Coil – Backwards (Review)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Coil – Backwards

🧿 Kurzfazit
Backwards ist Coil in Reinform: fragmentarisch, bedrückend, trancehaft und emotionaler, als es jede „Industrial“-Schublade zulässt; ein rekonstruiertes Geisteralbum, das sich erstaunlich geschlossen anfühlt.

🎯 Für wen?
Für Hörer, die bei Begriffen wie Post-Industrial, Dark Ambient und experimentelle Elektronik nicht zusammenzucken, sondern das Licht dimmen; für Leute, denen Love’s Secret Domain zu clubbig und Musick To Play In The Dark zu kammermusikalisch ist und die genau dazwischen wohnen wollen.

🎧 Wie klingt das?
Ausgeblichene 90er-Elektronik, brüchige Beats, schleppende Bassfiguren und metallische Loops treffen auf Jhonn Balances massiven, fast predigenden Gesang; analoge Verzerrungen, Bandrauschen und kleine Mix-Fehler werden nicht kaschiert, sondern tragen zur „Nichts hier ist ganz stabil“-Atmosphäre bei.

💿 Highlights
Backwards, A Cold Cell, Fire Of The Mind

⚠️ Nichts für dich, wenn…
du von Archivveröffentlichungen makellosen Hi-Fi-Sound, klare Hooks und schnelle Belohnungen erwartest; Backwards ist eher ein verstörendes Nachtprotokoll als eine Playlist-freundliche „Best Of Coil“.


🌀 Coil – Backwards: Das verlorene Album, das endlich weiß, wohin es gehört

Mythisches „Lost Album“, zwischen Clubgeistern der 90er und Nachtandacht im Kerker: Backwards wirkt 2026 weniger wie Archivpflege und mehr wie ein sorgfältig restaurierter Raum im Coil-Labyrinth. Für uns das erste unerwartete Geschenk des noch jungen Jahres.

🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Post-Industrial, Dark Ambient, experimentelle Elektronik
Vergleichbar mit: späte Throbbing Gristle, frühe Nine Inch Nails im Drogennachhall, die Schattenseite von Musick To Play In The Dark
Klangfarbe: fiebrige 90er-Studioluft aus New Orleans, kaltes Flackern von Synths und FX, dazu Balances Stimme wie eine Mischung aus Beichtstuhl, Fiebertraum und Endzeitfunkgerät.

Highlights

Backwards – Der Titelsong ist Coil-Dramaturgie im komprimierten Format: ein stoischer Beat, darunter modulierte Synthfahnen, darüber Balance, der eher beschwört als singt. Der Track pendelt zwischen mantröser Club-Hypnose und apokalyptischem Spoken Word und klingt wie ein Fenster in jene Nothing-Studios-Welt, die hier konserviert wurde.

A Cold Cell – Einer der emotionalen Schwerpunkte: schlichtes, beinahe sakrales Gerüst, darüber Balances Stimme als Gefängnisgebet; das Arrangement ist extrem reduziert, was jede kleine Klangverwerfung größer wirken lässt. Dass der Song längst zum Kanon zählt, ändert nichts daran, wie roh und verletzlich er im Kontext von Backwards wirkt.

Fire Of The Mind – Abschluss als Stich in Zeitlupe: melodisch fast „klassisch“, aber von einer Trostlosigkeit, die eher seelische Brandruine als Katharsis ist. Hier wirkt das Album plötzlich sehr nah an The Ape Of Naples, nur ohne dessen Abschiedsrahmen – mehr eine Vision, was kommen sollte, als ein Epilog.

🎨 Artwork

Weil weniger schon immer mehr war: Das Backwards-Cover ist Coil-Minimalismus in Reinform: matte schwarze Fläche, darauf ein feines, kreisförmiges Orbit-Diagramm in Grau, als hätte jemand ein planetarisches Modell auf Esoterik heruntergekocht. In der Mitte steht schlicht COIL, unten, fast wie ein versteckter Fehler im System, der Schriftzug BACKWARDS, sauber gespiegelt. Keine Bildcollage, keine Totenköpfe, nur Geometrie, Leere und ein Titel, der schon optisch aus der Norm fällt. Es sieht weniger nach „Album“ aus als nach einer Schutzhülle für ein verbotenes Handbuch, was für Coil natürlich exakt richtig ist.


🪦 Besondere Momente

Die Produktion oszilliert hörbar zwischen Demo-Charakter und ausgearbeiteten Studioversionen: manche Vocals klingen, als würden sie direkt aus dem Kontrollraum microphone-bleedend ins Album sickern, andere Passagen sind gestochen scharf und nah.

