Christopher Buehlman – Zwischen zwei Feuern (Rezension)
🧐 Im Fantasykosmos suchen

Christopher Buehlman – Zwischen zwei Feuern
📚 Kurzfazit
Ein gewaltiger, verstörender und zutiefst menschlicher Mittelalter-Horrorroman, der Pestgeschichte, christliche Mythologie und apokalyptische Dark Fantasy zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis verbindet. Buehlman beweist, dass selbst die finsterste Hölle noch Platz für Hoffnung lassen kann.
😒 Was kratzt
Die episodenhafte Reise durch das verwüstete Frankreich lässt den übergeordneten Handlungsbogen gelegentlich hinter immer neuen Begegnungen verschwinden. Außerdem verlangt Buehlman seinen Lesern einiges ab. Manche Gewaltdarstellungen sind schwer zu ertragen, und die starke Verankerung in christlicher Mythologie dürfte nicht jeden gleichermaßen begeistern.
✨ Was funktioniert
Die beklemmende Atmosphäre, die erschreckend einfallsreichen Dämonenerscheinungen und vor allem das Zusammenspiel der drei Hauptfiguren. Selten haben sich Grauen und Zärtlichkeit, Verzweiflung und trockener Humor so wirkungsvoll gegenseitig verstärkt.
🧠 Figuren und Welt
Ein gebrochener Ritter, ein Mädchen mit himmlischen Visionen und ein sündiger Priester bilden das menschliche Herzstück einer Welt, deren historische Glaubwürdigkeit selbst dann erhalten bleibt, wenn buchstäblich die Hölle losbricht. Gerade die Figurenentwicklung hebt den Roman weit über gewöhnliche Horrorgeschichten hinaus.
🐦 Crowbah meint: Die Pest, marodierende Söldner, mordlustige Dämonen und ein Himmel, der auf Beschwerden grundsätzlich nicht antwortet. Das Mittelalter war offenbar doch nicht ganz so romantisch, wie in der örtlichen Burgschänke behauptet wird.

🩸 Christopher Buehlman – Zwischen zwei Feuern: Als die Hölle Frankreich erbte
Frankreich, 1348. Die Pest mäht die Menschen nieder, Gott scheint seine Schöpfung aufgegeben zu haben, und die Hölle hält offenbar den Zeitpunkt für gekommen, endlich selbst die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Wer in diesen Tagen noch an eine gerechte Welt glaubt, muss entweder ein Heiliger sein oder den Verstand verloren haben. Christopher Buehlman schickt einen entehrten Ritter, ein rätselhaftes Mädchen und einen Priester mit erheblichen moralischen Gebrauchsspuren durch diese sterbende Welt. Was dabei entsteht, ist ein ebenso grausamer wie überraschend menschlicher Roman über Schuld, Hoffnung und die Möglichkeit der Erlösung.
Mit Zwischen zwei Feuern gelingt Christopher Buehlman etwas, das selbst innerhalb der Dark Fantasy selten geworden ist: Er erschafft eine Welt, deren Schrecken nicht bloß die Kulisse für das nächste Gemetzel liefern, sondern tief in den Glaubensvorstellungen, Ängsten und Widersprüchen ihrer Bewohner verwurzelt sind. Hier trägt der Horror keine Maske. Er hat Flügel, Klauen, den Geruch verfaulenden Fleisches und bisweilen das Gesicht eines Engels. Das ist Mittelalter-Horror von bemerkenswerter Intensität, der seine größte Wucht allerdings nicht aus den Abgründen der Hölle bezieht, sondern aus dem, was ihnen drei verlorene Menschen entgegenzusetzen haben.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Frankreich im Jahr 1348 ist ein Land, in dem der Tod längst aufgehört hat, eine Ausnahmeerscheinung zu sein. Ganze Dörfer liegen verlassen, die Straßen gehören Plünderern und verzweifelten Flüchtlingen, und über allem liegt der süßliche Gestank der Pest. Wer noch lebt, versucht irgendwie den nächsten Morgen zu erreichen. Große Ideale sind dabei eher hinderlich.
Thomas von Givras kennt sich mit dieser Art des Überlebens aus. Einst war er Ritter, ein Mann mit Ehre, Land und einer Stellung in der Welt. Krieg, Verrat und persönliche Verfehlungen haben davon wenig übrig gelassen. Nun zieht er als Gesetzloser durch eine Landschaft, in der das Schwert häufig mehr wert ist als ein Gewissen.
