Cameron Sullivan – The Red Winter (Rezension)

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Grabhaold checkt das. Die Kurzzusammenfassung der Review. Mit Grabhod dem Kobold, der einen Zeigefinger in die Luft streckt.

Cameron Sullivan – The Red Winter

📚 Kurzfazit
Ein unsterblicher Monsterjäger mit Dämonen-WG im Kopf jagt den ersten Werwolf der Literaturgeschichte, quer durch die französische Provinz und mehrere Jahrhunderte. The Red Winter ist blutig, schwül, katholisch-traumatisiert und deutlich klüger, als das „Sensation des Jahres“-Marketing vermuten lässt.

😒 Was nervt?
Die drei Zeitlinien – Gegenwart 1785, frühere Jagd 1766, Jeanne-d’Arc-Episode – sind ambitioniert, aber nicht immer gleich spannend; zwischendurch stolpert der Plot über die eigene Konstruktion. Dazu ein Hang zu Fußnoten und Memoir-Stimme, der das Lesen im Hörbuchformat anstrengend machen kann.

✨ Was funktioniert?
Sebastian und sein Dämon Sarmodel liefern eine der interessantesten „Mensch–Monster“-Dynamiken der letzten Jahre: trocken, zynisch, aber mit echter Zuneigung im Abgrund. Die Bestie von Gévaudan bekommt einen frischen Werwolf-Mythos, der Folklore, katholische Schuld und Body-Horror elegant verwebt. Die Queer-Romance ist tragisch, erwachsen und kommt ohne Zuckerüberzug aus.

🧠 Figuren und Welt
Die französische Provinz wirkt nicht wie Kulisse, sondern wie faulendes Organ Europas, in dem Adlige, Bauern, Priester, Engel und Dämonen um die Deutungshoheit kämpfen. Sebastian ist moralisch durch und durch grau, Antoine d’Ocerne eine gelungene Mischung aus naivem Idealismus und Klassenprivileg, Livia die dauerhaft genervte Succubus-Hausangestellte, die jede Szene stiehlt.

🐦 Crowbah meint
Wenn Joe Abercrombie eine Werwolf-Oper über katholische Schuld, Hunger und queere Sehnsucht schreiben würde, käme vermutlich etwas wie The Red Winter dabei heraus. Nichts für zarte Nerven, aber ein Fest für alle, die ihre historische Fantasy gern mit Blut, Latein und schlechtem Gewissen serviert bekommen.

🩸 Cameron Sullivan – The Red Winter: Werwolf-Liebesoper im Blutnebel von Gévaudan

Manche Dark-Fantasy-Romane nehmen uns mit auf Monsterjagd, andere stürzen uns in historische Alternativwelten. The Red Winter versucht beides auf einmal und serviert dazu einen unsterblichen Monsterjäger, einen Dämon im Kopf und eine tragische Liebesgeschichte vor der Kulisse der Bestie von Gévaudan.
Sebastian Grave reist in die französische Provinz, um ein altes Versprechen einzulösen, und stellt fest, dass sich Wölfe, Adelige und Kirche gleichermaßen im Blut wälzen. Was als klassische Bestienjagd beginnt, entfaltet sich schnell zu einem okkulten Geschichtsbuch Europas mit Jeanne d’Arc, römischem Blutkult und der ersten Zündschnur zur Französischen Revolution.
Das Ergebnis ist ein Debüt, das sich nicht zwischen Horrorgroteske, Liebestragödie und historischem Epos entscheiden will und genau dadurch seinen Reiz bekommt.


🧭 Worum geht’s eigentlich?

1785 erhält Professor und Monsterjäger Sebastian Grave die Nachricht, vor der er sich seit Jahrzehnten fürchtet: Die Bestie von Gévaudan ist zurück und legt die französische Provinz erneut in Blut und Eingeweiden trocken.
Sebastian ist nicht allein unterwegs. In seinem Körper wohnt der Dämon Sarmodel, an den er in einem alten Pakt gebunden ist, im Austausch für Macht, Heilung und ein paar moralisch bedenkliche Gefälligkeiten, gern in Form lebendiger Herzen.

