Christian Kracht – Air (Rezension)

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🧊 Air: Wenn Ästhetik zur Leere wird und die Handlung im White Cube verschwindet

Christian Kracht präsentiert mit Air einen Roman, der sich in seiner eigenen stilistischen Eleganz verliert. Was als tiefgründige Erzählung beginnt, entpuppt sich als eine Sammlung von Anspielungen und Ästhetik, die wenig Substanz bietet. Die berühmte Kracht’sche Ironie schwebt über allem, wie ein Designerlüster, der blendet, der aber keinerlei Wärme ausstrahlt.


🧭 Worum geht’s?

Paul, ein Schweizer Innenarchitekt, erhält den Auftrag, ein norwegisches Datenzentrum in perfektem Weiß zu gestalten. Ein Sonnensturm wirft ihn in eine mittelalterlich anmutende Parallelwelt, wo er auf das Mädchen Ildr trifft. Gemeinsam begegnen sie Steinmenschen, Eismenschen und dem Herzog Tviot. Die Handlung bewegt sich zwischen Realität und Fantasie, verliert dabei jedoch oft den roten Faden. Was Air eigentlich ist? Märchen, Parodie oder literarischer Escape Room. Das Ganze bleibt bis zum Ende komplett diffus. Vielleicht will Kracht auch einfach nicht, dass wir es wissen.


🔍 Stärken & Schwächen

  • 🖋 Stil: Kracht’s Sprache ist brillant, kunstvoll und elegant, oft poetisch, aber auch kalt. Die Vielzahl literarischer Anspielungen – von Yeats über Lindgren bis Wittgenstein – erstickt manchmal jede Emotionalität. Es ist ästhetisch, es ist klug, und es ist völlig leer.

  • 🧍‍♂️ Figuren: Paul ist ein Geschmacksmensch, Cohen ein alter Bekannter aus Eurotrash, Ildr ein Kind mit Bogen und Projektionsfläche. Alle wirken wie Vasen: schön, aber komplett ohne Innenleben. Heimatlosigkeit und Distinktionssehnsucht, alles wie gehabt. Nur diesmal noch etwas matter.

  • 🕒 Tempo: Die Handlung schreitet zäh voran, wird ständig von Stil-Pirouetten gebremst. Spannungsbögen werden angedeutet und dann lieber kunstvoll umgangen.

  • ✨ Atmosphäre: Die fantastische Parallelwelt ist reich an Symbolik, aber diffus. Statt Immersion gibt es Andeutung. Statt Atmosphäre: Glätte.


📜 Fazit

Air ist ein stilistisch anspruchsvoller Roman, der sich leider in ästhetischer Selbstverliebtheit verliert. Die überbordende Referenzlandschaft, die glatte Oberfläche und das gezielte Spiel mit Leere machen die Lektüre zu einem intellektuellen Slalom. Wer Kracht liebt, bekommt hier einen lupenreinen Kracht.

Wer allerdings Substanz, Handlung oder Figurenentwicklung sucht, wird frierend im Weiß zurückgelassen. Ein seelenkalter Interior-Katalog mit mythologischer Selbstspiegelung. Alles überaus hübsch drapiert, aber inhaltlich leider zum Gähnen.


🌟 Bewertung

Varanthis-Skala:
★★☆☆☆ – „Ein Buch wie ein White Cube: steril, spiegelglatt und randvoll mit Anspielungen, nur leider ohne wirkliche Bedeutung. Als hätte jemand Baudrillard gebeten, ein Kinderzimmer einzurichten.“

Buchcover von AIR von Christian Kracht: Zwei humanoide, bandagierte Figuren in surrealer Landschaft – eine liegend, eine sitzend mit ausgestrecktem Arm, der auf ein dunkles, schwebendes Objekt am Himmel zeigt. Der Hintergrund zeigt eine entrückte, karge Erdlandschaft unter fahlem Licht. Der Titel 'AIR' ist minimalistisch in geometrischer Schrift am unteren Rand platziert.

Autor: Christian Kracht
Titel: Air
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3462004571
Seitenanzahl: 224 (Hardcover)
Erstveröffentlichung: 13. März 2025

Humorvoller Fantasy-Banner: ein verdutzt dreinschauender Ork starrt direkt nach vorn, darüber steht groß ‚Selbsterkenntnis?‘, darunter der Slogan ‚Unsere Fantasy-Quizzes machen schlau.

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