Dann begegnet er Delphine. Das junge Mädchen hat durch die Pest seine Familie verloren und behauptet, Engel zu sehen. Mehr noch: Sie ist überzeugt, dass die Seuche nur ein Teil einer viel größeren Katastrophe ist. Luzifer und seine gefallenen Engel haben sich gegen den Himmel erhoben, und die Menschheit befindet sich mitten in einem Krieg, dessen wahre Dimension sie nicht einmal begreifen kann.
Thomas hat gute Gründe, weder an Engel noch an göttliche Vorsehung zu glauben. Trotzdem beschützt er das Mädchen und lässt sich schließlich auf eine Reise ein, die sie bis nach Avignon, zum Sitz des Papstes, führen soll. Unterwegs schließt sich ihnen Père Matthieu an, ein Priester, dessen Verhältnis zu seinen eigenen Gelübden ungefähr so zuverlässig ist wie die medizinische Versorgung während der Pest.
Gemeinsam durchqueren sie ein sterbendes Land. Doch die Schrecken, denen sie begegnen, gehen weit über Hunger, Krankheit und menschliche Grausamkeit hinaus. Dämonische Kreaturen streifen durch die Ruinen, Tote erheben sich, und immer häufiger verschwimmen die Grenzen zwischen göttlicher Offenbarung und höllischem Wahnsinn.
Die entscheidende Frage lautet bald nicht mehr, ob die drei ihr Ziel erreichen, sondern ob die Menschheit überhaupt noch eine Zukunft besitzt.
🖋 Wenn das Grauen eine eigene Sprache besitzt
Wer ihn kennt, weiß das: Christopher Buehlman schreibt mit einer seltenen Mischung aus erzählerischer Wucht, schwarzem Humor und beinahe schmerzhafter Sinnlichkeit. Seine Welt ist nicht einfach düster. Sie ist körperlich erfahrbar. Man riecht das faulige Wasser, spürt den Schlamm unter den Stiefeln und ahnt, welche Geräusche hinter verschlossenen Türen besser unerforscht bleiben sollten.
Dabei verzichtet der Autor auf die bequeme Trennung zwischen historischem Elend und übernatürlichem Schrecken. Beides gehört zusammen. Die Dämonen wirken gerade deshalb so erschütternd, weil sie in einer Welt erscheinen, die bereits ohne sie kaum noch auszuhalten wäre. Buehlman braucht keine fortwährenden Gewaltexzesse, um Entsetzen hervorzurufen. Oft reicht eine verstörende Beobachtung oder die Erkenntnis, dass etwas zutiefst Falsches in einer scheinbar gewöhnlichen Szene verborgen liegt.
Besonders bemerkenswert ist sein Gespür für Tonwechsel. Zwischen grausamen Bildern finden sich trockene, bisweilen ausgesprochen derbe Dialoge. Sie wirken niemals wie aufgesetzte komische Erleichterungen, sondern entstehen aus den Figuren und ihrer Verzweiflung. Wer dem Tod täglich ins Gesicht blickt, entwickelt eben mitunter einen Humor, bei dem selbst ein Totengräber betreten zur Seite schauen würde.
Die Prosa besitzt außerdem eine fast biblische Schwere, ohne vollständig in altertümlicher Sprachkunst zu versinken. Buehlman versteht, dass eine Geschichte über Glauben und Verdammnis von einer gewissen sprachlichen Feierlichkeit profitiert. Gleichzeitig bleibt der Text lebendig, unmittelbar und überraschend zugänglich. Das Ergebnis ist eine Sprache, die den Schrecken nicht nur beschreibt, sondern ihm eine eigene Würde und Widerwärtigkeit verleiht.
🧍🧍🧍 Drei verlorene Seelen gegen den Untergang
Die eigentliche Größe des Romans liegt nicht in der Schrecklichkeit seiner Monstren, sondern in der Besonderheit seiner Menschen.
Thomas ist ein außergewöhnlich überzeugender Protagonist, gerade weil Buehlman keine Anstrengungen unternimmt, ihn zu einem sympathischen Musterhelden zu machen. Dieser Mann hat Schuld auf sich geladen. Er ist gewalttätig, verbittert und voller Selbstverachtung. Seine Ritterehre ist längst unter den Trümmern seines früheren Lebens begraben.
Und doch existiert in ihm etwas, das sich der vollständigen Verwilderung widersetzt. Die Begegnung mit Delphine setzt keine wundersame Besserung in Gang. Vielmehr beginnt ein mühsamer, von Rückschlägen gezeichneter Prozess, in dem Thomas überhaupt erst wieder lernt, Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen. Sein Weg zur möglichen Erlösung ist deshalb keine heldenhafte Läuterung, sondern die langsame Rückkehr einer beinahe verschütteten Menschlichkeit.
