Cirith Ungol – All the Shadows (Review)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Cirith Ungol – All the Shadows

🧿 Kurzfazit
All the Shadows ist ein bockstarkes, eigenwilliges und richtig kraftvolles Epic-Heavy-Metal-Album, auf dem Cirith Ungol ihre klassische Klangsprache mit einer etwas schärferen Gitarrenausrichtung verbinden. Die acht Kompositionen wechseln überzeugend zwischen treibendem Heavy Metal, ausladender Doom-Schwere und ungewöhnlich feinen melodischen Momenten. Tim Baker erweitert seine vokalen Ausdrucksmöglichkeiten, während Armand John Anthony die schwierige Nachfolge an der Gitarre bemerkenswert souverän meistert. Gelegentlich vermisst man die verschrobenen Blues-Einflüsse seiner Vorgänger. Insgesamt aber gelingt der Band eine musikalisch substanzielle Rückkehr, die weit über jede nostalgische Pflichtübung hinausgeht.

🧭 Für wen & vergleichbar mit
Optimal für Hörer von Manilla Road, Brocas Helm, Pagan Altar, Solstice, frühen Candlemass, Warlord und Satan. Ebenso für Freunde jenes eigenwilligen Heavy Metals, der noch genügend Hardrock, psychedelische Einflüsse und düstere Fantasyatmosphäre in seinen Adern trägt.

🎼 Highlights
On Broken Wings, Shadow Reflection, Hollow Nimbus

⛔ Für wen eher weniger geeignet?
Klar, wer ausschließlich modernen, makellos arrangierten Heavy Metal mit glatten Gesangsmelodien bevorzugt, dürfte bei Cirith Ungol weiterhin ernste Anpassungsprobleme bekommen. Tim Bakers Stimme bleibt eine Zumutung im allerbesten Sinne, die Gitarren verweigern sich gelegentlich gewohnten Schönheitsvorstellungen, und die Musik besitzt eine kauzige Eigenlogik, die ihren Hörern etwas Aufmerksamkeit abverlangt.

Cover von Cirith Ungol – All the Shadows. Die Fantasy-Illustration von Michael Whelan zeigt den weißhaarigen Elric von Melniboné mit Schwert und rotem Umhang vor einer riesigen, gehörnten und skelettartigen Schreckensgestalt. Grünliche Monster, geisterhafte Figuren und aufgewühlte Wassermassen umgeben die Szene. Oben steht der rote Bandname, unten der goldene Albumtitel.

⚔️ Cirith Ungol – All the Shadows: Der Abschied war doch nur eine Drohung

Erinnert ihr euch noch? 2024 hatten Cirith Ungol ihre Abschiedsrunde angekündigt. Die Fans durften sich auf einen würdigen Schlussakkord einstellen, die Sammler ihre Vitrinen neu sortieren und die Chronisten ein letztes Kapitel über eine der eigensinnigsten Heavy-Metal-Bands der Geschichte schreiben. Zwei Jahre später erscheint All the Shadows. Acht neue Songs. Vierzig Minuten. Offenbar hatte irgendjemand vergessen, den Musikern zu erklären, was das Wort Ruhestand bedeutet. Zum Glück!

Die Kalifornier waren schließlich noch nie besonders talentiert darin, vernünftige Karriereentscheidungen zu treffen. Ihr früher Metal klang zu sonderbar für den Mainstream, zu roh für die Hochglanzfraktion und zu eigenwillig für ein Genre, das sich damals erst auf verbindliche Spielregeln einigen musste. Während andere Bands ihre Marktfähigkeit optimierten, entwickelte Cirith Ungol eine musikalische Handschrift, die bis heute jedem Versuch einer ordentlichen Kategorisierung hartnäckig widersteht. Auf All the Shadows ist davon erfreulich wenig verlorengegangen.

