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Die Berlinale im Bannkreis der Gegenwart
Wie Berlin ein Filmfestival in eine Verwaltungsfrage verwandelt – und warum genau darin der eigentliche Skandal steckt.

Ein Filmfestival ist im Grunde ein Ritual: Man dimmt die Welt herunter, stellt ein paar Scheinwerfer auf „Bedeutung“ und tut für eine Woche so, als ließe sich Gegenwart in zwei Stunden Leinwand ordnen. Berlin ist für solche Rituale eigentlich wie gemacht. Gewiss nicht, weil es so romantisch wäre, sondern weil es selbst seine romantischen Aspekte gern verwaltet.
Wenn hier ein Drache über die Spree flöge, gäbe es keine Panik. Es gäbe einen Hinweiszettel. Und spätestens am Nachmittag eine Taskforce: „Arbeitskreis mythische Großtiere, Unterpunkt: Brandlastberechnung.“ Berlin kann vieles. Vor allem kann es Unübersichtliches in Zuständigkeiten verwandeln. Genau deshalb lohnt es sich, auf die Berlinale zu schauen: Nicht wegen der immergleichen Aufregung darüber, dass Kunst politisch ist. Sondern weil gerade sichtbar wird, wie schnell aus Kultur eine Verwaltungsaufgabe wird, sobald die Gegenwart im Saal auftaucht und sich weigert, leise zu sein.
Der Hofball: Wie Festivals funktionieren, wenn alles „normal“ bleibt
Die Berlinale ist, bei Licht betrachtet, ein Hofball der Moderne. Es gibt Stoff, Licht, Gesten, jene höfische Mischung aus Selbstbewusstsein und Unsicherheit, die man braucht, um sich „international“ zu nennen. Man will, dass etwas passiert, aber bitte so, dass es in die Chronik passt. Reden dürfen glitzern, gern auch ein bisschen stechen, aber sie sollen nicht detonieren.
Das ist keine Bosheit, das ist menschlich. Festivals leben vom Versprechen, dass Bedeutung in schönen Bildern stattfindet. Dass die großen Konflikte der Welt zwar Thema sein dürfen, aber nicht den Teppich verschmutzen. Dass man Leid in Kunst verwandelt, nicht in eine sofortige Frage nach Verantwortung.
Das Tribunal: Wenn eine Rede den Bannkreis sprengt
Und dann passiert genau das, was in Ritualen immer passiert, wenn man zu lange so tut, als wäre alles kontrollierbar: Der Bannkreis reißt.
Bei der Preisverleihung fallen Sätze zur Lage in Gaza; ein Minister verlässt den Saal. Plötzlich ist der Moment größer als jeder Film, weil er das enthält, was Berlin liebt und fürchtet: das öffentliche Ereignis, das nicht mehr in die Dramaturgie passt. Aus einem Mikrofon wird ein Artefakt, eines dieser Dinge, die man erst für ein Werkzeug hält und dann merkt, dass es Fluchwirkung hat.
Es ist bemerkenswert, wie schnell sich dabei das Zentrum verschiebt. Nicht mehr: Was wurde gesagt, warum, in welchem Kontext? Sondern: Wer ist zuständig? Wer hätte eingreifen müssen? Wer muss sich distanzieren? Wer muss etwas „klarstellen“ – dieses Wort, das so klingt, als ließe sich ein globaler Konflikt mit einem sauber formulierten Absatz wieder in die richtige Schublade schieben.
Die Leitung als Bannkreisbeauftragte
In solchen Momenten erwacht die deutsche Spezialmagie: die Suche nach der verantwortlichen Person.
Tricia Tuttle steht plötzlich im Fokus, nicht weil sie die Reden gehalten hätte, sondern weil man von Leitungen heute verlangt, die Nachwirkungen zu kuratieren. Früher kuratierte man Programme, heute kuratiert man Krisen. Man will, dass die Leitung nicht nur eine Bühne baut, sondern auch das Wetter kontrolliert. Wenn ein Unwetter kommt, ist die Frage nicht: Warum stürmt es? Sondern: Wer hat den Himmel in dieser Form genehmigt?
