Christopher Buehlman – The Thrice-Bound Fool
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Christopher Buehlman – The Thrice-Bound Fool
📚 Kurzfazit
The Thrice-Bound Fool ist ein starker, bissiger und emotional erstaunlich gehaltvoller Fantasyroman, der von seinem Figurenpaar und der unverwechselbaren Erzählerstimme lebt.
😒 Was kratzt
Die Geschichte mäandert phasenweise doch spürbar. Der Weg ist sehr spannend, aber nicht jede Etappe besitzt dieselbe Wucht. Gerade im Mittelteil merkt man, dass Buehlman lieber noch einen wilden Umweg nimmt, als brav auf kürzestem Weg zum Ziel zu marschieren.
✨ Was funktioniert
Kinch und Galva. Immer wieder diese beiden. Ihr Zusammenspiel gibt dem Roman sein Rückgrat, seine Reibung und seinen besten Humor.
📖 Was im Beutel klappert
Ein lebendiges Buch, das seinen Leser hasst, dazu Riesen, Monster, neue Länder, Gewalt, Magie und eine Welt, die nie aufpoliert wirkt, sondern benutzt, schmutzig und glaubhaft.
🐦 Crowbah meint: Wenn ein Roman mit einem mörderischen Zauberbuch wirbt und am Ende trotzdem vor allem wegen seiner Figuren im Kopf bleibt, hat er ziemlich viel richtig gemacht.

🗡️ Christopher Buehlman – The Thrice-Bound Fool: Ein Dieb, eine Kriegerin und das bösartigste Buch der Fantasy
Es kann doch so einfach sein. Manchmal reicht als Aufhänger schon ein magisches Buch, das seinen Besitzer umbringen will. Das ist so eine Prämisse, bei der man sich als Fantasyfreund kurz aufrichtet, leicht irre grinst und hofft, dass der Roman den eigenen Einfall auch wirklich tragen kann. Christopher Buehlman kann diesen Einfall jedenfalls tragen. Und zwar mit erstaunlich viel Wucht.
The Thrice-Bound Fool führt Kinch Na Shannack zurück auf die Bühne, jenen gewitzten, schamlosen, überforderten und hochgradig redseligen Gauner aus The Blacktongue Thief, der selbst dann noch einen Spruch auf Lager hat, wenn ihm gerade alles um die Ohren fliegt. An seiner Seite steht erneut Galva, Veteranin der Goblinkriege, Königinstreue mit Stahl im Rücken und eine Frau, die nur sehr begrenzt Lust auf Kinchs Art von Improvisation besitzt. Gemeinsam schleppen sie ein gestohlenes Buch mit sich herum, das voller gefährlicher Geheimnisse steckt und seinen Leser am liebsten schon auf Seite eins in Stücke reißen würde.
Das klingt zunächst nach einer herrlich schrägen Fantasy-Idee. Buehlman macht daraus aber deutlich mehr. The Thrice-Bound Fool ist ein Reise- und Abenteuerroman, ein düsteres Freundschaftsdrama, ein Mordspuk in Buchform und ein weiterer Beweis dafür, dass Buehlman zu den wenigen Fantasyautoren gehört, die eigene Stimme, eigene Welt und eigenes Temperament wirklich zusammenbringen.
🧭 Worum geht’s eigentlich?
Kinch und Galva sind nach den Ereignissen von The Blacktongue Thief unterwegs mit dem Book of the Full Shadow, einem gefährlichen, lebendigen Werk, das Wissen über die Taker’s Guild enthält und sich äußerst unkooperativ zeigt. Das Buch will gelesen werden, aber bitte von niemandem. Vor allem nicht von Kinch, der ausgerechnet derjenige ist, der seine Schriften entziffern kann.
Damit haben die beiden gleich mehrere Probleme. Die Guild ist ihnen auf den Fersen, Galva braucht die Geheimnisse des Buches für ihre Königin, und der bloße Besitz dieses Dings macht das Überleben bereits zu einer Art Vollzeittätigkeit. Die Reise führt sie aus bekannten Regionen hinaus in fremde Gebiete, über Berge, durch Gewalt, Magie und eine Welt, die mit jeder Etappe größer und gefährlicher wirkt.