Tim Baker singt weiterhin, als würde er einer feindseligen Gottheit aus nächster Nähe die Kündigung überreichen. Robert Garven treibt die Musik mit einer Schlagzeugarbeit voran, die ihre Wurzeln im Hardrock der Siebziger nie verleugnet. Jarvis Leatherbys Bass bewegt sich mit einer bemerkenswerten Eigenständigkeit zwischen den Gitarrenfiguren. Und Armand John Anthony, inzwischen alleiniger Gitarrist, steht vor der anspruchsvollen Aufgabe, gleich zwei prägende Vorgänger zu ersetzen.

Gerade dieser letzte Punkt hätte das Unternehmen empfindlich beschädigen können. Greg Lindstrom und Jim Barraza hinterließen schließlich eine Gitarrensprache, deren eigentümliche Mischung aus Heavy Metal, Blues, Doom und psychedelischem Hardrock wesentlich zur Identität der Band gehörte. Anthony bringt eine direktere, stärker im klassischen Metal verwurzelte Spielweise mit. Die Musik gewinnt dadurch an Schärfe, gelegentlich auch an Geradlinigkeit. Ein wenig von ihrer alten, wunderbar schiefen Siebzigerjahre-Romantik muss sie dafür hergeben.

Und zur Hölle ja: Der Handel geht auf.

All the Shadows klingt kräftig, dunkel und erstaunlich lebendig. Die Songs besitzen eine ausgezeichnete rhythmische Grundlage, lassen ihren melodischen Einfällen genügend Platz und profitieren von Tim Bakers weiterhin vollkommen unverwechselbarer Stimme.

Vor allem aber gelingt der Band etwas, das bei solchen späten Rückkehrgeschichten selten selbstverständlich ist: Ihre neuen Kompositionen haben eine eigene Daseinsberechtigung. Sie müssen sich weder hinter den Klassikern verstecken noch deren ehemalige Glanzpunkte nachstellen.

Das dürfte den Verantwortlichen für die ursprünglich geplante Abschiedsfeier einige planerische Schwierigkeiten bereiten.

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🎧 Was erwartet dich?

Genre(s): Epic Heavy Metal, Epic Doom Metal, Traditional Heavy Metal, Proto-Doom

🎼 Musikalische Einordnung: Cirith Ungol verbinden auf All the Shadows epischen Heavy Metal mit schweren Doom-Riffs, Siebzigerjahre-Hardrock und gelegentlichen psychedelischen Ausflügen. Treibende, beinahe galoppierende Rhythmen wechseln mit schleppenden Passagen, ausdrucksstarken Gitarrensoli und unerwartet zurückhaltenden melodischen Momenten.

Die neue Gitarrenbesetzung verleiht dem Material mehr unmittelbare Metal-Härte, während Tim Bakers extremer Gesang und die eigenwillige Rhythmusarbeit den unverwechselbaren Charakter der Band bewahren. Die acht Songs reichen von kompakten Angriffen bis zu ausgedehnten, dramatisch entwickelten Kompositionen.

🔊 Klangbild: All the Shadows klingt kräftig, warm und erfreulich unverstellt. Die Gitarre besitzt eine schneidende, leicht raue Präsenz, während Jarvis Leatherbys Bass ungewöhnlich deutlich hervortritt. Robert Garvens Schlagzeug wirkt druckvoll und lebendig, mit genügend Raum für kleine rhythmische Eigenheiten.

Tim Bakers Stimme steht markant im Vordergrund, ohne die Instrumente zu erdrücken. Akustische Gitarren, melodische Leads und hallgetränkte Effekte erweitern das Klangbild. Die Produktion hält die Instrumente sauber auseinander und bewahrt den etwas spröden, organischen Charakter der Band.

🎬 Offizielles Lyric-Video: All the Shadows

Cirith Ungol kehren mit All the Shadows zurück. Treibende Heavy-Metal-Riffs, Robert Garvens donnernder Rhythmus und Tim Bakers unverwechselbare Stimme machen deutlich, weshalb diese Band ihre Abschiedsfeier offenbar für verfrüht hielt. Dazu gibt es die düstere Fantasykunst von Michael Whelan.