Die Rhythmik wirkt oft wie aufgefundener Schutt: Loops stolpern, Patterns kippen minimal aus der Geraden, als wären sie bewusst nicht „gefixt“ worden, um den fragilen Zustand der Aufnahmen zu markieren.

Einzelne Klangsignale – verzerrte Chöre, rückwärts gezogene Geräusche, entkernte Drum-Patterns – tauchen in späteren Coil-Werken wieder auf und lassen Backwards wie ein offenes Archiv ihrer eigenen Zukunft erscheinen.

Die neue 10th-Anniversary-Edition verpackt das Ganze in ein Gatefold mit silberner Prägung und mehreren Vinylvarianten; der Luxusrahmen steht in hübschem Kontrast zum oft bewusst „unfertig“ wirkenden Material.

🪓 Fazit

Nach Love’s Secret Domain arbeitete Coil mehrere Jahre an einem Album, das ursprünglich für Trent Reznors Label Nothing Records vorgesehen war. Die Sessions begannen Anfang der 90er in London und wurden Mitte des Jahrzehnts in Reznors Nothing Studios in New Orleans weitergeführt, wo Backwards 1996 in einer fertigen Version vorlag.

Veröffentlicht wurde dieses Album damals nie. Einzelne Songs wanderten in veränderter Gestalt auf The Ape Of Naples und The New Backwards; andere zirkulierten als Demos und Bootlegs und nährten den Mythos vom „verlorenen Coil-Album“, das überall und nirgends existierte.

2015 erschien Backwards dann erstmals offiziell bei Cold Spring, in einer Form, die sich eng an den 90er-Entwurf anlehnt und die New-Orleans-Ära bündelt. Die 10th-Anniversary-Reissue von 2026 dreht an der Präsentationsschraube: mehrere farbige 2-LP-Editionen, jeweils plus CD, Gatefold mit Mattlack und Silberdetails und optional eine zusätzliche Demos-Disc für diejenigen, die wirklich jede Schicht der Entstehung nachvollziehen wollen.

Im Coil-Kosmos markiert Backwards damit die Brücke von der LSD-Phase zu den nächtlichen Seancen von Musick To Play In The Dark: weniger cluborientiert als die frühen 90er, aber noch nicht so geisterhaft reduziert wie das Spätwerk; eher ein Laborbericht aus der Übergangszone als ein nachträglich geglättetes Best-Of.

Na klar, Backwards ist kein „perfektes“ Album, und genau deshalb funktioniert es nach unserer Meinung. Wer Coil vor allem wegen ihrer makabren Klarheit auf The Ape Of Naples liebt, findet hier die rohere, suchende Vorstufe: eine Sammlung von Songs, Skizzen und fast fertigen Statements, die mehr in ihrem Zusammenspiel wirken als einzeln.

Für Einsteiger ist das hier ein schwieriger Startpunkt, für Coil-Bewunderer aber eine der wichtigsten Veröffentlichungen der letzten Jahre: eine offizielle, liebevoll präsentierte Momentaufnahme aus einer Schaffensphase, die lange nur als Mythos kursierte.

Wenn Archivpflege so aussieht, dürfen andere Kultbands gern abschauen. Wir sind jedenfalls tief beeindruckt von diesem Werk.

Quadratisches, minimalistisch gestaltetes Coil-Backwards-Cover in einem verrosteten Metallrahmen vor rissigem, dunkelblauem Stein: auf schwarzem Hintergrund mehrere feine weiße Kreise mit Punkten wie Planetenbahnen und dem Schriftzug „COIL“ in der Mitte; am unteren Rand steht der Titel „BACKWARDS“ gespiegelt.
Künstler:Coil
Albumtitel:Backwards (10th Anniversary Reissue)
Erscheinungsdatum:23. Januar 2026 (Originalveröffentlichung: 9. Oktober 2015)
Genre:Post-Industrial / Dark Ambient / experimentelle Elektronik
Label:Cold Spring
Spielzeit:ca. 65 Minuten

Backwards
Amber Rain
Fire Of The Green Dragon
Be Careful What You Wish For
Nature Is A Language – The Test
Heaven’s Blade
Copacaballa
Paint Me As A Dead Soul
AYOR (It’s In My Blood)
A Cold Cell
Fire Of The Mind

🎬 Offizielles Video

Offizielles Musikvideo zu „A Cold Cell“ – einer der zentralen Songs aus Backwards von Coil. Remaster/Upload über YouTube:

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