Das ist die melancholische Pointe: Kultur gilt als frei, bis sie unbequem wird. Dann wird Freiheit zur Personalie. Dann wird aus einem Festivalleiter kein Kurator, sondern ein Bannkreisbeauftragter: zuständig für die Dinge, für die eigentlich niemals Zusändigkeiten geben kann.
Der Rat der Erzverwalter tritt zusammen
Und natürlich tritt irgendwann der Rat zusammen. Berlin kann nicht anders: Wo Unruhe ist, muss eine Sitzung sein.
Politische Statements folgen: Die Berlinale dürfe keine Propaganda-Bühne sein, keine Plattform für Antisemitismus und Israelhass. Das sind Sätze, die so groß sind, dass man sie kaum ablehnen kann – gerade deshalb sind sie feuilletonistisch so interessant. Denn große Sätze verschieben den Raum. Sie machen aus einer Debatte ein Tribunal: Wer widerspricht, steht sofort im Verdacht, die Last nicht ernst zu nehmen. Wer zustimmt, stimmt oft auch einer Nebenannahme zu: dass Kultur vor allem ein Risiko ist, das kontrolliert werden muss.
Hier wird das Festival endgültig zum Kapitolarium: ein Ort, an dem nicht mehr über Filme gesprochen wird, sondern über Grenzen. Und Grenzen sind selten dort, wo Kunst sie setzt, sie werden dort gezogen, wo Institutionen Angst bekommen, beschädigt zu werden.
Gegenzauber: Petition, Solidarität, Autonomie
Wie in jeder brauchbaren Fantasygeschichte gibt es auch den Gegenzauber. Filmschaffende unterschreiben Petitionen zur Unterstützung der Leitung. Das ist nicht bloß Loyalität zu einer Person. Es ist der Versuch, ein Prinzip zu verteidigen: dass ein Festival ein Ort bleiben darf, an dem die Welt sichtbar wird, auch wenn sie hässlich ist.
Man kann diese Solidarität naiv finden. Man kann sie für interessengeleitet halten. Aber man sollte sie nicht missverstehen: Es geht nicht darum, dass Kunst sich „alles erlauben“ darf. Es geht darum, dass Kunst überhaupt noch stattfinden kann, ohne sich vorher als sicherheitsgeprüftes Produkt zu verkleiden. Wer Kultur nur noch als „sicher“ denkt, bekommt am Ende nicht weniger Konflikt; er bekommt weniger Kunst.
Die Beruhigungslüge vom Unpolitischen
In solchen Debatten taucht regelmäßig die Sehnsucht nach dem „Unpolitischen“ auf, als gäbe es irgendwo eine reine Zone, in der Kunst einfach nur schön sein darf. Diese Sehnsucht ist verständlich, sie ist sogar rührend. Sie ist nur leider meistens keine Theorie, sondern Erschöpfung.
„Haltet Politik raus“ heißt oft: Haltet meine Überforderung raus. Haltet die Weltlage draußen, damit ich zwei Stunden lang so tun kann, als wäre das alles nicht real. Das ist, als würde ein Palast sich einbilden, seine Mauern seien wasserdicht, während die Flut schon im Treppenhaus steht. Man kann die Türen schließen. Das Wasser bleibt trotzdem.
Und genau hier liegt das, was diese Berlinale-Situation so traurig macht: Nicht der Konflikt selbst – Konflikte sind der Rohstoff der Kunst. Sondern das Bedürfnis, Konflikte in Verwaltung zu verwandeln, weil Verwaltung der letzte Ort ist, an dem man sich sicher fühlt.
Schluss: Der neue Rahmen
Berlin wird am Ende tun, was Berlin immer tut: Es wird einen neuen Rahmen bauen. Eine neue Regel, eine neue Richtlinie, ein neues Geländer. Etwas, an dem man sich festhalten kann, wenn der Saal schwankt.
Und dann wird man hoffen, dass die Welt sich diesmal daran hält. Als wäre Gegenwart ein Wesen, das man mit Geländern erziehen kann.
Die Berlinale war nie unpolitisch. Aber gerade wirkt es, als solle sie politisch sein – nur bitte in der richtigen Tonlage, mit Haftungsausschluss, geregelten Sprechzeiten und dem stillen Wunsch, dass die Gegenwart draußen wartet, bis sie aufgerufen wird.