⚔️ Drei Kapitel aus dem Buch der schwarzen Könige

On Broken Wings

Ausgerechnet Cirith Ungol, deren Sänger jahrzehntelang mit einer Stimme zwischen Raubvogelattacke und apokalyptischem Warnsignal auftrat, beginnen ihr längstes Stück mit akustischer Gitarre und einer beinahe zärtlichen Gesangspassage. Tim Baker singt tief, zurückhaltend und ungewöhnlich verletzlich. Die ersten Momente von On Broken Wings besitzen eine Intimität, die im bisherigen Werk der Band nur selten so deutlich zu hören war. Hier scheint die Zeit kurz stillzustehen, während die akustischen Gitarren eine melancholische Melodie entfalten. Dann treten die verzerrten Gitarren hinzu, und der Song gewinnt erheblich an Gewicht.

Entscheidend ist, dass die anfängliche Zurückhaltung erhalten bleibt. Auch in seinen härteren Abschnitten besitzt On Broken Wings eine melancholische Grundierung. Armand John Anthony entwickelt lange, ausdrucksstarke Gitarrenlinien, während Jarvis Leatherby mit warmen, beweglichen Bassfiguren das harmonische Fundament erweitert. Der Song wächst über seine gut sieben Minuten zu einer bemerkenswert vielseitigen Komposition heran. Schwere Riffs wechseln mit helleren melodischen Sequenzen, Baker nutzt verschiedene Stimmlagen, und die instrumentalen Übergänge wirken erstaunlich natürlich.

Besonders stark ist, wie die Band mit melodischer Leichtigkeit umgeht. Für einen Moment scheint die Musik beinahe zu schweben, bevor die vertraute Schwere erneut zurückkehrt. Das ist einer der wichtigsten Songs des Albums, weil Cirith Ungol hier tatsächlich eine neue Ausdrucksmöglichkeit erschließen. Die Musiker erweitern ihre Sprache, ohne deren charakteristische Eigenheiten aufzugeben. Oh ja, man kann fünfzig Jahre Heavy Metal spielen und trotzdem noch etwas entdecken. On Broken Wings liefert dafür einen ausgesprochen überzeugenden Beweis.

Shadow Reflection

Der Einstieg gehört Robert Garven. Wuchtige, beinahe tribale Trommelschläge eröffnen das Stück, bevor Jarvis Leatherby mit einer galoppierenden Basslinie übernimmt. Eine verhallte Leadgitarre zieht ihre Kreise darüber, und allmählich entwickelt sich ein Rhythmus, der überraschend viel klassischen Hardrock in sich trägt. Man hört Thin Lizzy und frühe Iron Maiden heraus, stellenweise sogar etwas von der ungebändigten Südstaatenenergie alter Molly Hatchet-Platten. Dann beginnt Tim Baker zu singen.

Schlagartig wird aus dem beinahe vertrauten Hardrock-Groove eine düstere, epische Angelegenheit. Bakers Stimme verleiht den rhythmischen Figuren einen finsteren Ausdruck, während Anthony immer neue melodische Akzente setzt. Gerade die Gitarrenarbeit verdient besondere Aufmerksamkeit. Die Soli besitzen melodische Klarheit und einen warmen, leicht nostalgischen Charakter, der innerhalb der metallischeren Ausrichtung des Albums besonders reizvoll wirkt. Die Komposition entwickelt ihren großen Spannungsbogen aus dem Zusammenspiel von Rhythmus und Harmonie. Einzelne Instrumente treten hervor, verschwinden wieder im Ensemble und geben einander genügend Raum. Daraus entsteht eine bemerkenswerte Leichtigkeit für eine Band, die normalerweise schon beim Stimmen ihrer Instrumente eine gewisse Endzeitstimmung verbreitet.