Delphine wiederum ist weit mehr als das übliche geheimnisvolle Kind, das erwachsene Krieger mit rätselhaften Prophezeiungen durch die Landschaft scheucht. Ihre Unschuld wirkt innerhalb dieser grausamen Welt beinahe unbegreiflich. Gleichzeitig besitzt sie eine Entschlossenheit, die selbst ihren Beschützer immer wieder aus dem Gleichgewicht bringt. Buehlman gelingt es, sie gleichermaßen als verletzliches Kind und als Trägerin einer erschreckend großen Bestimmung erscheinen zu lassen.
Père Matthieu vervollständigt das Trio auf geradezu wunderbare Weise. Der Priester ist kein strahlender Glaubensheld, sondern ein Mensch voller Widersprüche, Schwächen und Begehren. Seine Sünden machen ihn jedoch nicht bedeutungslos. Im Gegenteil: Gerade sein beschädigtes Verhältnis zum Glauben verleiht manchen Gesprächen eine besondere Tiefe.
Zwischen diesen drei Figuren entwickelt sich eine ungewöhnliche Form von Gemeinschaft. Sie streiten, zweifeln, verletzen einander und finden dennoch immer wieder zueinander.
Ihr Zusammenhalt ist das eigentliche Wunder dieses Romans. Nicht die Engel. Nicht die göttlichen Zeichen. Es ist die Tatsache, dass drei Menschen inmitten einer zusammenbrechenden Welt füreinander einstehen.
🕒 Ein atemloser Pilgerweg durch immer neue Albträume
Erzählerisch folgt Zwischen zwei Feuern weniger dem Muster eines straff konstruierten Abenteuerromans als dem einer mittelalterlichen Pilgerreise. Die Handlung entwickelt sich entlang einer Folge von Begegnungen, Prüfungen und zunehmend verstörenden Offenbarungen.
Das hat erhebliche Vorzüge. Jeder neue Abschnitt der Reise eröffnet einen anderen Blick auf das sterbende Frankreich. Mal begegnen die Figuren Menschen, die ihre letzten Reste von Anstand verteidigen, mal solchen, die jede moralische Grenze längst hinter sich gelassen haben. Dann wieder verwandelt eine dämonische Erscheinung die vertraute Welt in einen Albtraum, dessen Regeln vollkommen fremd erscheinen.
Buehlman besitzt ein erstaunliches Talent dafür, solche Szenen mit wenigen Details aufzubauen und anschließend in erschreckende Richtungen zu entwickeln. Manche Monsterbegegnungen besitzen eine Bildkraft, die noch lange nach dem Lesen nachwirkt. Allerdings liegt hier auch die auffälligste strukturelle Schwäche des Buches.
Nicht jede Episode treibt die übergeordnete Handlung im gleichen Maße voran. Gelegentlich entsteht der Eindruck, die Reise müsse zunächst noch einen weiteren Schrecken durchqueren, bevor die eigentliche Geschichte wieder Fahrt aufnimmt. Der Roman gewinnt dadurch an atmosphärischer Fülle, verliert aber stellenweise an dramaturgischer Straffheit.
Das ist kein kleiner Einwand, doch er lässt sich auch nicht vollständig von der Erzählform trennen. Denn gerade das langsame Durchmessen einer zerstörten Welt vermittelt, wie umfassend die Katastrophe tatsächlich ist. Wer einen ununterbrochen eskalierenden Horror-Thriller erwartet, dürfte zwischendurch ungeduldig werden. Wer sich dagegen auf den Rhythmus einer finsteren Pilgergeschichte einlässt, erlebt eine Reise, deren einzelne Stationen zunehmend zu einem erschütternden Gesamtbild zusammenwachsen.
✨ Wenn Gott schweigt und die Hölle antwortet
Wenn es um die Atmosphäre und die umgebende Welt geht, erreicht Buehlmans Roman eine Qualität, die ihn aus der Masse der Dark Fantasy heraushebt. Das Frankreich des Schwarzen Todes ist nicht nur historischer Schauplatz, sondern ein gewaltiger Resonanzraum für religiöse Angst. Die Menschen des 14. Jahrhunderts verfügten über keine moderne Erklärung für das massenhafte Sterben. Krankheit, Strafe, Sünde und göttlicher Wille waren unauflöslich miteinander verwoben.