Auf Einladung des Barons d’Ocerne kehrt Sebastian nach Gévaudan zurück, begleitet vom jungen Adligen Antoine d’Ocerne, der die Bestie jagt und trotz adeliger Herkunft erstaunlich wenig Abstand zu Blut, Barbaren und Dämonen hat.
Während sie die aktuelle Mordserie untersuchen, springt der Roman zurück ins Jahr 1766, als Sebastian bereits eine erste Jagd auf das Monster unternommen und sich in Antoines Vater Jacques verstrickt hat – inklusive Affäre, Verrat und einem „Roten Winter“, der das Land traumatisiert zurückließ.

Eine dritte Ebene führt noch weiter zurück, zu Jeanne d’Arc, zu römischen Mysterienkulten und zu Sebastians früheren Begegnungen mit Engeln, Dämonen und seiner Succubus-Dienstmagd Livia, die sich ihren Arbeitsvertrag bis heute nicht verziehen hat.
Nach und nach wird klar, dass die Bestie mehr ist als ein übergroßer Wolf und dass die Geschichte Europas von okkulten Machtspielen durchzogen ist, in denen Sebastian selbst längst zu einer Schachfigur geworden ist.

Der rote Faden bleibt die Frage, wie viel Menschlichkeit ein Monsterjäger behalten kann, der seit Jahrhunderten überlebt, während alle, die er liebt, als Futter für Götter, Kirche oder Bestien enden. The Red Winter erzählt das als Mischung aus Memoiren, Geständnis und Liebesbrief an einen Mann, den Sebastian längst verloren hat.

🔍 Stärken & Schwächen

🖋 Stil

Sullivan schreibt in einer Ich-Erzählstimme, die wirkt, als hätte ein müder Professor seinen Lebensbericht mit sehr scharfem Federkiel und noch schärferem Humor verfasst. Die Prosa ist dicht, oft lyrisch, aber nie weichgespült. Wenn von Eingeweiden, verbrannten Dörfern oder kirchlicher Heuchelei die Rede ist, dann ohne Ausblendung, dafür mit staubtrockenem Kommentar.

Besonders gelungen sind die Fußnoten, mit denen Sebastian seine eigene Geschichte laufend korrigiert oder ergänzend kommentiert, ein bisschen wie ein dämonischer Historiker, der gleichzeitig Angeklagter und Richter ist.

🧍‍♂️ Figuren

Sebastian ist ein Paradebeispiel für den moralisch beschädigten, aber nicht zynisch-toten Protagonisten: wissend, schuldig, sarkastisch, aber immer noch fähig, jemanden zu lieben. Sarmodel ist mehr als die Stimme des Bösen. Der Dämon fungiert als Korrektiv, Versuchung und unfreiwilliger Vertrauter, der Sebastian genauso häufig verspottet wie rettet.

Antoine d’Ocerne liefert die tragische Komponente: ein junger Adeliger, der zwischen Pflicht, Begehren und politischer Realität zerrieben wird. Ihre Beziehung ist klar als queere Liebesgeschichte angelegt, aber ohne romantische Glätte. Hier dominiert das Gefühl, dass jedes Glück nur auf Zeit gepachtet ist.

Nebenfiguren wie Jacques, Livia und verschiedene Priester, Hexen und Monster bleiben nicht bloß Kulisse. Gerade Livia mit ihrer permanenten Mischung aus Groll und Professionalität sorgt für dringend benötigte komische Entlastung in einem ansonsten unerbittlichen Plot.

🕒 Tempo und Aufbau

The Red Winter hat über 500 Seiten und gönnt sich für jede Zeitebene ausreichend Raum. Das sorgt für epische Tiefe, fordert aber Aufmerksamkeit. Die Jagd 1785 trägt den Spannungsbogen, während die Rückblenden nach 1766 und in die frühere Geschichte immer wieder zusätzliche Bedeutungsebenen liefern.