Der Song zeigt besonders überzeugend, dass Cirith Ungol auch mit neuer Gitarrenbesetzung jene merkwürdige Mischung aus Hardrock-Tradition und dunklem Epic Metal beherrschen. Ein Höhepunkt, gerade weil er weder den einfachen Geschwindigkeitsrausch noch den großen Doom-Hammer benötigt.

Hollow Nimbus

Hollow Nimbus gehört zu jenen Songs, bei denen man nach wenigen Takten wieder versteht, weshalb Tim Baker seit Jahrzehnten zu den faszinierendsten Sängern des traditionellen Heavy Metals gehört. Seine Stimme entwickelt hier ein ausgesprochen finsteres Lamento, dessen beinahe verzweifelte Intensität die gesamte Komposition prägt. Darunter arbeitet eine bemerkenswert bewegliche Rhythmusgruppe. Robert Garven treibt den Song mit kraftvollen Schlägen voran, während Jarvis Leatherby melodische Bassfiguren entwickelt, deren Wurzeln deutlich im klassischen Heavy Metal liegen. Die Gitarre reagiert darauf mit zunächst scharfen, später zunehmend melodischen Linien.

Der entscheidende Moment entsteht aus dem Gegensatz zwischen Bakers Gesang und der instrumentalen Entwicklung. Während die Stimme immer tiefer in ihre düstere Ausdruckswelt eintaucht, eröffnet Armand John Anthony mit seinem Gitarrenspiel eine andere Perspektive. Sein melodisches Solo wirkt beinahe wie eine Befreiung aus der zuvor aufgebauten Beklemmung. Das ist großes Heavy-Metal-Handwerk, weil die emotionale Wirkung unmittelbar aus der musikalischen Bewegung entsteht. Dazu besitzt der Song eine leicht psychedelische Färbung, die an die verschrobenen Seiten früherer Cirith Ungol-Veröffentlichungen erinnert.

Hollow Nimbus ist deshalb ein besonders gelungenes Beispiel für die musikalische Balance des Albums: düster, kraftvoll, eigenwillig und überraschend melodisch. Ein Song, dessen Spannung weit über sein eigentliches Riffmaterial hinausreicht. Genial!

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🖼️ Artwork

Michael Whelan liefert für All the Shadows erneut ein Cover, das hervorragend in die lange Bildgeschichte von Cirith Ungol passt. Im Mittelpunkt steht eine gewaltige, gehörnte Schreckensgestalt, deren skelettartiger Schädel unter einer goldenen Krone hervorragt. Violette Gewänder hängen in Fetzen von ihrem Körper, während grünlich graue Wassermassen und gespenstische Kreaturen die Szene umgeben.

Davor steht Elric von Melniboné, weißhaarig, mit rotem Umhang und gezogenem Schwert. Der berühmte Antiheld aus Michael Moorcocks Fantasykosmos wirkt angesichts seines gewaltigen Gegners geradezu winzig. Sein Mut scheint davon allerdings unbeeindruckt. Was angesichts der Abmessungen des Monsters entweder heldenhaft oder ein akuter Mangel an Gefahrenbewusstsein ist. Whelans Bild lebt von der dramatischen Größenverschiebung zwischen den beiden Figuren. Der kleine Schwertkämpfer behauptet sich gegen eine übermächtige, beinahe kosmische Bedrohung. Die dunklen Grün- und Blautöne, das kalte Licht und die zahllosen grotesken Details verleihen der Illustration eine eindrucksvolle räumliche Tiefe.

Besonders gelungen ist die Verbindung zur visuellen Tradition der Band. Cirith Ungol verwenden seit Jahrzehnten Whelans Elric-Illustrationen und haben damit eine der eigenständigsten Beziehungen zwischen Fantasykunst und Heavy Metal geschaffen. Dieses Cover führt die Tradition würdig fort. Ein großartiges Gemälde voller Bewegung, unheimlicher Details und klassischer Sword-and-Sorcery-Dramatik.

