach dieselbe Bewegung. Kinder aus einer kriegsgezeichneten, komplizierten Realität fallen in eine Welt, in der Gut und Böse viel klarer verteilt scheinen, werden geprüft, wachsen an ihren Fehlern und treten am Ende in eine höhere Ordnung ein.
❗ Wichtig: Bände und Reihenfolge
Publikationsreihenfolge (die klassische Leserfahrung):
- The Lion, the Witch and the Wardrobe – Der König von Narnia (1950)
- Prince Caspian – Prinz Kaspian von Narnia (1951)
- The Voyage of the Dawn Treader – Die Reise auf der Morgenröte (1952)
- The Silver Chair – Der silberne Sessel (1953)
- The Horse and His Boy – Der Ritt nach Narnia (1954)
- The Magician’s Nephew – Das Wunder von Narnia (1955)
- The Last Battle – Der letzte Kampf (1956)
Die interne Chronologie setzt Das Wunder von Narnia an den Anfang und schiebt Der Ritt nach Narnia mitten in die Zeit des Königs von Narnia. Diese Umordnung kam erst später auf. Viele Lewis Forscher und langjährige Leser bevorzugen die ursprüngliche Publikationsreihenfolge, weil nur so der Überraschungseffekt und die allmähliche Welterweiterung von Der König von Narnia richtig funktionieren.
🏛️ Warum ein Meilenstein der Fantasy?
Die Bücher entstehen im England der frühen fünfziger Jahre. Die Erinnerung an den Krieg ist frisch, der Wiederaufbau schleppend, das Empire beginnt zu bröckeln. Lewis schreibt vor diesem Hintergrund von Kindern, die ausgebombt und evakuiert wurden und in einer anderen Welt plötzlich wichtig werden. Narnia ist Eskapismus und moralische Erziehungsschule zugleich.
Literarisch stehen die Chroniken in einer Traditionslinie mit Alice im Wunderland und den Kinderbüchern von Edith Nesbit, die Kinder in magische Abenteuer verwickeln. Lewis geht jedoch einen Schritt weiter. Er baut eine vollständige Sekundärwelt mit eigener Geschichte, Mythologie und Chronologie und legt darüber eine theologische Schablone.
Über 100 Millionen verkaufte Exemplare, 47 Sprachen, dauerhafte Präsenz im Markt, bis heute. Der Einfluss ist enorm. Das Portal-Fantasy-Muster Kinder aus der normalen Welt, magischer Übergang, Queste, Rückkehr findet sich danach in unzähligen Werken. Narnia prägt das Bild sprechender Tiere als vollwertige Figuren ebenso wie die Vorstellung, dass Kinderfantasy große religiöse und philosophische Themen verhandeln darf.
Gleichzeitig ist Narnia ein negativer Referenzpunkt. Philip Pullman hat His Dark Materials als bewusstes Gegenstück geschrieben und kritisiert Lewis scharf für Sexismus, Religionspropaganda und problematische Darstellungen fremder Kulturen. Ohne Narnia gäbe es viele dieser Debatten in dieser Form nicht. Zweifellos ein Meilenstein, in mehr als einer Beziehung.

🔍 Stärken und Schwächen im Detail
🖋 Stil
Lewis schreibt klar, knapp und bilderreich. Die Sätze sind einfach genug für Kinder, aber oft doppelt kodiert, sodass Erwachsene Ironie, Theologie oder Gesellschaftsbiss mitlesen können. Besonders in Der König von Narnia gelingt ihm eine nahezu perfekte Balance aus Märchenhaftigkeit und spannungsgetriebenem Erzählen.
Problematisch wird es, wenn der Erzähler zu sehr kommentiert. An manchen Stellen erklärt Lewis Kindern sehr deutlich, was sie zu fühlen oder zu denken haben. Die didaktische Stimme schiebt sich dann vor die Geschichte. Trotzdem bleibt der Grundton so lesbar, dass die Reihe bis heute ohne stilistische Entschlackung funktioniert.
🧍♂️ Figuren
Die Kinder sind bewusst typisiert. Peter ist der verantwortliche Anführer, Susan die vernünftige Ältere, Edmund der schwankende Verräter und Lucy das kindliche Herz mit direktem Draht zum Wunder. Spätere Bände variieren dieses Grundmuster mit Eustace, Jill und anderen.
Die Stärke liegt in den Schwächen. Edmunds Verrat und seine spätere Reue gehören zu den stärksten Motiven der Reihe. Auch Eustaces Verwandlung vom nervigen Besserwisser zum Drachen und wieder zurück funktioniert als Charakterbogen erstaunlich gut.
Andererseits bleiben viele Figuren Projektionsflächen für Tugend oder Laster. Aslan ist mehr Symbol als Individuum. Typen wie der fröhliche Biber, der mutige Faun oder der strenge Zwerg haben klare Rollen und selten echte Ambivalenz. Aus moderner Sicht wirken sie teilweise flach, besonders im Vergleich zu späteren Reihen mit komplexeren Kinderfiguren.
🕒 Tempo und Aufbau
Die Bände sind kurz, direkt und erstaunlich straff erzählt. Kämpfe dauern selten länger als sie müssen, Nebenhandlungen werden nicht ausgewalzt. Narnia ist in dieser Hinsicht ein wohltuender Gegenpol zu modernen Reihen, die sich über tausend Seiten pro Band ziehen.
Die Kehrseite ist, dass manche Entwicklungen fast zu schnell abgehakt werden. Verrat, Läuterung, Vergebung, all das passiert in sehr komprimierten Bögen. Wer aus heutiger Fantasy epische Charakterentwicklung gewohnt ist, kann das als oberflächlich empfinden.