Allerdings gibt es Abschnitte – vor allem in der ersten Bestienjagd –, in denen sich die Suche etwas im eigenen Nebel verliert und einzelne Szenen zu lange auf ähnlichen Stimmungen kauen. Ein etwas gestraffterer Mittelteil hätte der Erzählung gewiss noch besser zu Gesicht gestanden.

✨ Atmosphäre und Welt

Hier hat das Buch alle Trümpfe auf der Hand. Sullivan verankert die Bestie von Gévaudan tief in einer okkulteren Europageschichte, in der Engel, Dämonen, alte Götter und die Institution Kirche um Einfluss streiten. Rom, Jeanne d’Arc, ländliche Prozessionen, geheime Orden, alles wirkt wie eine einzige, dunkle Ader, die sich durch die Jahrhunderte zieht.

Die Landschaft von Gévaudan ist kalt, feucht, wolfsdurchzogen. Die Städte sind stickig, von Räucherwerk und Fäulnis geschwängert. The Red Winter ist regelrecht sinnlich in seiner Beschreibung von Blut, Weihrauch, kalter Luft und warmen Körpern. Gleichzeitig sorgt der gelegentliche, sehr britisch anmutende Humor dafür, dass die Sache nie in reines Elend abgleitet.


📜 Fazit:

The Red Winter ist kein Wohlfühlroman. Wer hier ein bisschen Dark-Fantasy-Dekor zu einer netten Romantasy erwartet, wird von der ersten Werwolf-Obduktion an eines Besseren belehrt. Cameron Sullivan liefert ein Debüt, das historische Detailverliebtheit, bluttriefenden Horror und eine tragische queere Liebesgeschichte zu einem erstaunlich stimmigen Ganzen verwebt.

Die multiplen Zeitlinien und Fußnoten verlangen Aufmerksamkeit. Der Mittelteil könnte schlanker sein. Trotzdem bleiben Figuren, Dialoge und einzelne Bilder bemerkenswert lange im Kopf. Vom roten Schnee über Gévaudan bis hin zu Sebastians und Sarmodels lakonischen Wortgefechten.

Für den Fantasykosmos ist The Red Winter ein Paradebeispiel dafür, wie man historische Stoffe (Bestie von Gévaudan, Jeanne d’Arc, römische Kulte) so verdreht, dass sie gleichzeitig wie echte Geschichte und wie ein sehr finsterer Albtraum wirken. Das Etikett „Sensation“ ist allerdings eher eine Marketing-Luftblase, für ein sehr gutes Buch, das sich hier und da auch seine kleinen Schwächen leistet.

🌟 Bewertung

Varanthis-Skala: ★★
„Eine blutige Werwolf-Oper über Schuld, Begehren und die Frage, wie viel Mensch ein Monsterjäger ertragen kann.“

Deutsches Buchcover von »The Red Winter – Macht ist eine hungrige Bestie«: hellgrauer Hintergrund mit geprägter Struktur, oben in großer roter Serifenschrift der Name „Cameron Sullivan“, darunter der Untertitel „Macht ist eine hungrige Bestie“ und der Titel „The Red Winter“. Im unteren Bereich ein stilisierter, schwarz-grauer Bestienkopf mit roten Augen und geweihartigen Hörnern, flankiert von roten Blumen; rechts ein dunkelroter Rahmen, unten das Tor-Logo.

Autorin: Cameron Sullivan
Titel: The Red Winter (Macht ist eine hungrige Bestie)
Verlag: FISCHER Tor
Übersetzung: Jochen Schwarzer
Seitenanzahl: 576 Seiten (Gebundene Ausgabe)
Erstveröffentlichung: 2026
ISBN:  978-3-596-71114-7

Leseprobe, symbolisiert durch ein aufgeschlagenes, antikes Buch.
Offizielle Leseprobe zu Cameron Sullivan – The Red Winter bei FISCHER Tor.
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