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✨ Besondere Momente

🎤 Tim Baker und die Kunst des kontrollierten Ausnahmezustands

Mit 69 Jahren besitzt Tim Baker eine Stimme, die nach wie vor sämtliche Vorstellungen über altersbedingte Milde missachtet. Sein scharfes, hoch angesetztes Kreischen bleibt unverwechselbar. Auf All the Shadows erweitert er dieses Ausdrucksspektrum jedoch um tiefe Gesangslinien, gesprochene Passagen, Flüstern und ungewöhnlich zurückhaltende Momente.

Gerade diese neuen Farben machen seine Leistung interessant. Die Stimme gewinnt an Vielseitigkeit und bleibt trotzdem jederzeit erkennbar. Manche Sänger altern in Richtung angenehmer Berechenbarkeit. Baker scheint beschlossen zu haben, diese Möglichkeit gar nicht erst in Betracht zu ziehen.

🎸 Ein Gitarrist, zwei Vorgänger und kein Grund zur Panik

Armand John Anthony steht vor einer schwierigen Aufgabe. Mit Greg Lindstrom und Jim Barraza sind zwei Musiker ausgeschieden, deren Gitarrenarbeit das Klangbild der Band maßgeblich geprägt hatte. Anthony muss nun allein eine musikalische Rolle ausfüllen, die zuvor auf mehrere Schultern verteilt war.

Das gelingt ihm bemerkenswert überzeugend. Seine Riffs wirken direkter und metallischer, während die Soli und melodischen Übergänge genügend Raum für die eigentümliche Cirith-Ungol-Atmosphäre lassen. Gelegentlich vermisst man die bluesigere, psychedelischere Handschrift seiner Vorgänger. Anthony bringt dafür eigene Stärken ein und verändert den Charakter der Band an einigen Stellen produktiv. Die neue Besetzung klingt selbstbewusst und musikalisch geschlossen.

🥁 Robert Garven hat offenbar die falsche Geburtsurkunde

Während moderne Metalproduktionen ihre Schlagzeuger gern auf die Funktion menschlicher Präzisionsinstrumente reduzieren, spielt Robert Garven weiterhin mit einer erfreulich eigenwilligen Mischung aus Härte und Beweglichkeit. Seine Rhythmen besitzen Wucht, lassen aber immer wieder kleine Verschiebungen und unerwartete Akzente erkennen. Dazu kommt ein deutliches Gespür für die Tradition des klassischen Hardrocks.

Gerade dieses Spiel verleiht den Songs ihre organische Bewegung. Garven kann einen schweren Rhythmus geradezu mühelos vorantreiben, ohne dabei jeden Takt gleichförmig zu behandeln. Es ist Schlagzeugarbeit mit Charakter. Ein selteneres Gut, als manche Hochglanzproduktion vermuten lässt.

🪦 Ein Album mit ausgeprägtem Sinn für das eigene Maß

Acht Stücke, gut vierzig Minuten und erstaunlich wenige überflüssige Umwege: All the Shadows besitzt eine dramaturgische Disziplin, die man der Band bei aller Vorliebe für ausgedehnte Doom-Passagen nicht unbedingt zugetraut hätte. Die Stücke sind unterschiedlich lang und gewichtet. Kompakte, aggressive Nummern wechseln mit langsamen, epischen Entwicklungen, während die melodischen Abschnitte genügend Platz erhalten.

Cirith Ungol scheinen genau zu wissen, wann ein musikalischer Gedanke ausgeschöpft ist. Eine beachtliche Fähigkeit in einem Genre, dessen Musiker gelegentlich jeden gelungenen Riff-Einfall gleich zum halben Konzeptalbum ausbauen möchten.

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📜 Hintergrund: Ein halbes Jahrhundert Metal, zwei Abschiede und ein ziemlich hartnäckiger Drummer

Die Geschichte von Cirith Ungol begann 1971 im kalifornischen Ventura. Robert Garven und Greg Lindstrom gehörten zu den Gründungsmitgliedern einer Band, die sich früh für dunkle Fantasygeschichten, schweren Hardrock und einen musikalischen Stil interessierte, der damals noch kaum einen verbindlichen Namen besaß.