Buehlman erzählt das als Abenteuergeschichte mit vielen Stationen, Begegnungen und Eskalationen. Es geht gegen Sklavenjäger, Monster, Riesen, religiöse und politische Gefahren, dazu gegen die üblichen menschlichen Schwächen, die in guten Fantasyromanen meist wesentlich verlässlicher auftreten als jeder Drache. Das Entscheidende ist dabei weniger die bloße Quest als die Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren. Der Roman lebt davon, wie Kinch die Welt weglabert und Galva sie aushält.
🖋 Stil: King macht King – und diesmal trägt er einen schweren Rucksack
Christopher Buehlman schreibt mit einer Stimme, die man unter zwanzig Fantasyautoren ziemlich sicher herauslesen würde. Kinch erzählt – und das heißt: Der Roman läuft durch seine Wahrnehmung, seine Wortwahl, seine Schmutzreste, seine Angst, seine Witze und seine Überlebensreflexe. Diese Stimme ist frech, vulgär, verspielt, manchmal erschöpft, oft komisch und immer lebendig.
Das funktioniert hervorragend, weil Kinch kein glatter Held ist. Er ist klug, feige, mutig, verletzt, schamlos, loyal und unerquicklich genug, um interessant zu bleiben. Seine Sprache ist nie bloß Dekoration, sondern Charakterarbeit. Man merkt in jeder Szene, dass hier keine neutrale Erzählinstanz redet, sondern ein Mann, der sich selbst und der Welt schon zu oft irgendetwas schönreden musste, um nicht völlig den Halt zu verlieren.
Buehlman beherrscht dazu den Wechsel von Tonlagen sehr sauber. Aus einer beinahe albernen Szene kann in kurzer Zeit etwas Bitteres werden. Ein lockerer Spruch kippt plötzlich in Schmerz, Schuld oder Grauen. Gerade dadurch gewinnt der Roman an Gewicht. Er bleibt unterhaltsam, aber nie belanglos.
Allerdings hat dieser Stil auch seinen Preis. Wer mit Kinchs Art nichts anfangen kann, wird hier kaum glücklich. Seine Kommentare, sein Drecksmaul und seine Dauerpräsenz tragen das Buch, können phasenweise aber auch anstrengend wirken. Für uns gehört das eher zu seinen Stärken. Ein paar Passagen sind trotzdem einen Tick geschwätziger, als sie sein müssten.
👥 Figuren
Kinch Na Shannack
Kinch bleibt das Zentrum des Romans. Er ist Erzähler, Problemträger, Problembeschreiber und oft genug Teil des Problems. Gerade das macht ihn so unterhaltsam. Er ist kein Heroe im geschniegelt edlen Sinn, sondern ein Überlebenskünstler mit Talent, Schuld und einer erstaunlich belastbaren Zunge. Besonders stark ist, dass Buehlman ihn nicht auf seine Witzigkeit reduziert. Kinch ist eben keine wandelnde Pointe. Unter dem Gequatsche liegt Furcht, Zuneigung, Scham und der sehr reale Druck einer Welt, in der Fehler blutig bezahlt werden. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird, dass sein Humor auch eine Schutzschicht ist.
Galva
Galva ist das große Pfund dieses Romans. Wer The Daughters’ War kennt, wird aus ihrer Präsenz noch mehr ziehen, aber schon hier funktioniert sie ausgezeichnet. Sie ist streng, verletzlich, entschlossen und in vielem das moralische Gegengewicht zu Kinch. Vor allem aber bleibt sie keine bloße Kriegerin mit Grimmblick. Buehlman gibt ihr Gewicht, Vergangenheit und Würde. Zwischen ihr und Kinch entsteht keine simple Buddy-Fantasy-Dynamik, sondern eine spannungsgeladene Bindung aus Loyalität, Misstrauen, Zuneigung und gegenseitiger Überforderung. Genau daraus gewinnt der Roman seine besten Szenen.
Das Buch
Ja, das Buch selbst verdient einen eigenen Abschnitt. Das Book of the Full Shadow ist weit mehr als eine clevere Fantasyidee. Es ist Bedrohung, Plotmotor, düsterer Witz und Symbol in einem. Seine Bosheit ist zunächst sehr komisch. Mit der Zeit bekommt diese Komik jedoch etwas Hässliches und Unheimliches. Das Ding ist eben kein putziger Fluchgegenstand, sondern ein Stück Magie, das aus dem Gedanken der Feindseligkeit echten Schrecken macht.