Buehlman nimmt diese Vorstellungswelt durchaus ernst. Er benutzt christliche Mythologie nicht als dekorative Sammlung besonders eindrucksvoller Dämonennamen, sondern als Fundament seiner gesamten fantastischen Wirklichkeit. Die Hölle ist hier keine alternative Dimension, die gelegentlich ein paar Monster ausspuckt. Sie ist eine Gegenmacht, die versucht, die Schöpfung selbst zu verderben.
Entsprechend verstörend sind die Erscheinungen, mit denen der Roman seine Figuren konfrontiert. Ihre Körper, Bewegungen und Verwandlungen scheinen einer pervertierten göttlichen Ordnung zu folgen. Manche wirken wie aus mittelalterlichen Höllendarstellungen herausgekrochen, andere wie die Ergebnisse eines Schöpfungsakts, bei dem Bosheit an die Stelle von Schönheit getreten ist.
Das Grauen erhält dadurch eine theologische Dimension. Es geht nicht bloß darum, Menschen zu töten. Es geht darum, die Bedeutung des Menschseins selbst zu zerstören.
Bemerkenswert ist allerdings, dass Buehlman dieser allgegenwärtigen Finsternis immer wieder kleine Gegenbilder entgegensetzt. Ein Gespräch. Eine unerwartete Geste. Ein Moment der Fürsorge. Gerade weil solche Augenblicke so zerbrechlich wirken, besitzen sie eine beinahe überwältigende Kraft.
Die deutsche Ausgabe verstärkt den besonderen Charakter des Romans zudem durch sieben Schwarzweißillustrationen von Jens Maria Weber. Sie passen hervorragend zu einer Geschichte, deren Bildwelt ohnehin zwischen mittelalterlicher Buchmalerei und apokalyptischer Albtraumvision angesiedelt ist. Wo andere Horrorromane die Dunkelheit ständig steigern müssen, vertraut Buehlman auf den Kontrast.
Und manchmal genügt ein kleiner Rest Menschlichkeit, um die gesamte Hölle noch viel schrecklicher erscheinen zu lassen.
📜 Fazit: Eine Höllenfahrt, die das Menschliche rettet
Zwischen zwei Feuern ist ein seltenes Beispiel dafür, wie eindrucksvoll Dark Fantasy werden kann, wenn sie mehr zu erzählen hat als eine Abfolge grausamer Ereignisse. Christopher Buehlman verbindet den historischen Schrecken der Pest mit einer übernatürlichen Apokalypse und erschafft daraus einen Roman, der ebenso sehr von Verdammnis wie von Erlösung handelt.
Seine eigentliche Leistung besteht darin, das Grauen niemals zum Selbstzweck werden zu lassen. Hinter den dämonischen Erscheinungen, den entstellten Körpern und der allgegenwärtigen Todesangst stehen Fragen, die weit über die Handlung hinausreichen: Was bleibt von unserer Moral, wenn jede Ordnung zerbricht? Kann ein schuldiger Mensch Vergebung finden? Und worauf gründet sich Hoffnung, wenn selbst der Himmel zu schweigen scheint?
Die Antworten fallen weder einfach noch bequem aus. Dass die Reise gelegentlich episodisch wirkt und einzelne Begegnungen den zentralen Handlungsbogen ausbremsen, verhindert die vollkommene erzählerische Geschlossenheit. Doch diese Schwäche wiegt vergleichsweise gering angesichts einer Geschichte, deren Figuren, Atmosphäre und thematische Tiefe so überzeugend ineinandergreifen.
Vor allem Thomas und Delphine bleiben im Gedächtnis. Nicht weil sie gegen Dämonen kämpfen, sondern weil ihre Beziehung eine Antwort auf jene Verrohung formuliert, die den gesamten Roman durchzieht.
Buehlman erzählt letztlich von einer Welt, in der das Böse gewaltiger erscheint als alles Gute, das Menschen noch zu leisten vermögen. Und davon, warum es sich trotzdem lohnt, dieses Gute zu verteidigen.
Das ist große, erschütternde Fantasy. Grausam, bildmächtig, gelegentlich abgründig komisch und von einer Menschlichkeit durchzogen, die ihre Wirkung gerade im Angesicht des absolut Bösen entfaltet. Aber aufgepasst: Wer sich auf diese Höllenfahrt einlässt, wird nicht unversehrt zurückkehren.
Aber vielleicht mit einer etwas größeren Vorstellung davon, was Erlösung bedeuten kann.
Unter dem Strich einer der stärksten Fantasy Romane des Jahres und fraglos würdig, unsere sehr seltene Höchstwertung zu kassieren.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★★