Schon der Bandname verrät einiges über ihre Interessen: Cirith Ungol bezeichnet bei J. R. R. Tolkien einen gefährlichen Gebirgspass nach Mordor, in dessen Nähe die Riesenspinne Kankra haust. Mit Frost and Fire (1981), King of the Dead (1984) und One Foot in Hell (1986) entstanden drei Alben, die heute zu den prägenden Werken des amerikanischen Epic Heavy Metals zählen. Die Verbindung aus dunklen Riffs, Tim Bakers extremem Gesang und der ungewöhnlichen Gitarrenarbeit machte die Band unverwechselbar.

Der kommerzielle Erfolg blieb lange überschaubar. Nach Paradise Lost von 1991 löste sich die Gruppe auf. Erst 2015 kam es zur Wiedervereinigung. Es folgten neue Auftritte und schließlich mit Forever Black (2020) und Dark Parade (2023) zwei überraschend starke Studioalben. 2024 kündigten Cirith Ungol das Ende ihrer regulären Konzerttätigkeit an. Damit schien eine außergewöhnliche zweite Karrierephase ihren Abschluss gefunden zu haben. Allerdings blieb genügend musikalisches Material für eine weitere Veröffentlichung übrig, und die Band entschied sich, noch einmal ins Studio zu gehen.

Die Veränderungen waren erheblich. Mit Greg Lindstrom und Jim Barraza schieden zwei prägende Gitarristen aus. Armand John Anthony, bekannt von Night Demon, übernahm die gesamte Gitarrenarbeit und war zugleich für Aufnahme, Mix und Mastering verantwortlich. Damit erhielt er erheblichen Einfluss auf den Klang der neuen Platte.

Auch die Plattenfirma wechselte. Nach der langen Zusammenarbeit mit Metal Blade erscheint All the Shadows bei No Remorse Records aus Griechenland. Produziert wurde das Album von der Band gemeinsam mit Anthony, während Jarvis Leatherby als Executive Producer fungierte. Aufgenommen wurde in den The Captains Quarters in Ventura.

Und schließlich bleibt da die Verbindung zur Fantasy-Literatur. Die Elric-Illustrationen von Michael Whelan gehören längst zur Identität von Cirith Ungol. Für eine Band, die nach mehr als fünf Jahrzehnten wieder neue Musik veröffentlicht, erscheint diese visuelle Kontinuität besonders passend.

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👑 Fazit: Totgesagte Metal-Könige regieren länger

All the Shadows besitzt eine Qualität, die sich bei späten Veröffentlichungen langjähriger Bands tatsächlich eher selten findet: Die Musik klingt notwendig. Cirith Ungol haben hörbar etwas zu sagen, und sie besitzen weiterhin die musikalischen Mittel, ihre Ideen überzeugend umzusetzen. Das beginnt bei Tim Bakers unverwechselbarem Gesang, setzt sich in der kraftvollen Rhythmusarbeit von Robert Garven und Jarvis Leatherby fort und gewinnt durch Armand John Anthonys Gitarrenspiel eine neue, etwas schärfere Kontur.

Die Band bewegt sich mit großer Selbstverständlichkeit zwischen Heavy Metal und Doom. Sie kann kurze, aggressive Songs schreiben, lange melodische Spannungsbögen entwickeln und innerhalb weniger Takte von beinahe folkloristischer Zurückhaltung zu massiver metallischer Härte wechseln. Die drei größten Höhepunkte zeigen dabei unterschiedliche Qualitäten. On Broken Wings erweitert die emotionale Ausdruckskraft der Band, Shadow Reflection verbindet klassischen Hardrock mit epischer Schwere, und Hollow Nimbus entfaltet eine düstere Intensität, die wesentlich von Bakers Stimme und Anthonys melodischer Gitarrenarbeit getragen wird.