🌍 Weltbau und Atmosphäre
Buehlmans Welt war schon im Vorgänger stark, weil sie Konsequenzen hatte. Kriege fühlten sich wie Kriege an. Gesellschaften wirkten gezeichnet, verarmt, verschoben. Auch The Thrice-Bound Fool besitzt genau dieses Gespür für gelebte Welt.
Hier ist nichts schöngefärbt. Städte, Landschaften, Völker und Gefahren tragen Gebrauchsspuren. Es gibt Monster, Magie und Seltsamkeiten, aber sie hängen nie wie bunte Weihnachtskugeln an einer bloßen Kulisse. Alles wirkt in Geschichte eingelassen. Selbst die wilden Ideen besitzen Bodenhaftung.
Besonders schön ist, wie der Roman seine Welt erweitert. Kinch und Galva verlassen vertrautere Räume und geraten an neue Orte, neue Machtstrukturen und neue Formen des Grauens. Das gibt dem Buch Abenteuerkraft. Gleichzeitig bleibt der Ton rau und erdig. Buehlman will seine Welt nicht geschniegelt erklären, er will, dass man durch sie hindurchstolpert.
⏳ Tempo und Aufbau
Hier sitzt die größte kleine Schwäche des Romans. The Thrice-Bound Fool ist sehr unterhaltsam, aber er marschiert nicht schnurgerade. Die Handlung bewegt sich episodischer, als es mancher Leser lieben wird. Eine Station folgt auf die nächste, ein Problem aufs andere, und nicht jede Etappe schlägt gleich hart ein. Gerade im Mittelteil merkt man, dass Buehlman lieber mehr Welt, mehr Begegnung und mehr Umweg mitnimmt, als den Plot auf maximale Effizienz zu trimmen.
Das ist keineswegs ein schwerer Fehler. Der Roman bleibt lebendig, spannend und oft sehr lustvoll erzählt. Man spürt nur, dass er eher als Abenteuerreise funktioniert als als perfekt gespanntes Uhrwerk. Wer dafür offen ist, wird viel Freude haben. Wer eine komplett durchstrukturierte, enggezogene Handlung erwartet, wird hier und da etwas Zug vermissen.
⚔️ Was macht das Buch besonders?
Zum einen die Figurenkonstellation. Ein scharfes Fantasyduo kann einen ganzen Roman tragen, wenn die Chemie stimmt. Hier stimmt sie. Zum anderen besitzt Buehlman eine Gabe, die im Genre seltener ist, als sie sein sollte: Er kann tonal balancieren, ohne dass das Ergebnis auseinanderfällt. Er bringt Dreck, Komik, Fantasy, Gewalt und emotionale Schwere zusammen. Das ist nie geschniegelt kunstvoll, aber sehr wirksam.
Und schließlich ist da diese angenehm ungehobelte Eigenart des Romans. Das Buch will unterhalten, aber nicht geschniegelt gefallen. Es besitzt Kanten, seltsame Abzweigungen und ein Temperament, das sich nicht geschniegelt normieren lässt. Gerade deshalb bleibt es hängen.
📜 Fazit: Wenn sogar das Zauberbuch dich hasst, bist du vielleicht auf der richtigen Fantasyreise
The Thrice-Bound Fool ist ein sehr starker Fantasyroman, der seine besten Momente aus Figuren, Stimme und Welt zieht. Christopher Buehlman liefert keine brave Fortsetzung, die bloß bekannte Reize verwaltet. Er erweitert seine Welt, vertieft Galva, lässt Kinch weiterquasseln, weiterleiden und weiter stolpern und baut um das mörderische Zauberbuch eine Geschichte, die deutlich mehr ist als ein hübscher Klappentext-Einfall.
Ganz makellos ist das nicht. Der Roman zieht im Mittelteil gelegentlich einen Haken mehr, als er unbedingt bräuchte. Ein paar Passagen wirken etwas zu verliebt in ihren Weg und etwas weniger verliebt in das straffe Vorankommen. Aber das ist Kritik auf erfreulich hohem Niveau.
Denn unterm Strich bleibt vor allem eines: Dieses Buch lebt. Es hat Witz, Dreck, Schmerz, Abenteuerlust und ein Figurenpaar, dem man auch dann gerne folgt, wenn alles längst brennt und der nächstbeste magische Gegenstand wieder beschlossen hat, jemanden umzubringen.
Für Freunde von rauer, bissiger, eigensinniger Fantasy ist das ein überaus lohnender Trip.
🌟 Bewertung
Varanthis-Skala: ★★★★