✨ Atmosphäre und Welt
Hier spielt die Reihe ihre größte Stärke aus. Der Moment, in dem Lucy mit nackten Füßen in den Schnee tritt, die Laterne im Wald, der erste Auftritt der Weißen Hexe, die Segel der Morgenröte im goldenen Licht, der Gesang bei der Weltschöpfung. Diese Bilder brennen sich ein.
Die Mischung aus britischer Landidylle, Märchenwald, antiken Mythen und christlicher Symbolik erzeugt eine Welt, die für Kinder zugänglich und für Erwachsene deutungsoffen ist. Narnia fühlt sich nicht wie ein komplexes Worldbuilding-Projekt an, sondern wie ein Traum, der sich trotzdem an ein paar klaren Regeln orientiert.
⚖️ Was trägt heute noch, was ist schlecht gealtert?
✨ Was gut gealtert ist
Gut gealtert ist vor allem die Grundidee des Portals. Kinder, die in einer grauen, von Krieg und Erwachsenenproblemen überschatteten Realität leben, finden eine Tür in eine Welt, in der sie ernst genommen werden und etwas bewegen. Das ist zeitlos und erklärt bis heute die Faszination der Reihe.
Ebenfalls stark geblieben ist Edmunds Handlungsstrang. Verrat aus verletztem Stolz, Verführung durch Schmeichelei und Süßigkeiten, später echte Reue und tätige Umkehr. Dieser Bogen wirkt psychologisch glaubhaft, auch wenn die Bühne märchenhaft ist.
Formal überzeugt die Kürze. Narnia zeigt, dass man mit knapp erzählten Abenteuern und starken Bildern mehr erreichen kann als mit endlosen Erklärungen. Viele Szenen haben eine Klarheit, die auch heutigen Lesern guttut.
⚠️ Was schlecht gealtert ist
Schwach gealtert ist das Frauenbild. Die Reihe zelebriert Lucy als reine, kindliche Heldin, aber bestraft Susan für das Erwachsenwerden. Im letzten Band wird sie faktisch aus Narnia hinausgeschrieben, weil sie sich angeblich nur noch für Partys, Mode und Schminke interessiert. Das sendet eine klare Botschaft: Kindliche Unschuld ist gut, weibliche Sexualität ist Verrat.
Problematisch sind auch die Darstellungen fremder Völker. Das Wüstenreich Kalormen wirkt wie ein Sammelbecken orientalischer Stereotype. Dunkle Haut, Turbane, brutale Religion, Sklaverei, Despotismus. Der Text legt nahe, dass die narniatische Seite moralisch überlegen ist, weil sie Aslan verehrt, während die anderen einem falschen Gott folgen. Aus heutiger Sicht ist das ein Kolonialblick, den man nicht überlesen kann.
Hinzu kommt der deutliche religiöse Unterton. Aslan als Heilsfigur, die klar zwischen „Freunden Narnias“ und allen anderen trennt, der Abschluss mit einer Art Kinderhimmel, die Deutung von Leid als notwendige Prüfung. Für manche Leser ist das tröstlich, für andere wirkt es manipulativ.
Wer Narnia heute liest, sollte genau wissen, dass hier nicht nur erzählt, sondern auch gepredigt wird. Dann lässt sich die Reihe würdigen, ohne ihr blind zu verfallen.
📜 Fazit
Die Chroniken von Narnia sind kein harmloser Märchenzoo, sondern ein ideologisch klar aufgeladener Klassiker, der Kinder durch einen Kleiderschrank direkt in eine Heilslehre schiebt. Genau deshalb gehört er in die Meilensteine. Wer verstehen will, wie tief christliche Symbolik, britische Nachkriegsmoral und koloniale Weltbilder in der Fantasy sitzen können, kommt an Narnia nicht vorbei.
Gleichzeitig bleiben die starken Bilder: der Laternenpfahl im Schnee, der Löwe im Nebel, das Schiff am Rand der Welt. Narnia ist ein Buchpaket, das uns gezeigt hat, wie mächtig Portal-Fantasy sein kann und wie gefährlich es ist, wenn sie so tut, als sei ihre Moral naturgegeben. Man kann diese Reihe lieben, kritisieren oder beides gleichzeitig, aber ignorieren kann man sie nicht.
🏅 Unsere Klassiker-Ehrentafel
Status: Kanon-Pflicht
Lese-Erfahrung: Die Chroniken von Narnia lesen sich wie eine Mischung aus Lagerfeuergeschichte, Sonntagsschule und britischer Kinderferienidylle. Man stolpert ständig zwischen echter Magie, klugen Einfällen und fragwürdigen Botschaften hin und her.
Für wen geeignet: Für Leser, die wissen wollen, wo moderne Kinder- und Portal-Fantasy herkommt und bereit sind, klassische Stoffe mit wachem Blick zu lesen.
Für wen eher nicht: Für alle, die allergisch auf deutliche religiöse Agenda reagieren oder die bei rassistischen und sexistischen Untertönen nicht in den Analysemodus schalten wollen.

Originaltitel: The Chronicles of Narnia
Deutscher Titel: Die Chroniken von Narnia
Autor: Clive Staples Lewis
Erstveröffentlichung: 1950 bis 1956, verschiedene Bände, Verlag Geoffrey Bles und The Bodley Head
Reihe: Abgeschlossener siebenteiliger Zyklus
Umfang: Sieben Bände, je nach Ausgabe insgesamt etwa 1500 bis 1700 Seiten
Deutsche Ausgabe: Diverse Sammelausgaben, etwa Ueberreuter Gesamtausgabe im Schuber
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