Auch das übrige Material besitzt bemerkenswert viel Substanz. Der Titelsong eröffnet das Album mit großem Nachdruck, Turning Blind setzt auf energischen Heavy Metal, und Venus in Thirds beschließt die Platte mit einer bedrohlichen, ausgesprochen eigenwilligen Atmosphäre. Ein kleiner Verlust bleibt spürbar. Die bluesige, teilweise geradezu verschrobene Gitarrensprache der früheren Besetzung ist auf All the Shadows weniger ausgeprägt. Das neue Material klingt stellenweise geradliniger, was nicht jedem langjährigen Anhänger gleichermaßen gefallen dürfte.

Und natürlich: Auch Tim Bakers Stimme wird weiterhin polarisieren. Wer mit seinem ungewöhnlichen Gesang nie etwas anfangen konnte, wird durch dieses Album vermutlich kaum zum glühenden Verehrer werden. Doch gerade diese Ecken gehören zur Identität der Band. Sie machen Cirith Ungol seit Jahrzehnten zu einer Ausnahmeerscheinung innerhalb des traditionellen Heavy Metals.

Die neue Platte zeigt außerdem, dass musikalische Reife keineswegs zwangsläufig zu Berechenbarkeit führen muss. Die Musiker entwickeln ihre Stärken weiter, erproben neue Ausdrucksmöglichkeiten und bewahren gleichzeitig eine bemerkenswerte Eigenständigkeit. Ob All the Shadows auf Dauer denselben historischen Stellenwert erreicht wie King of the Dead oder One Foot in Hell, lässt sich gegenwärtig schwer beurteilen. Die Qualität der Kompositionen rechtfertigt den Vergleich jedenfalls.

Cirith Ungol haben mit ihrem siebten Studioalbum einen überzeugenden weiteren Höhepunkt ihrer zweiten Karrierephase geschaffen. Eine Platte, die auch ohne die beeindruckende Vorgeschichte ihrer Urheber bestehen könnte. Das ist vielleicht das größte Kompliment, das man diesen Musikern machen kann.

Und was die ursprünglichen Abschiedspläne betrifft: Nach allem, was wir inzwischen wissen, sollte man entsprechende Ankündigungen künftig besser erst dann ernst nehmen, wenn Robert Garven persönlich die letzte Trommel in den Krater des Schicksalsbergs geworfen hat.

Cover von Cirith Ungol – All the Shadows. Die Fantasy-Illustration von Michael Whelan zeigt den weißhaarigen Elric von Melniboné mit Schwert und rotem Umhang vor einer riesigen, gehörnten und skelettartigen Schreckensgestalt. Grünliche Monster, geisterhafte Figuren und aufgewühlte Wassermassen umgeben die Szene. Oben steht der rote Bandname, unten der goldene Albumtitel.

Künstler:

Cirith Ungol

Albumtitel:

All the Shadows

Erscheinungsdatum:

30. Oktober 2026

Genre:

Epic Heavy Metal / Epic Doom Metal / Traditional Heavy Metal

Label:

No Remorse Records

Spielzeit:

ca. 41 Minuten

👥 Besetzung:

Tim Baker – Gesang, Hintergrundgesang
Armand John Anthony – Gitarre, Hintergrundgesang
Jarvis Leatherby – Bass, Hintergrundgesang
Robert Garven – Schlagzeug, Percussion, Hintergrundgesang

Produktion: Cirith Ungol und Armand John Anthony
Aufnahme, Mix und Mastering: Armand John Anthony
Executive Producer: Jarvis Leatherby
Aufnahmestudio: The Captains Quarters, Ventura, Kalifornien
Artwork: Michael Whelan

🎼 Trackliste:

All the Shadows – 3:45
This Mortal Stain – 5:42
Turning Blind – 4:45
Shadow Reflection – 6:17
Empty Tomb – 3:49
On Broken Wings – 7:18
Hollow Nimbus – 5:39
Venus in Thirds – 3:35

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